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Mikau

von MsRitchie
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Evan Japas Lulu Mikau Tijo Toto
03.08.2021
19.09.2021
111
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15.09.2021 1.894
 
Mikaus freie Hand umklammert das Geländer, während er sich mit dem anderen Arm auf Lulu stützt.
Schweigend gehen sie Stufe für Stufe empor, Lulu öffnet die Balkontür und führt ihn in sein Zimmer.
Mikau lässt sich auf sein Bett sinken und vergräbt stöhnend das Gesicht in Händen, in der Hoffnung, dass der Raum um ihn herum gleich wieder zum Stillstand kommt.
Lulu verschwindet im angrenzenden Bad und kehrt kurz darauf mit einem Glas Wasser zurück.
Sie reicht es ihm und setzt sich neben ihn.

Mikau nimmt einen tiefen Schluck und lächelt sie müde an. „Danke.“
„Schon gut.“ Sie umfasst seine freie Hand mit ihren und drückt sie. „Willst du mir erzählen, warum du das gemacht hast?“
Mikau starrt vor sich hin in die Dunkelheit.
„Ich hab Angst, Lulu“, sagt er dann leise. „Ich hab so eine scheiß Angst.“
„Vor was denn?“
„Vor dem was war und dem was kommt.“

Lulu lehnt den Kopf an seine Schulter. „Ist es wegen der Probe, die so schief gegangen ist?“
„Auch.“
„Was war denn überhaupt mit dir?“
„Ich hatte einen schrecklichen Albtraum. Gut, ich hab öfter Albträume. Eigentlich fast jede Nacht wenn wir auf Tour sind, aber dieser war besonders heftig… .“
Lulu sieht ihn erschüttert an. „Warum hast du nie davon erzählt?“
Mikau zuckt die Schultern und nippt an seinem Wasser.
„Wovon handeln deine Albträume?“
„Im Grunde immer das selbe. Seit Leos dieses Mädchen versehentlich getötet hat, bin ich jede Nacht dort und versuche sie zu retten. Und jedes Mal komme ich zu spät und sie stirbt in meinen Armen… .“

Mikau wird die Kehle eng und er ringt mit den Tränen.
„Du hast immer noch Schuldgefühle“, sagt Lulu tief bewegt und streichelt über seine Wange. „Aber du hast sie nicht getötet.“
„Irgendwie schon. Dadurch, dass ich nichts getan habe. Ich hab sie sterben lassen… .“
Lulu schüttelt sanft den Kopf. „Du musst dir das endlich verzeihen, sonst gehst du kaputt.“
„Vielleicht wäre das sogar das Beste so. Für die Band… und dich.“
„Für mich?!“ Lulu starrt ihn fassungslos an.

Mikau erwidert den Blick verzweifelt. „Ich bin nicht gut für dich. Wir haben soviel gestritten und selbst, wenn ich dir nicht wehtun will, mache ich es trotzdem. Auf der Weißen Klippe hast du wegen mir geweint und jetzt hast du auch schon wieder Ärger. Vielleicht wollte mir mein letzter Traum genau das sagen… .“
Lulu seufzt. „Mikau, ich versteh dich kaum, du redest wirres Zeug. Was habe ich denn mit deinem letzten Traum zu tun?“
„Du warst da. Diesmal warst du in diesem Schwimmbecken.“ Nun rollt eine Träne Mikaus Wange hinab. „Ich hatte dich getötet. Ich glaube, es war eine Warnung. Ich soll mich von dir fernhalten. Ich habe dieses Bild den ganzen Tag nicht aus dem Kopf bekommen. Selbst bei der Probe… und ganz schlimm war es bei unserem Duett. Ich sah dich und musste daran denken… Lulu, ich… .“

Mikau kann den Satz nicht beenden.
Denn Lulu nimmt sein Gesicht zärtlich in ihre Hände - und küsst ihn. Innig und liebevoll.
Mikau ist im ersten Moment so überrumpelt, dass er da sitzt wie zu Stein erstarrt.
Erst als er begreift, dass das hier wirklich passiert, beginnt er, die Küsse zu erwidern und helles, warmes Glück durchflutet ihn.

Er schlingt die Arme um Lulu und sie drängt sich an ihn, als könnte sie ihm gar nicht nahe genug sein.
Wieder und wieder berühren sich ihre Lippen, gleiten die Hände zärtlich über den Körper des anderen.
Ab und zu halten sie inne, schauen sich mit einer Mischung aus Staunen und Glück in die Augen und küssen sich erneut.
Insgeheim rechnet Mikau jede Sekunde damit, dass sie ihn plötzlich auf Abstand bringt und aus dem Raum flüchtet. So wie sonst immer.
Doch es passiert nicht.
Diesmal bleibt sie bei ihm.
Irgendwann lassen sie sich nebeneinander auf das Bett sinken und betrachten einander im Mondlicht, die Arme noch immer umeinandergeschlungen.

„Ich liebe dich“, sagt Mikau leise.
Lulu lächelt und wieder glänzen Tränen in ihren Augen. „Ich weiß. Und ich liebe dich.“
Ihre Worte sind wie eine Erlösung.
Mikau strahlt und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. „Aber das ist doch kein Grund, um zu weinen. Oder?“
„Nein. Aber es ist etwas, was MIR Angst macht, Mikau. Davor habe ICH richtige scheiß Angst. Du hattest mit dem, was du auf der Weißen Klippe zu mir gesagt hast, absolut recht. Ich habe Angst vor der Liebe.“

Er erwidert ihren Blick ruhig und wischt eine Träne von ihrer Wange. „Erzähl mir, was passiert ist.“
Sie lächelt unsicher. „Bist du denn überhaupt noch aufnahmefähig?“
Er gibt ihr Lächeln zurück. „Neben der schönsten Zora des Landes zu liegen kann schon ziemlich schnell nüchtern machen.“
Sie lacht leise, schweigt aber noch eine Weile.

Er sieht, wie sie mit sich kämpft, doch er sagt nichts mehr.
Sie soll sich nicht gedrängt fühlen, sondern sicher und bestärkt, also streichelt er lediglich ihren Oberarm mit sanften, kreisenden Bewegungen, bis sie schließlich zu erzählen beginnt: „Artinos war meine erste große Liebe. Bevor ich ihn kennenlernte, gab es nur die Musik für mich. Er zeigte mir, dass es auch noch etwas anderes gibt. Ich habe mich ihm völlig geöffnet, ihm meine geheimsten Gedanken und Wünsche anvertraut. Wir haben alles geteilt, natürlich vor allem die Liebe zur Musik. Ich war sicher, er ist der Zora den ich heirate, mit dem ich Kinder habe und alt werde.“

Lulu atmet durch, um ihre leicht zittrige Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen und fährt fort: „Eines Tages bemerkte ich, dass sich mein Körper veränderte und ging zu einem Heiler. Er sagte mir, dass ich schwanger sei und sich ein Ei in mir entwickeln würde. Im ersten Moment war ich erschrocken. Doch dann habe ich mich sehr gefreut. Ich wollte immer Kinder haben. Dafür würde ich auch meine Karriere unterbrechen, so wie es meine Mutter bei mir auch getan hat.
Am Abend erzählte ich Artinos davon. Er reagierte entsetzt und wütend. So habe ich ihn noch nie erlebt. Ich erkannte ihn kaum wieder. Er sagte, dass er das Kind auf keinen Fall wolle, weil für ihn die Musik an erster Stelle stünde und erklärte, wenn ich wirklich vorhätte, es zu bekommen, würde er sich trennen. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint.“

Mikau streicht erneut zart über ihre Wange. „Also hast du abgetrieben?“
Lulu schüttelt den Kopf. „Nein. Nein, ich wollte dieses Kind. Und irgendwie hatte ich auch noch die verrückte Hoffnung, dass Artinos sich besinnen und zu mir zurückkommen würde, wenn er den ersten Schreck überwunden hatte. All seine Liebessschwüre in der ganzen Zeit konnten doch nicht nur leere Worte gewesen sein, sagte ich mir. Es ist doch schließlich auch sein Kind.
Aber er meldete sich überhaupt nicht mehr. Und kurz vor der Geburt erfuhr ich, dass er schon eine neue Freundin hatte. Ich habe das Ei dann im Haus meiner Mutter auf die Welt gebracht. Nur sie war bei mir… .“

Lulu schluchzt und krümmt sich zusammen. „Es war… sehr schmerzhaft und hat Stunden gedauert. Und… als es endlich da war… hat die Heilerin es untersucht und festgestellt…. dass es leer ist. Es war einfach kein Leben darin.“
Mikaus Augen weiten sich.
Sogenannte Wind-Eier kommen immer mal wieder vor.
Bei den meisten Zora-Frauen sind sie Ausnahmen.
Aber es gibt auch welche, die unter einem genetischen Defekt leiden und immer nur leere Eier auf die Welt bringen.

Eine davon lebte auch in Zoras Reich.
Mikau erinnert sich, dass man sie nach der Geburt des siebten leeren Eis leblos mit geöffneten Pulsadern im Hylia-See fand.
Immer wieder die Hoffnung beim Feststellen der Schwangerschaft, die Schmerzen der Geburt und schließlich die niederschmetternde Erkenntnis, dass alles umsonst gewesen war, hatten ihre Seele zerstört.

Mikau zieht Lulu noch näher an sich, so dass ihre Wange an seiner Brust liegt.
Ihre Tränen benetzen seine Haut und er spürt ihr Zittern.
„Ich habe sehr lange gebraucht, um das zu verarbeiten. Der Presse erzählte meine Managerin, ich arbeite an einem neuen Album. Und… als ich Artinos Monate später bei einem Festival traf, fragte er mich nach dem Kind. Ich erzählte ihm, dass das Ei leer gewesen war. Und weißt du, was er darauf sagte? <Der Göttin sei Dank>. Der Göttin sei Dank… das war das einzige was ihm dazu einfiel… Mikau, wie kann man sich so in jemandem täuschen, mit dem man so lange zusammen war? Sag mir das!“
Wieder schluchzt Lulu auf.

Mikaus Herz klopft so hart, dass er das Gefühl hat, es müsse ihm gleich durch die Brust springen.
Aber diesmal schlägt es nicht wegen Lulu so schnell, sondern aus Hass.
Wenn er Artinos noch ein einziges Mal über den Weg läuft…
„Ich bring ihn um“, flüstert er – und meint es zum ersten Mal in seinem Leben genauso wie er es sagt.

Er erinnert sich, wie er sich einmal mit Artinos geprügelt hat, nachdem dieser mit Leos aneinander geraten war.
Er hätte ihn damals totschlagen sollen.
Er weiß, wie das geht. Die Gerudos haben ihm auch das in ihrem Kampftraining beigebracht.
Aber da wusste er ja noch nicht…

„Es tut mir so unendlich leid. Ich… ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Sag nichts“, bittet Lulu erstickt. „Halt mich einfach nur fest.“
Und das tut er.

„Jetzt verstehst du mich vielleicht“, wimmert Lulu. „Es tut mir leid, wenn ich manchmal so unausstehlich zu dir war. In Wahrheit mochte ich dich von Anfang an, schon seit unserer ersten Begegnung. Selbst als du mit Leos und Xio herumgehangen und dich manchmal einfach nur völlig daneben benommen hast, fühlte ich mich zu dir hingezogen. Und das hat mir Angst gemacht.
Ich hatte Angst, vor der Wirkung, die du auf mich hast. Denn das wiederum hieß, dass du mich genauso verletzen könntest wie Artinos. Vielleicht sogar noch mehr.“
„Das würde ich nie tun“, sagt Mikau erschüttert. „Das schwöre ich dir, Lulu. Ich würde dir niemals so wehtun. Ich würde dich niemals so im Stich lassen, ganz egal was passiert.“

Sie schnieft und schmiegt sich noch etwas fester an ihn. „Ich bin schon lange in dich verliebt, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Ich glaube, so richtig bewusst geworden ist es mir in meinem Urlaub, als wir uns zwei Wochen nicht gesehen haben. Ich musste ständig an dich denken, an unseren Kuss in Silberberg.
Als wir dann wieder aufeinandertrafen, war ich völlig durcheinander. Ich habe mich nach dir gesehnt und hatte gleichzeitig immer noch Angst vor meinen Gefühlen. Ich wollte mich ganz langsam herantasten, um mir keine Blöße zu geben und mich jederzeit wieder zurückziehen zu können. Und als ich dann dich und Leala zusammen sah, glaubte ich, dass ich zu lange gewartet und dich nun endgültig verloren habe. Ich war so wütend auf mich, weil ich so feige war, so lange gezögert habe… .“
„Ist schon gut“, murmelt Mikau und streichelt beruhigend ihren Rücken. „Wenn ich gewusst hätte, wie sich dieser Dreckskerl dir gegenüber verhalten hat, wäre ich nicht so ungeduldig mit dir gewesen. Ich habe ja geahnt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss… aber das übersteigt alles, was ich mir vorgestellt habe.“

Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und Lulu seufzt leise auf.
Es klingt richtig erlöst und Mikau hofft inständig, dass er irgendwann die Chance bekommt, ihr zu zeigen, dass er immer zu ihr stehen wird, dass sie sich auf ihn verlassen kann.
Er hält sie in seinen Armen, bis ihr Atem ruhig und gleichmäßig geworden ist und ihre Augen zugefallen sind. Erst dann kann auch er einschlafen.
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