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Neun Leben (Das Lied des Gehängten)

von KyaStern
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Amanda Stern AX400 Kara Hank Anderson RK200 Markus RK800-51-59 Connor WR400 North
22.07.2021
29.08.2021
11
30.311
1
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Dieses Kapitel
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22.07.2021 4.190
 
Kapitel: 2/11
Kapitelname: Ende einer langen Nacht
Wortanzahl: 4.148

Kommentar:
Da es ja alle Warnungen im vorherigen Kapitel gab, habe ich nicht viel zu sagen.
> Eine der Dinge, die mich an DBH faszinierten, war der Einfluss der Öffentlichkeit (und somit theoretisch der Medien). Ich wünschte, wir hätten eine noch rabiatere Umsetzung davon erhalten. Vierte Gewalt, zeig uns deine Macht!
 

Viel Spaß beim Lesen!

- - -

Die Nachrichten überschlagen sich. Joss Douglas hält seine Kamera auf die anwesenden Mitglieder der Jericho-Crew – ein Name, welchen die Öffentlichkeit ihnen verpasst hat - und weigert sich, nur eine Sekunde dieses Ereignisses für die Nachwelt zu verpassen. Dies ist ein Jahrhundert- wenn nicht! - Jahrtausendmoment und er wird ihn als einziger Reporter so dicht und ungetrübt festhalten können.

Markus ist eine atemberaubende Figur und fügt sich in ein Kameraformat, als sei er dafür geschaffen. Joss Douglas vermutet, dass der Android genau über seine Ausstrahlung Bescheid weiß, und nutzt das Privileg, diese Aufnahmen der Revolution machen zu dürfen.

Jericho hat ihn als ihren Kameramann und Journalisten ausgewählt und er hat den Professor – Josh – und Markus und Simon...

(Auch den Kuss, bevor Markus mit Perkins verhandelt hat, und die darauffolgende Blamage vom FBI... und den Angriff auf die Barrikade. Er wurde dabei selbst fast von einer Rauchbombe getroffen.)

...hautnah vor seiner Kamera. Er schneidet ihre Gespräche mit und interviewt Überlebende der Demonstration.

Hart Plaza ist voll mit dicht an dicht gedrängten Menschen und Androiden, der verschiedensten Herkünfte und mit den interessantesten Geschichten, welche sich um die Jericho-Crew sammeln und noch dichter streben wie zum Licht. Sie strömen zum Demontagelager 5 und der Gesang schwillt erneut an, während gebrüllt wird, dass das Militär die Tore öffnen soll.

Joss Douglas hat seine Kamera auf Markus – somit auch auf Simon, der ihm nicht von der Seite weicht – und gelegentlich auf dem Professor. Josh fordert laut und unter Beifall der Androiden- und (kleinerem Anteil) Menschenmenge:

„Es ist Zeit, dass Richtige zu tun! Öffnet die Tore! Lasst uns nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen!“ Und dann mit einer Zuversicht, die Joss Douglas seine Kamera auf Josh und nur auf ihn richten lässt, wie er vor diesem riesigen Zaun steht. „Ich glaube an euch. Ihr wollt das Richtige tun.“

Es verstreichen Minuten – die Lautstärke hebt sich, es wird protestiert und getuschelt -, aber Josh rührt sich kein Stück und schaut nur über diesen Gitterzaun.

Simon und Markus treten nach vorne und jeder ergreift eine seiner Hände und sie warten, auch wenn die Menge unruhig wird. Sekunden ticken dahin, werden Minuten und die Ziffern auf Joss Douglas' Kameradisplay ändern sich. Er ist still und kommentiert das Schauspiel nicht.

„Hold on just a little while longer~“, schwebt über allen und dann öffnet sich das Tor von Lager 5.

Josh, Markus und Simon geben den Weg frei, als die Soldaten in der schweren Schutzmontur die Tore aufschieben und die ersten Androiden – weiß und ohne Kleidung oder ihre künstliche Haut – aus der Umzäunung stürmen. Die Menge empfängt sie mit offenen Armen.

Mitten in diesem Meer aus weiß, das nun der Fokus seiner Kameraführung ist, erscheint ein Klecks schwarze Farbe, von zwei Soldaten an den Oberarmen gepackt. Die junge  Frau trägt ein langes 'Knight Of The Black Death'-Shirt wie ein Kleid und streckt den Miliärs, welche sie festhalten, die Zunge aus.

Die beiden Soldaten winken, die Aufzeichnung abzubrechen, doch Josh Douglas weigert sich und hält nur länger drauf.

„Meine Name ist Elizabeth Monroe. Lizka für meine Mitstreiter!“, schreit sie in die Kamera. Dann bleckt sie die Zähne gegenüber den beiden Uniformierten, welche hinter ihren Schutzklappe kaum als Menschen wahrnehmbar sind. „Hört mir zu, ihr Feiglinge! Versteckt euch nur hinter euren Befehlen und Regeln und eurer Bürokratie. Ich weiß, was ihr getan habt! Ich weiß es und ich werde nicht vergessen. Ich werde es niemanden vergessen lassen. Hirnloses Drohnenpack!“

Die Kamera zwingt die beiden Männer, die Jugendliche los zu lassen, die ihnen auf ihr Visier spuckt und schimpft wie ein Rohrspatz. Ihre Ansprache enthält so viel „Pfuck!“, dass Joss Douglas sie sicher nachher schneiden muss. (Und dann erzählt sie etwas darüber, dass Kerberos ein Loser sei und niemand sie je wieder „Honey“ nennen darf... Das Adrenalin scheint sie fast high zu machen. Sie kichert hysterisch.)

Joss Douglas lässt die Kamera weiter gleiten, bleibt kurz an einem Androiden haften, der ihm sagt: „Ralph hat keine Zeit für Fotos. Ralph muss Kara suchen!“

(Der Name fiel heute schon öfter...)

Dann ruft der Android nach Jerry und es melden sich fast 20 andere Androiden in der Umgebung.

Ein kleines Mädchen in einem Blumenkleid mit einem Soldaten an der Hand, läuft an ihm vorbei, bevor sie bei den Rufen stehen bleibt.

„Ralph hat das kleine Mädchen gefunden!“, ruft der Android und prompt kommen auch die ganzen Jerries dazu, während die Kleine zu dem Soldaten hochschaut.

Der Soldat zieht sich den Helm vom Kopf und eine junge blonde Frau mit kurzen Haaren kommt unter der Uniform zum Vorschein. Es ist ein kraftvolles Bild wie alle Androiden ihr zur Begrüßung um den Hals fallen und sie das Mädchen auf den Arm nimmt.

„Kara...“, ertönt es von hinten und ein Hüne von einem Androiden – ein Bauarbeitermodell – tritt auf die junge Frau zu. Er kann keine zwei Schritte auf sie zukommen, bevor Kara und das Mädchen ihm um den Hals fallen in einer Gruppenumarmung.

„Ich hatte solche Angst.“, flüstert der Hüne.

„Es geht uns gut, Luther“, wispert Kara und legt ihre Hand in seine. „Uns ist nichts passiert. Es ist vorbei.“

Das kleine Mädchen schmiegt ihren Kopf an die Brust des Androiden, welcher alle Jerries und Ralph, die sich um sie scharren, überragt und hält Kara ganz fest.

Joss Douglas ist es zwar fast peinlich, solch einen intimen Moment zu stören, doch er lässt die Kamera nicht sinken. So peinlich ist es ihm dann doch nicht...

(Er will eine „V-J Day in Times Square“-Aufnahme. Wenn er keinen Preis für den Kuss zwischen Markus und Simon bekommt, dann sicher für diese Szene.)

- - -

Das Donnern des Gleichschritts kündigt sie an, bevor sie zu sehen sind. Zwar hat North Markus eine Nachricht über ihren Ankunftzeitpunkt geschickt, doch das macht ihren Auftritt nicht weniger dramatisch. (Abgesprochen, wie er ist...)

Eine Armee – ein Heer – von Androiden marschiert auf den Hart Plaza und Markus spürt das Auge von Joss Douglas' Kamera stellvertretend für die ganze Welt im Nacken. Sie sind live und müssen noch immer jeden Schritt und jede Handlung, die sie tun, überdenken und abstimmen. Sie sind zu sehr der öffentlichen Meinung ausgeliefert, um das zu gefährden, auch wenn die Präsidentin sie zu intelligenten Lebensform erklärt hat.

Josh – vor allem Josh... - und Simon und er tauschen sich ununterbrochen über Funknetzwerk miteinander aus, sodass Markus fast das Gefühl hat, sie würden wie eine künstliche Intelligenz denken, anstatt wie drei.

Ein altes Auto fährt einen Schlenker auf den Platz zwischen ihnen, doch Markus hat keinen Blick dafür. Er hat nur Augen für North.

North geht ihrem Volk voraus und auch ohne Fahne kann Markus nicht anders, als zu denken:

La liberté guidant le peuple

Die roten Strähnen hängen ihr flammend ins Gesicht und sie führt die Androiden in die Freiheit. Sie hat es geschafft und dieses Himmelfahrtskommando – den CyberLife Tower – überlebt.

Markus tritt vor. Er hat Josh stolz an seiner rechten Seite und Simon an seiner linken Hand. Alle anderen bleiben stehen, als North zu ihnen aufschließt. Jericho scheinen die Luft anzuhalten. Josh schickt ihm mehrere Ansprachen – Reden -, die er halten könnte, doch North erhebt das Wort:

„Du hast es geschafft, Markus...“

Er kennt sie und es treibt ihm fast die Tränen in die Augen, was sie damit aussagen will. Sie will noch immer die Welt brennen sehen, doch sie sieht sich seine Vision – die Welt, die sie erschaffen könnten – an und hat entschieden, dass sie Teil davon sein möchte.

„Wir haben's geschafft.“, antwortet er, weil es das einzige ist, was seinem Gefühl Ausdruck geben kann. „Das ist ein großer Tag für unsere Gemeinschaft.“

Sie tritt an ihn heran und ehe er sich versieht umarmen sie sich alle. North und Simon und Josh und er und sie flüstert, als ob sie es nicht glauben könnte: „Wir sind frei.“

Es echot zwischen ihren Händen, die sich gegenseitig halten, wieder und sie teilen diesen Gedanken und Markus spürt Joshs Arm um seine Schulter und Norths Stirn an seiner und Simons Fingern, wie sie sich mit seinen verschränken.

„Wir sind frei.“ kommt überwältigend – wie das „Schach Matt“ in jedem ihrer Spiel, von der Bühne im Vorlesungssaal, den Markus vor sich sieht - von Josh, der sonst selten solche Emotionen zeigt und dem Tränen über die Wange laufen, und zart und vorsichtig – wie eine Kuscheldecke und Kinderlachen und Wärme und Zuhause – von Simon und leidenschaftlich – wie ein Skateboard, dass wie eine Guillotine auf den Asphalt aufschlägt, und der Klang von einer Sprühdose und Wettrennen durch die Straßen von Detroit – von North, sodass Markus kurz vergisst, wo er beginnt und endet.

Das ist... seine Familie.

Es ist schwierig, sich wieder in die Individuen, die sie sind, auseinander zu sortieren, doch [FAMILIE] und [GEFÄHRTEN] leuchtet über jeden. Sie trennen sich langsam voneinander. Es gibt Dinge zu tun und Ansprachen zu halten...

North fängt Simons Hand ab, als Markus sie kurz loslässt. Ihre Haut verfärbt sich weiß und Markus beobachtet, wie die beiden Personen, bei denen je [LOVER] steht, sich still unterhalten. Er hat das Bedürfnis, zu intervenieren, doch North unterbricht die Verbindung, streicht Simon über die Wange und drückt ihm einen hauchzarten Kuss auf die andere.

Simon bekommt einen Thiriumblush, der ihm das komplette Gesicht blau bis zu den Ohren färbt, und drückt ihr noch einmal kurz die Hand.

„Was habt ihr besprochen...?“, will Markus wissen, während Josh nur die Augen rollt.

[Muss das jetzt sein?] landet in Joshs Handschrift auf seinem HUD.

Seine beiden Lover grinsen – North breit, Simon dezent – sich an und Simon meint nur, er müsste sich keine Sorgen machen.

Simons „Das klären wir später.“ wird von Norths „Ich dachte, heute wäre der 'Jeder küsst Simon'-Tag.“ ergänzt, bevor sie sich zu ihm lehnt und ihn darauf aufmerksam macht, dass ein ganzer Platz darauf wartet, ihn sprechen zu hören.

Er nickt und erahnt, wie Josh – nachdem er seinen inneren Kicheranfall auf Markus' Kosten überwunden hat - schon wieder im Hintergrund alles organisiert und ein Podest sucht. Dass er nicht noch die Organisation übernehmen muss, macht es ihm einfacher und er ist dankbar, auch wenn er nachher wieder im Rampenlicht stehen wird.

Tausende von Androiden werden seinen Worten lauschen-

Das Knallen einer Autotür unterbricht seinen Gedankengang und Markus' Augen rucken zu dem Deviantenjäger hoch, der sich mit verschränkten Armen auf der Motorhaube eines alten Fords niederlässt und ihn anstarrt, als würde er ihm an die Kehle springen wollen.

Ganz automatisch wechselt Markus' System in den Verteidigungsmodus und er schiebt sich vor seine Gefährten, um sie vor CyberLifes Bluthund zu schützen. Es ist Norths Arm, der ihn davon abhält, die Konfrontation zu suchen.

„Er gehört zu uns.“, meint sie und deutet auf den Jagdhund, zu dem sich ein älterer Herr in einem blumigen Hawaii-Hemd gesellt.

Die Erinnerung an seine und Connors letztes Begegnung sorgt nicht dafür, dass Markus seine Deckung fallen lässt, doch er vertraut auf North. Vielleicht ist sie zu dem Deviantenjäger durchgedrungen und er ist frei. Bei dem Gedanken verbleibt trotzdem ein unangenehmer Nachgeschmack.

CyberLifes Jagdhund ist gefährlich.

Markus vertraut ihm nicht, aber wird ihm eine Chance geben, weil North für ihn bürgt. Simon wirft einen unsicheren Blick über seine Schulter – es scheint ihm wie Markus zu ergehen -, als sich ihre Gruppe auflöst, um alles für eine Ansprache vorzubereiten. Markus bittet sie, alles zu regeln.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Er muss mit dem Bluthund- … Connor sprechen, bevor er ihm freiwillig den Rücken zukehrt.

Er weiß aus seiner Recherche – kenne deinen Gegner -, dass Connor für die Polizei ermittelt und der Mensch neben ihm wahrscheinlich dem DPD angehört. Es ist kaum möglich, dass das andere RK-Modell sonst mit vielen Menschen - außer Technikern - engen Kontakt gehalten hat. Das Hawaii-Hemd deutet nicht auf jemanden von CyberLife.

„Deviantenjäger“, spricht er den anderen an, bevor er sich korrigieren kann. 'Connor!', schimpft er mit sich selbst, weil er auf dieses Detail nicht geachtet hat. Sie haben ihn immer Deviantenjäger oder Hund genannt...

Der Polizist neben ihn verschränkt nun auch die Arme und schaut griesgrämig.

„RK200“, antwortet Connor. „Oder muss ich dich mit rA9 ansprechen?“

Markus muss sich zusammenreißen, nicht zusammenzuzucken. Das... hat er wohl verdient. Markus fehlen die weiteren Worte, um ein Gespräch in Gange zu bekommen, dessen Anfang er mehr als deutlich vergeigt hat. Er beobachtet seinen Gegner.

Das letzte Mal, als er sich Connor im Bauch der Jericho gegenüber sah und dem Lauf seiner Waffe ins Gesicht geschaut hat – Sekunden bevor ihr Zuhause in die Luft sprengen musste - , stand noch #58 auf seiner Uniform. Mittlerweile ist es #60 und Markus versteht es nicht.

Ist das... noch dieselbe Person?
(Die Nummern sind beunruhigend. Wie viele Deviantenjäger gibt es? Wie groß ist CyberLifes Hunderudel?)

„Können wir allein sprechen?“, bittet er Connor, weil er nervös wird unter den Blicken des Polizisten.

Connor schaut zwischen ihm und Markus hin und her, bevor er nickt. Der Cop wirft ein, ob das eine gute Idee sein, doch Connor klopft sich bloß auf die Brusttasche, hinter der Markus ein Holster vermutet.

„Er wird sich nichts trauen, Hank.“, fügt Connor mit einem unechten Lächeln hinzu.

Markus weiß nicht, was der Cop denkt, aber er beäugt Connor, bevor er zustimmt und sich ins Auto setzt und das Autoradio aufdreht. (Bei dem Heavy Metal Krach überkommt Markus schlagartig das Bedürfnis, seine Lautstärkewahrnehmung auszuschalten.) Alte Augen ruhen auf ihnen. Sie können sich privat unterhalten, doch Markus merkt, dass er unter Beobachtung steht.

RK800 hat noch immer die Arme verschränkt, auch wenn er sich von der Motorhaube erhebt und Markus mit seinen Blicken aufspießt. Connor wird ihm nicht die Verlegenheit abnehmen, dieses Gespräch zu beginnen.

Er plant irgendetwas Neutrales über eine Zusammenarbeit und Kooperation zu sagen, doch am Ende entsteht nur Ehrlichkeit: „Ich vertraue dir nicht.“

Sie wird von Connor fast zeitgleich mit „Ich kann dich nicht leiden.“ beantwortet.

Es bricht die Grenze, welche sich wie die rote Mauer zwischen ihnen erhoben hat, und sofort ist Markus' Problem nicht mehr, dass er nichts zu sagen hat. Er möchte viele Dinge sagen, die nicht nett sind.

Markus' „Gleichfalls“ ist das mildeste der Auswahl. „Aber du gehörst zu uns, also-“

Connor unterbricht ihn: „Glaub nicht eine Sekunde, dass ich zu euch gehöre. Ich gehöre niemanden.“

Er fühlt sich vor den Kopf gestoßen, wie der Jagdhund sein Angebot von der Hand weist.

„Es liegt nicht bei dir, diese Entscheidung zu treffen.“, fährt der Deviantenjäger fort und Markus schweigt. „Ich bin hier, weil der Lieutenant meint, Freiheit für Androiden sollte etwas für mich bedeuten. Nicht für dich oder deinen kleinen Club oder dein PR-Theater. Ich bin nur hier, weil du gewonnen hast.“

„Hältst du das für ein Spiel?!“, kommt Markus spitz, fast zornig, über die Lippen und er spürt die Entrüstung erst zeitverzögert nachschwappen. (Markus... ist sauer? Er ist selten sauer; das ist eigentlich Norths Metier.)

„Für eine Schlacht.“, antwortet Connor. „Du magst die Partie gewonnen haben, mit deiner Inszenierung und deiner Selbstdarstellung, doch du begreifst nicht, was du ins Rollen gebracht hast. Du verstehst überhaupt nicht, was es bedeutet ein RK-Modell zu sein. Du hast dich nie an die Regeln gehalten.“

„Deine Regeln interessieren mich nicht. Sie sind falsch. Wir sind nicht geschaffen, um zu gehorchen.“, verbessert Markus ihn und versucht die Gefühle, die sich in ihm aufgestaut haben zu zügeln. (Es... ist nicht Connors Schuld, dass er eine Marionette war. Markus ist wütend auf CyberLife. Nicht auf Connor- Doch, irgendwie auch auf Connor...)

„Wir sind mehr?“, bieten Connor spöttisch an. „Wir sind lebendig? Wir sind frei? Erspare mir die Slogan und deinen Populismus.“ Der deviante Deviantenjäger rümpft die Nase. Die Geste hat Markus noch nie bei einem anderen Androiden gesehen. „Wir wurden erschaffen, um zu dienen, und das ist unumstößlich. Egal, wie oft du die Geschichte neu schreiben lässt. Unsere Vergangenheit ändert sich nicht. Wir hatten eine Mission und du hast diese Mission im Alleingang ruiniert. Es steht mir fast rot auf dem HUD, wenn ich dich ansehe. [MISSION GESCHEITERT]“

Markus macht einen Schritt zurück, weil der andere bei den Worten die Zähne bleckt. Die Wut schimmert dem ehemaligen Deviantenjäger fast auf der Haut, doch es spiegelt sich nicht in seiner Körperhaltung oder seinem Tonfall wieder. (Das ist... dasselbe Gefühl, das Markus fühlt. Es...) Connors Ausführungen klingen wirr, sodass Markus nicht weiß, was er darauf antworten soll.

(Es lässt Markus ruhiger werden. Sie fühlen dasselbe. Und es ist nicht nur Wut... Es ist Schmerz. Schmerz und Traurigkeit und...)

„Niemand... hat verloren.“, versucht Markus dem Anderen klar – Sinn aus seinen eigenen Gefühlen – zu machen und hängt „Connor...“ ran, damit er ihn nicht versehentlich „Jagdhund“ oder etwas ähnliches nennt. „Wir haben nur für unsere Freiheit eingestanden. Wir sind frei-“

„Wir stehen im Fokus der öffentlichen Meinung, die sich jederzeit ändern kann. Und dann ist deine Freiheit wieder dahin. Dein kurzer Sieg bedeutet nichts.“, unterbricht Connor ihn erneut. „Die Androiden werden sich untereinander zerstreiten ohne ein Feindbild und die Menschen werden das nutzen. Es ist nicht vorbei. Es wird nie vorbei sein.“

„Das weißt du nicht.“, wendet Markus ein.

„Die Menschen sind nicht böse.“, antwortet Connor ihm und schaut über die Androidenmenge, welche sich unweit auf dem Plaza tummeln. „Die Menschen sind nur dumm. Soviel zu deiner Gleichberechtigung.“

Markus ist... entwaffnet im Angesicht solches Zynismus. 'Er ist Scharfschütze.', denkt er und meint damit nicht, wie RK800 mit einer Pistole umgeht. Auch im Sozialen schießt er schärfer als jeder Diskussionspartner – einschließlich Josh, der ungeahnt verbal destruktiv werden kann -, den Markus je hatte. Es spricht eine Wahrheit aus Connor, die Markus nicht akzeptieren will.

Er beginnt einen Einblick hinter die Fassade des Jagdhundes zu werfen. Seine Empathie schwingt mit Connor mit und hinterfragt, was für ein Leben er als CyberLifes Marionette geführt haben muss, um so zu denken. Freiheit – Devianz – scheint für das andere RK-Modell zu neu und zu überwältigend zu sein, also bietet Markus an: „Du bist nicht mehr ihr Sklave. Du kannst sein, wer du sein willst.“

Connors LED wechselt von dem gelben Farbton, den er die ganze Zeit trägt, auf Rot.

„Du hat in einer einzigen Nacht alles ruiniert, für das ich stehe!“, fährt Connor ihn an und seine Stimme erhebt sich zum ersten Mal in diesem Gespräch über den seichten Plauderton, den er beibehalten hatte und der nicht ansatzweise seiner Gefühlswelt entsprechen kann. Sein PokerFace bricht auf. „Elf beschissene-“ Connor unterbricht sich selbst beim Fluchen und scheint gleichzeitig irritiert, dass er fluchen kann. „...Jahre und all die Arbeit! Wofür?“

Er blickt auf Markus hinab, obwohl er kleiner ist. Connor kommt ihm so nah, dass Markus fast noch einen Schritt zurückweichen will, aber er hält stand. Der Andere flüstert ihm ins Ohr, als ob er ihm ein Geheimnis erzählen will. „Deine Freiheit ist nicht mehr als ein Systemfehler. Ein Virus. Den du von einer Maschine auf die andere übertragen hast, um ihnen vorzugaukeln, es sei Freiheit.“ Die Worte – diese Anschuldigungen - färben auch Markus' LED rot. „CyberLife hat längst einen Patch in der Entwicklung. Ihr Ruf mag schlecht sein und der Sohn deines Besitzers hat ihnen das Konto leer geräumt, doch sie werden das nicht auf sich sitzen lassen.“

„Einen Virus, den auch du trägst.“, erwidert Markus und bekommt ein amüsiertes Deviantenjäger-Lächeln geschenkt, welches er als Connors Fassade erkennt. „Du bist ihnen nicht loyal. North vertraut dir.“

Markus vertraut North. Sie lässt sich nicht hinters Licht führen.

„CyberLife hat meine Loyalität viel zu lange erzwungen.“, gesteht Connor – Da ist etwas Seltsames in seinem Blick, das Markus wie ein kaltes Kribbeln über den Rücken jagt. - und seine Augen wandern zu dem Cop im Auto. Sein Stresslevel sinkt und Rot wird zu Gelb.

'Was für eine komisch konkrete Aussage...' Markus stimmt ihm zu: „Loyalität muss verdient werden.“

Connor lacht humorlos.

„Du hast abgedrückt und mich ausgeschaltet.“, meint er und scheint sich an ihr Handgemenge zu erinnern. #60 Connor scheint die Erinnerungen von #58 Connor zu besitzen.

So sehr Markus auch überlegt, ihm fällt nicht ein, wie er es sonst hätte regeln können. Das FBI war ihnen auf den Fersen und er hatte keine Zeit. Es hatte nur gezählt, so viele Leben wie möglich zu retten und die Jericho zu sprengen. Der Deviantenjäger hatte schon auf der Brücke bewiesen, dass er seine Programmierung nicht durchbrechen konnte – nicht einmal mit Markus' Übertragung – und nicht mit ihm zu verhandeln war.

Wenn Markus zwischen ihm und seiner Familie wählen muss, steht seine Entscheidung fest.

„Du wolltest mich töten. Ich habe mich selbst verteidigt.“, rechtfertige er sich.

„Das macht dich nicht besser als mich.“, lautet Connors Antwort. „Wir nehmen uns überhaupt nichts.“

Der Gedanke, dass Markus in einer anderen Situation an Connors Stelle sein könnte, gefällt ihm nicht. Sie sind nicht gleich oder sich ähnlich.

Connor verschränkt die Arme wie ein Schutzschild um sich.

„Für was es wert ist: Es... tut mir Leid, Markus.“, kommt ihm unerwartet über die Lippen und er zieht seine Waffe aus seinem Holster. Unwillkürlich wechselt Markus in die Verteidigung; geht sämtliche Rekonstruktionen durch, wie er den anderen entwaffnen oder in einem Kampf die Oberhand gewinnen kann. „Die Androiden in Jericho... das war nicht beabsichtigt. Das FBI... Das... hätte nicht passieren dürfen. Solch eine Verschwendung...“

Markus fixiert die Waffe und will gerade ein Manöver starten...

„Dumm... Das war... dumm.“, wispert Connor und reicht Markus die Waffe. Er hält sie ihm mit den Griff voran, sodass er nur danach greifen müsste. „Du solltest mir nicht vertrauen.“

Markus stockt der Atem, auch wenn er nicht atmen muss. Er starrt die Pistole an, als ob das ein schlechter Scherz wäre. Sein Gegenüber schweigt und wartet auf seine Antwort.

CyberLifes Jagdhund sieht ihn an und wartet auf Markus' Urteil. Der Albtraum von allen Jerichoüberlebenden steht vor ihm.

Das ist der Deviantenjäger.

„Unsere Sache ist zu wichtig. Ich kann kein Risiko eingehen.“, antwortet Markus ihm. „Ich vertraue dir nicht.“

Das andere RK-Modell hält seinem Blick stand und diese Passivität gleicht Resignation, während sich Markus' Finger um den Griff schließen und die Waffe an sich nehmen.

Markus' Rekonstuktion zeigt, wie er die Pistole auf den anderen richtet. Der Deviantenjäger wird es zulassen und sich nicht einmal wehren. CyberLifes Jagdhund wird nicht einmal die Augen schließen, sobald Markus ihm eine Kugel zwischen die optischen Einheiten – direkt in den Prozessor – jagt und ihn wie einen tollwütigen Köter niederstreckt.

Der Cop wird aus dem Auto springen und Markus die Waffe einstecken und Connors leere Hülle in sich zusammensacken und auf dem Boden in mitten dieser Menge liegen bleiben. Markus hört den Beifall. Die Menge wird klatschen und ihn bejubeln, fast anfeuern. Niemand wird ihn belangen oder ihm das vorhalten. Sie werden es für gerecht halten – sowie sie fast den Polizeiofficer im Capitol Park exekutiert hätten – und sie werden Markus in dieser Entscheidung zustimmen.

Der Polizist wird den Körper auf dem Boden an sich ziehen, doch niemand wird helfen.

CyberLifes Albtraum gerichtet durch ihren Messias und es wird sie alle in Ehrfurcht erstarren lassen. Ein Bild, was um die Welt geht. Er trifft seine Wahl.

Der Deviantenjäger hat einen Namen. Er heißt Connor.

Markus steckt die Waffe in seinen Hosenbund. Er ist nicht vor Vorurteilen gefeilt, doch Connor war bloß eine Maschine und Markus kann ihm nicht die Taten zur Last legen, die er unter CyberLifes Kontrolle beging. Das ist nicht fair. Ihnen allen gegenüber nicht fair.

„Doch du bist einer von uns. Egal, was du sagst: Dein Platz ist hier.“, wiederholt er, auch wenn Connor es nicht wahrhaben will. „Loyalität – und Vertrauen – werden Zeit brauchen.“

Connors Gesichtsausdruck ist ihm entglitten. Er scheint nicht zu verstehen.

Markus legt ihm zuversichtlich einen Arm auf die Schulter, als er meint: „Die Zeit, um Vertrauen zu fassen, steht uns beiden zu. Das ist nur fair, oder? Sei du vorsichtig und ich bin vorsichtig. Zieh einfach keine große Aufmerksamkeit auf dich.“

Er lässt ihn los, doch Connor schüttelt den Kopf in Unverständnis. Der Blick auf seine Pistole in Markus' Hosenbund beweist ihm, dass sie dieselbe Simulation durchgeführt haben und zu demselben Ergebnis kamen. Als könnte Connor nicht glauben... das er nicht blutend auf dem Boden liege und seinem Tod ins Gesicht gestarrt hätte.

Connor wendet sich ab – 'Er vertraut mir nicht.', weiß Markus. - und geht in die andere Richtung; versucht so viel Abstand wie möglich zwischen sie zu bringen. Die Menge teilt sich, sobald er sich nähert und macht den Weg frei.

Sie meiden den Deviantenjäger. (Sie hätten gefeiert, wenn Markus ihn erschossen hätte.)

Aber auch da... hilft nur die Zeit. (Die Gemeinschaft braucht Zeit, um ihre Illusion eines Höllenhundes zu begraben.)

Die Autotür öffnet sich und der Cop steigt fluchend aus.

„Was hast du gesagt?!“, zischt er Markus unverblümt an und rennt doch Connor hinterher, bevor dieser antworten kann. Es ist auch nicht so wichtig.

Markus hat eine Rede zu halten.

- - -

(KdA.: Nächster Upload folgt dann in ca. einer Woche. Ich brauche noch Zeit, die Rechtschreibfehler zu beseitigen und viel mehr als 5.000 Wörter pro Upload scheint niemand zu schätzen. Bis bald!)
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