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Unerwartete Berührung

von RamonaXX
KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Het
Ilippi Skirata Kal Skirata N-11 / Ordo Skirata N-7 / Mereel Walon Vau
01.08.2021
26.09.2021
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Laut scheppernd flog die Tür auf und Ordo stürmte hinaus aufs Dach. Er hatte seine beiden Blaster wieder weggesteckt, war aber so in Rage, dass er sich nicht um den Lärm scherte, den er verursachte.

Allein seiner ausgeprägten Sinneswahrnehmung war es zu verdanken, dass er trotz seiner blinden Wut mitbekam, wie Mereel ihm folgte und etwas in sein Komlink sprach, das er an seinen Mund hielt.

Vermutlich benachrichtigte er Bardan. Der Jedi hatte heute Nacht den ersten Wachdienst und würde sicher Alarm schlagen, wenn sich jemand unangemeldet bei den Gleitern und dem geheimen Zugangspunkt zu ihrer Basis aufhielt.

Die milde Nachtluft in kräftigen Zügen ein- und ausatmend trugen Ordos kribbelige Beine ihn bis zur Brüstung des Daches. Er fühlte einen Sturm in sich toben, der sich unweigerlich in dem Drang niederschlug auf etwas einzuprügeln – hart und heftig, bis all der Zorn verraucht war und er wieder klar denken konnte.

Was Walon gesagt hatte, war erniedrigend gewesen. Es hatte Ordos Meinung von Kal'buir nichts anhaben können, hatte aber umso mehr ihn in seiner familiär-unvollkommen Entstehung als Klon herabgewürdigt. Im Grunde war es Ordo egal mit welcher Frau sein Vater den Beischlaf vollzog – oder zumindest wollte er, dass es so war. Was ihm hingegen nicht egal war, war auf Basis seiner künstlichen Entstehung als unmündig dargestellt zu werden.

Er konnte noch so viel Wissen aufnehmen und in seinem Gehirn speichern, aber er konnte nicht unterbinden, dass ihn menschliche Interaktionen und Gefühle, die nichts mit der Erreichung eines Missionszieles zu tun hatten, durcheinander brachten.

In solchen Momenten kam Ordo sich beschämend dumm vor und ärgerte sich über seine Naivität, der mit keinem Lehrbuch dieser Galaxis beizukommen war. Kal'buir war dann für ihn da und versuchte ihm die Dinge zu erklären. Manchmal auch nur mit den Worten, dass menschliches Verhalten nicht erklärbar war und sich häufig auf irrationale Gründe stützte.

Doch diesmal war Kal'buir Teil des Problems und zum Überbrücken von Orods Wissenslücken nicht abkömmlich. Es ließ ihn sich mehr alleine fühlen, als jemals zuvor, seit Kal sein Buir geworden war.


„Ich habe Bard'ika Bescheid gesagt, dass wir hier draußen sind.“ Mereel kam auf ihn zu, blieb jedoch in gebührendem Abstand stehen. „Wir sind hier ungestört. Lass dir also Zeit, vod'ika.“ Brüderchen.

Ordo hörte die Worte und wusste, dass sie neutral gemeint waren, dennoch regte sie ihn auf. Als könne er seinen verwirrten Gefühlen durch reines Umhergehen entkommen, wandte er sich ruckartig von der Balustrade ab und stampfte in eine Richtung, weg von seinem Bruder.

Mereel machte seiner trotzigen Beharrlichkeit alle Ehre. „Ordo“, begann er und ging ihm ein paar Schritte nach, „es frisst dich auf, wenn Du es nicht endlich raus lässt.“ Mit einer schwingenden Handbewegung, wies Mereel auf die Ausstiegluke. „Und, ja, Walon ist ein charkaar.“ Ein Mistkerl.

Ordo schnellte herum und fuhr ihn an: „Du hast ja keine Ahnung, Mer'ika!“

„Dann erklär’ es mir!“, blaffte Mereel im selben Ton zurück. Wenn es um Temperament ging, nahmen sich die sechs Null-ARCs nichts.

Ordo schaffte es zunächst zu schweigen, was ihm aber nur gelang, weil er seine rechte Hand so stark zu einer Faust zusammenpresste, dass seine gepflegten Nägel sich in die Handinnenfläche gruben. Sicher waren da auch rote Flecke in seinem Nacken; ein Zeichen seiner gesteigerte Aggressivität, das in der lichtverschmutzen Nacht von Coruscant gut zu sehen sein musste.

Der Grenze zum Kontrollverlust gefährlich nah, brüllte er seinen Bruder an: „Das kann ich NICHT!“

Sofort setzte Ordo sich wieder in Bewegung und spürte die Spannung in sich abschwellen. Seinem Körper keine Gelegenheit zu geben, Energie an einem bestimmten Punkt anzustaunen, war das Beste, was er jetzt tun konnte. Es ließ ihn nicht klarer denken, aber es bewahrte ihn davor willkürlich seine Umgebung zu zerstören.

Diesmal blieb Mereel, wo er war und rief ihm lediglich nach: „Hey, wir wissen beiden, dass Walon eine Menge osik redet und damit schon häufig provoziert hat, selbst Kal'buir ha–“

Zornig schrie Ordo seinen Bruder an: „Es geht doch gar nicht um Walon oder was er gesagt hat!“

„Du hast deine Blaster auf ihn und den Strill gerichtet!“, brüllte Mereel mit gleicher Standfestigkeit, aber frei von Zorn zurück.

Ordo hielt dagegen: „Weil er mich beleidigt hat!“ Er war zunehmend frustriert und nur einen halben Schritt davon entfernt, auf seinen Bruder loszugehen.

Mereels Haltung verlor ihre Spannung und sein Gesicht durchzogen ernste Falten. Es war dieser Ausdruck, der Ordo die Kurve kriegen und ihn seine Wut zügeln ließ.

„Du verwirrst mich, vod“, gab Mereel zu. In selbiger Sekunde schien er einen Geistesblitz zu haben, denn seine nächsten Worte lauteten: „Halt, warte! Reden wir etwa von Kal'buir!?“

Ordo wich dem Blick seines Bruders aus.

Er hätte erwartet, dass ein Treffer ins Schwarze ihn erst recht »auf die Palme brachte« – was auch immer mit dieser Metapher gemeint war, die von Kal'buir häufig verwendet wurde. Doch statt der Endfesslung seines brennenden Zornes, erlebte Ordo einen ersten kühlen Hauch des Verständnisses, der sich auf seinen feuerroten Nacken legte.

Er nickte und wusste, dass ein gesprochenes »Ja« niemals deutlicher hätte sein können.

Von Mereel kam ein angestrengtes Seufzen. Auch seine Ausdauer war nicht unerschöpflich. „Es fällt mir wirklich schwer, dich zu verstehen, Ordo“, sagte er in einem Ton, der um Längen ruhiger war und dem es doch an Einfühlungsvermögen mangelte. „Bitte, was hat unser Buir gesagt oder getan, dass dich so aus der Haut fahren lässt?“

Ordos inneren Sturm geriet ins Wanken und das auszuhalten, fiel ihm um ein Vielfaches schwerer, als seine Tobsucht von der Leine zu lassen. Die rechte Hand zur Faust geballt, fuhr er sich plötzlich mit der linken über seinen dunklen Bürstenhaarschnitt.

„Er hat sie verlassen!“, brach es aus ihm heraus.

„Wen?“, hakte Mereel nach.

„Seine KINDER!“, schrie Ordo und diesmal war es der panische und angsterfüllte Schrei eines kleinen Jungen, der er nie ganz aufgehört hatte zu sein. „Diese Frau, seine Frau, mit der er drei Kinder hat! Er hat sie einfach verlassen.“

Mereel schien nichts von Ordos plötzlicher Angst nachvollziehen zu können. „Und weiter?“, fragte er.

„Was, wenn er das wieder tut?“, sagte Ordo an seinen Bruder gewandt und fühlte, wie sich das Bild seines schlimmsten Alptraumes auf seinem Gesicht zu spiegeln begann. „Was, wenn er sich wieder von seinen Kindern abwendet und sich eine neue Familie sucht?“

Hilflosigkeit übernahm die Kontrolle über Ordo. Und einer Panikattacke so nah, wie eben noch dem Wutausbruch, flüsterte er mit zittriger Stimme: „Mer'ika, was passiert, wenn Kal'buir uns verlässt?“

„Das wird er niemals tun“, behauptete Mereel ohne zu zögern.

Ein zweites Mal schrie Ordos Angst aus ihm: „Aber das weißt Du NICHT!“

Niemand konnte in die Zukunft sehen. Auch keine genetisch aufgeputschten Klone. Die Behauptung seines Bruders war haltlos.

Mereels Gesichtsausdruck wechselte zu seiner kampferprobten Entschlossenheit und er holte tief Luft. „Nein, wissen tue ich das nicht, aber...“, für einen Moment hielt er die Luft an. Dann entwich sie in einem weichen Rauschen, zusammen mit den Worten: „Ord'ika, manche Dinge hat man im Herzen und nicht im Kopf!“

Er sah Ordo aus großen Augen an, die seinen eins zu eins glichen. „Kal liebt uns“, beteuerte Mereel. „Uns alle. Und er würde sein Leben für uns geben. Für jeden von uns.“

Ordo wünschte sich Linderung in den Worten zu finden. Doch es war nichts, verglichen mit dem Trost, den ihm der Mann bieten konnte, um den es hier ging. „Und was ist mit seiner Familie, seinen richtigen Kindern?“, wollte Ordo herausfordernd wissen. „Hat er die etwa nicht geliebt?“

Mereel machte einen mutigen Schritt nach vorn und tippte sich auf die Brust. „Ordo, wir sind Kals Familie. Und was immer zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen ist, er wird seine Gründe gehabt haben, sich von ihr zu trennen.“

„Ach ja?!“, keifte Ordo. Er wollte Mereel gerne glauben, aber sein logischer Verstand ließ ihn nicht. Stattdessen fragte er: „Und mit welchem Grund, meinst Du, wird er sich wohl von uns trennen?“ Die Miene seines Bruders trübte sich und Ordo sprach aus, was ihn bis ins Mark erschütterte: „Ich will NIE MEHR alleine sein, Mer'ika. Das stehe ich nicht durch. Verstehst Du?“

Mereel verstand.

Da war ein schmerzhaftes Aufblitzen in seinen Augen, ausgelöst durch die gemeinsame Erinnerung an die Aufzucht in sterilen Tanks und die qualvollen Experimente einer einzelnen Genetikerin, die alle Null-ACRs ertragen hatten. Sie waren allein gewesen, bis Kal Skirata gekommen war und sich schützend vor sie gestellt hatte, bereit sechs Vierjährige Jungs mit seinem Leben zu verteidigen.

„Udesii, Ord'ika“, hauchte Mereel und bewegte sich langsam auf Ordo zu. „Wenn deine Sorge Kal'buir zu verlieren so groß ist, dann solltest Du mit ihm darüber sprechen.“

„Auf keinen Fall!“, wehrte Ordo ab. Er machte einen ausweichenden Schritt. „Ich würde es mir niemals verziehen, ihn in seinem Glauben an mich zu enttäuschen.“

„Hey...“, begann Mereel weich und hörte nicht auf sich zu nähern. „Er ist unser Buir und wir sind seine ad'ike.“ An dieser Tatsache konnte selbst Ordos Logik nicht rütteln. „Er weiß, dass uns Sorgen umtreiben und er hat in der Vergangenheit immer ein offenes Ohr dafür gehabt.“ Mereel hatte ihn fast erreicht. „Geh’ morgen zu ihm und sprich mit ihm. Er wird dich verstehen, glaub’ mir.“

Ordo schüttelte heftig den Kopf; der einzige Widerstand, zu dem er noch fähig war.

Mereel stellte sich dicht vor ihn und durchbrach die unsichtbare Barriere, indem er seine Hand auf den roten Schulterpanzer seines Bruder legte. Den Kopf zu Ordo geneigt, flüsterte er: „Ich versteh’ dich jetzt auch, ner vod.“

Ordo wusste nicht wie ihm geschah. Alles was er tun konnte, war hier zu stehen, angewachsen und mit fest zusammengekniffenen Augen. Es war eine absolut unerwartete Berührung, als Mereels zweite Hand sich auf seine andere Schulter senkte und er ihn mit beiden Armen an sich zog; immer stärker und inniger, bis jene Nähe hergestellt schien, die es nie in ihrem Leben gegeben hatte.

Ordo kam zur Ruhe, fühlte die Angst aus seinem Körper schwinden und spürte seine Faust sich lösen und zum ersten Mal entspannen. Er war nicht allein. Selbst wenn die Chance eins zu allen Sternen im Universum stand, dass Kal'buir ihn verließ – die Chance, dass seine Brüder ihn verließen, lag bei Null.

Er würde niemals ganz allein sein.
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