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Ich hab' heut Nacht vom Tod geträumt

von Akhem
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Subway to Sally
27.07.2021
27.07.2021
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27.07.2021 2.182
 
Er dachte erst, jemand klopfe an der Tür, bis ihm klar wurde, dass es sein Herzschlag war, der in seinen Ohren donnerte. Nein, an seiner Tür klopfte schon lange keiner mehr. Nicht mal mehr der Postbote.
Erstarrt blickte er auf das Handy in seiner Hand, aus dem nur noch das Freizeichen zu hören war. Welcher Arsch von einem Arzt überbrachte so eine Nachricht denn bitte per Telefon?!
Er taumelte zu dem Schrankfach hin, das er sonst niemals öffnete. Wühlte sich durch die Überreste eines Lebens. Jener heilige, allerletzte Brief. Die Parfümflasche, in der sich noch ein letzter Bodensatz hellblauer Flüssigkeit befand. Er wusste, irgendwann würde er verdunsten, aber er ertrug den Gedanken nicht, den letzten Rest aufzubrauchen. Es war ja nicht sein Parfüm. Er bewahrte es nur auf.
Ein passfotogroßes Portrait von ihm selbst, zerknittert und abgeschabt von der Zeit, die es in einem Geldbeutel verbracht hatte. Ein Tütchen saure Gummiwürmer, die jetzt schon ganz verschrumpelt und ausgetrocknet waren. Er erinnerte sich daran, wie er vor diesem Paket gesessen hatte und sich gefragt hatte, warum um Himmels Willen er saure Gummiwürmer in der Jackentasche gehabt hatte, als er das letzte Mal in die Klinik ging, wissend, dass er lebend nicht wieder herauskommen würde. Er war damals schon längst zu krank für alles außer Flüssignahrung gewesen. Er hatte es nicht gewusst, war ihm dann aufgegangen. Er hatte nichts von den Metastasen im Kopf gewusst. Sie hatten ihn erst ins CT gesteckt, als er schon in dem Koma lag, aus dem er nie wieder erwachen würde.
Scheiß-Ärzte.
Als er die halb zerbröselte Zigarette ganz unten ausgrub, realisierte er, dass er vergessen hatte, welche Marke er geraucht hatte.
Wann hatte er selbst seine letzte Zigarette geraucht? Mit siebzehn, achtzehn? Als er mit seinem ach so lukrativen Nebenjob aufgehört hatte. Aber entscheiden zu können, was man für eine Schachtel Kippen tat und was nicht, war ein großer Fortschritt gewesen.
Es war ja nicht so, dass er sich noch um Lungenkrebs Gedanken machen musste, dachte er und hustete und lachte und heulte zugleich. Seine Finger zitterten so sehr, dass er die Zigarette fast nicht angesteckt bekam, weil die Feuerzeugflamme sich nicht zur Zigarette bewegen wollte. Als es endlich ging, lief er mit der brennenden Zigarette in der Hand zur Tür.
Sie werden keine achtzig werden. Aber mit Glück fünfunddreißig, hatte der Arzt gesagt. Konnte man das Glück nennen?
Er wusste nicht, wie er sterben würde. Zumindest jetzt noch nicht. Das hing davon ab, wie schnell der Krebs metastasierte und wohin.
Es würde einen Platz für ihn auf der Palliativstation geben, hatte ihm der Arzt versichert, der kaum älter aussah als er selbst - aber die meisten sagten ihm mittlerweile, dass er älter aussah als Andere in seinem Alter. Es würde Morphium geben. Genug Morphium. Er kannte die Neigung der Spitäler, aus den Patienten im "dauerhaft vegetativen Zustand" an Abrechnungen herauszuholen, was noch möglich war. Die Körper maximalinvasiv am Leben zu halten, bis die Fallpauschalen aufgebraucht waren. Aber er würde davon nichts mehr mitbekommen. Musste er dafür dankbar sein?
Er versuchte, eine bequeme Position für seinen Arm zu finden. Hielt er ihn hoch, breitete sich schnell ein unangenehmes Stechen in seinen Fingern aus, weil sie nicht mehr richtig durchblutet wurden. Spreizte er ihn zu weit ab, begannen die Muskeln zu krampfen. Ließ er ihn sinken, war da der ständig fühlbare Störfaktor in der Achselhöhle. Der feste Knoten im Gewebe war etwa erbsengroß gewesen, als er ihn unter der Dusche ertastet hatte, zufällig, er hatte nur sichergehen wollen, dass er sich sauber rasiert hatte.
Bei der Biopsie hatten sie versucht, so viel wie möglich herauszuschneiden. Aber er spürte den Knoten schon wieder. Oder war das noch die Schwellung an den frischen Schnittstellen? Nein, das fühlte sich anders an.
Die Operateure hatten nicht alles entfernen können, das hatten sie ihm schon gesagt. Der Tumor hatte sich um die Axillararterie regelrecht herumgewickelt. Der Krebs würde nachwachsen, direkt dort, wo sie geschnitten hatten, würde wieder erbsengroß werden, dann olivengroß, walnussgroß... würde weiterwachsen, immer weiter streuen.
Es würde dauern. Ein langsam wachsender Tumor, hatte der Arzt gesagt, gerade schnell genug wachsend, um als bösartig zu gelten, aber absurderweise war genau das eine schlechte Nachricht. Sich schneller teilende Zellen hätten auf Chemotherapie angesprochen, diese taten es nicht. Mit einer aggressiveren Form von Lymphdrüsenkrebs hätte er bessere Heilungschancen gehabt. Mit dieser konnte man nur immer wieder die Tumore chirurgisch entfernen, sobald sie groß genug wurden, um sie erkennen zu können. Die eigentliche Krankheit aber war nicht mehr zu heilen.
Im schummrigen Licht der Lampe über der Eingangstür streckte er den Arm aus, bewegte seine Finger. Alles sah so normal aus, so gesund. Seine Finger reagierten auf seine Befehle, sein Arm und hob und senkte sich, wie er es ihm befahl. Wäre da nicht dieser kleine Knoten unter der Achsel, er wäre ein gesunder junger Mann Anfang dreißig, der den größten Teil seines Lebens noch vor sich hätte.
Auch wenn es lange her war, dass er sich jung gefühlt hatte.
Er hatte nach einer Amputation gefragt. Wenn sie den Knoten nicht entfernen konnten, ohne die Blutversorgung des Armes zu zerstören, warum dann nicht die Radikalkur? Minus ein Körperteil war doch immer noch deutlich besser als tot.
"Nächste Woche kommen Sie ins CT, dann weren wir sehen, ob die Lymphdrüsen des Rumpfes schon befallen sind, da bestehen enge Verbindungen" hatte der Arzt geantwortet und die Weigerung, ihm direkt Antwort zu geben, hatte ihm alles gesagt, was er wissen musste. Er konnte den Tod noch nicht überall fühlen, aber er war längst überall. Wie weit er auch rannte, wohin er auch floh, er war immer an seiner Seite, in seiner Seite. Er lag mit ihm im Bett, streckte seine blutigroten Hände nach ihm aus, wo er auch ging und stand.
Dafür hatte er die letzten zwei Jahre gekämpft?
Jeden Tag an dem Aushang für das Trauercafé vorbeizugehen, das er nicht besuchen konnte, weil es von der Kirche organisiert wurde. Nach monatelanger Überwindung eine eigenen Trauergruppe zu gründen, zu der niemand kam. Den Therapeuten, bei dem er nach über einem Jahr Suche endlich einen Platz bekommen hatte, jede Stunde zu fragen, wofür er noch kämpfen sollte - kämpfen zu müssen war doch nicht das Problem, sondern dass der Grund fehlte - und nie etwas Anderes als wohlgeschliffene hohle Phrasen zurückzubekommen, die klangen, als habe er sie zu Studienzeiten aus einem Buch auswendig gelernt. Die kaum verhohlene Gereiztheit, die schiere Verachtung, die er im Gesicht seines Therapeuten zu erkennen glaubte, weil er ein hoffnungsloser Fall war, sich nicht weiterentwickelte, nicht aufhörte zu trauen, weil er so schwach war, so unmännlich. Die täglichen Besuche am Grab, auf das er keine Blumen legen konnte, weil die Familie sie immer wieder wegwarf, gnadenlos. Kamen sie nur auf den Friedhof, um zu kontrollieren, zu zerstören? Was waren das für Menschen, die ihr eigen Fleisch und Blut noch über den Tod hinaus derart hassten?
Die Chefin, die ihm immer wieder vorhielt, dass er nicht mehr so belastbar war. Die ihm immer noch vorhielt, dass er drei Wochen lang krankgeschrieben gewesen war, damals, vor zwei Jahren.
Er lehnte den Kopf an die Hauswand und schloss die Augen. Die Lampe über der Eingangstür war längst verloschen.
Er war müde. So unendlich, unerbittlich, alles zerstörend müde.
Bei ihm würde niemand mehr da sein. Niemand, der ihn zum Krankenhaus fuhr und wieder abholte. Niemand, der für ihn kochte, sein Bett neu bezog und zur Apotheke fuhr, wenn er dafür zu krank war. Niemand, der fragen würde, wie es ihm ging, ob er gerade eine Schulter zum Ausheulen brauchte, um irgendwie mit diesem Riesenhaufen Scheiße klarzukommen.
Würde überhaupt jemandem auffallen, wenn er starb? Was würde das Krankenhaus machen, wenn er dort zu den Behandlungen nicht mehr auftauchte? Würden sie nachforschen? Gut, dass er sich doch kein Haustier zugelegt hatte. Er hatte Katzen schon immer gemocht, aber so wie es aussah, hätte ihn ein Haustier irgendwann gefressen. Eine Sache weniger, um die er sich kümmern musste.
Apropos kümmern. Wie zum Teufel sollte er seine Beerdigung bezahlen? Wie musste er das festlegen, damit seine Familie an seine Wünsche gebunden war, anstatt seine Asche in den nächstbesten Tümpel zu kippen? Oder was auch immer sie vorhatten.
Andererseits würde niemand mehr da sein, um sein Grab zu pflegen.
Es war verdammt seltsam, so über sein Leben zu reden. Seinen Tod. Andere in seinem Alter planten gerade ihre Hochzeit, er dachte über seine Beerdigung nach.
Er nahm den letzten Zug von seiner Zigarette, sie schmeckte bitter und ließ ihn husten. Er hatte zu lange nicht mehr geraucht. Dann ließ er seinen schmerzenden Arm sinken.


Er erinnerte sie an jemanden.
Es dauerte eine Weile, bis sie darauf kam, an wen. Sie schob es auf den Schlafmangel.
Der junge Russe, der vor gut zwei Jahren hier eingeliefert worden war. Damals war sie gerade erst zur Palliativstation gewechselt. Im Hausflur umgekippt, die alte Nachbarin hatte den Rettungswagen gerufen. Hier bekamen sie ihn nicht mehr wach, bis sie ihn in die Röhre schoben und die Tumore sahen, die sich durch das Gehirn, den Kehlkopf, die Lymphbahnen gefressen hatten. "Sah aus wie Blumenkohlröschen auf den Bildern", hatte ihr die Oberärztin beiläufig in der Kantine erzählt. Sie war sehr dankbar gewesen, dass an diesem Tag kein Blumenkohl auf dem Speiseplan stand.
Er war einer der Ersten gewesen, denen sie das Laken über das Gesicht gezogen und sein Bett in den Keller zum Kühlraum gefahren hatte. Vielleicht sogar der Allererste. Sie wusste es nicht mehr genau.
Nuri hier war auch so eine Überraschungstüte gewesen. Wenn der Notarzt einen Patienten mit "aus Hausbrand gerettet, nicht ansprechbar" übergab, erwartete man eine schwere Rauchgasvergiftung, aber nicht, das der Körper, der da vor einem lag, unter den Brandwunden voller harter Knoten war.
Am Anfang hatte sie sich gefragt, ob er es absichtlich getan hatte. War der Hausbrand wirklich nur ein Versehen gewesen, oder der Versuch, einen Suizidversuch zu vertuschen? Sie hatte versucht, wütend auf ihn zu sein, dafür, dass er andere Menschen in Gefahr gebracht hatte - auch wenn der Brand rechtzeitig gemeldet und bekämpft worden war und es letztendlich bei Sachschäden geblieben war. Aber sie hatte verstanden, dass sie sich nicht anmaßen konnte zu glauben, sie könne verstehen, was in diesem Moment durch seinen Kopf gegangen sein musste.
Der Hausarzt hatte ihm erst am selben Abend die Diagnose überbracht, so viel war mittlerweile selbst zu ihr durchgesickert.
Ob er Schmerzen spürte im Koma? Es sollte nicht so sein, die Medikamente waren großzügig eingestellt. Sie hatte ihn schon häufig gewaschen, hatte die Wunden an seiner Seite gesehen und den tief eingegrabenen Krater am Bein, die Haut, die nicht heilen konnte, weil das Fleisch darunter nicht mehr gesund war.
Wie bei dem jungen Mann damals kam kein Besuch, rief nie auch nur jemand an, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen.
"Hast du ein Mädchen irgendwo dort draußen, mein Junge?" hatte sie ihn gefragt, als sie an seinem Bett saß und die borkig vertrockneten Krusten in seinem Mund mit einem Pflegeset abschabte. Sie zog es vor, mit ihnen zu reden. Das hielt sie davon ab, von ihnen als tot zu denken, bevor sie es waren. Wer wusste, ob irgendein Teil ihrer Seelen noch etwas davon mitbekam. Schaden konnte es jedenfalls nicht.
Aber wenn es ein Mädchen gegeben hatte, dann war es nie gekommen.
"Du machst dich auf die Reise, nicht wahr?" hatte sie ihn vor ein paar Tagen gefragt, als sie an seinem Bett saß und seinen Fünftagebart glatt abrasierte und hatte dem Impuls widerstanden, ihm durch das Haar zu streichen wie die Mutter, die an seinem Bett sitzen sollte und die nicht kam. Für eine erfahrene Krankenschwester wie sie waren die Anzeichen offensichtlich - seine Haut hatte einen fahlen gelblichgrauen Ton angenommen, seine Füße und Hände waren kalt, die Sauerstoffsättigung wurde schlechter. Hatte sie zu Beginn noch manchmal den Eindruck gehabt, dass seine Augenlider zuckten, wenn sie mit ihm redete, so passierte das schon lange nicht mehr. Er schlief jetzt immer tiefer.
Erst heute hatten sie ihn nochmal im CT gehabt, hatte sie in seinen Berichten gelesen. Morgen sollte er wieder in den OP. Bauchdecke wieder aufmachen, wegschneiden was man wegschneiden konnte, dann die große Herz-OP, sie wollten Zugänge für ein künstliches Herz legen, weil die Tumore sein eigenes mittlerweile größtenteils blockierten. Das Unvermeidliche noch ein paar Tage, ein paar Wochen hinausschieben. Wofür?
Nein. Ihr Nuri sollte in Ruhe gehen dürfen.
Sie öffnete das Fenster, hielt einen Moment lang inne, um die kühle Nachtluft einzusaugen. Sie hatte nichts, um den Spiegel abzudecken, aber er ließ sich leicht aus seiner Verankerung lösen und sie stellte ihn dicht an die Wand. Sie hatte schon ein paar Mal nachgespritzt. Es musste getan sein, bevor die Tagschicht übernahm.
Mit ruhigen Händen zog sie die voll aufgezogene Spritze aus der Kasacktasche und stach sie mit jahrelanger Übung in die Zuleitung des Tropfes. Drückte den Kolben hinunter. Entleerte die Spritze.
Sie kam nicht mehr dazu, sich an sein Bett zu setzen und seine Hand zu halten, bevor die Alarme um sein Bett herum losschrillten.
Sie schaltete sie ab.
Ob wenigstens auf der anderen Seite jemand kam, um ihn in Empfang zu nehmen?
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