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Everglow

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Het
Premiere League
30.07.2021
05.08.2022
48
107.965
11
Alle Kapitel
142 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
05.08.2022 2.147
 
Hey :) Heute mal back to the beginnings, als der Freitag noch mein Upload-Tag war. Ich wünsche euch gute Unterhaltung mit der Fortsetzung und bedanke mich herzlich bei Kylja und still writing für die Reviews zum letzten Kapitel.
Bis ganz bald :)

***

Charlotte dachte noch lange über ihre Erkenntnis nach. Darüber, dass es unvermeidbar gewesen war, dass das Ende ihrer so perfekt geglaubten Ehe kam. Dass sie langfristig besser getrennt als verheiratet funktionierten. Frieden keimte in ihr auf. Ein kleines Stückchen Frieden, ein bisschen Hoffnung. Sie war noch zart und verletzlich, aber sie war da. Und mit dieser Erkenntnis, dieser kleinen Veränderung in ihren Gedanken, wurde es in den folgenden Tagen fast wie auf Knopfdruck einfacher. Es wurde einfacher, Kieran in ihrer Gegenwart zu ertragen, ohne in Selbstmitleid zu versinken oder immer nur daran zu denken, was in der Vergangenheit passiert war. Ihn nicht darauf zu reduzieren, was er ihr angetan hatte, sondern an der Zukunft zu arbeiten. Daran, dass sie Eltern für Jacob und Esme blieben, ganz egal, was passiert war oder noch passieren würde.

Über ihrem enganliegenden beigefarbenen Badeanzug trug Charlotte eine weit geschnittene offene Bluse, die sie vor der Sonne schützen sollte. Auf ihrem Arm trug sie Esme, die ihre kleinen Beine um die Taille ihrer Mum geschlungen hatte. Langsam ging Charlotte mit ihr in Richtung einer der Liegen, die im Schatten des Privatbereiches des Hotels aufgestellt waren. Hier blieb kaum ein Wunsch offen. Die Familien hatten einen eigenen Pool zur Verfügung und konnten bei nur für sie abgestelltem Servicepersonal Getränke und Snacks bestellen. Charlotte wollte sich gerade mit Esme auf dem Arm hinsetzen, als Kieran vor ihr auftauchte.
„Oh sorry, ich wollte euch nicht stören“, entschuldigte er sich.
„Tust du nicht. Esme ist nur müde, ich wollte sie gerade hinlegen“, erklärte Charlotte. Als Esme Kierans Stimme gehört hatte, horchte sie auf und sah sich nach ihm um. Dann streckte sie ihre Arme nach ihm aus. „Daddy?“
„Ich denke, du hast jetzt eine Aufgabe“, sagte Charlotte, gab Esme zu Kieran hinüber und lächelte. Kieran fing ihr Lächeln auf und war sich sicher, dass er Charlotte jetzt gerade zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder ehrlich lächeln gesehen hatte. Charlotte fühlte es ebenfalls und brach es schnell wieder ab, weil es ihr so ungewohnt vorkam. Dann wich sie Kierans Blick aus.
„Geh ruhig. Ruh dich aus oder leiste Rosie im Pool Gesellschaft“, sagte Kieran und breitete sich auf einer Matratze aus. Esme schmiegte sich an ihn und schloss ihre Augen.

Charlotte war gerade im Inbegriff zu gehen, als sie sich noch einmal zu Kieran umdrehte.
„Hey, ich… weiß nicht, wie das jetzt läuft, aber… wenn du etwas Neues wegen des Wechsels weißt, dann wirst du es mir sagen, oder?“, fragte sie unsicher.
„Natürlich. Du erfährst alles, was irgendwie damit in Verbindung steht“, versicherte Kieran. „Es ist ja auch in meinem eigenen Interesse. Ich will nicht, dass wir … Feinde sind.“
Charlotte beruhigte dieser letzte Satz. Sie lächelte und nickte. Dann ging sie die Treppenstufen hinunter und bog in Richtung Pool ab.

Feinde sein. Charlottes Worte hallten noch in Kieran nach, als sie längst aus seinem Blickfeld verschwunden und Esme eingeschlafen war. Natürlich wollte auch er nicht, dass sie Feinde sein, bleiben oder werden würden. Aber was würden sie werden? Würden sie je mehr sein als einfach nur ein getrenntes Paar? Mehr als Eltern für Esme und Jacob? Im Moment glich jede Bewegung und jedes Wort noch dem Wandeln durch ein Minenfeld. Es war ein einziges Abtasten, ein Beobachten, ein Herausfinden. Jede Regung lag auf der Goldwaage. Was Kieran und Charlotte jetzt waren, fühlte sich für ihn fremd an. Dabei kannten sie sich so lange - eine gefühlte Ewigkeit. Er spürte Traurigkeit, die ihn langsam einhüllte. Gerade für seine Kinder hatte er sich eine andere Zukunft gewünscht, ein anderes Leben. Eines, in dem sie mit Mutter und Vater zusammen lebten. Aber es war anders gekommen. Und jetzt waren neben Esme und Jacob eben auch noch John da. Und Sara. Kieran atmete tief durch und blickte hinunter auf das Meer. Er lauschte dem leisen Atmen seiner Tochter und versicherte sich, dass Esme fest schlief.

Aus der rechten Seitentasche seiner kurzen Hose versuchte Kieran sein Handy möglichst ohne große Bewegungen zu greifen. Mit der anderen Hand hielt er Esme fest. Als er das Handy erfolgreich herausgefischt hatte, drehte er es, bis das Display ausgerichtet war und die Buchstaben und Zahlen nicht mehr auf dem Kopf standen. Einhändig dauerte das etwas länger als es ihm lieb war. Er öffnete den Chat mit Sara und hielt für einen Moment inne, als er ihr Profilbild betrachtete. Viel war darauf nicht zu sehen. Nur ihre dunkle Silhouette, fotografiert vor der orangeroten Kulisse eines Sonnenuntergangs. Kieran lächelte in sich hinein. Für ihn fühlte es sich noch immer wie ein kleines Wunder an, dass sie sich in den Katakomben des Wembley-Stadions wiedergetroffen hatten. Nach drei Jahren. Drei Jahre Funkstille - und nichts hatte sich verändert. Mit dem ersten Blick in Saras Augen war alles wieder da. Diese naive, blinde Vertrautheit und das Gefühl, sie würden sich schon immer kennen und hätten sich nie voneinander entfernt. Gänsehaut breitete sich über seine Arme aus. Ein bisschen war das, was Sara und ihn verband, nicht von dieser Welt.

„Noch drei Tage“, tippte Kieran in das Tastaturfeld seines Handy und schickte die Nachricht an Sara. In drei Tagen würde er abreisen und auf dem Weg nach Madrid einen sehr kurzen Zwischenstopp in London einlegen. Kein Zwischenstopp war ihm zu kurz, um nicht wenigstens für ein paar Stunden bei Sara und John in Grays vorbeizusehen. Das Pendeln war vielleicht anstrengend, aber nur so funktionierte es. Halbwegs. Erfüllend fühlte sich sein Leben zwischen den Stühlen nicht an. Eines hatte sich Kieran nach der letzten langen Kontaktpause geschworen: alles würde er dafür geben, den Draht zu Sara nicht wieder zu verlieren. Nie wieder das wegdrücken, was sie waren. Auch wenn er dafür vielleicht keine Erklärung hatte und noch immer nicht verstand, wie ihm Sara von diesem ersten Augenblick an so hatte den Verstand rauben können.

„Bin schon seit Tagen nur am Putzen und Aufräumen. ;)“
Kieran lächelte, als er Saras Antwort las. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihm schrieb, wie sehr sie sich freute oder dass ihn schrecklich vermisste. Aber er wusste, dass das so oder so ähnlich irgendwie in diesen Zeilen steckte. Er konnte spüren, dass es so war, wenn sie sich sahen oder miteinander sprachen. Sara war aber unheimlich vorsichtig und zurückhaltend, was ihre Worte Kieran gegenüber betraf. Gerade dann, wenn sie schriftlich festgehalten waren. Ihr jüngster Albtraum handelte davon, dass Charlotte all die Nachrichten mitlas, die sie Kieran schrieb. Dabei war das völliger Blödsinn und das wusste sie auch. Ihr Unterbewusstsein spielte ihr nicht selten solche Streiche. Sie tat sich nach wie vor schwer, dem Frieden zu trauen und alles auf diese eine Karte zu setzen. Immer wieder überkamen sie Schuldgefühle und Zweifel. Sie wusste inzwischen, dass der Übergang zwischen richtig und falsch schon einmal verschwommen war. Damals, als sie behauptet hatte, Kieran und sie hätten nichts Verbotenes getan, als sie sich zum Essen in Saras Wohnung verabredet hatten. Ihr erstes richtiges Date. Heute schätzte Sara das anders ein. Es war verboten gewesen, weil es auf einer Lüge gründete. Darauf, dass Kieran Charlotte nicht die Wahrheit gesagt hatte. Deswegen trat Sara heute immer wieder, wenn auch manchmal unbewusst, auf die Bremse. Sie wollte sicher gehen.

„Mir würde eine bezogene Bettdecke ausreichen“, schrieb Kieran.
„Oh, das heißt, du willst über Nacht bleiben?“, fragte Sara.
Kieran blickte kurz auf, weil er Schritte gehört hatte, die sich ihm näherten. Durch die Bretterlücken im Sichtschutz links von ihm entdeckte er seine Mutter und tippte nur schnell: „Wir sollten später mal kurz reden.“
„Okay, heute Abend?“
„Sobald die Minis im Bett sind“, schrieb Kieran, sperrte sein Handy und steckte es in die Hosentasche zurück. Dann prüfte er, ob Esme noch schlief und blickte zu seiner Mutter, die bei ihm am Podest, auf dem die Liege stand, angekommen war. Stumm setzte sie sich auf die Liege neben ihrem Sohn und sah ihn eindringlich an.
„Mum, was soll dieser Blick jetzt?“, fragte Kieran und linste sie über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg an.
„Welcher Blick? Darf ich dich jetzt nicht mehr ansehen?“, sagte Eleanor und lächelte.
„Komm schon, Mum. Was willst du wissen?“
„Wie es dir geht, zum Beispiel. Ich meine, so insgesamt. Ich mache mir Sorgen um dich, naja, wegen Charlotte, den Kindern, eurer Trennung und dem allen.“
„Ich komme klar. Wir kommen klar. Ehrlich.“
„Du siehst müde aus, geschafft.“
„Ich habe nicht gesagt, dass es nicht anstrengend ist“, gab Kieran zurück. Ihm wurde klar, wie abweisend er klang. Aber er hatte im Moment keinen Nerv für diese Fragen und die Antworten. Er musste sie ja selbst erst einmal finden. Er war erleichtert, dass Charlotte und er wieder einen Weg der Kommunikation gefunden hatten, dass er hier auf Ibiza so viel Zeit mit Jacob und Esme verbringen konnte - mehr würde er seiner Mutter im Moment ohnehin nicht verraten wollen. Eleanor wusste, dass es in London noch ein Enkelkind gab, einen kleinen Jungen namens John und dass er ungefähr in Esmes Alter war. Aber viel mehr wusste sie nicht. Kieran hielt inne und sah seine Mutter an.
„Sorry, ich will dir nicht vor den Kopf stoßen. Es muss sich eben alles erst noch finden. Auch was John angeht“, sagte Kieran. Eleanor nickte nur und ließ ihren Rücken gegen die Lehne der Liege sinken. „Du wirst ihn schon noch kennenlernen“, bemerkte er, als er ihren traurigen Blick bemerkte.
„Okay“, entgegnete Eleanor schlicht und lächelte.

***

Der Abend ließ länger auf sich warten, als es Kieran lieb war. Esme hatte nicht lange geschlafen und war kaum erwacht, da forderte Jacob auch schon Kierans volle Aufmerksamkeit. Am frühen Abend ging es für die ganze Reisetruppe zu einem exklusiven Dinner in die Strandbar des Hotels. Eleanor erklärte sich bereit, die Kinder schlafen zu legen und gerade als Kieran sich ein ruhiges Plätzchen etwas abseits der Gesellschaft suchen wollte, verwickelte ihn Kelvin in ein Gespräch, das so schnell so intensiv wurde, dass sich Kieran nicht loseisen konnte. Erst um kurz vor 22 Uhr gelang es ihm, sich aus den Fängen seines Bruders zu befreien. Kieran hoffte, dass er Sara noch erreichte.  

Sara schreckte auf, als sie ein Klingeln von irgendwoher vernahm. Zuerst konnte sie es nicht orten und musste sich orientieren. Sie befand sich in Johns Schlafzimmer, der neben ihr friedlich vor sich hin schnarchte. Langsam realisierte Sara, dass sie mit ihrem Sohn eingeschlafen sein musste. Sie rappelte sich auf und verließ leise das Zimmer. Das Klingeln kam aus dem Wohnzimmer.
„Hey“, sagte sie etwas krächzend.
„Du hast schon geschlafen, sorry“, stellte Kieran fest.
„Oh ja, aber es ist gut, dass du mich geweckt hast. Sonst hätte ich morgen wohl wieder Rückenschmerzen gehabt.“
„Sicher? Wir können auch morgen telefonieren. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“
„Ich wusste gar nicht, dass es eine so heftige Zeitverschiebung zwischen London und Ibiza gibt“, scherzte Sara und ließ sich auf ihr Sofa fallen.
„Ich wünschte, das wäre der Grund gewesen“, sagte Kieran und sah kurz zu den Tischen rüber, an denen seine und Charlottes Familien saßen. Fetzen ihrer einander überlagernden Stimmen hallten zu ihm hinüber. Es fühlte sich seltsam an, abseits zu sein, aber andererseits auch richtig. Den ganzen Abend über hatte er sich darauf gefreut, Saras Stimme zu hören. „Meine Familie hat mich förmlich gefangen gehalten“, erklärte er ihr.
„Wie läuft es so?“, fragte Sara.
„Ich will dich nicht langweilen. Die Kurzfassung: Es ist nicht leicht, aber es wird besser, denke ich. Die Kinder haben ihre beste Zeit mit der ganzen Familie um sie herum. Es wird schwer werden, ihnen in drei Tagen klar zu machen, dass das normale Leben jetzt wieder anfängt.“
„Das kann ich mir vorstellen. Für sie ist das sicher das Paradies.“
„Paradies ist ein gutes Stichwort.“
„Du willst auf Ibiza bleiben?“
Kieran lachte auf. „Das wäre eher weniger paradiesisch, schätze ich.“
„Ach ja - wieso denn? Wenn man sich die Fotos so anguckt, sieht das alles ziemlich perfekt aus“, meinte Sara.
„Perfekt ist nicht gleich immer schön. Außerdem wäre ich dann ziemlich weit weg von euch.“
„Und das willst du nicht.“
„Das will ich auf keinen Fall.“
„Dann sind wir jetzt beim Stichwort?“
„Gute Überleitung, ehrlich. Wir landen am Freitag am Nachmittag in London und dann…“
„… brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“, wollte Sara seinen Satz vervollständigen.
„Flirtest du mit mir?“
„Ich?“
„Ja?“
„Pff. Nein. Ich habe dir nur eine Frage gestellt, ganz simpel.“
„Also gut. Das mit dem Fahren kriege ich geregelt, nur eine Schlafgelegenheit fehlt mir noch.“
„Aha. Na gut, dann gehe ich mal schnell zu unserem Kalender und schaue, ob wir da noch frei sind. Du sollst ja den vollen und exklusiven Service genießen können.“
„Du flirtest wirklich mit mir.“
„Ich bitte dich. Wie könnte ich?“
„Schwer scheint es dir nicht zu fallen.“
„Also, du hast Glück: Die beiden Tage sind noch frei. Wir empfangen dich gern.“
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