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Hinter der Fassade

von Feodora29
KurzgeschichteFreundschaft / P12 / Gen
J-Hope Jimin Jungkook Kim Seokjin OC (Own Character) RM
29.07.2021
14.10.2021
12
27.931
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29.07.2021 1.903
 
Sie wusste, warum sie bereits mit einem weniger guten Gefühl dem zugestimmt hatte. Ein Treffen unter Schulfreunden, sechs Jahre nach dem Abitur. Klang erst einmal gut, zumal es die alte Gruppe aus ihnen vier sein sollte, der enge Kern. Aber seit über einem Jahr war der Kontakt echt mehr als rar geworden und Ayla war mit gemischten Gefühlen damit umgegangen. Bis vor Kurzem, bevor der Vorschlag des Treffens gekommen war, hatte sie sich schon halb damit abgefunden, dass Freundschaften aus der Schulzeit nicht alle lange halten sollten. Während des getrennten Weges durch das Studium und die Ausbildung hatte sich ein jeder verändert und Ayla hatte nur geringe Möglichkeiten gehabt, in der Heimat zu sein und sie dann zu treffen.

Der gemeinsamen Schulzeit, der so engen Freundschaft untereinander damals wegen hatte sie zugestimmt und dem eine letzte Chance gegeben. Vielleicht wurde es wieder besser und die Zeit war vorbei, wo Ayla das Gefühl bekam, wieder das fünfte Rad am Wagen zu sein.

Doch als sie sich zum Stadtfest trafen, um verschiedene Live-Bands und Künstler zu sehen, hatte sie schon nach einer Stunde das Gefühl, hier eindeutig falsch zu sein. Dabei hatten sie gemeinsam geplant, im Anschluss alle bei Leah zu übernachten. Da alle im Umkreis wohnten, war sie mit dem Fahrrad gekommen, nun musste sie feststellen, dass sie die einzige war. Weil für die Nacht Regen gemeldet war, hatten die anderen es sich anders überlegt, nur Ayla zu spät diese Entscheidung mitgeteilt.

Was ihr als nächstes auffiel: Leah, Sindy und Alexa sprachen viel miteinander, hatten auch einiges an Gemeinsamkeiten, da alle schon lange oder wie bei Sindy erst frisch mit einem Freund zusammen waren. Bei Ayla sah es gerade nicht so aus. Mit Beginn des Studiums hatte sie zwar einen gehabt, jedoch hielt es nur für ein Jahr und seitdem hatte sie immer nur Pech. Ihr Studium und die Suche nach einer Arbeit vor einem halben Jahr waren dann wichtiger gewesen. Jetzt war sie in einem Architektenbüro deutlich fern der Heimat.

Zwei Dinge setzten jedoch dem Ganzen die Krone auf, was sie schließlich zum Gehen brachte. Als erstes hatte Ayla sich wirklich getraut, die Gruppe unbemerkt in eine Richtung zu lenken, wo sie ihre Künstler hatte sehen wollen. Doch als die anderen schließlich die Musik in der Ferne hören konnten, wandte sich Leah an sie. „Ist das diese Gruppe, von der du erzählt hast?“ Die Art wie sie es sagte, ließ Ayla missmutig das Gesicht verziehen. „Ja, das sind sie.“ Warum kam sie sich dann immer besonders klein vor, wenn sie in die Gelegenheit kam, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, was ihren Geschmack betraf? „Die covern ja nur“, stellte nun auch noch Alexa fest. Erstaunlich, dass sie überhaupt was verstanden, schließlich waren sie noch weit entfernt. Und Ayla bezweifelte, überhaupt noch näher zu kommen, bei der Menschenmasse, die sich deshalb hier versammelt hatte. Sindy sah skeptisch und abschätzig die ganzen Mädchen an, die hier deshalb so einen Aufstand machten. „Bist du dafür nicht schon zu alt, Ayla?“ Da war es wieder, sie wurde belächelt von den dreien und unbewusst klein gemacht.

„Gehen wir weiter, dort drüben soll bessere Musik laufen“, beschloss Alexa und so liefen sie weiter. Ayla bekam deshalb keinen Blick auf die Gruppe, auf die sie durch Zufall vor einen Jahr im Internet gestoßen war. Nie würde sie die Gelegenheit wieder bekommen, so günstig und einfach an einen Live-Auftritt von BTS zu kommen.

Leider war dies auch nur ein sehr kurzer Zwischenauftritt von ihnen und so war jener schon vorbei, als die vier jungen Frauen beim nächsten Konzert ankamen. Doch der 25-jährigen reichte es. Sie meinte an die drei Freundinnen, dass sie müde wäre und gehen wollen würde, weil es ihr doch nicht so ging. Das stimmte, durch die Menge an Worten, die sie hatte herunterschlucken müssen, fühlte sie sich elend. „Was? Du willst schon gehen?“, fragte Sindy entsetzt. Ayla nickte. „Tut uns leid, aber wir bleiben noch“, meinte Leah. „Aber ich hab noch die Boxen in meinem Rucksack, die ich dir schon so lange zurückgeben wollte“, warf Ayla an Leah ein. „Also zum Auto gehe ich jetzt nicht mit. Du fährst doch fast bei mir vorbei, wenn du zu deinen Eltern fährst. Stelle es einfach unter das Carport.“ Ohne Worte sah sie Leah an, dann verabschiedeten sich schon Sindy und Alexa mit einer halbherzigen Umarmung. Ohne großem Tschüss tat sie das schließlich bei Leah ebenfalls und kehrte dann den drei Frauen den Rücken zu.

Sie ging zum Infostand am Eingang, wo sie ihre Tasche abgegeben hatte, in der alles zum Übernachten bei Leah drin war. Vor dem Eingang schnappte sie sich ihr Fahrrad und trat in der Dunkelheit den Weg nach Hause an.

Die zehn Kilometer waren nicht weit, aber schon nach zwei hielt sie an, weil sie Regentropfen spürte. Deshalb wechselte sie zu einer Regenjacke und bog die nächste Straße zu Leahs Elternhaus ein. Die Nebenstraße war nicht beleuchtet und schmal, doch das würde auch für den Rest des Weges in ihr Dorf so bleiben. Früher war sie diesen häufiger gefahren, doch meist mit einem der anderen drei. Das jene sie so im Stich lassen würden, tat weh. Und es verletzte sie umso mehr, dass sie es eigentlich geahnt hatte. Wieso hatte sie zugestimmt, mit ihnen hinzugehen? Sie hätte auch allein gehen können und hätte so zumindest der Musik der Gruppe zuhören können.

Doch zwischen allein und mit alten Freunden zu gehen, war die Entscheidung schnell gefallen. Hoffnung hatte sie angetrieben und jetzt war es ein trüber Geschmack, der ihr dieses Wochenende so richtig ruiniert hatte. Schöner Sommer, ehrlich, der Regen passte perfekt zu ihrem Inneren.

Nachdem sie bei Leah die Boxen abgestellt hatte, bog sie in Richtung ihres Elternhauses ab. Auf dem Weg dorthin bemerkte sie, dass sich ihr ein Auto von hinten näherte. Dessen Licht war ein gutes Frühwarnsignal. Doch der Autofahrer brauste übertrieben schnell und knapp an ihr vorbei, sodass sie fluchend dem Auto hinterher sah. Sie hatte alles an Sicherheit an ihrem Fahrrad: Licht, einen Helm in heller Farbe und selbst ihre Regenjacke war mit einem rosa Farbton mehr als erkennbar in der Dunkelheit. „Idioten“, sprach sie noch einmal und trat wieder stärker in die Pedale.

Der Regen nahm zu, sodass sie langsam echt heim wollte. Doch es waren noch drei Kilometer, zum Glück kam jetzt ein Abschnitt, der abwärts verlief. Sie ließ sich rollen und erkannte bald ein Auto, was wohl an der Seite stand, jedoch nur mit Standlicht. Mit einem gesunden Misstrauen schwenkte sie aus und fuhr vorbei. Plötzlich tauchte hinter dem Auto jemand auf und obwohl Ayla wirklich schnell reagierte und einen Schwenker nach links machte, streifte sie die Person und geriet ins Straucheln. Allerdings konnte sie den Sturz Richtung andere Straßenseite nicht aufhalten.

Glück hatte sie in dem Fall schon. Zum einen war da kein richtiger Graben, sondern ein Grünstreifen, auf den sie letzten Endes fiel. Des Weiteren fingen die Regenjacke und der Helm einiges ab. Pech hatten nur ihre Beine, da sie entsprechend den hohen Temperaturen nur eine kurze Hose trug.  Ayla fluchte und stöhnte entsprechend, als sie sich vom Fahrrad befreite und dabei eines der Knie, sowie die Hände schmerzten. „Aua.“ Sie war zuletzt als Kind dermaßen mit dem Rad gestürzt.

Die Person, die sie gestreift hatte, kam angerannt und sprach panisch los. „Are you okay?“ Ayla hob den Kopf und sah, wie jemand sich zu ihr beugte, beziehungsweise in die Hocke ging, während eine weitere Person kam und das Fahrrad von ihr nahm. Anhand der Stimmen und der Staturen machte sie schnell zwei Männer aus, sowie durch das schwache Licht vom Auto einen dritten weiter weg.

Auffallend war jedoch die Sprache und wie holprig sie jene verwendeten. Ausländer? „Hey, can you hear me?“ Worte zwischen den beiden Männern wurden getauscht, doch Ayla verstand sie nicht, noch eine andere Sprache. Sie schob die Kapuze zurück, um mehr zu sehen, auch wenn dadurch ihre schwarzen Haare nass wurden. „I’m fine“, sagte sie schließlich, weil beide sehr besorgt schienen. Eine Hand wurde ihr angeboten, sodass sie sich aufhelfen ließ. Ayla klopfte den Dreck an sich ab, dann blickte sie die Männer an. Die schwache Beleuchtung half nicht, außerdem standen sie gegen das Licht. „Are you okay, too?“ Sie hatte schließlich denjenigen gestreift, der ihr soeben aufgeholfen hatte. Er nickte eifrig mit dem Kopf. „Yeah.“ Erleichtert atmete sie aus. Sie machte ihm keine Vorwürfe, er hatte nicht ahnen können, dass sie ausgerechnet mitten in der Nacht mit dem Rad dort vorbeifahren würde. „I am sorry“, sagte sie trotzdem, worauf er schnell abwinkte. „No, no. I am sorry.“ Ayla schmunzelte schwach und drehte sich dem anderen zu, der ihr Fahrrad hielt. „May I?“, fragte sie und deutete auf ihr Rad. Derjenige zögerte und stammelte los, als er es ihr reichte. „I’m sorry. I think something is broken?“ Ayla sah sich ihr Rad an und sah das Problem. Es war verzogen durch den Aufprall. Tief seufzte sie, dieses Wochenende wurde immer schlimmer.

Sie begann also das Vorderrad mit Lenkrad gerade zu richten, als die zwei jungen Männer vom dritten gerufen wurden. Während sie ihr Rad richtete und am Ende das größte Problem an der kaputten Lampe sah, kam ihr die Sprache doch nicht so fremd vor, wie sie angenommen hatte. Deshalb drehte sie sich im Ganzen, weil sie durch die inzwischen wiederaufgesetzte Kapuze nicht gleich etwas sah. Jetzt standen die drei Männer unter einem Regenschirm und durch das Licht vom Inneren des Autos erkannte sie schwache Silhouetten der Gesichter. Koreaner? Der Fluss der Sprache klang stark danach, sie musste es doch wissen, wenn sie Musik in diesem Bereich hörte. Augenblicklich machte es in ihr Klick, auch wenn ihr das unwahrscheinlich erschien. „Excuse me“, machte sie auf sich aufmerksam, als sie ihr Rad über die Straße schob. Die drei sahen sie an. „Is there any problem with your car?“ Beinahe synchron schüttelten sie den Kopf, dann zeigte ihr der junge Mann, der ihr Rad aufgehoben hatte, sein Handy. „We got lost?“, fragte er unsicher, ob er richtig in der Wahl der Worte war. Ayla verstand jedoch die Intention und trat ganz heran. Sie sah sich das Telefon an und den Adresspunkt, zu dem sie wohl wollten. „That way?“, fragte er und zeigte in Fahrtrichtung. Sie nickte, da dies die richtige Richtung war, um zur nächsten Hauptstraße zu gelangen. „Yes.“ „Thank you“, sagte er und lächelte breit, während er das Telefon heranzog und Ayla nun zum ersten Mal sein Gesicht richtig sehen konnte. Das Licht des Smartphones beleuchtete es genug. Ihr blieb die Spucke weg, dann blickte sie zum anderen und erkannte auch ihn. Sie trat zurück und umgriff den Lenker des Rades besser.

Beide Männer sahen sie verwirrt an, doch die Lösung dessen gab Ayla mit der Aussprache eines Wortes. „BTS.“ Das waren Jimin und J-Hope, wobei sie gerade J-Hope den Weg erklärt und Jimin beinahe umgefahren hatte. Schnell schüttelte sie den Kopf und wollte trotz kaputten Lichtes weiter, jedoch nun schiebend. „Bye“, sagte sie hastig und ging los. Die letzten zwei Kilometer müsste sie also schieben, aber auch egal.

Das Grinsen verschwand ihr nicht mehr aus dem Gesicht, als sie an der nächsten Kreuzung zum letzten Mal abbiegen musste. Jene Kreuzung, wo J-Hopes Handy hingezeigt hatte. Vermutlich würden sie nach links fahren, zur nächsten Stadt, Ayla selbst ging nach rechts.

Der Abend war zwar in sämtlichen Punkten ein Reinfall gewesen, aber zumindest hatte sie eine bleibende Erinnerung, die nur sie selbst zu schätzen wusste.
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