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Absturz in eine andere Welt

KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Nr.4 / Klaus Hargreeves / The Séance
24.07.2021
24.07.2021
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Tag ein Tag aus, derselbe Alltag. Klaus kannte es bereits zu gut. Das einzige, was zumindest ab und zu für Abwechslung sorgte, waren die Missionen. Doch selbst diese wurden mit der Zeit immer routinierter. Die Eintönigkeit stieg ihm langsam aber stetig zu Kopf, umso mehr Zeit verging. Dies lag tatsächlich aber nicht daran, dass die Tage, Wochen und Monate nahezu identisch verliefen, sondern lediglich an den finsteren Schatten die Klaus Tag für Tag zu verfolgen schienen.

Es war zwar auch nicht so, dass er sich nicht etwas mehr Abwechslung in seinem Alltag gewünscht hätte, jedoch hatte er einfach weitaus größere Sorgen, die ihm Kopfzerbrechen bescherten. Sein stetig durchgeplanter Alltag war ein Kinderspiel im Vergleich zu der Bürde, die seine Superkraft, die ihn besonders machen sollte, mit sich brachte. Niemand konnte verstehen, wie zermürbend es für ihn war, mit seiner besonderen „Gabe“ leben zu müssen. Wenn man es nicht selbst erleben und durchstehen musste, konnte man nicht einmal annähernd nachvollziehen, wie sehr der Junge von allem belastet wurde. Ein schweres niederdrückendes Gefühl der Hilflosigkeit wurde Klaus praktisch schon in frühen Kindertagen in die Wiege gelegt.

Schon immer unterschied er sich von seinen Geschwistern. Sie hatten zwar alle ihre eigenen individuellen Superkräfte, aber dennoch hätten sie unterschiedlicher nicht sein können. Man könnte zwar meinen sie wären sich charakterlich zumindest etwas ähnlich und könnten sich miteinander am besten identifizieren, da sie durch ihre verschiedenen Superkräfte verbunden waren, allerdings war dies nicht der Fall. Die Geschwister unterschieden sich grundlegend voneinander, doch genauso sehr, unterschieden sie sich auch von gewöhnlichen Menschen. Sie waren die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die zusammen eine chaotische, von Problemen verfolgte, Familie bildeten.

Sie alle waren so verschiedene Individuen. Ihre Unterschiedlichkeiten waren zum Teil so groß, dass sie sich bei einer zufälligen Begegnung vermutlich nie näher hätten kennenlernen wollen, wenn sie nicht gerade alle von demselben Mann adoptiert worden wären. Durch die gegebenen Umstände wurden sie zu einer Familie, doch wenn die Würfel auch nur ein wenig anders gefallen wären, hätten sie sich alle, mit hoher Wahrscheinlichkeit, niemals kennengelernt. Doch die Fragen von wenn und aber, was geschehen wäre, wenn die Geschichte nur ein bisschen anders abgelaufen wäre, spielten längst keine Rolle mehr. Schließlich ließen die Fakten sich nicht ändern. Selbst wenn sich dies der ein oder andere vielleicht sogar wünschte.

Zu genau diesen unumstößlichen Fakten zählte sowohl die Tatsache, dass Klaus sich unter seinen Geschwistern nicht als vollwertiges Mitglied fühlte, als auch, dass er sich immer und immer wieder den, teils erniedrigenden und beängstigenden, Erziehungsmetoden seines Vaters beugen musste. Oftmals fühlte er sich in dieser Familie machtlos. Machtlos in allem was er tat. Klaus wusste, dass es weder ihm noch einem anderen seiner Geschwister gelang, ihren Vater wirklich zufrieden oder gar stolz zu machen. Das beängstigende war damals für ihn, dass er genau wusste für wie nichtsnutzig sein Vater ihn hielt.

Für gewöhnlich sollten nur einfühlsame Menschen, die sich wirklich um das Wohlergehen von Kindern sorgen, auch die Erlaubnis bekommen sie zu adoptieren. Doch der engstirnige eisklötzige Mann, der vor Jahren nicht nur eins sondern gleich sieben Kinder adoptierte, war weder einfühlsam, noch in sonst irgendeiner Weise als Vater geeignet. Er konnte zwar dafür sorgen, dass die Kinder genug zu essen bekamen und ein Dach über dem Kopf hatten, jedoch konnte kein Geld oder Luxus der Welt das Gefühl, von väterlicher Liebe ausgleichen.

Alle sieben Kinder lernten mit der Zeit, dass sie ihrem Vater nie gut genug waren, denn dieser scheute sich nie seine Missbilligung oder Enttäuschung ganz offen zu zeigen. Manche von ihnen vergruben den Gedanken daran, dass ihr Vater sie nie wirklich liebte. Es war für die Kinder verständlicherweise schwer zu akzeptieren.

Insbesondere Luther nahm es nicht einmal richtig war. Er war seine komplette Kindheit darauf fixiert seinen Vater stolz zumachen, obwohl dies ein unmögliches Unterfangen war. In seinem Eifer dachte er nicht einmal eine Sekunde daran, dass sein Vater sich nie liebevoll um ihn, oder den Rest seiner Geschwister gekümmert hatte.

In den ersten Jahren ihres Lebens, bemerkten die Kinder noch nicht, wie gravierend sich ihr Leben von dem von anderen Kindern unterschied. Schließlich kannten sie es nicht anders. Sie waren noch zu jung und unerfahren um zu begreifen, dass sie keine normale Kindheit auslebten, sondern zu einem großen Experiment gehörten, welches von ihrem Vater geleitet wurde. Ihre Kindheit war ein einziges Experiment. Ihr ganzes Familienzusammenleben war ein Experiment. Ein tägliches Training stand für die Kinder an der Tagesordnung. Sie lernten zu kämpfen und ihre Kräfte richtig einzusetzen. In ihrem geregelten Tagesablauf war somit wenig Zeit um zu spielen oder etwas zu unternehmen, was ihnen wirklich Freude machte. Die Kinder mussten sich pausenlos an alle möglichen Hausordnungen und Regeln halten. Genau dies war auch der Punkt, der dafür sorgte, dass sie sich nicht richtig entwickeln konnten. Die Entwicklung von Kindern war schon immer ein schwieriges Thema. Zu wenig Zuwendung der Eltern konnte schnell dafür Sorge tragen, dass sie sich in eine negative Richtung entwickeln. Das Verhalten der Bezugspersonen sorgte schon immer maßgeblich dafür, dass man sich in eine gute oder schlechte Richtung entwickelt. Wenn Kinder somit, wie in diesem Fall, bei einem Menschen aufwachsen der sich nicht einmal richtig für sie interessiert, konnte das zur starken negativen Beeinflussung für das ganze restliche Leben führen.

Nach über 13 Jahren in denen die Geschwister schon mit ihrem Vater zusammenlebten war viel passiert. Sie wussten alle, dass sie durch ihre Kindheit im negativen Sinne geprägt wurden, jedoch sprachen sie nie miteinander darüber. Es war praktisch ein offenes Geheimnis über das jeder Bescheid wusste, worüber allerdings nie gesprochen werden wollte. Sie hatten alle das Gefühl, dass es sich nicht so beängstigend und real anfühlte, wenn sie das Thema einfach unangerührt auf sich beruhen ließen. Deshalb wurde das Thema todgeschwiegen.

In all den Jahren war viel passiert. Obgleich sie noch nie die harmonischste Familie waren, gab es einige Vorfälle, die das Familienleben noch mehr zerrütteten und gänzlich auseinanderrissen. Von 7 Kindern waren nur noch 5 übrig. Einer sprang durch die Zeit und war seit jenem Zeitpunkt her verschwunden und nie wieder zurückgekehrt. Und der andere, Ben, verlor, einige Zeit später, sein Leben bei einer Mission. Bens Tod lag erst wenige Wochen zurück und somit waren alle von tiefer Trauer erschüttert. Zwei große Verluste lagen ziemlich nah aneinander. Und da noch nicht viel Zeit vergangen war, hatten die Kinder noch mit der Trauer zu kämpfen.

Die restlichen 5 Geschwister waren sehr bekümmert. Nicht nur, dass sie den Verlust zweier Brüder verkraften mussten, sondern auch, dass diese Schicksalsschläge ihren Vater nicht daran hinderten ihr Training weiterhin erbarmungslos durchzuziehen.

Doch es sollte noch zu einem weiteren Ereignis kommen, welches die Grundsteine der Familie weiter erschütterte.

Im November des Jahres 2002 ging es Klaus zunehmend schlechter. Jedoch nahm dies niemand zur Kenntnis, außer er selbst und Ben, der Klaus seit seinem Tod zur Seite stand. Seine anderen Geschwister nahmen es nicht war, denn sie waren mit sich selbst zu sehr beschäftigt, doch Klaus konnte es ihnen auch nicht verübeln, selbst wenn er gewollt hätte.

Er war nur froh, dass er Ben an seiner Seite hatte. Eigentlich nahm der Braunhaarige seine Kraft mit den Toten kommunizieren zu können immer als Last war. Als sein Bruder jedoch starb, war er zum ersten Mal froh, mit dieser Superkraft geboren zu sein. Zumindest war er nun zu einem kleinen Teil froh darum.

Diese Gabe brachte ihm mehr Schmerz, als andere Personen, Unbeteiligte, jemals sehen oder auch nur erahnen konnten. Somit war er nur in diesem einem einzelnen Punkt froh um seine Begabung. Schließlich gab es, außer dem positiven Faktor das er noch mit Ben reden konnte, genug schlimme furchteinflößende Nachteile, mit denen Klaus leben musste.

Anfang November ereignete sich der entscheidende Auslöser, der dazu führte, dass sich Klaus´s Gemütszustand ab diesem Zeitpunkt innerhalb eines einzigen Monats stetig verschlechtere.

Eigentlich war es ein ganz normaler Abend, als es passierte. Das Abendessen war schon überstanden, doch sie saßen noch alle am gemeinsamen Esstisch. Die Geschwister mussten sich bald für die Nachtruhe fertig machen. Somit suchten sie nach und nach ihre Schlafzimmer auf. Auch Klaus stand auf und wollte die Tür durchqueren. Bevor er das Zimmer jedoch verlassen konnte, hielt er in der Bewegung inne, da er von der plötzlich erklingenden, laut hallenden und strengen, Stimme seines Vaters erschreckt wurde: „Nummer 4, du kommst mit in mein Büro. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.“ Klaus war überrascht und er konnte nicht bestreiten, dass er sich fürchtete, da es nie etwas Gutes bedeuten konnte, ein Gespräch unter vier Augen mit seinem Vater führen zu müssen.

Klaus ergab sich seinem Schicksal, als er aus dem Türrahmen hinaustrat und einige Schritte rückwärtsging, um seinem Vater Platz zu machen. Er blickte resigniert auf den Boden, als er die Schritte seines Vaters vernahm, die ihm langsam immer näher kamen. Zeitgleich kniff er mit seinen Fingernägeln fest in seine Oberschenkel, um sich von der angespannten Situation abzulenken, während er die, für ihn, bedrohliche Präsenz seines Vaters plötzlich direkt neben sich wahrnahm. Obwohl er nicht hochschaute, konnte er den überheblichen Blick von Sir Hargreeves gänzlich spüren. Klaus brauchte es nicht zu sehen, um genau zu wissen wie der pure arrogante und herablassende Blick seines Vaters aussah. Denn das wusste er auch so gut genug. Zu oft musste er diesen Blick schon ertragen. Und zu oft konnte er seinem Vater nicht standhalten. Klaus konnte ihm einfach nichts entgegensetzen. Als sein Vater das Zimmer schließlich nach etlichen langanhaltenden Sekunden verließ, folgte Klaus ihm mit einem weiten Abstand. Eigentlich war der Junge kein Mensch der so schnell klein bei gab. Doch bei seinem Vater konnte keiner seiner Geschwister und auch er nicht wirklich Konter geben. Es war für ihn, als wäre er plötzlich ein völlig anderer Mensch. Eine wehrlose Person, die nicht dazu fähig war sich selbst treu zu bleiben und sich im Notfall zu verteidigen.

Klaus verabscheute seinen Vater für all jenes, was er ihm in seinem Leben schon angetan hatte. Jedoch konnte er dieser Verachtung und Wut, die er empfand einfach keine Luft machen. Denn egal wie viel Abscheu er gegenüber diesem Mann auch empfand, konnte er sich gegen ihn nicht durchsetzen. Sein Vater strahlte schon immer diese Autorität aus, vor der man sich nur fürchten konnte. Eigentlich sprach Klaus meistens lang und viel, doch bei seinem Vater war er völlig einsilbig und eingeschüchtert. Mit den Jahren entwickelte sich bei ihm einfach so eine Angst. Immerhin hatte Reginald Hargreeves schon oft genug klar gemacht, zu welchen Erziehungsmethoden er greifen konnte, wenn er es für angebracht hielt. Und vor eben jenen Erziehungsmethoden  fürchtete Klaus sich mehr als alles andere. Zu oft musste er den seelischen Schmerz ertragen, den sein Vater ihm zufügte. Zu oft war Klaus kurz dafür endgültig zu zerbrechen und dem Leben zu entgleiten.

Als sich die Bürotür hinter Vater und Sohn schloss, fühlte es sich für Klaus an, als hätte sich eine Gefängnistür mit schwerem Schloss hinter ihm zugezogen, die ihn für immer einsam und alleine gefangen halten sollte. Sein Vater setzte sich hinter seinen Schreibtisch ohne ihn weiter zu beachten. Keiner sagte ein Wort. Doch als Klaus es schlussendlich doch über sich bringen konnte seinen Blick vom Boden abzuwenden und seinen Vater in die Augen zu schauen, war er plötzlich fassungslos. Eigentlich war es gewohnt die Verachtung in den Augen dieses Mannes zu sehen, doch noch nie war es so schlimm, wie in diesem Moment. Sir Hargreeves blickte seinem Sohn voller Hohn, Verachtung und sogar ein wenig Spott entgegen. Doch zusätzlich war er auch amüsiert. Er war darüber amüsiert, wie niedergeschlagen Klaus in diesem Moment aussah. Als Klaus realisierte, dass sein Vater es augenscheinlich amüsant fand, wie mitgenommen und alles in allem fertig und kaputt er, von den ganzen Missionen und dem ganzen Alltag mit seiner Superkraft, war oder das er sich vor dem kommenden Gespräch fürchtete, war Klaus sowohl fassungslos als auch schockiert. Zudem war er beschämt darüber, dass er es nicht schaffte etwas zu sagen. Dass er seinem Vater nicht deutlich machte, dass er ihn und seine Geschwister nicht so behandeln durfte.

Bevor noch weitere Zeit verstrich, ergriff Sir Hargreeves schließlich schon regelrecht erbost das Wort: „Nummer 4, ich gehe davon aus, du weißt warum ich mit dir sprechen muss. Dein Training geht nur schleppend voran und ich verlange sofort eine Erklärung, warum du nicht viel mehr daran arbeitest dich zu verbessern!“

Daraufhin wurde der Jugendliche von seinem Gegenüber mit einem lauernden, zugleich, auffordernden Blick bedacht. Klaus wusste, dass er seinem Vater eine zufriedenstellende Antwort liefern musste, doch er wusste einfach nicht wie.

Als Sir Hargreevess Blick noch immer zorniger wurde, versuchte Klaus schließlich mit viel Mühe eine Antwort zu geben, jedoch war seine Stimmer sehr stockend, leise und brüchig: „Ich..ich  also, ich ge.. gebe mir doch mühe.. mich zu ver…verbessern.“

Sein Vater schnaubte daraufhin verächtlich. Weitergehend sprach er spottend und voller Wut: „Das ist doch Schwachsinn. Du gibst dir nicht annähernd genug Mühe, sondern bist faul und probierst nicht die volle Stärke deiner Kräfte auszureizen. Von all deinen Geschwistern bist du, Nummer 4, die allergrößte Enttäuschung. Doch ich werde nicht zulassen, dass es eine Verschwendung meines Geldes war, dich damals adoptiert zu haben. Deshalb werden wir gleich heute Abend eine weitere Trainingseinheit im Mausoleum durchführen. Das haben wir in der letzten Zeit wohl zu sehr vernachlässigt. Hast du verstanden, Nummer 4? Wir machen uns nun direkt auf den Weg. Antworte, wenn du das verstanden hast!“

Bei den Worten seines Vaters riss Klaus schockiert die Augen auf. Er war nicht von dem harschen Tonfall, der Verachtung und gar den verletzenden Worten überrascht, sondern lediglich schockiert darüber, dass sein Vater es ihm wieder antun wollte. Dass sein Vater ihn wieder dieser Folter, der puren seelischen Pein, aussetzten wollte.

„N…nein, bitte, dass .. dass bring doch nichts.“, sprach Klaus leise mit der kleinen Hoffnung er könnte seinem Vater von seinem Vorhaben abbringen.  

Doch sein Vater ließ sich nicht erweichen. Dies war noch nie möglich. Hargreeves sagte daraufhin lediglich mit harschem Tonfall: „Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt.“ Während er dies sagte, stand er von seinem Stuhl wieder auf und ging langsamen Schrittes auf Klaus zu.

Bevor Klaus sich versehen konnte, schlug sein Vater ihn fest in seinen Bauch und brachte ihn so zum Taumeln. Vom Schwindel übermannt, bekam er nur am Rande mit wie sein Vater eine Spritze, aus einer Tasche seines Jacketts, hervorzog und ihm den Inhalt injizierte. Eine bleierne Müdigkeit legte sich urplötzlich auf Klaus´s Gemüt. Anfangs probierte er sich noch zu wehren, da ihm doch klar war, welch grauenvolle Zeit auf ihn zukommen sollte. Jedoch war er nicht mehr dazu fähig gegen seinen Vater oder gegen das Schlafmittel anzukämpfen. Ehe er sich versah, versank er in einen tiefen traumlosen Schlaf und glitt unsanft zu Boden.

Die ganze Welt klang völlig dumpf. Nur sehr langsam konnte Klaus spüren, wie sich alles um ihn herum klärte. Wie die vorhandene Geräuschkulisse nicht mehr wie in Wattebäusche eingepackt klang, sondern immer klarer und realer wurde. Immer mehr Gestalt annahm. Mit den vergehenden Minuten konnte Klaus, die eisige Kälte die ihn umgab, immer deutlicher spüren. Mit zunehmender Klarheit spürte er den harten und eisig kalten Boden aus Stein, auf dem er bis eben noch völlig betäubt und regungslos lag. Unbewusst ließ Klaus seine letzten Erinnerungen Revue  passieren. Mit einem Mal fühlte er sich völlig verraten. Ihm war klar, an welchem Ort er sich in diesem Moment unweigerlich befand, um dies zu wissen musste er nicht einmal seine Augen öffnen. Ihm war es einfach lieber seine Augen geschlossen zu halten, denn so blieb ihm noch die Möglichkeit der Verleugnung. In Gedanken sagte er sich, dass alles gut war. Dass sein Vater ihn nicht auf völlig überrumpelnde unfaire Weise überwältigt hatte, um ihn wieder einmal durch die wahre Hölle gehen zu lassen. Klaus konnte es nicht anders beschreiben. Für ihn war es die Hölle auf Erden. Doch trotz den Versuchen sich einzureden, dass alles gut war und er nicht erneut sein ganz persönliches Fegefeuer durchlaufen musste, holten ihn die stets präsenten hallenden und schreienden Stimmen, zurück in die Realität. Schlussendlich musste er sich geschlagen geben und öffnete schließlich doch seine Augen.

Als er sich in dem Mausoleum umschaute, war es so wie immer. Wie immer schmerzhaft. Wie immer schrecklich. Und wie immer furchtbar beängstigend. Seine Augen gewöhnten sich recht schnell an die Finsternis. Diese war auch absolut lachhaft im Gegensatz zu den Geistern, die Klaus schreiend umgaben. Eben jene Seelen die einst in diesem Mausoleum bestattet und mit der Zeit vergessen wurden. Klaus kannte die Situation in der er sich unweigerlich wiederfand schon zu gut, viel zu gut. In den 16 Jahren seines Lebens zwang ihn sein Vater oft genug dazu stundenlang in diesem Mausoleum zu bleiben. Jedes Mal wurde er viele Stunden in der Dunkelheit mit den ganzen Geistern, vor denen er sich immer fürchtete, eingesperrt. Allein zurückgelassen und weggesperrt traf es ganz gut. Er wurde gepeinigt. Die schreienden und verzweifelten Hilferufe der Geister, die Klaus stetig umgaben trieben in schier in den Wahnsinn. Niemand konnte jemals auch nur minimal den Schmerz nachempfinden, den Klaus ganz besonders in der Situation in der er sich gerade unweigerlich befand, aushalten musste. Er setzte sich, aus seiner liegenden Position, langsam auf und lehnte seinen Rücken an das Gestein hinter ihm. Augenblicklich spürte er die Kälte, die von den Steinen einherging. Zu oft musste er diesen Albtraum schon durchlaufen. Jedes Mal war ihm bitter kalt. Jedes Mal fror er stundenlang. Schließlich war es an derartigen Orten nicht von Nöten die Räumlichkeiten zu beheizen. Immerhin war es im Normalfall niemals der Zweck von einem Mausoleum andere Menschen, die noch leben, darin einzusperren.

Ein Mausoleum war immer eine Begräbnisstätte in der die Verstorbenen ihren letzten Frieden finden konnten. Jedenfalls war dies der Gedanke dahinter. Keinesfalls sollte ein solcher Ort dazu dienen ein wehrloses Kind bis zum Jugendalter hin, immer wieder darin einzusperren um es zu quälen und emotional abzurichten. Zu viele Stunden seines Lebens musste Klaus bereits an diesem Ort verbringen. Nach all den Jahren kannte er die Erschütterung die ihn immer wieder einholte, sobald er von seinem Vater weggesperrt wurde, schon viel zu gut. Es für ihn jedes einzelne Mal traumatisch, wie auch emotional verstörend und brutal. Mit der vergehenden Zeit wurde es auch nicht besser. Das Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“ fand in dieser Situation somit absolut keinen Zuspruch. Mit der vergehenden Zeit wurde der seelische Schmerz, der sich wie ein Virus immer weiter in Klaus´s Herz verbreitete, immer schlimmer. Umso häufiger der Jugendliche seinem ganz persönlichen peinigenden Albtraum ausgesetzt wurde, umso schlechter ging es ihm.

Die Intention seines Vaters war, laut seiner eigenen Aussage, dass dieses „Training“ eine zwingende Notwendigkeit gewesen sein, damit Klaus sowohl psychisch als auch physisch stärker wurde. Doch der Jugendliche war sich nicht sicher ob, dies wirklich der Wahrheit entsprach, oder ob sein Vater nicht einfach nur ein Sadist war, der Gefallen daran fand seine Kinder ganz bewusst zu quälen. Im Endeffekt waren die Beweggründe seines Vaters aber auch völlig irrelevant. Keine Erklärung der Welt wäre gut genug gewesen, um damit die Gräueltaten zu entschuldigen, die Klaus zugefügt wurden.

Jedes Mal wenn Klaus mit seinem Vater darüber sprach, weshalb er immer wieder diese Stunden des Horrors ertragen musste, war die Aussage von Sir Hargreeves stets distanziert, einsilbig und absolut gefühllos. Die Antwort war immer dieselbe, denn er blieb beständig bei seiner Aussage, dass dieses immer wiederkehrende Unterfangen ein ganz normales Training sei, welches lediglich dazu diente Klaus stärker zu machen. Doch selbst wenn dies unter Umständen vielleicht der Wahrheit entsprach, erreichte Sir Hargreeves das komplette Gegenteil von seinem eigentlichen Ziel. Er machte Klaus mit diesem Training nicht stärker, sondern war dabei seinen Adoptivsohn zu zerstören.

Langsamen Schrittes aber dennoch beständig wurde der Junge sinnbildlich geschändet. Sein Körper trug von der psychischen Folter zwar keine Folgen, jedoch hinterließen die Schnüre die Sir Hargreeves um Klaus´s Herz legte tiefe Narben. Narben die für niemanden sichtbar waren, nur für ihn selbst. Verborgen, gänzlich unsichtbar, vor dem Rest der Welt. Niemand war in der Lage den Schmerz, die Pein, das Leid oder den zugefügten Schaden zu sehen, doch Klaus konnte es spüren. Er spürte jeden Schmerz, der ihm je zugefügt würde in seinem Herzen. Jedes Mal wenn sein Vater ihn demütigte, ihn einsperrte oder wenn er mit seinen Geschwistern stritt, vergrößerte sich sein Herzschmerz, der ihn bald zu übermannen drohte. Der Schmerz wucherte langsam, von seinem inneren immer weiter auf den Weg nach draußen. Auf den Weg zum äußerlichen um sich allen zu offenbaren. Um die innere Pein aus den tiefsten verborgenen Winkeln, nach außen zu tragen und allen zu zeigen, welche Emotionen der junge Mann schon jahrelang verborgen, vor allen Augen, in sich tragen musste.

Noch immer völlig durcheinander und gepeinigt von den Geistern die ihn anschrien, versuchten nach ihm zu greifen mit der Hoffnung so wieder etwas Leben aufsaugen zu können, saß Klaus mit angezogenen Beinen auf den Boden. Er kniff die Augen zusammen, spürte wie ihn Tränen der Verzweiflung die Wangen herunterliefen, da er es nicht mehr aushielt. Er konnte die schrecklichen ohrenbetäubenden Schreie nicht länger ertragen. Er hielt es nicht länger aus, wie die Toten nach ihm greifen wollten, wie sie versuchten ihn zu packen, da er in ihren Augen die einzige Chance war sich noch irgendwie am Leben festzuklammern, obwohl das Schwachsinn war, da das Leben schon lange Zeit aus ihnen gewichen war.

„Klaus, beruhige dich“, sprach Ben beruhigend auf seinen Bruder zu, jedoch war es vergebens. Bei all den Geistern, den verlorenen, verängstigten und teils wütenden Seelen, war es für Klaus ein unmögliches Unterfangen, die Stimme seines Bruders herauszufiltern.

Nach vielen Stunden die nur mühsam und schmerzlich vergingen, neigte die Nacht sich langsam dem Ende zu. Ihm war die Erleichterung gänzlich anzusehen, als sich die schwere Tür öffnete, die ihn von dem Rest der Welt ausschloss. So wie jedes Mal stand Sir Hargreeves in dem massivem Türrahmen, mit ihm wurde auch eine große Lichtflut, jedes Mal aufs Neue, auf Klaus geworfen der bis dato in der Dunkelheit verharren musste. Der Jugendliche musste von dem plötzlichen grellen Licht kurz die Augen zusammenkneifen. Dies hielt allerdings nicht lange an, da es außerhalb des Mausoleums noch nicht sonderlich hell zu sein schien. Jedoch war es selbstredend dennoch ein gravierender Unterschied zu der vorherigen unbehaglichen völligen Finsternis.

Als der Braunhaarige seinen verklärten Blick erhob, sah er in das maßregelnde Gesicht seines Vaters. Dabei erkannte er sofort, dass sein Vater offensichtlich noch immer nicht zufrieden zu sein schien, denn dieser gab sich nicht einmal die Mühe seine Missbilligung und Enttäuschung zu verbergen.

Klaus konnte nicht verstehen, weshalb sein Vater ihn mit diesen Blicken musterte. Immerhin hatte er gerade erst diese Stunden des Horrors hinter sich. Sein Vater hatte bekommen was er wollte und genau deshalb war es für den Braunhaarigen unbegreiflich, weshalb Sir Hargreeves sich nicht wenigstens nur ein paar Minuten zufrieden geben konnte. Bevor noch mehr Zeit verging, in denen die beiden sich nur angestarrt hätten, erhob der Ältere schließlich mit scharfem Tonfall das Wort: „Es ist schon nach Morgengrauen, Nummer 4. Deinem Erscheinungsbild nach zu  urteilen hat dir das Training wohl noch nicht gut genug geholfen. Du musst endlich lernen deine Kraft zu akzeptieren. Werde Herr von ihr und leite sie, sonst wird sie dich dein Leben lang leiten, beherrschen und dich sie fürchten lassen. Kommende Nacht werden wir direkt eine weitere Trainingseinheit dieser Art einlegen. Nach dem Abendessen machen wir beide uns direkt auf den Weg hierher. Und ich erwarte, dass du keine Widerworte gibst. Du weißt doch das Ungehorsam von mir nicht geduldet wird.“

Klaus lauschte resigniert den Worten seines Gegenübers. Einen Moment fühlte er sich, als würde sein Herzschlag kurz aussetzen, sobald er erfuhr welches Grauen auch in der kommenden Nacht auf ihn warten sollte. Er riss geschockt die Augen auf und sah dabei, wie sein Vater sich desinteressiert umdrehte und schlussendlich nur noch sagte: „Bald ist es Zeit für das Frühstück. Komm nicht zu spät“, bevor er sich endgültig von der Tür entfernte und somit auch die komplette Sicht nach draußen gewährte.

„Ist alles in Ordnung bei dir, Klaus“, fragte Diego an seinen Bruder gewandt. „Du wirkst heute so abwesend.“ Anfangs regierte Klaus nicht einmal darauf, dass er angesprochen wurde. Er saß zusammen mit seiner Familie am Frühstückstisch und stocherte mit einem Löffel in seiner Schüssel mit Haferbrei herum, während er mit leeren Blick und krummer Körperhaltung auf seinem Platz saß und durch seine Geschwister, die ihm gegenübersaßen, hindurch zu blicken schien. Mit müdem Blick schaute er Diego entgegen und musste sich erst einmal richtig fassen und das große Wirrwarr, welches in seinem Kopf herrschte sortieren, bevor er beginnen konnte zu sprechen.

Der Junge war von der vergangen Nacht sichtlich mitgenommen. Tiefe Augenringe zeichneten sich unter seinen, vom Weinen geröteten und leicht geschwollenen, Augen ab. Seine Kleidung ließ zwar längst keine Spuren mehr darauf verweisen, was in der Nacht vergangen war, aber dennoch sprach seine ganze erschöpfte Körperhaltung Bänder. Klaus versuchte sich so normal wie unter den Umständen nur möglich zu verhalten, jedoch funktionierte dies nur bedingt. Bevor er zum Frühstück ging wechselte er seine Schuluniform. Nach all der Zeit war er dies schon gewohnt. Jedes Mal wenn sein Vater ihn diesen unbegreiflichen Schmerz zufügte war er danach voller Dreck. Beschmutzt, allerdings nicht bloß von dem teils schmutzigen Bodens des Mausoleums, der von dicken Staubschichten nur so überhäuft war.

Die wahrliche Beschmutzung war sehr viel tiefliegender. Klaus fühlte sich in seinen Stolz und seinen Gefühlen beschmutzt. Für ihn fühlte es sich jedes Mal so an, als würde sein Vater den Dreck seiner  Schuhe an Klaus´s Seele abtreten. Der Braunhaarige fühlte sich durch seinen Vater beschmutzt, weil er sich für die immer wiederkehrende Pein schämte. Es war ihm unangenehm, dass er die Erwartungen seines Vaters nie erfüllen konnte. Dass er seinem Vater nie gut genug war und er dies auch immer wieder durch harsche Worte oder physische Abrichtungen zu spüren bekam. Nach außen hin gab er sich in Gegenwart seiner Geschwister immer völlig gelassen, als würden ihn die Erziehungsmaßnahmen seines Vaters nichts ausmachen, doch dies war nur eine Farce. Vermutlich dachten Außenstehende, Klaus wäre die Gelassenheit in Person gewesen und nichts und niemand könnte ihn verunsichern oder gar psychisch verletzten. Doch leider war dies nur ein mühsam ein aufgebautes trügendes Kartenhaus des Selbstschutzes. Mit vollem Einsatz verbarg er vor seinen Geschwistern wie es wirklich in ihm aussah. Eigentlich war er niemand der dies gerne tat. Es war ihm kein Vergnügen so zu tun als wäre alles in Ordnung. Seine Persönlichkeit war keine die alles für sich behalten wollte, sondern alles rauslassen musste, um sich frei entfalten zu können. Unter diesen Umständen war es für Klaus aber einfach nicht möglich. Ihm war klar, dass er sich seinem Vater fügen musste. Sir Hargreeves hatte in der damaligen Situation einfach die besseren Karten. Schließlich war er der Beziehungsberechtigte. Er hatte die Zügel in der Hand. Und solange Klaus auf etwaige Arten an seinen Vater gebunden war, hatte er keinerlei Möglichkeiten sich selbst auszuprobieren und frei auszuleben. Niemals hätte er sich wirklich gegen seinen Vater wehren können. Keiner seiner Geschwister konnte das, denn dieser Mann ließ nicht mit sich reden. Er fällte Entscheidungen, die das Leben der Kinder teils stark beeinflussten, und gab dabei niemanden sonst ein Mitspracherecht. Lediglich seinem eigenen Urteil schenkte er vertrauen und er setzte somit erst recht nicht auf die Meinung seiner Adoptivkinder. Ihn interessierte es weder was seine Kinder dachten, noch was sie gar fühlten.

Unter derartigen Umständen war es für die Geschwister so ziemlich unmöglich ihren eigenen Willen durchzusetzten oder sich anderweitig im Leben zu behaupten. Niemand von ihnen konnte es zu Jugend oder gar Kinderzeiten fertig bringen, gegen ihren Adoptivater zu appellieren oder sich anderweitig gegen ihn aufzulehnen. Zu groß war die Furcht vor den Konsequenzen. Schließlich waren sie von ihrem Vater praktisch abhängig. Niemand konnte vorherbestimmend sagen, was passiert wäre wenn jemand sich gegen Sir Hargreeves aufgelehnt hätte. Das einzige was absolut klar war, war die Tatsache, dass es für den „Schuldigen“ eine Bestrafung gegeben hätte. Und auch wenn die Geschwister nie darüber sprachen, wussten sie alle, dass ihr Vater für jeden einzelnen von ihnen seine ganz persönlichen individuellen Erziehungsmethoden ausgetüftelt hatte, die auf das jeweilige Kind abgestimmt waren.

Aus eben jenen Grund, konnte niemals jemand von ihnen sich gegen ihren Vater wehren. Etwaige Methoden ihres Vaters waren für viele von ihnen schon die wahre Hölle, deshalb konnte es bei einer richtigen Bestrafung nach einem kompletten Fehltritt nur noch viel schlimmer werden. Und keiner von ihnen wollte herausfinden, wie viel schlimmer es hätte werden können.

Wie aus einer tiefen Trance erwacht blickte Klaus sich am Frühstückstisch um. Er war einige Minuten so sehr in Gedanken versunken, dass er komplett vergaß in welch einer Situation er sich befand. Noch immer saß er mit seiner Familie beisammen am Tisch und spürte sogleich von jedem einzelnen die Augenpaare auf sich gerichtet. Diego musterte seinen Bruder mit leichter Besorgnis. Doch auch die anderen ließen Klaus nicht aus den Augen. Schließlich waren einige Minuten vergangen, in denen der Braunhaarige wie gänzlich weggetreten schien. Er wirkte, als wäre er in einem Traum gefangen. Jedoch kein schöner Tagtraum, in welchem er sich ein schönes Ereignis oder eine erfreulichere Realität herbeifantasiert hätte. Dafür sah er nämlich schlichtweg zu mitgenommen aus.

Er war ein Schatten seiner selbst. Im Durchschnitt konnte man sagen, dass Klaus von allen Kindern derjenige war, welcher alle möglichen Pflichten und das aufgezwungene Training, am lockersten anging. Niemals probierte er sich wirklich bemüht zu steigern, da ihm doch klar war, dass sein Vater nie zufrieden sein würde. Mit der bitteren Erkenntnis das er nie gut genug war, dass sein Vater immer etwas zu bemängeln hatte, dass sein Vater es niemals überdrüssig wurde Klaus als einzige Enttäuschung zu bezeichnen. All dies sorgte dafür, dass der Junge schon längst keinen Grund mehr darin sah, sich wirklich in seinem Training verbessern zu wollen. Was hätte es auch gebracht oder gar verändert? Es wäre vergebene Mühe gewesen und genau dieser Fakt war Klaus schon längst klar. Deshalb investierte er nicht mehr Zeit und Kraft, als nicht unbedingt notwendig war. Selbst wenn Klaus zielstrebiger und bemühter gewesen wäre, hätte es nichts geändert. Während der gesamten Kindheit der inzwischen fünf Jugendlichen, brachte Sir Hargreeves keinen von ihnen jemals ein Gefühl des stolzes oder einer väterlichen Zuneigung entgegen. Der Mann pflegte zu alles und jedem ein eisiges und distanziertes Verhältnis und genau dies sollte sich auch in den kommenden Jahren nicht mehr ändern.

Noch immer sprach Klaus kein Wort. Um Worte war er zwar noch nie sonderlich verlegen, jedoch war er in diesem Moment, als er von allen Anwesenden mit Blicken praktisch traktiert wurde, sichtlich überfordert. Nach lange andauernden Minuten schaffte er es aber doch noch, Diego, der Klaus schon vor Minuten nach seinem Wohlergehen gefragt hatte, eine Antwort zu geben. Mit betrübter Miene blickte Klaus seinem Bruder entgegen und sagte lediglich kurz angebunden: „Ja, ja, mir geht es gut.“

Anschließend wendete Klaus sich wieder seinem Haferbrei zu. Jedoch war er noch immer sehr mitgenommen und tief in seinen Gedanken versunken. In dem damaligen Moment konnte man ihn buchstäblich lesen wie ein offenes Buch. Ohne viel Mühe hätte jeder den Schmerz sehen können. Jener Schmerz der gerade so greifbar war, da es dem Braunhaarigen in dieser Situation nicht möglich war sich gelassen oder sogar fröhlich zu verhalten. Er war einfach nur ausgelaugt und unendlich erschöpft. Dieses Verhaltensmuster hob sich so drastisch von seinen normalen und einzigartigen Charakterzügen ab, dass natürlich schon von Beginn an, seit das Frühstück begonnen hatte, für jeden klar war, dass etwas vorgefallen sein musste.

All seine Geschwister wussten, dass es sehr viel mehr als kleine Wehwechen brauchte, um Klaus in solch eine Stimmung zu treiben. Klaus schwieg und dies war das beunruhigteste Verhalten, was der Junge jemals an den Tag legte. Schließlich war er vom Typ her einfach nicht schweigsam. Er teilte sich gerne mit. War gerne unter Menschen und genoss es Unterhaltungen zu führen. Zu sprechen, dass tat Klaus tagtäglich unter normalen Umständen zu genüge. Im viel es schon immer leicht auf Menschen zuzugehen und ellenlange Gespräche zu führen, sich anderen mitzuteilen. Doch an diesem Morgen tat er das nicht.

Auch wenn er beim Training nicht voll dabei war, gab er sich in seinen sozialen Kontakten gewöhnlich gleich dreimal so viel Mühe. Eigentlich hätten bei allen direkt die Alarmglocken rot aufleuchten sollen, als Klaus sich so ungewöhnlich untypisch verhielt. Doch niemand sagte weiteres dazu, nachdem Diego von Klaus schlussendlich doch noch eine Antwort erhalten hatte.

Eigentlich wollte Diego noch weiter nachhaken, denn natürlich wollte er sich mit einer so unzufrieden stellenden Antwort nicht abspeisen lassen, jedoch musste er sich geschlagen geben. Denn obgleich er es als einziger gewagt hatte die bedrückende Stille bei Tisch zu unterbrechen, war ihm doch sehr wohl bewusst, dass dies einer der vielen Punkte war die sein Vater nicht duldete. Eine seid ihrer aller Kindheit bestandene Regel war, dass während dem Essen nicht gesprochen werden durfte. An diesem Morgen überwand Diego sich jedoch und brach die Regel seines Vaters, da ihm das Wohlergehen seines Bruders wichtiger erschien. Nach dem eigentlich sehr kurzen Wortaustausch wollte Diego somit am Ball bleiben und die Wahrheit erfahren, wie es wirklich in Klaus aussah, jedoch war es einfach nicht möglich. Da sie alle schon den strengen Blick ihres Vaters auf sich ruhend spüren konnten.

Bevor Sir Hargreeves somit seine Missbilligung aussprechen konnte, beschloss Diego lieber den Mund zu halten. So groß seine Sorge um Klaus auch war, war die Furcht vor seinem Vater noch viel gigantischer. Jeder der Geschwister fürchtete Sir Hargreeves. Unter anderen Umständen, wäre Diego ansonsten auch nicht der einzige gewesen, der versucht hätte auf Klaus einzugehen. Wenn ihre ganze Familie nicht von Beginn an schon so kaputt gewesen wäre, hätten sie alle vielleicht viel empathischer sein können. Doch dies war leider nicht der Fall. Sie alle waren mit sich selbst zu sehr beschäftigt, als das sie versucht hätten jemand anderem zu helfen. Dies war auch recht verständlich. Ihre komplette Kindheit bestand aus Tests, Experimenten und einem Vater der so emphatisch wie ein Eisklotz war. Unter diesen Voraussetzungen konnte man nicht erwarten, dass die Kinder später dazu würden fähig sind, anderen helfen zu können, wenn sie mit sich selbst nicht einmal im reinen waren. Lediglich Diego wagte, trotz seinen eigenen Macken, den Versuch. Er sprang praktisch ins ungewisse, ins kalte Wasser, bei dem er keine Ahnung hatte ob es wirklich eine gute Idee war. Doch schlussendlich machte er doch einen Rückzieher. Trotz allem was die Geschwister voneinander unterschied, gab es einen Punkt der sie seit Kinderbeinen an für immer verband und dies war die Furcht vor ihrem Vater.
 
 
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