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Musikliebe

GeschichteRomance / P16 / Het
25.07.2021
11.09.2021
14
20.623
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25.07.2021 541
 
Vor einem Jahr zog ich mit meinem Vater um – totaler Neuanfang. Meine Mutter war verstorben und wir hielten es nicht mehr aus. Jeden Tag diese Straße zu sehen, in welcher meine Mutter zu Tode gekommen war, war zu viel für uns. Also ließen wir diese Stadt hinter uns. Das half.
Meine Schulzeit war noch absehbar, doch fühlte sie sich noch quälend lang an seit wir hier waren. Alles war hier so anders, abgehoben könnte man sagen. Die Mädchen meiner Klasse waren alle aufgedonnert, trugen Handtaschen und schminkten sich auffällig. Sie tratschten über Schauspieler und Popmusiker und ich konnte überhaupt nicht mitreden. Die Jungen? Sie trieben vor allem Sport, gingen ins Fitnessstudio und generell – ich kam nicht so recht an irgendwen heran. Doch trotzdem fand ich mich relativ schnell bei den Mädchen gut aufgenommen, auch wenn ich ihrem Stil so überhaupt nicht entsprach. Sie schienen mich als ungeschliffenen Diamant wahrzunehmen, als hässliches Entlein, welches sie noch in einen schönen Schwan verwandeln könnten. Ich war seit jeher sehr schüchtern und gab ungern zu schnell Dinge von mir Preis. Also zeigte ich den Mädels nicht, wie ich eigentlich war. Oder wie ich eigentlich sein wollte. Ich hörte mit ihnen kitschige Popmusik und zeigte niemandem meine Liebe zum Metal. Beim Shoppen ließ ich mir einen Rock andrehen – dabei trug ich doch vor allem gerne Shorts und Bandshirts.
Ich fühlte mich oft, als würde ich mich selbst betrügen. Dem gegenüber stand diese furchtbare Angst davor, allein zu sein. Allein zu bleiben. Ausgestoßen. Ich ärgerte mich darüber, dass ich so dachte. Aber sobald ich einige Wochen so getan hatte, als würde ich dazu gehören, hatte ich auch nicht das Gefühl, da so einfach wieder herauszukommen. Also spielte ich weiter diese Rolle.
Immerhin zuhause konnte ich ich selbst sein. Mein Vater hatte mir seinen Musikgeschmack vererbt und ich konnte in unserer Wohnung mein Zimmer ganz nach meinen Wünschen einrichten. Eine Wand war dunkelgrün gestrichen und voller gerahmter Poster. Dort trug ich meine Bandshirts. Dort war ich ganz frei und ganz ich. Da mein Vater viel arbeiten musste – einerseits um unser Leben zu finanzieren, andererseits um abgelenkt und beschäftigt zu bleiben – merkte er nicht, wie ich mich für die Schule verstellte. Jedenfalls dachte ich das.
Was mir half, mich tagtäglich über Wasser zu halten, war meine Liebe zur Musik. Ich spielte Gitarre und sang gern Rockklassiker und half manchmal in einem kleinen nischigen Plattenladen aus. Total altmodisch, aber sehr stilvoll war „Heaven´s Gate“, der Laden von Matthias. Es war ein gut sortierter Laden für Schallplatten und CDs, ein Himmel für analoge Musikliebhaber. Ich genoss es sehr, dort zu sein und die Platten zu sortieren, für Ordnung zu schaffen. Das war nicht unbedingt Matthias´ Stärke. Aber vor ihm konnte ich auch ich sein.


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Kleines Nachwort:
Hallo, ich bin Chibi und war vor Jahren hier mal aktiv. Gestern hat mich in einem Anfall der Prokrastination das Schreiben gepackt. Das habe ich seit Jahren nicht mehr. Also habe ich diese alte Geschichte ausgegraben und sie ein bisschen aufpoliert. Und mal weiter als anderthalb Kapitel geschrieben.
Ich bin etwas eingerostet mit dem Schreiben, kann aber sagen, dass es mir bis hierher schon einmal viel Spaß gemacht hat. Ich hoffe, ihr könnt auch eure Freude daran finden.
Danke für´s Vorbeischauen und liebe Grüße!
Chibi
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