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Everglow

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / Het
Premiere League
30.07.2021
21.01.2022
29
65.121
11
Alle Kapitel
96 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
14.01.2022 1.857
 
Guten Abend zusammen! Da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel im Schlepptau und hoffe, dass ihr gut durch die zweite Woche im neuen Jahr gekommen seid. Herzlichsten Dank wie immer an Kylja, Kat, still writing und Pina für eure Gedanken zum letzten Kapitel - ich bin immer total motiviert, wenn ich eure Reviews gelesen habe. :)
Ich kann noch nicht versprechen, ob ich nächsten Freitag ein Update schaffe, aber ich bemühe mich. Hier läuft zurzeit nicht alles so, wie es geplant war. Ihr kennt das.
Liebste Grüße an euch!

***

Charlotte presste ihre Lippen aufeinander. Mit einer Hand strich sie sich durch eine Haarsträhne und steckte sie hinter ihr Ohr. Dann stützte sie sich mit beiden Armen auf der Arbeitsplatte in ihrer Küche auf und ließ den Kopf zwischen ihre Schultern sinken. Manchmal konnte sie es gut ignorieren und manchmal kam es einfach über sie. Wie ein Gewitter, ein schwerer Sturm, und dann brachte sie alles Gute in sich dagegen auf. Ein Kampf, bei dem es keine Gewinner und keine Verlierer gab. Ein völlig ungewisser Kampf, ziellos. Charlotte erinnerte sich an das Vertrauen, das wieder gewonnene Vertrauen in Kieran. Aber er hatte sich seit Freitagnachmittag, seit seinem Termin im Wembley, nicht mehr gemeldet, was sie ziemlich irritierte. Normalerweise versuchten sie, wenn er unterwegs war, zumindest einmal kurz am Abend zusammen mit den Kindern zu telefonieren. Wie damals, was nun gut drei Jahre her war, begann Charlotte Gründe für die Funkstille zu finden. Vielleicht waren Kieran, Kyle und Jordan am Abend in irgendeinem Pub versackt. Vielleicht hatten sie einfach Spaß, dabei die Zeit vergessen und Kieran wollte seine Familie am späten Abend nicht mehr stören. Aber auch am Morgen war es still geblieben. Charlotte hatte gerade den Frühstückstisch abgeräumt und kam nicht umhin sich zu fragen, was er gerade tat oder ob etwas passiert war. Sie stieß ihre Sorgen zurück, aber mehr vergeblich als erfolgreich. Sie atmete schwer aus und wollte sich gerade zu Jacob umdrehen, der nach ihr gerufen hatte, als ihr Handy aufleuchtete.

Hey Charl! Bin auf dem Weg zum Flughafen. Denke, dass ich pünktlich in Madrid sein werde. Sag den Kids sorry, dass es gestern Abend mit dem Telefonieren nicht geklappt hat. Wir waren länger unterwegs. Bis später!

Charlotte atmete durch. Obwohl sie diesen Telegramm-Stil noch genau aus eben dieser Zeit kannte, in der sie bereits das Gefühl hatte, dass Kieran ihr etwas verschweigen könnte. Ein wenig fühlten sich ihre Sorgen bestätigt. Andererseits wollte sie auch keine Geister heraufbeschwören, die es nicht gab. Und dennoch blieb dieser Klumpen - das, was sie nicht beschreiben könnte, ein winziges, störendes, bohrendes Gefühl. Im nächsten Moment dachte sie daran, wie gerne sie mit nach London gekommen wäre. Aber für die wenigen Tage war der Aufwand mit zwei Kindern, Sack und Pack einfach zu groß. Außerdem war das nächste Wiedersehen mit ihrer Schwester Rosie schon um die Ecke. Schon morgen würde sie in Madrid landen und für eine Woche bleiben. Jacob steckte erneut seine Nase durch die Küchentür. „Muuuum!!“, rief er ungeduldig.
„Sorry, Schätzchen. Ich komme“, sagte sie und lächelte ihren Sohn besänftigend an. Dann folgte sie ihm zu Esme ins Wohnzimmer.

***

Kieran ließ sich plumpsend auf den Fenstersitzplatz im Shuttle zum Flughafen fallen, stellte seinen Rucksack auf den Boden und zog sich im Sitzen die Jacke aus. Wie gerne wäre er jetzt einmal um die Welt geflogen? Einfach so. Um Zeit zu schinden. Herauszufinden, was er tun sollte - und was nicht. Kyle rückte in die Sitzreihe, gefolgt von Jordan. Die beiden Fußballer setzten sich ebenfalls. Kieran dachte darüber nach, wie gerne er jetzt allein wäre. Am liebsten wollte er sich in eine dunkle, einsame Ecke verziehen, nichts sehen und nichts hören. Stattdessen hörte er Kyles Stimme in seinem Kopf. Flüsternd.

„Tripps, schmollst du?“ Kyle lächelte. Er wirkte gleichsam interessiert und verwirrt über das Verhalten seines Freundes. Kieran wusste genau, was Kyle mit diesem Lächeln erreichen wollte. Er wollte ihn zum Reden bringen.
„Nein?“
„Du siehst aber so aus.“
„Ich schmolle aber nicht. Ich weiß nicht mal, wie das geht.“
Kyle nickte nur wissend und kramte in seinem Rucksack nach den Kopfhörern.
„Dann willst du mir auch immer noch nicht sagen, wo du gestern Abend und heute Morgen warst?“
„Detective Walker…“, begann Kieran und bemerkte, dass sich Jordan mit gespitzten Ohren ein Stück zu ihnen nach außen lehnte. „Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt“, brachte Kieran seinen Satz flüsternd zu Ende.
„Dann habe ich also Recht“, wisperte er zurück.
„Ich schmolle nicht, falls du das meinst.“
„Herrgott, nein.“
„Gut, dann sind wir uns ja einig“, meinte Kieran.
„Worüber?“
Jordan hatte sich zwar wieder zurück in seinen Sitz gelehnt, aber Kieran war sicher, dass er ihre Flüstertöne noch immer hören konnte, wenn er sich nur Mühe gab. Also wiegelte er weiter ab. Dennoch war in ihm das Gefühl, dass er sich Kyle gerne anvertraut hätte. Seine Meinung gehört hätte.  Wenn sein Geheimnis irgendwo sicher war, dann bei Kyle.
„Darüber, dass das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist“, wiederholte Kieran und machte eine deutende Kopfbewegung in Richtung Jordan.
„Fein.“ Kyle lächelte noch einmal und stöpselte sich seine Kopfhörer ein. Kieran drehte den Kopf wieder zum Fenster. Es war nur eine kurze Fahrt zum Flughafen und danach würden sich die Wege der drei Männer wieder trennen. Vielleicht ergab sich vor dem Boarding noch eine Möglichkeit, mit Kyle zu reden, ehe er nach Manchester und Kieran wieder nach Madrid flog.

Kieran befürchtete, dass er dann nicht nur Kyle die Wahrheit sagen würde, sondern es auch bei Charlotte würde tun müssen. Wenn auch nicht ganz freiwillig. Zu groß war das Ausmaß dieser ganzen Sache und zu groß die Gefahr, dass sie es irgendwann doch alleine herausfinden würde. Aber wie sollte Kieran es anstellen, wie beginnen? Er hatte sich immer für einen schlechten Lügner gehalten, doch hatte in den letzten Jahren einfach eine stabil stehende Fassade darum aufgebaut. In seinen Gedanken hallte es wie ein Aufschub, doch er wollte wenigstens warten, bis er das Ergebnis des Vaterschaftstest hatte. Was wenn am Ende doch alles nur heiße Luft war? Er sah Johns Gesicht vor seinen Augen und wusste, dass es die Wahrheit war. Aber noch immer wollte er sie schwarz auf weiß. Nach einer 20-minütigen Fahrt hatten sie Heathrow erreicht. Jordans Flieger nach Liverpool erschien als erster auf der Anzeigetafel und bis die Flüge nach Manchester und Madrid gingen, war noch fast eine Stunde Zeit, eine halbe abzüglich Sicherheitskontrolle und Boarding. Obwohl Kieran jetzt schon fast nicht mehr in der Stimmung war, bat er Kyle in einen verwaisten Wartebereich mit ein paar Sitzen.


„Hey, ähm, wegen vorhin… ich würde gerne mal deine Meinung zu etwas hören“, begann Kieran und lehnte sich ein Stück zu Kyle aus Sorge, es könnte sie doch jemand belauschen, auch wenn nach wie vor niemand um sie herum war.
„Ja? Schieß los.“
„Du erinnerst dich doch noch an die Geschichte von dem Freund, der sich aus Versehen verliebt hat, zu einem völlig ungünstigen Zeitpunkt…“
„… und ohne dass er etwas dafür konnte. Ich weiß es noch.“
„Es ist etwas, naja, aus dem Ruder gelaufen“, gestand Kieran und bemerkte, wie ihm immer heißer in seiner Jacke wurde, die er auf dem Weg vom Shuttle zum Terminal wieder angezogen hatte.
„Wie darf ich das genau verstehen?“, hakte Kyle nach und sah seinen Freund etwas besorgt an. So zerstreut wie jetzt hatte er noch nie auf ihn gewirkt. Er kannte Kieran als jemanden, der immer die Kontrolle über sich hatte, den nichts so leicht aus der Ruhe brachte. Seit sie das erste und letzte Mal über Sara gesprochen hatten, waren inzwischen Jahre vergangen. Es war bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland gewesen, als sie das Zimmer miteinander geteilt hatten. Kyle hatte immer gedacht, dass das Thema abgehakt war, vor allem nachdem Kieran zum zweiten Mal Vater geworden war. Sie hatten nie wieder ein Wort darüber gewechselt.

„Um es kurz zu machen: Sara und ich… wir sind uns etwas näher gekommen als wir sollten. Es war ein Fehler, ich weiß. Ich hätte das nicht tun dürfen; wir hätten das nicht tun dürfen. Aber das ist noch nicht alles.“
Kyle sah Kieran an, ohne seine Miene zu verziehen. Er wollte erst die ganze Geschichte hören und sie nicht schon vorher mit einem Blick des Schrecks oder einem Urteil unterbrechen. Er fragte nur nach, um sicher zu gehen, flüsternd: „Ihr ward im Bett?“
Kieran nickte schuldbewusst und senkte seinen Blick. „Es war dumm von mir. Wirklich dumm. Nicht nur wegen Charlotte und der Kinder… nein, seit gestern weiß ich, dass ich jetzt anscheinend noch ein Kind habe.“
Mit diesem Satz konnte Kyle seine entspannte Fassade dann doch nicht mehr aufrecht erhalten. Er verstand noch nicht ganz: „Das heißt, du hast ein Kind mit Sara?“ In ihm schrillten die Alarmglocken. Verlieben war eine Sache, aber betrügen und belügen eine andere.
„Sie hat es mir nicht gesagt. Damals. Jetzt schon“, erklärte Kieran leise, und verzweifelt.
„Okay, das ist heftig“, sagte Kyle. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll… Darüber muss ich erstmal hinwegkommen.“
„Nicht nur du“, erwiderte Kieran.
„Dann war das im Stadion gestern wirklich sie?“
„Es war sie, mit ihrer besten Freundin und meinem angeblichen Sohn. Ich war heute Morgen bei ihnen.“
„Das ist ein krasser Zufall... Was hast du Charlotte gesagt?“
„Gar nichts.“
„Wow… das ist… auch heftig.“
„Ich weiß, aber was soll ich ihr denn sagen? Es hatte doch alles keine Rolle mehr gespielt… und jetzt, verdammt.“
„Das heißt, sie weiß gar nichts? Auch nicht von Sara und dir? Nicht, dass du ihr geholfen hast, dass sie im Stadion war, dass ihr Kontakt hattet…“
Kieran schüttelte nur mit dem Kopf. Jetzt und hier wünschte er sich, dass er es Charlotte einfach damals gesagt hätte. Ungeachtet der Tatsache, dass sie schwanger war, hätte sie es wissen sollen. Kierans sorgfältig zusammen gestelltes Kartenhaus krachte Etage für Etage immer weiter zusammen.

Kyle schwieg und sah für eine kleine Weile einfach die Wand an. Er konnte es nicht recht glauben.
„Was meinst du dazu?“, fragte Kieran. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten, bis sie zum Boarding würden gehen müssen. In getrennte Richtungen.
„Es ist heftig, Tripps. Du musst es Charlotte sagen.“ Normalerweise verzichtete Kyle gerne darauf, in dieser Deutlichkeit schlaue Ratschläge an seine Freunde zu verteilen. Aber das war etwas, das er erstens nicht unter Verschluss halten wollte, zumindest Kierans Frau gegenüber, und zudem eine Sache, mit der sein Kumpel etwas überfordert schien. Ja, beinahe hilflos. Kieran steckte nicht mehr nur bis zur Hüfte im dicken Schlamm. Würde er so weitermachen, ruderte er vielleicht bald mit den Armen um Hilfe, um sein Leben, sein altes Leben. Das Leben, das er geführt hatte, bevor Sara hinein gestolpert war und alles auf den Kopf gestellt hatte.
„Aber wie? Wie soll ich es ihr sagen?“, fragte Kieran.
„So wie du es mir gesagt hast, aber von vorne.“ Kyle stand auf, schulterte seine Tasche. Kieran tat das Gleiche und folgte ihm, auch wenn er eigentlich alles andere lieber wollte als in den Flieger nach Madrid zu steigen. Denn er würde ihn sehr wahrscheinlich auf den Weg zur Wahrheit bringen. So richtig angefreundet hatte er sich mit diesem Gedanken bisher nicht. Aber hatte er eine Wahl?
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