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Don't kill me - just help me run away

von Radgee
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / FemSlash
21.07.2021
26.07.2021
6
4.215
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„I’m on the highway to hell…“

Yeah, jeden fucking Tag.


Die junge Frau mit den schneeweißen Haaren setzte sich langsam auf und rieb sich verschlafen das Gesicht.

„I’m on the highway to hell…“

Sie streckte die Hand aus und schlug auf einen kleinen, schwarzen Wecker ein. Der Kultsong von AC/DC erstarb mitten im Refrain und eine bleierne Stille legte sich über das Zimmer. Sie schob ihre Beine über die Bettkante und verharrte einige Sekunden regungslos. Dann nahm sie den Regen wahr, der leise gegen das Schlafzimmerfenster prasselte. Es war viel zu kalt für Anfang Oktober und die Nachrichtensender im sonst so sonnigen Los Angeles überschlugen sich mit Meldungen über das Klima. Schuld seien Treibhausgase, Umweltverschmutzungen und die steigende Population. Das Prasseln wurde lauter und riss die junge Frau vollends aus ihren Gedanken. Sie zwang sich aufzustehen.

Nur noch ein Jahr, dann hast Du diese Scheiße hinter Dir.

Sie stieg unter die Dusche. Das heiße Wasser hüllte sie wie in einen Kokon. Es war die einzige Berührung, die sie zuließ.

Freak!

Das Wort schien vor ihren Augen zu tanzen. Es hüpfte von links nach rechts, dann von rechts nach links. Als ob ihr Verstand dafür sorgen würde, sie nicht vergessen zu lassen, wie sie aussah. Wie andere Menschen sie wahrnahmen. Sie schloss für einen Augenblick die Augen. Versuchte auszublenden, was unweigerlich geschehen würde.

Du bist ein Monster, Hazel. Du wirst immer ein Monster sein!

Die kleine Stimme in ihrem Kopf lachte höhnisch. Aber es war nicht ihre eigene Stimme. Es war die Stimme von Vielen. Und auch heute, am ersten Tag nach den Herbstferien, würden diese Stimmen sie nicht in Ruhe lassen. Sie stellte den heißen Wasserstrahl ab. Das Handtuch kratzte unangenehm auf ihrer nackten Haut.

Schau‘ Dich nur an!

Emotionslos legte sie die mattschwarze Maske über Mund und Nase. Das schwarze Nylon schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihr Gesicht. Es war eine Sonderanfertigung gewesen. Während sie den Sitz der Halteriemen am Hinterkopf prüfte, dröhnte eine tiefe Stimme in ihrem Kopf.

Du bist ein verachtenswerter Mensch, Hazel. Sieh‘ Dich nur an. Nur ein Freak würde so etwas tragen!

Sie drehte den Kopf langsam von rechts nach links. Dann hob sie den Rucksack, der neben ihrer Kommode stand, auf und verließ das Schlafzimmer.

“'Cause you said forever, now I drive alone past your street.“

Das Motorengeräusch erstarb, als sie den Schlüssel drehte. Resigniert blickte Hazel durch die verregnete Scheibe auf das große Areal vor sich. In der Ferne konnte sie schwach den Eingang eines prächtigen, aus roten Backsteinen gebauten Gebäudes erkennen. Das Tor zur Hölle. Sie blieb einige Minuten regungslos sitzen und sah den anderen Schülern dabei zu, wie sie versuchten, vor dem Regen Schutz zu finden. Sie wusste, dass sie dem Unausweichlichen nicht ewig entfliehen konnte. Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann verließ sie ihre sichere Zuflucht.

„Hey, Freak. Wie waren die zwei Wochen in der Dunkelkammer?“ Höhnisches Gelächter begleitete sie zu ihrem Spind. Sie hatte im Laufe der Zeit gelernt, alles auszublenden. Das Lachen, die Blicke, die Schläge, die Tritte, die Worte. Vor Jahren hatte sie gedacht, dass das Verhalten ihr gegenüber auf einer der exklusivsten und teuersten Schulen im ganzen Land anders sein würde. Sie hatte gehofft, sie würden sie einfach ignorieren, vielleicht nur schief anschauen, aber sie schien ein Spielball für Frustration, Hass, Wut und Ängste zu sein. Sie hatte sich nicht lange gewehrt. Widerstand schien sie nur noch mehr anzustacheln. Als sie ihren Spind schloss, sah sie aus den Augenwinkeln, wie etwas auf sie zuflog. Sie lehnte sich ein Stück zurück und konnte dem vorbeirauschenden Apfel gerade noch ausweichen. Das Obst gab ein leises „Dong“ von sich, als es an dem alten Metall ihrer Schließfachtür abprallte. „Verdammt!“ Eine große, muskulöse Gestalt baute sich vor ihr auf und ließ seine Faust wütend auf einen der Spinde niedersausen. „Deinetwegen schulde ich Mickey jetzt 5$!“
 
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