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Warum?

von Catweazle
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Samu Haber
22.07.2021
29.07.2021
5
10.718
21
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Dieses Kapitel
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22.07.2021 2.041
 
Hi,

willkommen zu dieser Kurzgeschichte (5 Kap.) die denjenigen etwas Überbrückung bieten soll die auf die Fortsetzung der aktuellen Storys warten. Natürlich geht es auch da weiter, aber das hier hat sich vorgedrängelt.
Diesmal etwas fürs Herz.
Schmerz und Freude, Trauer und Glück.
Begleitet Samu auf diesem Weg und lasst gerne eure Gedanken zurück.

Liebe Grüße
Cat
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Kapitel 1:

*Es ist egal,
zu welchem Zeitpunkt
man einen Menschen verliert,
es ist immer zu früh
und es tut immer weh.*


(Unbekannter Verfasser)



Er konnte nicht mal weinen, alles in ihm fühlte sich leer an. Betäubt von dem unendlichen Schmerz. Sein Kopf wollte immer noch nicht begreifen was sein Herz schon wusste. Sie war tot. Gestorben, und er war nicht bei ihr gewesen. Nicht mal an ihre letzten Worte konnte er sich erinnern. Oder doch? Er versuchte sich die Szene aus seiner Erinnerung abzurufen. Wir sehen uns, hatte sie gesagt. Und er hatte mit einem Natürlich, meine Süßen,  geantwortet und über ihren gewölbten Leib gestreichelt. Natürlich ...
Nein, nichts war natürlich, gar nichts.

Wie sollte es jetzt weitergehen? Ohne sie? Ohne ihre Liebe? Ohne die Träume die sie gemeinsam geträumt hatten? Für diesen Traum hatte er seinen bisherigen Traum geopfert und er hatte es gerne getan. Sicherlich war auch ein weinendes Auge dabei gewesen, aber das Lachende hatte überwogen. Und nun? Nichts. Nicht einmal Tränen. Er fror jämmerlich, das wurde ihm erst jetzt bewusst.

Samu erschrak mächtig, als sich eine warme Hand auf seine Schulter legte.
„Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie ist Herr Haber und wenn Sie noch Zeit brauchen können Sie natürlich noch bleiben, aber Sie können für Ihre Verlobte nichts mehr tun und Ihre kleine Tochter braucht Sie.“
„Sie braucht ihre Mutter, nicht mich“, erwiderte Samu tonlos.
„Ihre Mutter ist ihr genommen worden, aber ihr Vater ist noch da und den braucht sie jetzt mehr als sonst einen Menschen auf dieser Welt!“, erwiderte die Stationsschwester eindringlich. „Ihre Tochter hat noch keinen Namen, Sie haben sie noch nicht einmal gesehen, dabei ist sie ein so hübsches Mädchen.“

„Ich kann das nicht, ich kann das alles nicht!“ Samu schlug sich die Hände vor das Gesicht, beugte sich auf dem Stuhl auf dem er saß vorne über und begann hemmungslos zu schluchzen.
„Herr Haber ...“
„Nein!“ Er sprang auf, stolperte mit Tränen Gesicht auf das Bett zu und brach weinend über der Toten zusammen.
„Mari, komm zurück! Komm zurück, bitte!“, begann er an ihren Schultern zu rütteln. „Du darfst mich jetzt nicht alleine lassen, hörst du? Komm zurück! Komm zurück Mari!“

Er hörte tuschelnde Stimmen hinter sich, erkannte die leise Stimme seiner Mutter.
„Samu?“
„Sie ist tot Mama, sie ist tot! Mari ist tot!“
„Ich weiß, mein Junge, ich weiß.“ Er richtete sich auf, fiel ihr weinend um den Hals und sie streichelte behutsam über den bebenden Körper ihres Sohnes. „Wir kommen wieder hierher damit du in Ruhe von ihr Abschied nehmen kannst, aber jetzt musst du zu deiner Tochter gehen, das bist du Mari schuldig. Sie hat sich so auf euer Baby gefreut.“
„Ich ... ich m... mi...ch do...ch a...uch“, brachte Samu stammelnd hervor.
„Dann komm mit.“ Sie löste sich ein wenig von ihm und reichte ihm ein Taschentuch.
Samu schnäuzte sich, dann hielt er sich die Hand vor Nase und Mund bis sich seine Atmung ein wenig beruhigte.

Seine Knochen taten ihm weh, nicht nur sein Herz. Am liebsten wäre er fortgerannt, aber das war sinnlos, der Schmerz hätte ihn doch eingeholt. Außerdem – was hätte Mari von ihm gedacht, dass er das Kind zurückließ? Die kleine gemeinsame Tochter. Die Kleine hätte in einer Woche zur Welt kommen sollen, sie war schon fit genug für das Leben, doch dann hatte dieser Unfall fast das Leben von zwei Menschen  beendet. Die Kleine wurde von den Ärzten per Kaiserschnitt geholt, gleich darauf war Mari gestorben. Und er ... Er war bei einem Musikproduzenten gewesen als Mari ihren letzten, und die Kleine ihren ersten Atemzug getan hatten.

Nur gut, dass er jetzt seine Mutter an seiner Seite hatte, sonst hätte er das alles nicht gepackt.
Die Schwestern hier wussten anscheinend genau Bescheid, er spürte ihre mitleidigen Blicke regelrecht auf sich ruhen. Wie betäubt folgte er in Begleitung seiner Mutter der Stationsleiterin in einen anderen Raum.
„Warten Sie hier, wir bringen Ihre Tochter hierher“, deutete die Schwester auf die Sitzgelegenheiten. Samu blieb stehen. Er wusste, dass er sich zusammenreißen musste, keine Schwäche zeigen. Die Kleine konnte ja nichts dafür ...

Die Tür zum Nebenraum öffnete sich und eine andere Krankenschwester kam mit einem winzigen Baby im Arm auf ihn zu.
„Herzlichen Glückwunsch, Herr Haber. Sie haben eine zauberhafte, kerngesunde kleine Tochter.“ Vorsichtig legte sie ihm das Bündel in den Arm. Überwältigt von seinen Gefühlen als er dem Baby ins Gesicht blickte brach er erneut in Tränen aus. Sein Körper wurde von so heftigen Schluchzern erschüttert, dass seine Mutter ihm die Kleine abnahm. Das laute Weinen Samus veranlasste die Schwester die das Baby gebracht hatte wieder in den Raum zu schauen.
„Oh bitte, könnten Sie das Baby wieder nehmen?“, bat Eve. „Ich kümmere mich gleich um meine Enkelin, aber jetzt muss ich für meinen Großen da sein.“
„Natürlich. Soll ich einen Arzt vorbeischicken?“, schaute sie zu Samu.
„Ich werde versuchen mit ihm zu reden, wenn ich ihn so gar nicht beruhigen kann dann melde ich mich.“

Samu saß inzwischen zusammengekauert auf dem Boden, hatte die Arme um seine angezogenen Beine geschlungen und heulte sich die Seele aus dem Leib. Eve wusste, dass sie ihn mit Wort jetzt nicht erreichen würde, dass er Nähe aber sehr wahrscheinlich zulassen würde. Und so war es auch. Die Hand auf seinem Haar streichelte sie immer wieder seinen Kopf. Schließlich griff Samu nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen, wo er dann kleine Küsse darauf hauchte. Wieder und immer wieder. Seine Art zu sagen, wie sehr er sie brauchte.

„Kannst du mir den Namen verraten den ihr euch für sie überlegt habt?“ Samu hob den Kopf.
„Zoe, sie soll Zoe heißen. Das ...“ Samu wischte sich über die Augen, „das bedeutet Leben und das hat uns gefallen.“
„Das ist auch sehr schön Samu. Und genau das würde Mari auch wollen, dass du mit Zoe weiterlebt und sie auf diesem Weg durch ihr Leben begleitest. Es ist hart für dich dein Glück über die Kleine nun nicht genießen zu können, weil die Trauer um ihre Mutter so groß ist, aber Zoe kann nichts dafür und du darfst sie nicht zurückweisen“, redete Eve eindringlich auf ihn ein.
„Das tue ich doch auch gar nicht, ich weise sie nicht ab, aber ... Mama, ich kann mich nicht um sie kümmern. Immerzu muss ich an Mari denken und dann ... Zoe würde das spüren.“
„Du musst das aber machen Samu. Es ist keine Frage des Wollens. Dein Kind braucht dich, denn es hat nur noch dich. Natürlich sind wir auch für die Kleine da, du musst das nicht alleine machen, aber es ist deine Verantwortung nun für dein Baby da zu sein. Deine ganz allein. Und nun steh auf, geh zu deiner Tochter und sei für sie da.“
„Und Maris Eltern? Sie wissen noch gar nichts.“ Traurig sah Eve ihren Sohn an.
„Du wirst es ihnen sagen müssen, und das möglichst bald. Sicherlich kommen sie hierher und dann kümmern wir alle uns gemeinsam um die Beisetzung. In Ordnung?“ Samu nickte. Langsam erhob er sich und öffnete die Tür.
„Hallo? Dürfte ich ... ich meine, kann ich jetzt meine Tochter bekommen? Jetzt bin ich bereit.“

Vorsichtig nahm er das kleine Menschlein an sich das man ihm brachte, dann setzte er sich in einen der beiden Sessel die im Zimmer standen.
„Hallo Zoe, willkommen auf dieser Welt, willkommen in meinem Leben.“ Zärtlich küsste er die samtweiche Wange seines Babys. Dann begann er leise für sie zu singen. Und was wohl war passender als Welcome to my life?

Leise verließ Eve das Zimmer, sie war sich sicher, dass Samu seiner Tochter zuliebe seine Trauer um Mari nun im Zaum halten konnte.
Sie ging zu der Stationsschwester um sich zu erkundigen, ob die Kleine noch da bleiben müsste. Glücklicherweise war auch ein Arzt anwesend der kein Problem darin sah, wenn Zoe nun das Krankenhaus verlassen würde.
„Viele Mütter entbinden ambulant und gehen nach einigen Stunden mit dem Baby nach Hause sofern es beiden gut geht. Ihre Enkeltochter ist zwar durch einen Kaiserschnitt, aber durchaus Termingerecht zur Welt gekommen. Es geht ihr gut und Sie können das Kind mitnehmen. Für den jungen Vater ist es vielleicht auch besser wenn er gar nicht erst in eine Phase kommt die ihm noch Schonung bietet. Seine Trauer wird leichter zu bewältigen sein wenn er sein Töchterchen bei sich hat.“
„Ja, vermutlich. Vielen Dank.“

Eve brauchte einen Moment um sich zu sammeln, um sich zu überlegen wie sie nun weiter vorgehen sollte. Denn auch wenn sie sich um das Vater-Tochter-Gespann als solches sicherlich keine Sorgen machen musste, Samu würde in der ersten Zeit ständig Hilfe brauchen. Natürlich würde sie selbst tun was sie konnte, aber sie machte sich da auch nichts vor, sie war nun mal nicht mehr in einem Alter in dem man rund um die Uhr ein Baby versorgen konnte. Aber so würde es sein und Samu würde an allen Ecken und Enden Hilfe brauchen. Mal sehen, ob Sanna nachts über bei ihm bleiben konnte, für den Tag würden sich dann schon Lösungen finden. Also rief sie ihre Tochter an und bat sie darum mit einem Kindersitz zum Krankenhaus zu fahren um Samu, Zoe und sie abzuholen.


„Mama!“ Sanna stürmte auf ihre Mutter zu und fiel ihr um den Hals. „Ich glaube das nicht, ich glaube das alles nicht!“
„Ach Sanna mein Schätzchen. Das mit Mari ist so traurig und Samu ist verständlicher Weise total verstört. Zum Glück gibt die Kleine ihm Halt, aber was da jetzt alles auf ihn zukommt ist einfach zu viel. Wir müssen ihm irgendwie helfen.“
„Natürlich Mama, mach dir da mal keine Sorgen. Ich habe schon mit Mikka gesprochen und er findet es richtig wenn ich ein paar Tage bei Samu bleibe. Kaisa und Fanni haben wir das erklärt so gut es ging, sie verstehen, dass ich nun bei Onkel Samu und dem kleinen Baby bleiben muss. Wo ist er denn?“ Eve hakte sich bei ihrer Tochter ein.
„Komm mit, ich bringe dich zu ihm.“

Sanna klopfte an die Tür hinter der es mucksmäuschenstill war. Ein leises „Ja“, ließ sie eintreten.
Der Anblick ihres großen Bruders rührte und erschreckte sie gleichermaßen.
„Hi Samu.“
„Sanna. Komm, sieh sie dir an. Sie heißt Zoe. Findest du nicht auch, dass sie Mari ähnlich sieht? Die Form der Augen. Und auch das Näschen. Schade, dass Mari sie nie zu Gesicht bekommen hat.“ Sanna schluckte mehrmals.
„Ja, das ist sehr schade, aber egal wo sie nun auch ist, sie wird immer bei euch sein.“ Wieder liefen Tränen aus Samus blauen Augen. „Ich nehme sie dir mal ab, in Ordnung?“ Samu nickte. „Samu, du darfst Zoe jetzt mit nach Hause nehmen. Ich bin hier um euch abzuholen.“
„Aber ...“, setzte er zu Sprechen an.
„Kein, aber.  Ich werde die ersten Tage bei euch bleiben, du hast auch genug andere Dinge um die du dich noch kümmern musst.“
„Maris Beisetzung“ , sagte er tonlos.
„Ja, zum Beispiel. Einige dich mit ihren Eltern. Mari und du, ihr wart nicht verheiratet.“ Erschrocken riss Samu die Augen auf.
„Meinst du, ich werde als Vater nicht anerkannt, weil Mari und ich nicht verheiratet waren?“
„Aber nein, ihr seid doch schon mal hier im Krankhaus gewesen und habt euch als zukünftige Eltern vorgestellt. Würde man das nicht anerkennen so würde jemand vom Jugendamt auftauchen und mit dir reden. Glaub mir, hier kennt man sich sicherlich mit so etwas aus. Ich meinte auch vielmehr, dass du rein vom rechtlichen Wege aus vermutlich nicht so viele Chancen hast etwas wegen der Beerdigung zu bestimmen.“
„Ja, da hast du wohl recht.“ Samu fuhr sich mit den Händen kurz durch sein Gesicht. „Hör mal Sanna, ich gehe eben raus, mache mich frisch und informiere Maris Eltern. Danach können wir nach Hause fahren.“ Sein Blick wurde leer und Sanna kam in den Sinn, dass ihr Bruder noch nie zuvor so verloren gewirkt hatte wie gerade jetzt. Er senkte den Kopf. „Und dann ... dann werden wir sehen was passiert“, kam es leise von ihm.
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