Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unerwartete Berührung

von RamonaXX
KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Het
Ilippi Skirata Kal Skirata N-11 / Ordo Skirata N-7 / Mereel Walon Vau
01.08.2021
26.09.2021
6
10.442
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.08.2021 1.670
 

Ilippis Haar war eine Pracht.

Als Kal sie kennengelernt hatte, hatten die feinsten Spitzen bereits bis zu ihren Ellenbogen gereicht. Jahr für Jahr waren einige Zentimeter dazugekommen und bei ihrer Trennung, vor seinem Aufbruch nach Kamino, hatten die längsten Strähnen ihre Hüfte umspielt – selbst wenn sie ihr Haar niemals offen trug und die Variationen ihrer Zöpfe ein Ausdruck ihrer Launen waren.

Er konnte sagen, dass die Farbe sich in den letzten vierzig Jahren verflüchtigt hatte. Damals war es ein kräftiges, dunkles Blond gewesen, das verglichen mit seiner sand-goldfarbenen Mando-Rüstung einen Hauch rot aufgewiesen hatte. Jetzt war der rötliche Schimmer verblichen, aufgehellt auf der gesamten Länge und es war leicht die Stellen auszumachen, an denen gräuliche Strähnen sich mehrten.

Aber Kal störte sich nicht daran. Er war selbst gealtert; das Haar ergraut, die Haut faltig und der kaputte Knöcheln eine immer währende Plage. Vergangenes Jahr war er sechzig geworden, und Ilippi – zwei Jahre jünger als er – war dem nagenden Zahn der Zeit genauso wenig entkommen.

Dennoch hatten ihre Haare nichts an ihrer Pracht und Fülle eingebüßt. Sie waren noch immer Teil dessen, was Kal an ihr begehrte. Und wer immer gesagt hatte, dass die langen Haare einer Frau, die Fänge waren, in denen sich ein Mann hoffnungslos verlor, hatte Recht gehabt.

Er liebte ihr Haar.


Von ihm geführt, hatte Ilippi sich zum Tisch geleiten lassen und mit einem schweren Seufzen Platz genommen. Kal war hinter ihren Stuhl getreten, hatte nach ihren Zöpfen gegriffen, die wie dicke Seile in seinen Händen lagen, und sie sorgfältig über die Lehne gelegt.

Sie hatte begonnen zu essen und von den hergerichteten Speisen zu kosten, während er das erste Zopfende in die Hand genommen und mit Fingerfertigkeit das Zopfgummi entzwirbelt und sich übers Handgelenk gestreift hatte.

Als wäre es etwas, das Kal wie sein mandalorianischer Glaube in Fleisch und Blut übergegangen war – was der Wahrheit entsprach – löste er nun den geflochtenen Zopf, indem er die Strähne aus der Mitte abwechselnd nach links oder rechts zur Seite legte.

Das Haar schmeichelte seinen Fingern und er war erstaunt, dass es sich kein bisschen strohig oder rau anfühlte. Ilippi pflegte ihre Haare sehr gewissenhaft. Strähne und Strähne band er aus dem engen Zopf und das Gewicht des Haare zerfloss über seinen Händen; fiel lautlos über die Stuhllehne, wo seine Jacke hing.

Die blass-blonde Pracht über seiner braunen Lederjacke weckte Erinnerungen...

Er war nach einer siegreichen Schlacht mit ein paar Kameraden im Nachtleben von Corellia gelandet; oder besser gesagt, hatte er sich im Rauschgefühl des Sieges von einem halben Dutzend Männer, die er erst wenigen Tagen kannte, mitschleifen lassen.

Sie hatten einen lauten Club gestürmt, einen Tisch nahe der Tanzfläche erobert und alles bestellt, was an alkoholischen Getränken zu bekommen war. Die Stimmung unter den anderen Männern, deren Namen Kal längst vergessen hatte, war rasch in die Höhe gesaust, während er zunehmend Interesse an einer Kellnerin mit langen Zöpfen gefunden hatte.

Er hatte sie beobachtet; ihren Umgang mit den Gästen, wie sie das Tablett sicher durch die tanzende Menge trug und hinter der Bar mit ihren Kolleginnen tuschelte und tratschte. Als sie mit einer neuen Runde zu ihnen an den Tisch gekommen war, hatte Kal sich für sein Getränk bedankt und sie um einen Tanz gebeten. Sie hatte abgelehnt und war zurück an die Arbeit gegangen.

Kal war es ein leichtes gewesen, sein Getränk unbeobachtet auf die Gläser der anderen zu verteilen – die langsam Schwierigkeiten bekommen hatten sich aufrecht zu halten – und eine weitere Runde zu ordern.

Wieder war sie zu ihrem Tisch gekommen und wieder hatte er sich bei ihr bedankt und sie zum Tanzen aufgefordert. Mit einer freundlichen Note in ihrem Gesicht hatte sie 'Nein' gesagt und war erneut hinter der Bar verschwunden. Dort hatte sie sich nach ihm umgedreht. Nur kurz, aber sie hatte es getan.

Es hatte Kal zwei weitere Runden, diverse nicht getrunkene Getränke und eine Menge Credits gekostet, bis sie ihre Meinung überdacht hatte.

Beim fünften Mal hatte sie seine Aufforderung angenommen und ihm in stillschweigender Zustimmung ihre Hand dargeboten. Er hatte sie ergriffen, war aufgestanden und hatte augenblicklich ihr Unbehagen gespürt, als sie zu ihm hinabschauen musste, um seinen Blick zu treffen.

Wie die pure Selbstsicherheit auf zwei Beinen hatte er sie zur Tanzfläche geführt und bewiesen, dass er einen Tanz wert war. Zum Ende hatte sie ihren Namen in sein Ohr geflüstert, ihm einen Ort und eine Zeit am darauffolgenden Tag genannt und gesagt, dass sie ihn dort gerne wiedersehen würde.

Ein geschlagene Stunde hatte Kal in seiner braune Lederjacke am Treffpunkt auf sie gewartet. Er war gerade 21 gewesen, Ilippi 19 und Dreiviertel.


Es beruhigte Kal ungemein über Ilippis Schulter zu schauen und zu sehen, dass sich das Tablett mit den Speisen nach und nach leerte. Die Maisbrot-Schnitten waren bis auf ein paar Krümel verputzt und sowohl die Früchte, als auch die Nüssen zur Hälfte aufgenascht.

Kal hatte in der Zwischenzeit den ersten Zopf bis hoch zum Nacken geöffnet. Ab hier wurde das Entflechten etwas anspruchsvoller, da Ilippi die Gewohnheit hatte, ihre Zöpfe sehr straff an der Kopfhaut zu binden und häufig an mehreren Punkten begann.

Er mochte die unterschiedlichen Muster, die dabei entstanden und sah in dem Aufdröseln eines jeden einzelnen ein kleines Puzzle, das es zu lösen galt. Dieses hier kannte er und es fiel ihm leicht dem Verlauf des festen Zopfes zu folgen.

Um das Haar zu öffnen, musste Kal direkt an Ilippis Kopf arbeiten; seine Hände dann und wann darauf abgestützt oder daran angelehnt. Mit jeder Windung, die er löste, spürte er die Zugspannung weichen, dennoch wies das geöffnete Haar leichte Wellen auf. Er wusste, dass sie am nächsten Morgen verschwunden sein würden, platt gelegen von einer Nacht auf dem Kopfkissen.

Leidenschaftlich durchkämmte Kal die ergraute, ehemals dunkelblonde Pracht. Er konnte es nicht oft genug genießen; das Gefühl ihrer seidigen Haare, die zwischen seinen Fingern entlang glitten, wenn er seine Hand durch die langen Strähnen zog.

Die Finger sanft gekrümmt, setzte er oben wieder an. Aber statt mit dem weichen Strom zu schwimmen, wühlte er sich diesmal tiefer in das Haar und ließ seine Fingerspitzen kreisen, bis er ihre warme Kopfhaut erreichte.

Ilippi, die gerade aus ihrem Becher trank, ließ das Gefäß sinken und gab ein wohliges Seufzen von sich.

Kal intensivierte seine Massage und vernahm deutlich das Schnurren in ihrer Kehle.

„Hmmm...“, machte Ilippi und neigte sich seiner Berührung entgegen.

Kal war nach Scherzen zu Mute und bezog ihren Genusslaut auf das Essen. „Schmeckt gut, hm?“, fragte er neckend.

„Ja“, bestätigte Ilippi in einem Ton, der erkennen ließ, dass sie ihn durchschaute, „auch das.“

Ein glückliches Schmunzeln legte sich um Kals Lippen und nach einer letzten Runde zog er seine Finger die gesamte Länge von Ilippis Haar hinab. Anschließend legte es das wellige Haar so, dass es hübsch über ihre Schulter und seine Lederjacke fiel. In stiller Hingabe widmete er sich ihrem zweiten Zopf und begann wie vorhin mit dem Zopfgummi.


Er war unbeschreiblich heftig in diese Frau verliebt gewesen; heißer als die Feuer in denen man seine Rüstung aus Beskar geschmiedet hatte. Und es war ihm absolut natürlich vorgekommen, dass sie nach sechs Monaten geheiratet hatten und ein gutes Jahr später Eltern eines Sohnes geworden waren.

Kal war 23 gewesen, als er Tor das erste Mal in den Armen gehalten hatte. Zwei Jahre später hatte Ilippi auf Mandalore ihren zweiten Sohn Ijaat geboren und noch ein Jahr später ihre Tochter Ruusaan. Mit 26 war Kal stolzer Mando-Vater von drei wundervollen Kindern gewesen. Nur seine Ehe war nicht von dem gleichen Glück erfüllt gewesen.

Es hatte gekriselt, unterschwellig und meist im Verborgenen, aber immer an den gleichen Stellen. Ilippi hatte sich nicht einlassen können auf die mandalorianische Kultur, die von Kriegskunst, dem Umherziehen und einer für sie fremden Sprache geprägt war.

Dabei hatte Kal vieles versucht ihr seine Welt und die Grundsätze, nach denen er lebte, näher zu bringen. Er hatte ihr von der Geschichte der Mandalorianer erzählt, ihren Traditionen, hatte ihr den Umgang mit einfachsten Waffen gezeigt und wie man auf offenem Feuer kochte oder sich einen Unterstand baute. Selbst beim Erlernen der Sprache hatte er sie unterstützt.

Alles mit der für ihn typischen Geduld und Nachsicht. Doch nichts hatte in ihr den Wunsch wecken können, sich mit ihrem Namen und ihrer Seele zu dieser Kultur zu bekennen.

Stattdessen hatte Ilippi kritisiert, warum sie nicht näher am Zentrum der Galaxie wohnten, weshalb er ihren Söhnen mit sechs Jahren das Kämpfen beibrachte und wieso er immer wieder für längere Zeit verschwand, um in Schlachten zu kämpfen, die nicht die seinen waren.

Kal war jedes Mal zurückkehrt und egal ob nach sechs Wochen oder vier Monaten, es war stets der vertraute Ablauf gewesen. Er hatte seine aufgeregten Kinder umarmt, seine den Tränen nahe Frau küsst, einige Stunden mit den drei Rabauken verbracht und war schließlich zu Ilippi gegangen, um die Verbundenheit zu ihr wieder herzustellen und ihr am Abend die Haare aufzumachen.

Oft hatte dieses zärtliche und einfühlsame Ritual sie über seine lange Abwesenheit hinweg getröstet; doch nicht oft genau.

Schon nach wenigen Tagen hatte es erneut Zank gegeben: Harte Vorwürfe, die sie ihm an den Kopf geworfen und die Kal zwar nie zur Weißglut gebracht, dafür um so tiefer in seine Selbstachtung gestochen hatten. Bis heute war Ilippi der einzige Menschen (neben ihm selbst), der ihn wirklich schwer verletzt hatte.

Sie hatten sich auseinander gelebt. Über viele Jahre hinweg. Er und Ilippi. Aber auch er und die Kinder. Auf seltsame Art waren sie ihm fremd geworden und ihrer Mutter mehr zugetan als ihm. Es hatte Kal das Herz gebrochen, als Ilippi mit den Kindern fortgegangen war und die Scheidung verlangt hatte.

In Trauer und Kummer verstrickt, war er zu Jango geflüchtet und hatte sein undurchsichtiges Angebot angenommen; immer mit der Frage in Hinterkopf, was falsch gelaufen war zwischen ihm und Ilippi.

Nach fast zehn Jahren reumütig-nachdenklicher Isolation auf Kamino, hatte Kal geglaubte die Antwort zu kennen. Ihre Ehe war nicht gescheitert, weil sie einander nicht stark genug liebten. Sondern weil er seinen mandalorianischen Glauben stärker liebte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast