Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Unerwartete Berührung

von RamonaXX
KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / Het
Ilippi Skirata Kal Skirata N-11 / Ordo Skirata N-7 / Mereel Walon Vau
01.08.2021
26.09.2021
6
10.442
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
08.08.2021 1.217
 

„Das glaub’ ich einfach nicht!“, Ordos angespannte Stimme füllte den ganzen Raum.

Walon saß schweigend auf einem unbequemen Stuhl, seine langen Beine auf einem zweiten übereinander geschlagen. In der einen Hand hielt er sein Klappmesser und pulte mit der scharfen Spitze die dunklen Ränder unter den Nägeln der anderen Hand hervor. Manchmal war die Arbeit eines Söldner wirklich dreckig.

Nebenbei beobachtete er Ordo, der für seine Verhältnisse sehr aufgebracht in dem fensterlosen Versorgungsraum ihrer Basis auf und ab ging; die rechte Hand zu einer strammen Faust geballt.

Mereel, der mit seinen blond gefärbten Haaren reichlich sonderbar für einen Klon ausschaute, befand sich – neben Mird, der sich unter Walons Sitzplatz schlafend zusammengerollt hatte – ebenfalls im Raum.

Er saß lässig auf der Arbeitsfläche der kleinen Küchenzeile und ließ die Füße herunter baumeln, wie es ein Kind getan hätte. Auch seine Augen folgten Ordo, welcher schon eine Weile den Eindruck machte, vor der Startlinie zu einem Wutausbruch hin und her zu streifen, wie ein Raubtier in seinem Käfig.

Im Gegensatz zu Walons allgemein gehaltenem Interesse, war es bei Mereel hingegen Sorge, die sich in seinem Gesicht abzeichnete.

„Nun komm’ schon, Ordo“, meinte er in beschwichtigendem Ton. „Krieg’ dich wieder ein. Die Tatsache, dass Kal'buir noch andere Kinder hat, ändert doch nichts daran, dass er uns wie seine Söhne großgezogen hat.“

Ordo hielt an, sah zu seinem Bruder und wetterte mit der Stärke eines Orkans: „Doch!“ Ruckartig setzte er sich wieder in Bewegung. „Es ändert alles. Verstehst Du, alles!“

Walons Aufmerksamkeit wechselte von seinem gereinigten Ringfinger zu Mereel, der sich nachdenklich hinter dem Ohr kratzte. Es war durchaus beruhigend nicht der Einzige mit Ordo in diesem Raum zu sein.

Walon mochte das Risiko. Aber er war nicht lebensmüde. In dieser Stimmung allein mit einem Null-ARC zusammen zu sein, konnte tödlich enden. Andererseits war es seine tückische Risikofreude, die ihn hier sitzen und mit dem Messer seine Fingernägel reinigen ließ.

Es amüsierte ihn, wenn es Zoff zwischen den Nulls gab; betonte Skirata doch immer, was für eine großartige und leidenschaftliche Familie sie waren.

„In Ordnung, ner vod“, mein Bruder, sagte Mereel. Er schien einen neuen Anlauf zu nehmen. „Dich regt diese ganze Sache auf und Du bist nicht begeistert davon, dass unser Buir eine Frau...“

Walon hob neugierig die Augenbraue. Na, wie würde ein Klon, ohne jegliche intime Erfahrung das beschreiben, was sich da vorhin abgespielt hatte? Vielleicht als einen Kuss? Als zusammenführen von Lippen? Oder technisch-reduziert als das Austauschen oraler Körperflüssigkeiten?

„Dass er sie... also, dass sie da ist und so weiter!“ Es war Mereel sichtlich peinlich so über den Mann zu sprechen, der ihn aufgezogen hatte und Walon senkte das Kinn, um sein heraufziehendes Grinsen zu verbergen.

Im Grunde war es ein Dilemma, dass diese Jungs nichts von Intimität, Liebe oder Zuneigung wussten. Zumindest die letzten beiden Punkte hatte Skirata ihnen aus der Rolle eines Vaters heraus versucht zu geben. Dennoch konnte alle Klon-Soldaten schneller und besser töten, als dass sie in der Lage waren eine Frau auszusprechen und zu einem Date auszuführen.

„Aber, Ordo“, Mereel legte eine beachtliche Geduld an den Tag, „was daran macht dich so wütend, dass Du kaum noch geradeaus gucken kannst?“

Walon schaute erneut auf, überrascht von Mereels umgangssprachlicher Wortwahl und überaus interessiert an Ordos Antwort.

Der zornige Null-ARC erreichte zum x-ten Mal die Kühl-Gefrier-Kombi und bog haarscharf davor ab, um zwischen seinem Bruder und Walon hindurch auf die entgegensetzten Wand zuzumarschieren.

Unmittelbar vor Mereel blieb er stehen und Walon bemerkte, dass der blonde Klon auf der Arbeitsfläche sitzend kaum kleiner war wie sein Bruder. Sie begegneten sich auf Augenhöhe und starrten einander mit einem auffallend ähnlichen Gesichtsausdruck an.

„Erstens“, begann Ordo scharf, aber in beherrschter Lautstärke, „ist mein Sehvermögen bestens und beträgt aktuell 120 Prozent. „Und zweitens...“, sein ganzer Körper begann zu zittern, einschließlich seiner geballten Faust, „hat Kal'buir uns belogen!“ Ordo schrie seinem Bruder ins Gesicht: „Er hat nie, niemals auch nur ein Wort darüber verloren, dass er mit einer Frau liiert ist! Unser Vater ist ein Lügner!“

Unbewegt hockte Mereel da, wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Doch auch in seinem Gesicht begann sich eine aggressive Gesinnung zu zeigen. Die Null-ARCs waren nahezu heroisch loyal und die Unterstellung ihr Vater sein ein Lügner, wog schwerer als jede herabwürdigende Beleidigung.

Walon unterbrach seine Tätigkeit und ließ das Messer sinken.

„Das hat er nicht“, sagte er aus dem Hintergrund. Er hatte das Spiel lange genug verfolgt und hielt es für sinnvoller zu intervenieren, als sich später von Skirata vorhalten zu lassen, warum er nicht eingegriffen hatte. Wäre doch schade, wenn ein Nuller dem anderen das Jochbein brach.

Zwei zornige Augenpaare richteten sich auf Walon, der gelassen seine Nagelpflege beendete. Er klappte sein Messer zusammen und ließ es langsam in seine Hosentasche gleiten, bevor er zu den beiden stillstehenden Wirbelstürmen hinübersah.

Seine Aussage präzisierend, erklärte Walon: „Er hat euch nicht belogen. Die Scheidung von Ilippi und ihm wurde vor seiner Ankunft ausgesprochen. Er war ein ’freier Mann’, wie man so schön sagt, als er nach Kamino kam.“

Das Entsetzen im Raum hätte man mit einer Klinge durchschneiden können, so zäh und fest hing es in der Luft.

Walon lehnte sich demonstrativ auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, seine Position des Allwissenden auskostend. Er wusste, dass er mit dem Feuer – zwei aufgeladenen Null-ARCs – spielte, aber die Verlockung war zu groß, selbst bei dem Gedanken, dass sie ihn im Eskalationsfall nicht verbrennen, sondern zu Asche verwandeln würden.

Prüfend sah Walon von einem Klon zum anderen. Mereel hatte einem zunehmend düsteren Gesichtsausdruck und Ordo hielt seiner vor Anstrengung zitternden Faust dicht am Körper. Sie brauchten beide kein Wort zu sagen, was sie dachten, stand einstimmig auf ihren Gesichtern.

„Oh, woher ich das weiß?“, fragte Walon rhetorisch. „Nun, ich sage es ja nur ungern, aber ich kenne Kal schon etwas länger als ihr. Seine Ehe stand unter keinem guten Stern. Und die Kinder, die er und Ilippi haben, sind alle schon in den Dreißigern. Also älter als ihr jemals sein werdet.“

Mereel fand als erster seine Sprache wieder. „Ist das wahr?“

Walon entging keinesfalls der Ehrlichkeit einfordernde Ton in der Stimme des Klons und er antwortete mit der selbigen „Ja.“ Es gab keinen Grund in dieser Sache zu lügen.

„Dann bedeutet mir diese Frau nichts“, lautete Mereels finale Zusammenfassung, die er in kühler Nüchternheit und ohne jede Spur von Hass oder Verachtung aussprach.

Ordo hingegen gab ein zorniges Schnaufen von sich und begann abermals durch den Raum zu tigern; sein Gemüt um kein Grad abgekühlt und seine Faust nach wie vor geballt.

Nachdenklich blieb Walons Blick an Mereel haften, der abgeklärten und seinen Gefühlen erhaben schien. Dir bedeutet sie vielleicht nichts, aber deinem Vater schon.

Es war das erste Mal, dass Walon sich eingestand Kal zu beneiden. Ihm war – wenn auch auf vertracktem Weg – die Chance gegeben worden, sich noch einmal mit dem Menschen zu unterhalten, den er vor Kamino geliebt und mit dem er sein Leben geteilt hatte.

Walon würde diese Chance nicht mehr erhalten. Yardo, sein langjähriger Lebensgefährte, mit dem er viel mehr geteilt hatte, als nur Tisch und Bett, würde nie wieder ein Wort mit ihm sprechen. Sie hatten sich im Streit getrennt. Eine Schuld, die Walon niemals würde begleichen können, denn Yardo war tot.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast