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Musikliebe

GeschichteRomance / P16 / Het
25.07.2021
11.09.2021
14
20.623
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25.07.2021 1.599
 
"Moin", begrüßte mich mein Vater vom kleinen Küchentisch aus. Ich rieb mir mit einer Hand die Augen, die andere hob ich als Begrüßung, dazu ein gemurmeltes "Moin". Mein schwarzes "Alexisonfire"-Shirt, welches ich mir bewusst in Größe L gekauft hatte, hing mir weit über die Oberschenkel und darunter erkannte man meine karierten Boxershorts. Bald würde noch ein neues Shirt ankommen – die Lieferung hatte sich immer wieder verzögert und ich ersehnte es schon herbei. Der Gedanke daran ließ mich grinsen. Schade nur, dass ich die Shirts nicht in der Schule anziehen konnte. Es wäre die Hölle auf Erden, wenn man anfangen würde, mich uninformierter Weise in irgendwelche Schubladen zu stecken. „Punk“ hatte man mich an meiner alten Schule einmal genannt, dabei hatte ich mit Punk eigentlich überhaupt nichts am Hut. Außer, dass man das auch gerne mal hören konnte.
Im Hintergrund lief ein Lied von den Ärzten, der absoluten Lieblingsband meines Vaters, der über seine Zeitung gebeugt saß und Kaffee schlürfte. "Wochenende ist 'ne schöne Sache, nicht?", gab ich zufrieden von mir und streckte mich. Ja, da konnte ich mal so richtig schön ich selbst sein. Wie befreiend.
Ich tappste mit bloßen Fußsohlen zu ihm und ließ mich ihm gegenüber auf den Stuhl sinken, nahm ihm seinen Kaffee ab und trank selbst einige Schlucke. Daran hatte er sich bereits gewöhnt. Seine braunen Haare waren kurz und seine Augen waren grau. Mit ein bisschen blau drin. Meine rotblonde Haarfarbe hatte ich von meiner Mutter und meine Augen waren auch mehr grün als blau, dafür hatte ich sowohl mehr Charakterzüge und auch die gleiche Nase wie mein Vater.
Ich suchte mir zwei Toastschnitten vom Tisch, zog die Beine an, sodass ich komplett auf meinem Stuhl hockte und mümmelte an dem trockenen Brot. "Du glaubst nicht, wie nahrhaft das ist", scherzte mein Vater und grinste mich schief an. Ich streckte ihm gespielt beleidigt die Zunge heraus und hörte weiter den Ärzten zu.
"Hast du heute etwas vor?", fragte mein Dad, als er die Zeitung zusammen faltete und mich wieder direkt ansah. Ich zuckte bloß mit den Schultern. "Ich werde wahrscheinlich wieder Matthias in seinem Laden besuchen und dort ein bisschen umher wuseln. Standard, würde ich sagen." Ich sah aus dem Fenster, die Sonne schien, nur einige weiße, unaufdringliche Wolken schoben sich über den blauen Himmel. Ich lächelte. "Vielleicht geh ich auch in den Park an den Teich und les ein wenig. Oder starre durch die Gegend." Aber Matthias' Laden würde ich definitiv besuchen. Matthias war vierunddreißig Jahre alt und single. Er meinte, er hätte keine Zeit neben dem Laden für eine Beziehung. Das war natürlich gelogen. Er sah zwar nicht schlecht aus, war aber eher unbeholfen mit der weiblichen Bevölkerung.

In ein luftiges schwarzes Top und karierte Shorts gekleidet, stiefelte ich durch die Stadt. Auf meiner Umhängetasche blitzte ein rotkarierten Aufneher, auf den ich zwei Knöpfe und einen zugenähten Mund genäht hatte. Was heraus kam, wenn man zu viel Zeit hatte und eine alte Jacke zerschnitt. Ich hatte mich mit einem Buch und Kopfhörern ausgestattet. Damit sollte ich über den Tag kommen. Melodien und harte Riffs dröhnten mir in die Ohren, als ich durch die Straßen zog. Der Weg zu „Heaven´s Gate“ war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, den hätte ich blind gehen können. Der Laden lag eher abseits, weiter weg von den viel besuchten Boulevard-Straßen und Einkaufsmeilen. Es war hier äußerst unwahrscheinlich, jemanden aus meiner Schule zu treffen. Heaven´s Gate war ein kleiner Laden, der von außen ein klein bisschen schäbig wirkte. Das Haus war recht alt und man hatte teilweise versucht, die Grafitti notdürftig zu entfernen. Durch die zwei Schaufenster rechts und links vom Eingang sah man auf Regale voller Platten und hinten rechts konnte man Matthias am Tresen stehen sehen. Die Tür des Ladens war alt und verschnörkelt verziert – das verlieh dem schäbigen Laden dann einen eher stylischen shabby-chic Look. Ich liebte es.
"Hey-Ho, Matthias. Hast du mich vermisst?", rief ich fröhlich in den Laden, als ich durch die Tür schritt. Meistens waren hier wenige bis gar keine Leute zugange, heute hatte sich aber ein Kerl mit blond gefärbten Haaren hier eingefunden und hob grinsend eine Hand. Ich erwiderte die stumme Geste und ging vor zum Tresen, vor welchem der dunkelhaarige mit Drei-Tage-Bart saß und bis gerade eben noch dumm in der Gegend herum geguckt hatte. "Klar, Kira, immer doch. Wie geht's?" Ich grinste ihn breit an. "Super, Wochenende hat etwas so befreiendes an sich. Und bald kommt mein neues Shirt. Und dann ist die kleine Kira unglaublich glücklich." Der Mann vor mir lachte leicht. "Wann hast du nochmal Geburtstag?", fragte er lächelnd und sah kurz zu dem blonden Kerl. Er war etwas älter als ich, zwanzig vielleicht. "Am vierten September, wieso?"
"Komm dann her, ich schenk dir was", meinte er und zwinkerte mir zu. Meine Augen wurden groß. "Echt? Nein, musst du nicht! Und was?" Matthias lachte und auch der blonde Junge kicherte leicht vor sich hin. Mein Blick ruhte kurz auf ihm, dann achtete ich wieder auf den Verkäufer. "Siehst du dann in einem Monat, Kleines." Schmollend plusterte ich die Wangen auf, lachte dann aber ebenfalls. „Brauchst du heute Hilfe?“, fragte ich umsichtig. „Ich weiß ja nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber die Hütte brennt jetzt nicht unbedingt vor Kundenandrang.“ Dabei gestikulierte Matthias mit einer schwungvollen Geste durch den Raum. Ich grinste schief. „Du hast da einen ganz guten Punkt, würde ich sagen.“
„Mach niemals einen Laden auf. Es ist wunderbar, aber es ist furchtbar“, scherzte er mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck. Ich musste kichern. „Ich merk´s mir. Hast du heute noch eine Empfehlung für mich? Also abgesehen von der Sache mit dem Laden. Eher so etwas in Richtung Musik – du weißt schon, dein Job.“
„Du lehnst dich hier ganz schön weit aus dem Fenster, Kira, halt mal den Ball flach“, lachte Matthias herzlich. „Aber ja, ich habe immer Empfehlungen für dich.“
Während Matthias mir noch ein, zwei Bands empfahl und mir einige Lieder über seine Anlage anspielte, näherte sich irgendwann der blonde Kerl.
„Alex, na, hast du dich auch mal entschieden? Wie laufen die Proben?“, fragte Matthias prompt. Der Blonde schien ihm also bekannt zu sein. Er legte zwei CDs auf den Tresen – eine von einer bekannten Metalband aus Finnland, welche auch ich sehr gerne hörte und eine, die mir überhaupt unbekannt war. "Du glaubst gar nicht, wie viel Stress Nico wegen dem Gig macht", lachte der Blonde und ich wurde hellhörig. Ich musterte ihn möglichst unaufällig von der Seite. Er war schlacksig gebaut, schien aber etwas seine Arme zu trainieren. Die Haare hatte er sehr hellblond gefärbt und ein Piercing zierte seine Unterlippe. Alles in allem fand ich ihn schon recht attraktiv. Er erinnerte mich an den Sänger einer Band, die ich gern hörte.
"Gott, er macht sich so viele Sorgen, dass irgendwer von uns seine Parts verhaut, das ist so nervig, dass es schon wieder amüsant ist. Als würden wir erst seit gestern zusammen spielen. Manchmal ist er echt etwas affig."
"Naja, Nico halt. Du kennst ihn doch. Wie du sagst, ihr spielt ja nicht erst seit gestern zusammen. Er ist halt ein kleiner Nerven-Peter. Was machst du jetzt eigentlich, so endgültig? Den Vokalpart oder die Drums? Ihr konntet euch doch lange nicht so wirklich einigen", entgegnete Matthias lächelnd. Irgendwie wirkte er, als würden sich die beiden schon lange kennen. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz und von der Unterhaltung ausgeschlossen.
„Ich bleib bei den Drums, das kann ich am besten. Nico singt. Außer mein Baby, das werde für immer ich singen“, lachte der Blonde herzlich. Als er meinen peinlich berührten Blick sah, rieb er sich verlegen den Nacken. „Sorry, ich wollte eigentlich gar nicht so in euer Gespräch platzen, das war total unhöflich.“ Ich kam nicht umhin, diese Bemerkung von ihm niedlich zu finden und machte eine abwinkende Handbewegung. „Gar kein Ding, ehrlich“, sagte ich, um Contenance bemüht.
„Alex, das ist Kira. Kira – Alex“, stellte uns Matthias im nächsten Moment vor. Alex streckte die Hand nach mir aus – ganz altmodisch. Ich schüttelte sie und lächelte verlegen. „Du hilfst hier immer mal aus, hab ich gehört. Studierst du?“, fragte er mich.
Ich kicherte und winkte wieder ab. „Ne, ich geh´ noch zur Schule. Aber ja, manchmal verdiene ich mir hier ein kleines Taschengeld dazu. Ich mag den Laden hier.“ Fahrig strich ich mir eine rotblonde Haarsträhne hinters Ohr und wandte den Blick ab. Mein Gesicht wurde warm und ich hatte plötzlich das Bedürfnis, den Laden zügig zu verlassen. „Okay, Matthias, ich störe nicht weiter und komme Dienstag vorbei nach der Schule.“ Noch bevor Matthias wirklich etwas erwidern konnte, war ich aus dem Laden geflüchtet. Ich hörte noch, wie er mir ein verdutztes „Okay, bis dann“ hinterher rief.
Erneut strich ich mir eine lose Strähne hinters Ohr und stöpselte mir schnell die Ohrhörer in die Ohren. Mein Herz pochte schnell. Mit fremden Menschen sprechen war nicht immer einfach für mich. Und dann auch noch gerade von einem Angehörigen des männlichen Bevölkerungsteils. Ich schämte mich für den plötzlichen Abgang. Irgendwie war es auch echt unhöflich gewesen, so augenblicklich abzurauschen. Am liebsten wäre ich zurück gegangen und hätte mich entschuldigt. Aber ich lief weiter in Richtung Park. Dort würde ich mich irgendwo ins Gras legen und mich in die Fantasiewelt meines Buchs flüchten, in der Hoffnung, nicht mehr über diese Situation nachdenken zu müssen.
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