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Der Zoo der mystischen Tiere

KurzgeschichteFantasy / P16 / Gen
22.07.2021
22.07.2021
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Hallo, liebe Leser :) Ich hoffe euch gefällt meine kleine Geschichte und über Feedback würde ich mich natürlich sehr freuen^^ Also viel Spaß, eure NimmerniesPrinzessin :)

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Die Pfeile im Köcher raschelten leise und begleiteten jeden meiner Schritte. Unter meinen Stiefeln brach ein Ast, das Knacken schreckte einige Vögel auf und ich folgte ihnen mit meinem Blick. Stille senkte sich wieder über den Wald und ich setzte meinen Weg fort. Weit entfernt durfte es nicht mehr sein, die Spur war noch frisch. Tatsächlich hörte ich nur wenige Augenblicke später ein Schnauben und versteckte mich hinter einem Baum. Ein Stück weit von mir entfernt stand mein heutiges Ziel. Bedächtig schob ich mich um den Baum herum, ohne das Wesen aus den Augen zu lassen. Sollte es mich bemerken und flüchten, wäre es unmöglich es erneut aufzuspüren. Das Sleipnir zählte zu den schnellsten Wesen der Welt, was es seinen acht Beinen verdankte. Gewöhnliche Pferde waren kein Problem für mich, doch dieses Exemplar war eine Herausforderung.
Langsam hob ich den Arm und griff hinter mich, in den Köcher auf meinem Rücken, wo ich einen Pfeil herauszog und anlegte. Meine Finger schlossen sich fester um den Bogen, ich spannte die Sehne und richtete die Pfeilspitze auf das Sleipnir. Noch hatte es keine Notiz von mir genommen. Für einen Atemzug verharrte ich in meiner Position, dann ließ ich die Sehne los und der Pfeil zischte durch die Luft. Alarmiert stieg es und wieherte, was ich abschätzend beobachtete. Kaum berührten die vorderen Beine wieder den Boden, knickten sie weg und der Körper des Pferdes landete am Boden. Panisch hatte es die Augen aufgerissen und versuchte aufzustehen, was nicht gelang. Blut blitzte auf dem dunklen Fell am Rücken auf. Es war kein tödlicher Schuss gewesen, der Pfeil hatte den Rücken nur gestreift. Tod nutzten sie mir nichts. An den Pfeilspitzen haftete ein Gift, das die Tiere für eine Weile außer Gefecht setzte, um sie problemlos wegzuschaffen. Bei dem Sleipnir setzte die Wirkung nun ein und während dessen Augen zufielen, ging ich näher heran. Trotz allem war ich fasziniert davon, diesem Wesen so nah zu kommen, aber auch stolz es geschafft zu haben. Zur Sicherheit wartete ich noch einige Sekunden bevor ich es bereit machte, die Umgebung zu wechseln. Das Schwierigste war geschafft. Meine heutige Aufgabe war erfüllt.

Schon von weitem hörte ich die tiefe, raue Stimme, die Anordnungen brüllte. Ein bisschen taten mir die Angestellten leid, jedoch hatten sie sich für dieses Leben entschieden. Genauso wie ich mich für meines entschieden hatte. Obwohl ich mich so schnell wie möglich zurückziehen wollte, wartete ich geduldig bis der Direktor mit Brüllen fertig war. Schweigend machten sich seine Gefolgsleute an die Arbeit, sahen aber nicht sehr fröhlich und motiviert aus. Ich hatte schon den Mund geöffnet, als er sich zu mir umdrehte. Ein schmales Lächeln zierte seine Lippen, was mir immer eine Gänsehaut bescherte. Die dunkel umrahmten Augen waren kalt.
>>Du hast gute Arbeit geleistet. Das Sleipnir ist sicher in der Box und der Kratzer am Rücken versorgt. Wirklich ein schönes Tier.<< Er faltete die Hände vor dem runden Bauch.
>>Was geschieht jetzt mit ihm?<<, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
>>Darum mach dir keine Gedanken, meine Liebe.<< Seine Stimme war gefährlich ruhig und noch immer trug er dieses Lächeln. Als er gemütlich an mir vorbei ging unterdrückte ich den Dran wegzutreten. >>Bevor ich es vergesse.<<
Ich drehte mich um und konnte gerade noch den kleinen ledernen Beutel fangen, den er mir zuwarf. Darin klimperte es herrlich.
>>Dein Lohn.<<
Keine Sekunde später war er hinter dem nächsten Zelt verschwunden.
Ungeduldig löste ich die Kordel und schielte in den Beutel. Goldmünzen blitzen mir entgegen, genug, um sich vorerst über Wasser zu halten. Seufzend ging ich zu meinem kleinen Zelt, streifte den Köcher ab, worin ich meinen Lohnbeutel versteckte, und stellte ihn zu meinem Bogen. Erschöpft ließ ich mich auf die Pritsche fallen. Meine Beine schmerzten, die Jagd war anstrengender gewesen als erwartet. Ich schloss die Augen und musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich sie wieder aufschlug, dämmerte es bereits.
Ausgeruht stand ich auf, streckte mich und verließ das Zelt. Der Direktor überließ es mir, dafür dass ich in seinen Diensten stand und Nahrung bekam ich auch. Mein Zuhause war es dennoch nicht. Draußen herrschte noch immer viel Betrieb, doch kaum jemand achtete auf mich. Zu sehr hing ihre Konzentration bei deren Tätigkeiten. Sie wollten nicht den Ärger des Direktors auf sich ziehen. Um sie nicht abzulenken huschte ich zwischen den großen Zelten hindurch, hinein in das mit den Tieren. Im Eingang hielt ich inne. Weiter hinten in einer Box stand das Sleipnir und schüttelte gerade den Kopf. Zielstrebig ging ich auf es zu und ein schlechtes Gewissen breitete sich in mir aus. Ich ignorierte es und hob die Hand. Regungslos beobachteten seine dunklen Augen jede meiner Bewegungen und ließ zu, dass ich meine Hand auf das weiche Fell seines Kopfes legte. Behutsam strich ich darüber und lächelte schwach. Schnaubend drückte es mir den Kopf entgegen.
>>Hier wird es dir gut gehen.<<, murmelte ich.
Wieder schnaubte es.
>>Dafür werde ich sorgen.<<
Mein Kopf fuhr herum und ich entdeckte den Stallburschen, der für alle Wesen hier zuständig war. Er machte seinen Job gut, doch in den Augen des Direktors vielleicht ein wenig zu gut. Aber das kümmerte ihn wenig. Mit einem Beutel in der Hand kam er zu mir.
>>Mach die Hand auf.<<
Zögernd kam ich der Aufforderung nach und hob eine Augenbraue, während er mir Körner in die Handkuhle streute.
>>Futter.<<, erklärte er knapp und grinste schief.
Das erwidernd hielt ich dem Wesen meine Hand mit dem Futter hin, welches es sofort nahm. Ich staunte darüber wie vorsichtig es dies tat.
>>Guter Schuss übrigens. Du hast das Gewebe kaum beschädigt.<<, lobte der Stallbursche mich und lehnte sich an die Wand der Box.
Mein Blick huschte zu dem weißen Pflaster auf dem Rücken des Sleipnir. Wieder machte sich das schlechte Gewissen bemerkbar. Wenigstens war es nur ein Streifschuss gewesen. Soweit ich wusste, gab es nur dieses eine Exemplar. >>Mehr ist auch nicht nötig, damit das Gift einsetzt.<<
>>Der Direktor ist trotzdem stolz auf dich.<<
Ich wandte den Blick ab und begann wieder über den Pferdekopf zu streicheln. >>So sehr braucht er mich nicht.<<
>>Tut er doch. Du bist die beste Jägerin weit und breit, ohne dich könnte er das alles vergessen.<< Seine Stimme klang dabei vollkommen aufrichtig.
Das bezweifelte ich, wenn es auch ein wenig schmeichelnd war. Unwillkürlich hoben sich meine Mundwinkel. Das Sleipnir genoss meine Streicheleinheiten, weswegen ich die zweite Hand ebenfalls benutzte. Sein Fell war weich und angenehm warm.
>>Die Tiere mögen dich, weißt du?<<
>>Dabei bin ich es, die ihnen das antut.<<, erwiderte ich und konnte mein Gewissen nicht mehr ignorieren.
Der Stallbursche trat einen Schritt näher, sodass ich ihn aus Reflex anschaute. >>Du machst nur deinen Job. Genau wie wir alle.<<, erklärte er mir sanft und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Er hatte Recht. Diese einzigartigen Geschöpfe zu jagen war mein Job. Der Lohnbeutel in meinem Zelt bewies es. Bis jetzt hatte ich noch keines dieser Tiere töten müssen, was mein Gewissen etwas beruhigte. Dennoch war ein Leben in Gefangenschaft nicht viel besser. Ich schloss die Augen, die Hände noch im Fell des Sleipnirs. Es würde ihm tatsächlich gut gehen, schließlich kümmerte sich der Stallbursche darum. Jedem Tier erging es hier gut. Jedenfalls so gut es in Gefangenschaft möglich war. Dass sie mich trotzdem mochten, war unglaublich. Es ließ alles für eine Weile nicht so schlimm erscheinen. Ich nahm noch etwas von dem Futter und hielt es dem Sleipnir hin. Wie davor auch fraß es bedächtig aus meiner Hand. Der Stallbursche beobachtete mich, ich spürte seinen Blick auf mir und nach wenigen Herzschlägen musste ich ihn einfach erwidern. Er lächelte zaghaft.
>>Wie bist du hier gelandet?<<, wollte ich wissen.
Sein Lächeln wurde erst gequält und verschwand schließlich ganz. >>Ich brauchte das Geld und ein Zuhause. Der Zoo der mystischen Tiere kam da ganz gelegen.<< Er legte den Kopf schief. >>Was war es bei dir?<<
>>Anfangs hab ich es als Herausforderung betrachtet, die seltensten und gefährlichsten Tiere zu jagen.<< Mein Blick fiel auf den Bakauv, der in einem komplett verriegelten Käfig kauerte. Dieses Wesen zu jagen hatte viel Spaß gemacht. Zwei Mal war es mir sogar entwischt und ich konnte nur beinahe einem Angriff entgehen. >>Mittlerweile kommt es mir so vor, als erledige ich die Drecksarbeit für einen Schuft.<<, endete ich und glitt mit den Fingern über die Nüstern des Sleipnir.
Der Gedanke widerte mich an. All die Jahre war ich eine unabhängige Jägerin gewesen und nun gehorchte ich diesem hinterlistigen Kerl, der aus der Gefangenschaft der sagenhaftesten Tieren Profit schlug. Ich begann ernsthaft an mir zu zweifeln. Der Lohn hatte mich eingewickelt. Aber ich hatte ihn nicht ausgegeben, zumindest nicht vollständig. Mittlerweile hatte sich eine große Summe angespart. Ich überließ das Sleipnir der Obhut des Stallburschen und betrachtete die Abenddämmerung, während ich zu meinem Zelt zurückkehrte. Die anderen Angestellten begaben sich ebenfalls in ihre Zelte, in ihren erschöpften Gesichtern zeigte sich Resignation. Sie alle hatten sich ein besseres Leben erhofft und jetzt arbeiteten sie den ganzen Tag für einen niedrigen Lohn. Einzig der Direktor konnte sich Luxus leisten. Es war alles andere als fair. Hinzu kamen die Wesen in den Käfigen. Nur meinetwegen waren sie nun hier und wurden zahlenden Besuchern präsentiert. Nachdenklich sank ich auf meine Pritsche. Der Zoo war grausam. Der Direktor war grausam. Ich war es streng genommen auch. Denn ich war die Jägerin. Durch meinen Pfeil landeten die Tiere im Zoo. Egal wie sehr ich versuchte einzuschlafen, ich drehte mich hin und her, ohne ein Auge zu zu kriegen. In meinem Kopf herrschte Durcheinander. Der Stallbursche hatte Recht. Ohne mich wäre weniger als die Hälfte der Tiere hier. Sowohl der Zoo als auch der Direktor verdankten mir diesen großen Erfolg. Plötzlich standen jegliche Gedanken in meinem Kopf still. Nur ein einziger Gedanke stach deutlich heraus. Wobei es kein Gedanke war. Es war eine Entscheidung.

Im Dunklen stand ich auf und schlüpfte in meine Stiefel. Geräuschlos sammelte ich mein gesamtes Geld und legte es zum neuen Lohn in den Köcher, wo ich auch alle meine restlichen Pfeile hineinsteckte. Dann hing ich ihn mir um und schnappte mir den Bogen. Auf leisen Sohlen huschte ich aus meinem Zelt und zwischen den anderen hindurch. Nächtliche Stille lag über dem Gelände und nichts rührte sich. Eine bessere Gelegenheit würde sich mir nicht bieten. Als ich das große Zelt mir den Tieren entdeckte, atmete ich tief durch und trat ein. Nur wenige Tiere schliefen, wie ich feststellte, die jedoch schnell aufwachten. Sofort erkannten sie mich, was einige die Zähne fletschten ließ. Es machte mir keine Angst. Nachdenklich ging ich den Gang zwischen den Käfigen entlang und betrachtete die Tiere darin. Ich machte Halt bei dem Sleipnir, der den Kopf warf und mit einer Hufe scharrte. Es spürte die wachsende Unruhe. Ein flüchtiger Blick zeigte mir, dass alle anderen Tiere ebenfalls einen Bewegungsdrang entwickelten. Diesen konnte ich gut nutzen. Ich schaute wieder zu dem Sleipnir. Es wirkte falsch hier, in dieser Box. Ich wirkte falsch hier. Entschlossen ging ich schnellen Schrittes zum ersten Käfig und löste den Riegel. Der Phönix schlug aufgeregt mit den Flügeln und kaum hatte ich den Käfig geöffnet, flog er über meinen Kopf hinweg aus dem Zelt. Ohne zu zögern ließ ich die anderen Tiere frei, nur bei dem Bakauv verharrte ich kurz. Dieses Wesen war das Gefährlichste hier und das Zähnefletschen weckte nicht mein Vertrauen. Draußen hörte ich Stimmen, am lautesten die des Direktors. Mir blieb nicht viel Zeit. Der Bakauv knurrte und ich löste flink die Riegel und ging dann auf Abstand, wobei ich einen Pfeil nahm und anlegte. Ich war bereit die Sehne zu spannen, sollte es mich angreifen. Doch es brüllte nur und rannte auf den Platz hinaus. Hysterische Schreie ertönten und ließen das Chaos erahnen, was draußen herrschte. Jetzt blieb nur noch ein Wesen übrig. Ich steckte den Pfeil zurück in den Köcher und entriegelte die Box des Sleipnir. Es rannte nicht sofort los, sondern neigte nur den Kopf. Ich ging um es herum und zog mich auf den kräftigen Rücken, wobei es die ersten Schritte setzte. Mit einer Hand hielt ich mich in der Mähne fest, während die andere den Bogen hielt. Betont ruhig führte ich es aus dem Zelt heraus und verschaffte mir rasch einen Überblick über das Geschehen. Alle hasteten umher, flohen vor den Tieren, die ihren Weg in die Freiheit suchten. Das Zelt des Direktors brannte und gerade als ich mich fragte wo er war, hörte ich ihn wieder brüllen. Er hatte sich den Stallburschen geschnappt, den er fest am Kragen packte und schüttelte. So bedrohlich wie jetzt hatte er noch nie ausgesehen. Im Gesicht des Stallburschen zeichnete sich deutlich die Angst ab, als er sich die Anschuldigungen anhörte und versuchte sich zu befreien. Während ich das Sleipnir in seine Richtung lenkte, legte ich erneut einen Pfeil an und zielte auf den Direktor. Er traf ihn an der Schulter, weswegen er den Stallburschen sofort losließ und zurücktaumelte. Als er mich entdeckte fluchte er und sein wutverzerrtes Gesicht lief rot an. Ich reichte dem Stallburschen die Hand und zog ihn auf das Sleipnir. Ohne es befehlen zu müssen, beschleunigte das Sleipnir das Tempo und hielt auf den Wald zu, der sich am Horizont erstreckte. Hinter uns rannte der Direktor her, würde es aber nicht schaffen uns einzuholen. Während der Wald immer näher kam, wurde das Zoogelände immer kleiner. Unsere Freiheit war zum Greifen nah. Mit dem Geld könnten wir uns eine Weile über Wasser halten. Erleichterung überkam mich. Die Wesen waren wieder frei, genauso wie ich auch. Und ich konnte dem Stallburschen ebenfalls helfen ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben ohne den Direktor.
Die ersten Bäume umschlossen uns, doch das Sleipnir wurde nicht langsamer. Niemand vom Zoo würde uns finden. Davon war ich überzeugt. Denn genauso gut wie ich die Spuren anderer verfolgen konnte, konnte ich meine eigenen verwischen.
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