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Hexentanz

von Zarashi
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
20.07.2021
01.08.2021
40
145.249
37
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Dieses Kapitel
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22.07.2021 3.477
 
Kapitel 8


„Wo ist er?“
Esra runzelte die Stirn und überlegte sich nur für einen Moment, ob er die Tür wieder zumachen sollte. Dann gähnte er aber und trat zur Seite, um Katharina Platz zu machen.
„Kommt der Rest etwa auch noch?“
„Nee, Vicky schafft es nicht, Mama und Papa arbeiten … Nadja kommt vielleicht noch. Also?“ Katharina reckte das Kinn, schielte an Esra vorbei. „Wo ist er?“
„Zu Hause, denke ich.“
Katharina verzog den Mund. Esra wusste, sie war enttäuscht. Kannte man sie nicht, hätte man ihr schlechte Laune unterstellen können, denn Kathis Mimik war etwas eigen. Wenn sie müde, traurig oder enttäuscht war, sah sie prinzipiell furchtbar grantig aus. Wenn sie allerdings wirklich wütend war, war ihr Gesicht förmlich ausdruckslos.
„Hast du ihn etwa rausgeschmissen? Er hätte ja wohl zum Frühstück bleiben können.“
Esra seufzte, ging dann in Richtung Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. „Er ist kurz nach halb vier weg gewesen. Wir hatten keinen Sex, wir sind nicht zusammen, er ist nur ein Bekannter, nicht mal ein Freund.“
„Klar.“ Katharina war ihm gefolgt und setzte sich jetzt an den Küchentisch. „Ein Bekannter, der mitten unter der Woche die halbe Nacht hier sitzt. Sicher.“
„Ist aber so.“ Esra holte zwei Kaffeetassen aus dem Schrank, drehte sich dann um und lächelte. „Kathi … Da ist wirklich nichts.“
War so halb richtig. Von Esras Seite war da eine Menge. Und er wünschte, er könnte mit jemandem sprechen, der ihm sagte, ob Konsta sich tatsächlich seltsam benahm oder ob er sich das nur einbildete. Aber das ging nicht. Zumindest nicht zurzeit. Seine Schwestern hatten ihm immer versichert, dass er mit ihnen über alles sprechen konnte, und das war auch richtig. Aber die drei waren von jeher viel zu begeistert gewesen, wenn Esra mal im Begriff gewesen war, einen Freund anzuschleppen, also würde es noch etwas dauern, bis sie nicht prinzipiell in Begeisterungsstürme ausbrechen würden. Wenn er jetzt eine von ihnen fragen würde, ob Konstas Verhalten darauf hindeuten konnte, dass er … Interesse hatte, dann wäre die Antwort von allen Seiten: ja. Natürlich, unbedingt, denn Esra war doch so ein netter, kluger, attraktiver Mann, nach dem sich jeder alle Finger ablecken konnte. Laut seinen Schwestern. Aber die sahen ihn auch anders als der Rest der Welt. War zwar immer wieder nett, aber derzeit keine große Hilfe.
„Wenn da nichts ist“, begann Katharina und zog eine Augenbraue hoch, „warum liegen dann deine Kissen seltsam verstreut herum, fehlen deine Vorhänge, sind deine Glühbirnen kaputt und sieht deine Schulter aus, als hättest du sie grillen wollen?“
Esra nahm die vollen Kaffeetassen, stellte sie auf den Tisch. „Von seiner Seite ist nichts.“
Er sparte sich das Seufzen. Natürlich hatte Katharina auf einen Blick erfasst, was hier alles nicht so war, wie es sein sollte. Esra war ja nur froh, dass Konsta auf Fragen verzichtet hatte, als sie plötzlich nach einigen seltsamen Geräuschen im Dunkeln gesessen hatten. Der hatte gelacht, Esra was von Kurzschluss gefaselt und dann hatten sie die großen Kerzen angezündet, zumindest zwei Glühbirnen getauscht und die Scherben weggefegt. Dann waren sie wieder auf der Couch gelandet, hatten über etwas völlig anderes geredet und bevor er ging, hatte Konsta darauf bestanden, Esras Schulter noch einmal einzucremen. Das war's dann gewesen. Esra war ins Bett gefallen, hatte sich eine annähernd bequeme Schlafposition gesucht, die seine Schulter schonte, und dann wachgelegen, weil er diesen verdammten Konsta nicht aus dem Schädel bekommen hatte.
Er hätte ja heute ausschlafen können – allerdings war ihm das auch nicht vergönnt. Er setzte sich, zog die Kaffeetasse ran. „Ich weiß, Nadja hat sofort die Pferde scheu gemacht, aber wenn es irgendetwas zwischen Konsta und mir gibt, dann ist das rein platonisch. Freundschaftlich.“
Katharina runzelte die Stirn, starrte in ihre Kaffeetasse. Ja klar, Esra hatte Milch und Zucker vergessen. Mist. Bevor er aber aufstehen konnte, hörte er hinter sich die Kühl- und Küchenschranktür aufgehen und kurz darauf schwebten Milchpackung und Zuckerdose an ihm vorbei. Angeberin!
„Sie sagte, du bist in ihn verliebt.“
Ja. War zwar bescheuert, das nach ein paar Treffen so zu sagen, aber es entsprach der Wahrheit. Esra konnte ja behaupten, was er wollte, die Fakten sahen anders aus. Er konnte sich nicht erinnern, wegen eines Kerls schon mal derart abgedreht zu sein – magisch gesprochen. Vielleicht war das wirklich noch nie vorgekommen. Konsta machte es einem aber auch verdammt leicht, ihn anzuhimmeln.
„Was ich fühle, tut gar nichts zur Sache. Er ist eine Kunde von Beau. Gut, eigentlich eher seine Freundin. Hörst du? Freundin! Die ziehen zusammen in ein paar Wochen in ein total schickes Loft. Denkst du nicht, er wäre absolut der Falsche für mich, ein totales Arschloch, wenn er jetzt mit mir anbandeln würde, weil er eventuell bisexuell ist? Eine Affäre mit dem Handwerker, sehr schick.“
Katharina kam offenbar aus dem Stirnrunzeln nicht mehr raus. „Zum einen bist du mehr als ein Handwerker. Zum anderen musst du nicht so reden, als würden wir in einer Kastengesellschaft leben und du somit weniger wert sein als irgendwelche reichen Leute, weil du großteils mit den Händen arbeitest. Schwachkopf! Und trink deinen Kaffee langsamer; wenn ich mit dir schon über ein Thema rede, das dich offenbar aufregt, musst du dich nicht so pushen.“
Esra knurrte leise. Als wäre er ein kleines Kind. „Ich kann mir den einen doch mal erlauben, nachdem ich aus dem Bett geworfen wurde. Wenn's hochkommt, hab ich drei Stunden geschlafen!“
„Buuhuuu, jammer nicht rum. Wärst du nicht so ein Schlappschwanz, hättest du gar nicht geschlafen, sondern deinem Konsta die halbe Nacht dein Bett gezeigt.“
Esra hob wütend den Kopf. „Jetzt reicht's, ja? Erstens ist er nicht mein Konsta, er ist Andreas Konsta! Zweitens hat er absolut kein sexuelles Interesse an mir. Und drittens hab ich gar keinen Bock drauf, mit ihm ins Bett zu steigen!“
Das war sogar richtig. Zumindest teilweise. Natürlich wollte Esra. Klar. War ja logisch, oder? Aber andererseits wollte er auch nicht. Er hatte ja Sex, zumindest irgendwann mal gehabt, aber was er alles aufführen musste, um welchen haben zu können, war derart lächerlich …
Nein. Nein, so wollte er nicht unbedingt mit Konsta schlafen, gäbe es die Möglichkeit. Er hatte keine Lust, dass Konsta ihm das Gleiche unterstellte, was sein letzter Ex-Freund gesagt hatte. Dass Esra keinen Sex mochte, nur ihm zuliebe mitmachte und völlig desinteressiert im Bett wirkte. Nahe an frigide. War nicht so, wirklich nicht. Aber wenn man mal so weit war, dass es am wenigsten Risiken barg, wenn man jemanden einfach über sich drüberrutschen ließ und dabei mit aller möglicher Konzentration dem ständig angelassenen Fernseher mit dämlichen Talkshows folgte, in Gedanken irgendwelche Gedichte aufsagte oder mögliche Flecken an der Decke zählte und zu geometrischen Mustern verband, dann konnte das schon den Eindruck erwecken, dass Sex nicht zu den bevorzugten Freizeitaktivitäten zählte. Aber anders ging es nicht. Selbst wenn Esra diese ganzen Maßnahmen nicht vornehmen würde, bliebe immer noch die Angst, spätestens beim Orgasmus die Kontrolle zu verlieren und etwas anzuzünden oder in die Luft zu jagen.
Also ja, er hatte Sex gehabt. Er hatte auch den ein oder anderen Höhepunkt erlebt, zumindest sein Körper. Allzu aufregend war es aber nicht gewesen, das hatte er unterbunden, aus Sicherheitsgründen. Er ahnte, dass es echt toll sein konnte, wenn man sein Hirn abschaltete, sich voll auf den anderen und die Lust einließ. Aber bei ihm war das nicht möglich. Vielleicht hatte sein Ex-Freund damit also recht gehabt, er war nicht sonderlich begeistert von Sex. Nicht von dem, den er haben konnte.
„Du stehst auf ihn, willst aber nicht mit ihm ins Bett?“ Katharina setzte an, etwas zu sagen, runzelte dann die Stirn und brach hab. Nahm einen Schluck Kaffee, verzog den Mund nachdenklich. „Esra …“
Oh je. Wenn Ludovika den ernsten Tonfall auspackte, war das normal. Wenn Nadja es tat, war es nicht ernst zu nehmen. Aber wenn Katharina damit anfing, dann hörte man besser zu, wenn man keins auf die Nase bekommen wollte.
„Hm?“
„Uns ist beiden klar, warum du ihn nicht willst. Du würdest ihn wahrscheinlich nicht mal wollen, weder sexuell noch in deinem Leben, wenn er nicht in einer Beziehung wäre, völlig frei und total von dir begeistert. Aber das ist doch kein Leben. Nein!“ Sie hob die Hand, als Esra den Mund öffnete. „Lass bitte deinen Konstantin beiseite. Es geht hier gar nicht so um ihn als Person, mehr um das, was er gerade repräsentiert. Niemand von uns möchte, dass du dein Leben lang alleine bleibst, weil du schon durch ein zu verliebtes Herzklopfen was zum Explodieren bringen könntest. Und du möchtest das auch nicht, du bist einfach nur so dermaßen verantwortungsbewusst, dass du dein eigenes Glück nicht über die Sicherheit deines Umfelds stellen willst. Das ist gut und ein nobler Zug an dir, wirklich. Wir wissen alle, dass du viel Schaden anrichten könntest, würdest du nicht so sehr darum kämpfen, beherrscht zu sein. Aber, ich wiederhole mich, ein Leben ist das nicht. Darum finde ich, du solltest noch mal ernsthaft darüber nachdenken, deinen Arsch hochzubekommen und was dagegen zu tun.“
Esra biss sich auf die Unterlippe, einfach, damit er nichts Falsches sagte. Etwas tun. Ja. Toll.
„Du hasst diese Vorschläge, schon klar, weiß ich doch. Trotzdem … Nimm dir Urlaub, fahr irgendwohin, wo weit und breit nichts ist, das du zerstören kannst, und üb. Bis es besser klappt. Du weißt, es gibt in unserem Zirkel ein paar Leute mit Verbindungen, die dir so ein Übungsfeld zur Verfügung stellen könnten. Und genauso viele, denen es eine Freude wäre, dir zu helfen und dich zu unterrichten.“
Mhm und ihn nebenbei sexuell zu missbrauchen, damit er kleine Überhexen zeugte. Esra wünschte, er würde übertreiben, aber was er in der Zeit zwischen seiner eintretenden Geschlechtsreife und seiner Weigerung, an Versammlungen jeder Art im Kreis von Hexen teilzunehmen, erlebt hatte, machte diese Befürchtung realistischer, als manch einer glauben mochte. Klar waren nicht alle so, auf keinen Fall. Genau genommen war es eine verhältnismäßig geringe Anzahl an Hexen, die über recht aggressives Flirten hinausgehen würden. Aber es gab sie. Immer. Überall. Irgendeine war sicher dabei und wenn man nicht nur mit dem strengen Glauben, dass man Frauen nicht schlug, erzogen worden war, sondern es auch noch mit Frauen zu tun hatte, die über ein gewisses Maß an Zauberkünsten verfügten, dann überlegte man sich zweimal, ob man einer Hexe einen Vertrauensvorschuss gab, ob sie den nun verdient hätte oder nicht.
Aber er wusste, dass Katharina ihn jetzt nerven würde, wenn er ihren Vorschlag vehement von sich schob. Also nickte Esra zögerlich. „Ich … werd's mir überlegen.“
„Gut. Sag mal, hast du auch was zum Beißen hier? Ich verhungere!“

Esra verbrachte den ersten freien Tag in der Wohnung nebenan, um dort ein bisschen herumzuwerkeln. Er mochte das, es beruhigte ihn und hielt seinen Puls unten, auch wenn er sich aufwühlende Gedanken machte. Die blieben nicht aus, denn natürlich spukte Konsta ihm im Kopf herum. Der ganze Abend, alles, was Konsta gesagt oder getan, wie er gelächelt, wie er Esras Schulter verarztet hatte … Ein paar Dinge gingen zu Bruch. Aber nicht so viele, wie Esra befürchtet hatte.
Am zweiten Tag war er ganz froh, dass er samstags arbeiten konnte. Er hatte absolut nichts gegen Freizeit oder Urlaub, nicht im Geringsten. Für gewöhnlich. Aber Konsta ließ ihn nicht in Ruhe, zumindest gedanklich nicht, und Ablenkung würde nicht schaden. Erst versuchte Esra erneut, in der Wohnung zu arbeiten. Und gewaltige, sinnlose Pläne zu spinnen. Zum Beispiel, in einem Anfall von Wahnsinn, einen zweiten Kredit aufzunehmen, die restlichen Wohnungen und das Grundstück einfach aufzukaufen und aus den vier Wohneinheiten eine zu machen. Oder zwei Maisonettewohnungen. Das war zwar eine dämliche Idee, nachdem sie schon die Wand aufgestemmt hatten, aber trotzdem würde es ihm gefallen. Auch mit den zwei oberen Wohnungen zusammen war genug Platz für Schlaf- und Wohnzimmer, Küche, Bad und eventuell eine Bibliothek und ein Arbeitszimmer. Aber es wäre dann doch beengt, die zweite Wohnung war nicht riesig, und Esra war den vielen Platz jetzt gewohnt. Alleine ging das gut, aber wenn man mit einem Partner hier lebte, der von zu Hause aus arbeitete und sicher keine Lust hatte, in einem schuhschachtelgroßen Arbeitszimmer …
Esra unterbrach seine Gedanken und fuhr sich durch die Haare, packte sie dann und zog fest daran. Wieso tat er das? Wieso stellte er sich vor, Konsta könnte hier mit ihm zusammenleben? Als sein Freund? Das war doch …
Genervt von sich selbst ließ er die Minibaustelle Minibaustelle sein und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Einkaufen. Er musste sicher einkaufen, einmal pro Woche tat er das für gewöhnlich. Und vielleicht war es nicht so schlecht, mal unter Leute zu kommen.

Da er ohne Einkaufszettel oder wenigstens einen Plan, was genau er brauchte, losgezogen war, endete es damit, dass Esra Unmengen an Lebensmitteln, Putzzeug, Hygieneartikeln und unnötigen Krimskrams für seine Nichte und seine Schwestern im Kofferraum des Wagens verstaute. Wahrscheinlich hatte er zu viel Geld. Und kein Hirn. Letzteres würde Vicky ihm auf jeden Fall vorwerfen, wenn er Darinka ihre neue Villa und das dazu passende Cabrio für ihre gewaltige Barbiepuppensammlung brachte. Von dem rosa Glitzerpony, das irgendein Feenbarbiepferd sein sollte, fing er besser gar nicht erst an. Und mit Glitzerpony hatte es ja fast auch noch diesen Jeep mit Pferdetransporter gebraucht. Und Reitkleidung für die Puppen. Oh, und natürlich diese Reiterinnen-Barbie, denn die anderen ließen sich schwer auf das Pferd setzen. Also … Gut, Ludovika würde ihm nicht nur kein Hirn und zu viel Geld, sondern auch noch Maßlosigkeit vorwerfen.
Er seufzte und schloss den Kofferraumdeckel. Er hatte jetzt also eine Ladung an Spielzeug eingekauft, das im Grunde für Weihnachten, Geburtstag und Ostern zusammen reichte, Lebensmittel, von denen er sich einen Monat, vielleicht auch zwei, locker ernähren konnte – hatte er überhaupt genügend Platz in der Tiefkühltruhe im Keller? – und mehr Dusch- und Rasiergel, als er den Rest des Jahres brauchen würde. Aber hey, das war ein Sonderangebot gewesen!
„Entschuldigung … Esra?“
Er zuckte zusammen, als er eine weibliche Stimme hinter sich hörte. Nicht seine Schwestern. Nicht seine Mutter. Also war das schlecht.
Er drehte sich um und brauchte einen Moment, bis er Andrea erkannte. „Oh … Hallo, Andrea!“
„So ein Zufall!“ Sie nahm die riesige Sonnenbrille, die die Hälfte ihres Gesichts bedeckt hatte, von der Nase und schon erkannte man sie besser. War auch schwer mit dem Tuch, das sie im Stil der alten Hollywooddiven um ihren Kopf geschlungen hatte, überhaupt jemanden zu erkennen. Hätte ja jeder sein können. Und Esra war Andrea zwar ein paar Mal begegnet, hatte ihr aber nie wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt. Nur genug, um zu wissen, dass es hoffnungslos war, sich in Konsta zu verlieben.
Diese Frau war wirklich schön. Nicht allzu groß, aber sehr kurvig an den richtigen Stellen, mit einem hübschen, makellosen Gesicht und glänzenden blonden Haaren, die nicht nach irgendeinem Bleichmittel und dafür echtem Rotstich aussahen. Und diese gewaltig hohen Schuhe täuschten über ihre tatsächliche Größe hinweg. Von Nadja wusste Esra, dass Frauen sich aus verschiedenen Gründen mit derartigen Absätzen quälten. Um größer und dominanter zu wirken in einem männerbeherrschten Umfeld, um ihre Beine länger und eleganter wirken zu lassen, manchmal für die Herrenwelt, meistens aber weil es ihnen selbst ein gutes Gefühl gab … und hin und wieder hatte eine nur ein Faible für schöne Schuhe, das mit einer masochistischen Ader einherging.
„Haben Sie heute frei?“
Esra nickte knapp. „Ja, morgen geht's für mich weiter. Derzeit ist in Ihrem Loft nichts zu tun, das meine Anwesenheit erfordern würde.“
„Verstehe.“ Sie lächelte. „Keine anderen Projekte?“
„Sicher, aber Beau hatte wohl ein schlechtes Gewissen, weil er mir mein letztes Wochenende genommen hat. Und das kommende. War eine nötige Pause.“
Esra wusste nicht wirklich, was er von sich geben sollte. Im Small Talk war er kein Weltmeister. Er hatte gelernt, dass es das Beste war, die Leute zum Reden zu bringen, indem man ihnen etwas hinwarf, über das sie schwadronieren konnten, aber er selbst fand kaum Gesprächsthemen, die ihn zum witzigen, intelligenten und interessanten Wortführer machten.
„Das haben Sie sich auf jeden Fall verdient.“ Sie drehte den Bügel der Sonnenbrille zwischen ihren Fingern und Esra folgte der wippenden Bewegung unwillkürlich mit den Augen. „Konsta hat sehr vom Restaurant Ihrer Schwester geschwärmt.“
„Ja …“ Konsta. Kein gutes Thema. Es war derzeit Esras Lieblingsthema, wenn man seinem Hirn Glauben schenken wollte, aber … Zum einen hatte er es endlich geschafft, den Mann für zwei Stunden aus seinem Kopf zu verdrängen, zum anderen wollte er mit niemandem über Konsta reden. Mit seiner Familie nicht und schon gar nicht mit der aktuellen Freundin seines Traummanns. „Das freut mich. Vielleicht führt er Sie ja demnächst dorthin aus.“
„Unwahrscheinlich.“ Andrea lachte und es sah zu Esras Ärger sehr sympathisch aus. Er hatte nicht vor, diese Frau sympathisch zu finden. Sie war Konkurrenz. Nicht wirklich. Oder doch. Er war keine Konkurrenz für sie, so würde es richtiger lauten. „Konsta hat den Abend auf jeden Fall sehr genossen. Er scheint Sie zu mögen, Esra.“
Esra nickte knapp. Grundgütiger, was sollte er auch sagen? Dass er Konsta auch mochte? Ein bisschen zu sehr sogar? War nicht unbedingt angemessen. „Das … freut mich.“
Er wiederholte sich. Und stand da wie ein Vollidiot. Gut, angesichts der Tatsachen war er das ja auch.
„Sie müssen uns mal besuchen kommen, wenn das Loft fertig eingerichtet ist und wir uns dort breitgemacht haben.“ Andrea lächelte immer noch freundlich, aber Esra begann, sich sehr unwohl zu fühlen.
Was wollte sie ihm damit sagen? Dass sie es schön fand, wenn ein Mitarbeiter ihres Innenarchitekten Freundschaft mit ihrem Schatz schloss? Oder war das ein dezenter Hinweis darauf, dass Esra die Finger von Konsta lassen sollte, da der ja bald mit ihr, seiner Freundin, der Frau, die er liebte, in eine sündteure Wohnung ziehen würde? Vielleicht lief ja auch was ab, das Esra noch nicht wusste. Eventuell waren Konstas Aussagen, die Esra gemeint hatte, falsch verstehen zu müssen, gar nicht falsch verstanden gewesen und er hatte tatsächlich mit Esra geflirtet. Das würde ihn höchstwahrscheinlich bisexuell machen und es könnte ja sein, dass er nicht nur einer Affäre mit dem Handwerker nicht abgeneigt war, sondern den gleich für einen Dreier im Bett haben wollte. Wusste man es?
Esra blinzelte, schimpfte sich selbst einen kompletten Vollidioten. Seine Gedanken gingen mal wieder von ungewöhnlich bis stupide misstrauisch mit ihm durch. Wahrscheinlich war es einfach so, dass Konsta ihn tatsächlich mochte und Andrea ein verständliches Interesse an Leuten hatte, die ihrem Freund sympathisch waren. Wenn Konsta irgendetwas gesagt hatte, das danach klang, dass er mit Esra befreundet sein wollte, war es völlig normal, dass Andrea ihn als einen von Konstas Freunden kennenlernen wollte. Ganz einfach.
„Ich … sicher. Ich würde mir gerne ansehen, was Sie daraus machen, wenn Beau nicht mehr das Zepter schwingt.“
„Du.“ Andrea lachte erneut und hielt Esra die Hand hin. „Einigen wir uns doch auf ein Du.“
„Gerne.“ Gut gelogen war nie schlecht. Esra drückte ihre weiche, kleine, zarte Hand, verfluchte seine rauen Handflächen, die er sofort mit ihren Samthändchen verglich, und ignorierte die warnende Stimme in seinem Hinterkopf, die sagte, dass das alles in die falsche Richtung ging.
Er wollte nicht per Du mit Andrea sein, auch wenn man im Grunde schnell beim Du war. Er schätzte die Barriere eines Sies sehr. Er hatte auch absolut kein Verlangen danach, mit Konstas Freundin befreundet zu sein. Oder mit Konsta. Nein, eigentlich wäre es das Beste für ihn und seine Nerven, wenn er Konsta nach Abschluss des Jobs nicht mehr sehen musste.
„Du bist also morgen wieder im Loft?“
Esra nickte. „Ja, wahrscheinlich bis zum frühen Nachmittag, eventuell länger. Wieso? Wollen Sie … ich meine, willst du vorbeikommen und dir die Fortschritte ansehen?“
„Nein, ich habe morgen Aufnahmen. Ich versuche nur, etwas Small Talk zu machen, weil du so verkrampft aussiehst.“
Während sie strahlte, zuckte Esra ertappt zusammen. „Tut mir leid. Ich … bin nicht gut … mit so was.“
„Bekanntschaften?“
„Auch.“
„Menschen?“, fragte sie weicher, als Esra vermutet hätte, nach.
„Eher. Tut mir leid.“
„Das muss es nicht.“ Andrea legte den Kopf schief, strich ihm kurz in einer aufmunternden Geste über den Oberarm. „Ich war früher genauso. Manchmal auch heute noch. Herrje, ich komme mir meistens vor, als würde ich nur die Rolle einer extravertierten Frau spielen.“ Wieder lachte sie, dann zwinkerte sie Esra zu. „Wir sollten mal was zusammen trinken gehen. Ich glaube, Konsta ist nicht der Einzige, der dich sympathisch findet.“
Esra war sich nicht sicher, ob er das jetzt guthieß oder nicht. Irgendwie fand er es nicht mehr so schrecklich wie zuvor, dass Andrea sich freundlich zeigte. Möglicherweise hatten sie beide doch einiges gemein und Esra könnte dringend jemanden brauchen, der ihn verstand und nicht zu seiner Familie gehörte. Aber nicht unbedingt Andrea. Nicht die Frau, die das hatte, was er zu gerne gehabt hätte, wäre er jemand anderes.
„Schauen wir mal.“
„Eine gute Antwort. Na, ich muss weiter. Wir sehen uns, Esra!“
Sie machte Anstalten, ihm eines dieser Luftküsschen neben der Wange vorbeizuschmeißen, stockte dann aber und grinste, bevor sie nur kurz winkte und ihrer Wege ging.
Mann! Die Frau war echt nett. So ein Dreck aber auch!
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