Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Königsstern

GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / Het
22.07.2021
22.07.2021
1
2.503
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
22.07.2021 2.503
 
Königsstern

1)

Raschen Schrittes lief ich die Straße entlang. Ich war an diesem Morgen ziemlich spät dran, denn meine Katze Lilly hatte mal wieder ihrer Leidenschaft gefrönt, an der einzigen Pflanze zu kauen, die ich in meiner Wohnung beherbergte - und wie jedes Mal zuvor auch, hatte sie sich prompt darauf übergeben müssen. Da ich ihre Hinterlassenschaft erst noch hatte wegwischen wollen, musste ich nun rennen, um den Bus zu erreichen. Er stand bereits an der Haltestelle und die wartenden Menschen waren schon eingestiegen.

"Halt! Moment!", rief ich laut, doch natürlich hörte der Busfahrer mich nicht und er sah mich wohl auch nicht im Rückspiegel, denn die Türen schlossen sich gleich darauf und ein lautes Zischen verriet mir, dass er im nächsten Augenblick los fahren würde. Schnaufend blieb ich stehen, stützte mich mit beiden Händen auf meine Knie und atmete schwer.

"Verflixt und zugenäht!"

Wenn ich auf den nächsten Bus warten würde, würde ich definitiv zu spät zur Arbeit kommen. Also hieß es laufen und zwar schnell. Mit einem frustrierten Laut stampfte ich kurz auf den Boden, um dann meine Beine in die Hand zu nehmen und in Richtung des Supermarktes zurennen, in dem ich seit zwei Jahren als Kassiererin arbeitete. Als ich endlich ankam, hatte ich das Gefühl, dass mir jeden Moment die Lunge platzt, so sehr hatte ich mich verausgabt, doch die Schinderei hatte sich gelohnt, denn ein Blick auf meine Uhr verriet mir, dass ich gerade noch pünktlich war. Einmal mehr dankte ich dem Himmel, dass ich einen Job hatte, der zur Not auch zu Fuß zu erreichen war.

"Stella! Hi!", meine Kollegin Arjona tauchte plötzlich neben mir auf und sah mich belustigt an, "Warum keuchst du denn so?"

"Bus verpasst. Musste rennen." schnaufte ich.

"Das nächste Mal rufst du mich an, dann sammele ich dich ein - wozu hat man denn Kollegen mit fahrbarem Untersatz?"

"Danke, lieb von dir."

Das wäre tatsächlich eine sinnige Idee gewesen, aber daran hatte ich gar nicht gedacht. Und selbst wenn, hätte ich es wohl eher nicht getan, denn so gut kannten Arjona und ich uns gar nicht, dass ich sie gefragt hätte, ob sie mich mit zur Arbeit nehmen konnte - genauer gesagt kannten wir uns gar nicht. Sie arbeitete seit acht Monaten bei uns im Laden und wir hatten schon die ein oder andere Schicht miteinander gehabt, aber mehr als Small Talk war nie dabei herumgekommen. Ich wusste nicht wirklich etwas über die großgewachsene Tschechin, außer, dass sie gerne und oft ihre Haare färbte und zwar in allen möglichen Regenbogenfarben, im Moment waren sie gerade knallrot. Sie betonte jedes Mal, wie sehr sie mich um meine von Natur aus mittelblonden Haare beneiden würde, da man die "so gut färben könne", sie hingegen müsse ständig vorher blondieren, was natürlich auf die Dauer höchst ungesund für das Haar sei.

"Kommst du? Sonst sind wir doch noch zu spät!", grinste meine Kollegin. Meine Atmung hatte sich inzwischen fast wieder normalisiert und so folgte ich ihr ins Geschäft. Wir zogen uns im Mitarbeiterraum um,danach trennten sich unsere Wege. Arjona ging zur Käsetheke, während ich meinen Platz an der Kasse einnahm.

Da noch nicht wirklich viel los war, bat mich mein Chef kurz darauf, die kurz zuvor angelieferte Ware zu verräumen. Ich seufzte leise, fügte mich jedoch. Zwar gehörte das Regale auffüllen absolut nicht zu meinen Lieblingsaufgaben, aber ich konnte ja schlecht sagen, dass ich keine Lust dazu hatte. Dementsprechend trollte ich mich zunächst zum Brot-Regal und begann dort, die Backwaren einzusortieren. Während ich gedankenverloren die Toastbrot-Packungen in das dafür vorgesehene Fach legte, rempelte ich plötzlich jemanden an.

Ich guckte erschrocken neben mich und erblickte einen amüsiert schauenden Mann, der mich gerade von oben bis unten musterte. Ich tat es ihm nach und registrierte adrett geschnittene dunkelbraune Haare und warme braune Augen, denen ein gewisser Schalk nicht abzusprechen war und die das schmale, kantige Gesicht weicher wirken ließen. Der durchaus attraktive Herr besaß eine drahtige Figur, die in schwarzen Jeans und beigem Shirt steckte, welches zum Großteil von einer leichten schwarzen Strickjacke verdeckt wurde.

"Entschuldigung!", meinte ich endlich, als ich meine Beobachtungen abgeschlossen hatte. Mehr als diese eine Wort kam mir allerdings nicht über die Lippen - dieses beinahe schon schelmische Grinsen des mir gegenüberstehenden Mannes verunsicherte mich irgendwie.

"Kein Problem! Darf ich?", erwiderte er und nahm mir eines der Toastbrote, die ich noch immer in der Hand hielt, ab.

"Äh... Ja, sicher, gerne." meinte ich verdutzt.

"Können Sie mir vielleicht noch weiterhelfen, wo ich die Marmelade finde?", fragte der Dunkelhaarige.

"Zwei Gänge weiter, da finden Sie Marmelade, Schoko-Aufstrich, Honig, Erdnussbutter - alles was schmeckt und dick macht", antwortete ich und traute mich, ebenfalls zu grinsen.

"Vielen Dank! Einen schönen Tag noch!", lächelte er, um dann weiter zu gehen.

"Danke, Ihnen auch!"

Bevor er um die Ecke bog, drehte er sich noch mal um und hob kurz die Hand. Ich winkte zurück und konzentrierte mich wieder aufs Einräumen. Wobei ich durchaus noch den ein oder anderen Gedanken an den Unbekannten verschwendete - ein wirklich hübscher Kerl, den hatte ich hier noch nie gesehen. Wobei das allerdings nicht wirklich verwunderlich war, schließlich hatten wir einen Haufen Kunden.

"Bitte Kasse besetzen", schallte die Computerstimme aus dem Lautsprecher, wie jedes Mal, wenn jemand den extra dafür vorhandenen Knopf in der Nähe der Kassen drückte, der dafür gedacht war, dass sich nicht zu lange Schlangen bildeten, oder eben wie heute dafür, dass überhaupt eine Kasse besetzt wurde, denn wenn noch nicht viele Kunden da waren, erledigten die Kassiererinnen meistens andere Aufgaben, um nicht nutzlos herumzusitzen. Als ich die Kassen erreichte, erkannte ich den Mann, mit dem ich kurz zuvor die kleine Karambolage gehabt hatte.

"So schnell sieht man sich wieder", lächelte der adrette Dunkelhaarige, als ich mich an die Kasse setzte.

"Haben Sie alles gefunden?", ich erwiderte das Lächeln, während ich den Toast, ein Glas Erdbeermarmelade und die Tageszeitung über den Scanner zog.

"Ja, vielen Dank noch mal für Ihre Hilfe!"

"Gerne, das ist mein Job! 4 Euro und 30 Cent wären es dann bitte!"

Er reichte mir einen 5-Euro-Schein, meinte "Stimmt so!" und zog dann zwinkernd von dannen. "Dankeschön", erwiderte ich, während ich ihm kurz verdutzt hinterher sah. Schließlich nahm ich die überschüssigen 70 Cent aus der Kasse und warf sie in die kleine Dose, die als Trinkgeld-Kasse diente, in die allerdings nur wenige Münzen ihren Weg fanden, denn Trinkgeld war an der Supermarkt-Kasse eher unüblich. Ich dachte noch ein paar Augenblicke über den netten Herren nach, bis der nächste Kunde mich von meinen Überlegungen ablenkte.

Nachdem ich meine Schicht ohne weitere besondere Vorkommnisse hinter mich gebracht hatte, beschloss ich, auch den Heimweg zu Fuß zurückzulegen, denn das Wetter war recht angenehm und ein wenig körperliche Betätigung konnte ja nie schaden.

Zu Hause erwartete mich bereits eine miauende Lilly, die wie jedes Mal, wenn ich zur Tür hereinkam, sofort an meinen Beinen entlang strich und herzzerreißend maunzte, so als ob sie seit Tagen nichts zu essen bekommen hätte.

"Ja, Süße, sofort!", lachte ich, nahm sie auf den Arm und trug sie in die Küche, wo ihr Fressnapf stand, vor dem ich das weiße Fellknäuel mit den paar braunen und schwarzen Sprenkeln wieder absetzte und gleich eine Tüte Nassfutter öffnete, um es in den Napf zu füllen.Das kleine Raubtier fiel über das in Soße getränkte Fleisch her, verschlang es schmatzend und tapste dann zufrieden aus der Küche.

Bevor auch ich mir eine Kleinigkeit zu essen in die Mikrowelle schob, ging ich rasch duschen und flätzte mich dann in meinem Baumwoll-Pyjama auf die Couch, wo ich den Rest des Abends damit verbrachte, mich über das einmal mehr ätzende Fernsehprogramm zu ärgern. Als ich genug von dem Stuss hatte, der da über die Mattscheibe flimmerte, legte ich eine DVD ein und schlief über dieser ein.

Der nächste Morgen verlief beinahe genauso, wie der am Tag zuvor, nur mit dem Unterschied, dass mir dieses Mal schon klar war, dass ich den Bus verpassen würde. Ergo ging ich gar nicht erst zur Haltestelle, sondern lief gleich zu Fuß zur Arbeit. Im Geiste ging ich noch mal die Sachen durch, die ich für Hause brauchte und somit nach meiner Schicht einkaufen wollte. Wir konnten die Sachen zwar auch während der Arbeitszeit einkaufen und dann einfach zu unseren persönlichen Dingen legen, doch das machte ich nicht so gerne, mir war es lieber, erst nach getaner Arbeit für mich selbst einzukaufen.

Im Mitarbeiterraum traf ich auf Arjona und den Azubi Philipp, die mal wieder mehr als offensichtlich am schäkern waren. Philipp machte seit einem halben Jahr eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann bei uns im Markt und flirtete bereits seit seinem ersten Tag mit derTschechin, die dies allerdings immer verneinte, wenn man sie drauf ansprach. Für sie war der junge Casanova angeblich einfach nur nett, doch so ganz glauben konnte ich ihr dies nicht, aber das musste ich ja auch nicht, schließlich war das Arjonas Privatangelegenheit.

Nachdem ich mich umgezogen hatte, stellte ich mich an die Schnellkasse, die für die Kunden gedacht war, die nur wenige Teile kauften, und zudem die einzige, an der man Zigaretten und harten Alkohol erhalten konnte. Es war unter den Kollegen nicht gerade beliebt, an dieser Kasse eingeteilt zu sein, da man die ganze Zeit stehen musste, aber ich machte es meistens freiwillig, denn mich störte das Stehen nicht. Im Gegenteil, mir war es sogar lieber, als dauernd zu sitzen.

Als die ganz frühen Vögelchen, die zumeist nur eine Zeitung oder ein Päckchen Zigaretten kauften, wieder davongeflogen waren, brachte ich ein wenig Ordnung in das Regal mit den Schnapsflaschen, denn dort herrschte mal wieder heilloses Durcheinander, was der Chef gar nicht haben konnte - und ich auch nicht.

"Hallo schöne Frau!", unterbrach nach einer Weile eine Stimme mein Aufräumen. Ich drehte mich um und blickte geradewegs in die warmen, braunen Augen des Mannes, den ich am Vortag angerempelt hatte. Na nu? Er schon wieder?

"Oh...Guten Tag!", erwiderte ich und lächelte. Es war nicht nur das automatische, kundenfreundliche Lächeln, das man als Mitarbeiterin in diesem Geschäft quasi ins Gesicht gemeißelt haben musste, sondern durchaus ein ehrliches. Ich freute mich über diese Begegnung, jedoch ohne zu wissen, warum eigentlich.

Der Dunkelhaarige legte eine Tüte Salbei-Bonbons vor mir ab und setzte ein erklärendes "Nerviger Husten!" hinterher. Ich zog die Ware ab und machte ihn danach darauf aufmerksam, dass ein paar Meter weiter eine Apotheke war, deren Lutschtabletten sicherlich besser gegen Husten halfen, als ein paar Bonbons.

"Nun, das ist sicher nicht von der Hand zu weisen, aber dort würden Sie mich ja nicht bedienen", grinste er daraufhin.

"Das ist wahr. Aber Sie konnten sich auch nicht sicher sein, dass ich Sie heute hier bedienen würde", gab ich zurück, während mir etwas flau im Magen wurde.

"Richtig. Ich musste hoffen, dass das Glück mir hold ist und diese Hoffnung wurde erfüllt."

Mir wurde schlagartig heiß bei diesen Worten. Er war ganz offensichtlich mit der Absicht hergekommen, mich wiederzusehen. So richtig erklären konnte ich mir das nicht, denn unser Zusammentreffen am Vortag war ja nur von kurzer Dauer gewesen und ich konnte mir kaum vorstellen, dass es solch einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hatte. Doch scheinbar irrte ich mich da. Nun kam mir auch wieder seine Begrüßung ins Gedächtnis: "Schöne Frau". Ob er das ernst gemeint hatte? Oder war das eine allgemeine Floskel gewesen?

Mein Gegenüber öffnete die Bonbontüte, angelte nach einem der zuckrigen Brocken und hielt mir die Tüte dann hin. "Auch eins?"

"Gerne, vielen Dank", ich nahm mir ebenfalls eines heraus und schob es mir in den Mund.

"Oh, ich bitte Sie, doch nicht dafür", lächelte er und seine warmen Augen strahlten mich so stechend an, dass mir noch wärmer wurde.

"Na, das gehört sich doch so, dass man "Danke" sagt, oder?", erwiderte ich.


Sein Blick veränderte sich ganz kurz, schien durch mich hindurch zu dringen, als suche er etwas in meinem Inneren. "Da haben Sie vollkommen recht", antwortete er schließlich und seine Worte klangen merkwürdig zufrieden, beinahe so, als ob er gefunden hätte, nach was er gesucht hatte. Ich lächelte ihn an und merkte, dass es ein unsicheres Lächeln war. Irgendwie hatte er mich aus dem Konzept gebracht, durch was auch immer.

"Nun, ich werde mich mal wieder auf den Weg machen. Aber eine Bitte hätte ich noch: Würden Sie mir ihren Vornamen verraten?"

"Stella", antwortete ich wie aus der Pistole geschossen und fragte mich im nächsten Augenblick, warum ich einem Fremden einfach so meinen Namen nannte.

"Angenehm, Stella. Ich heiße David, David Wagner. Es war mir eine Freude! Bis nächstes Mal", er nickte mir zu und verließ dann den Laden.

Ich schaute ihm stumm hinterher, während ich langsam das Bonbon im Mund zergehen ließ. David Wagner also. Schöner Name. Klang irgendwie nach mehr. Und er hatte "Bis nächstes Mal" gesagt. Würde er also morgen wieder kommen? Oder interpretierte ich da zu viel hinein?

"Hallo junge Frau? Wird man hier auch bedient?", keifte plötzlich jemand von der Seite. Ich zuckte zusammen und sah erschrocken die wütend dreinblickende ältere Dame an, die dort mit zwei Bechern Joghurt stand. Rasch entschuldigte ich mich und beeilte mich damit, die Ware abzuziehen.

Der Rest meiner Schicht zog sich ein wenig hin, doch ich hatte ja nette Gedanken an einen gewissen Herrn, mit denen ich mir die Zeit zu vertreiben wusste. Das tat ich auch ausgiebig, so ausgiebig, dass ich nach Schichtende glatt vergaß, meine Einkäufe zu erledigen. Erst als ich zu Hause war, mein kleines Fellmonster gefüttert hatte und mir etwas zu essen kochen wollte, fiel mir auf, dass ich ja gar nichts gekauft hatte. Stöhnend schlug ich mir an die Stirn. Nun musste es wohl der Lieferservice tun.

Als ich eine dreiviertel Stunde später mit meiner Pizza Vier Käse auf der Couch saß, samt einer schnurrenden Lilly zu meinen Füßen, dachte ich erneut an die Begegnung mit dem attraktiven David Wagner. Irgendwas hatte dieser Mann an sich, das mich faszinierte, wenngleich ich nicht genau benennen konnte, was es war. Sein ganzes Auftreten gefiel mir, seine freundliche, aber auch vereinnahmende Aura, dazu seine Stimme und diese smarten Augen.

"Ober wohl morgen wirklich wieder kommt?", fragte ich in Lillys Richtung, doch mein Kätzchen hatte nur Augen für die wohlriechende Pizza auf meinem Schoss. "Vergiss es, Kleines! Du kotzt mir schon genug", lachte ich daraufhin.

In der Nacht träumte ich prompt von David, zwar nichts Schlüpfriges, aber dennoch wachte ich morgens schweißgebadet auf. Du lieber Himmel, nun verfolgte mich dieser Kerl schon in meine Träume! Rasch ging ich kalt duschen, machte mich dann fertig für die Arbeit und schaffte es dieses Mal sogar, den Bus zu erreichen.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast