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Hexentanz

von Zarashi
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
20.07.2021
01.08.2021
40
145.249
37
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23.07.2021 2.922
 
Kapitel 10


„Urlaub?“
Es war eindeutig ein Zeichen größten Schocks, dass Beau seinen falschen französischen Akzent verlor, während er Esra entsetzt anstarrte.
„Zwei, drei Wochen, ja.“
„Niemals! Vergiss es! Momentan laufen fünf Projekte parallel und ich brauche dich. In sechs Wochen kannst du dir freinehmen, so lange du willst, aber jetzt auf der Stelle? Nein. Einfach … nein.“
Mit der Antwort hatte Esra schon gerechnet. Er seufzte, zuckte mit den Schultern und ging dann dem Lärm nach, bis er zu Paul und Karim ins Schlafzimmer kam. Dann ging er halt wieder an die Arbeit.
Die Chancen hatten nicht gut gestanden, dass Beau ihm so mir nichts, dir nichts freigab. Schon gar nicht, während sie in der Endphase mit dem Loft waren. Aber Esra hatte es versuchen müssen. Der Samstagabend hatte ihm klar gezeigt, dass er so nicht weitermachen konnte. Natürlich müsste er Konsta nur für immer meiden, dann würde sich alles wieder einrenken, bis er nicht mehr ganz so unberechenbar war, aber … Es war gut möglich, dass Konsta da nicht mitspielte. Der hatte eine charmante, aber penetrante Art, sich aufzudrängen.
Esras Nerven waren wieder in etwas besserem Zustand gewesen, als sie die Stadt erreicht hatten. Sie waren in die nächste Bar gegangen, wo Konsta sich strikt an ein Bier gehalten hatte und nicht mehr, weil er Esra noch nach Hause fahren wollte. Esra hatte protestieren können, so viel er gewollt hatte, er war Konsta nicht losgeworden. Erst vor seiner Haustüre. Und irgendwie hatte Konsta es selbst dort noch geschafft, Esra nicht nur zum Telefonnummerntausch zu überreden, sondern ihm auch die Zusage zu einer baldigen Wiederholung des Ausflugs abzuschwatzen.
Wieso konnte er dem Kerl nichts abschlagen? Konsta grinste einmal lieb und schon hatte Esra ihm nichts mehr entgegenzusetzen. Da half keine Vernunft der Welt.
Also hatte er beschlossen, einfach freizunehmen, aus der Stadt zu verschwinden und eventuell wirklich an seinen Hexenkünsten zu arbeiten. Oder zumindest so viel Abstand zwischen sich und Konsta zu bringen, dass er genug Zeit hatte, vernünftig zu sein und das zu finden, was man wohl die innere Mitte nannte. Letzteres wäre aber sowieso schwer gewesen, denn nach Jahren mit Yoga und Meditation hatte Esra besagte Mitte noch lange nicht gefunden – das in ein paar Wochen nachholen zu können, war unwahrscheinlich.
Aber jetzt musste es so und so warten. Und Esra konnte nur beten, dass es keine weiteren Zwischenfälle geben würde. Er hatte seiner Familie noch nichts davon erzählt. Für gewöhnlich vertraute er sich in so einem Fall schnell seiner Mutter oder einer seiner Schwestern an. Aber dieses Mal … ging es um Konsta. Und über den wollte er immer noch nicht reden. Würde er aber müssen, wenn er so nebenbei erwähnte, dass er die Hälfte einer Miniklippe in einen Erdrutsch verwandelt hatte.
„Esra!“
Er sah auf, als Beau über den Lärm der Schleifmaschinen nach ihm rief. Klar, gerade da, wo er es sich auf dem Boden bequem gemacht hatte. Esra rappelte sich wieder auf und ging nach draußen in den Flur, wo Beau ihn zur Küche winkte. Gut, schön. Er tappte seinem Chef hinterher und runzelte die Stirn, als der die Küchentüre hinter ihnen schloss.
„Was gibt's?“
„Wenn es dir so wichtig ist, kannst du die nächsten drei Tage freihaben. Aber dann brauche ich dich wieder hier“, begann Beau.
Esra winkte ab. „Nein … Wenn, dann müsste ich für länger weg. Schon gut, ist nicht so wichtig. Ich wollte nur … mal raus.“
„Verstehe.“
Das wagte Esra zu bezweifeln. Aber man sollte seinem Chef nicht widersprechen. Schon gar nicht, wenn der das sensible Gemüt eines feinen Künstlerherzens mit sich brachte.
„Schau nicht so fragwürdig.“ Beau rümpfte die Nase. „Denkst du, ich weiß nicht, was hier los ist?“
Esras Blick wechselte von „fragwürdig“ zu misstrauisch. Im Grunde ging er davon aus, dass Beau keine Ahnung hatte, aber wer wusste das schon so genau? Und wenn er doch eine Ahnung hatte – was dann?
„Ach ja?“
„Ja. Du bist ein junger, attraktiver Mann, Esra. Ohne Freundin. Ohne den Wunsch, in die natürlich völlig unangebrachten Diskussionen der anderen über die körperlichen Vorzüge unserer lieben Andrea mit einzustimmen.“ Beau rieb sich übers Kinn. „Was mich dazu bringt, dass auch Konstantin ein junger, attraktiver Mann ist.“
Esra merkte, dass seine Ohren heiß wurden. Gut, Beau wusste nicht wirklich, was abging, aber völlig falsch lag er auch nicht. „Das …“
„Völlig verständlich.“
„Selbst wenn … Ich besitz ausreichend Professionalität, um …“
„Natürlich.“ Beau wiegte den Kopf, legte Esra in einer väterlichen Geste die Hand auf die Schulter. „Mach dir nichts draus. Da draußen gibt es noch viele andere hübsche Männer.“
Nur keinen wie Konsta. Esra musste dazu nicht mal sonderlich unglücklich verliebt-romantisch sein. Ihm war von klein auf eingetrichtert worden, dass jeder Mensch anders war, jeder hatte seine Eigenarten und Macken, seine Vorlieben, Abneigungen, Stärken und Schwächen, die es in dieser Kombination kein zweites Mal gab. Also gab es auch nur einen Konsta.
Allerdings war das auch egal. Es hätte fünf Konstas geben können, einer von denen schwul und single, es würde auch nichts an Esra und seinem Problem ändern. So war alles einfach … nur noch problematischer.
„Ich weiß. Tut mir leid, wenn ich dir Umstände mache, weil ich … ein Idiot bin.“
„Mon cher!“ Na, wenigstens war das Pseudofranzösisch wieder zurück. „Du bist kein Idiot! Die Stimme des Herzens macht einen nie zu einem Idioten, merk dir das, mon ami.“
„Nur zu einem hoffnungslosen Fall?“
„Vielleicht.“ Beau lächelte. „Ich sollte dir beizeiten einen Freund von mir vorstellen. Er möchte im Herbst sein Haus umgestaltet haben, dann wirst du ihn so und so kennenlernen. Ein wirklich schöner Mann, derzeit single. Du würdest ihm sicher gefallen.“
Ach du heilige Scheiße! Jetzt wollte schon sein eigener Chef ihn verkuppeln. Na, so weit würde es noch kommen.
„Mal sehen. Danke. Ich … sollte wieder …“
„Ja, ja, geh nur. Und nimm's dir nicht so zu Herzen, Esra. Aus langjähriger Erfahrung gesprochen, kann ich nur sagen, Männer, Frauen … sie kommen und sie gehen und am nächsten Eck wartet schon ein weiterer Augenschmaus.“
Und so genau hatte Esra es gar nicht wissen wollen. Er lächelte aber und verzog sich dann eilig zu Paul und Karim. Jetzt konnte er sich überlegen, ob er in naher Zukunft nicht von seinem – imaginären – festen Freund erzählen sollte, den er gerade kennengelernt hatte. Würde ihm sicher einiges an Ärger ersparen.

„Ein Erdrutsch.“ Seine Mutter wiegte den Kopf. „Für gewöhnlich waren deine Ausbrüche nicht so … gewaltig.“
Esra nickte nur und drehte die Teetasse in seiner Hand. Nach reiflicher Überlegung hatte er sich entschieden, seiner Mutter doch davon zu erzählen. Ihre Reaktion war recht nüchtern, etwas anderes hatte er auch nicht erwartet. Es passte nicht zu ihr, ein großes Theater zu machen. Und sie hatte durchaus recht. Natürlich waren seine Ausbrüche alles andere als harmlos. Glas sprang, Glühbirnen platzten, schwere Töpfe flogen herum, Mikrowellen explodierten … alles schon da gewesen. Aber so ungut sich das auch auswirken konnte, genau betrachtet waren die Ausmaße immer recht gering gewesen. Er hatte noch nie showreif ein Haus in die Luft gejagt. Oder ein Auto. Da war dieser Erdrutsch schon heftig gewesen. Aber bei Gott, wie auch nicht? Wenn Konsta so nahe gewesen war … und dann noch näher … und vielleicht … es hatte so gewirkt, als ob …
„Dieser Mann wühlt dich sehr auf.“
Esra hob den Blick und seufzte schwer. „Irgendwie … ja und nein. Es ist seltsam. Eigentlich sollte ich in seiner Nähe ständig Gefahr laufen, etwas kaputtzumachen. Aber er hat so eine beruhigende Ausstrahlung; wenn er mir nicht gerade zu nahe kommt, ist seine Anwesenheit fast wie ein angenehmer Dämpfer. Verstehst du, was ich meine?“
Seine Mutter setzte sich zu ihm an den Tisch und lächelte. „Oh ja, das verstehe ich sogar sehr gut. Dein Vater hat eine ähnliche Wirkung auf mich.“
„Na großartig!“ Mit einem weiteren Seufzen schob Esra die Teetasse von sich. „Das wird hoffentlich kein 'Liebe ist so wahnsinnig toll'-Gespräch. Dazu bin ich echt nicht in Stimmung. Konsta ist … unglaublich. Unglaublich attraktiv, unglaublich heiter und gelassen, unglaublich lieb, unglaublich aufmerksam, unglaublich süß und unglaublich vergeben.“
„Und du bist unglaublich hübsch, unglaublich sympathisch, unglaublich liebenswert und unglaublich dumm.“
Esra runzelte die Stirn. „Danke.“
„So, wie das alles klingt, scheint dieser Konsta Interesse an dir zu haben.“
„Ich hoffe immer noch, es ist nicht, wie es klingt“, gab Esra postwendend zurück. „Denn dann müsste man seine Unglaublich-Reihe noch um unglaubliches Arschloch erweitern. Er hat eine Freundin, also wäre es das Allerletzte, wenn er sich mir wirklich mit … nicht platonischem Interesse annähern würde. Ein Arschloch eben. Und so will ich ihn eigentlich nicht sehen.“
„Bald dreißig Jahre und du hast immer noch nicht gelernt, dass Menschen nun mal sind, wie sie sind, und nicht so, wie wir sie gerne hätten. Aber das ist in deinem Fall vielleicht gut.“ Seine Mutter schüttelte leicht missbilligend den Kopf. „Da du beschlossen hast, alleine und der Liebe fernzubleiben, ist es wahrscheinlich besser, wenn du Menschen, die dir etwas bedeuten könnten, auf einen Sockel hebst, sodass sie dich zwangsläufig enttäuschen müssen.“
„Ich kann ja wohl nichts dafür, dass dieser Kerl so beispiellos perfekt ist!“, fuhr Esra auf. „Und es ist logisch, dass ich nach einer schlechten Seite suche, jeder hat eine, aber er … zeigt keine. Nichts. Das ist unmöglich.“
„Das auf jeden Fall. Es ist aber ein Unterschied, einen Menschen so zu nehmen, wie er ist, oder nach einem Anzeichen für eine Charakterschwäche zu suchen. Das ist sogar ein großer Unterschied. Aber da du nicht weiterkommst, werden deine Schwestern dir sicher gerne bei der Suche helfen. Dieses Wochenende. Marko will …“
„Ich wusste es!“ Esra vergrub das Gesicht in den Händen. „Grillparty, oder?“
„Ja. Dein Vater und ich, deine Schwestern, Marko und Darinka. Du und Konsta.“
Esra atmete tief durch. „Ich hab ihn gewarnt, dass das passieren wird. Weißt du, was er gesagt hat? Ich solle ihm früh genug Bescheid geben, damit er ein anständiges Gastgeschenk besorgen kann.“
Seine Mutter blinzelte kurz verdattert. Dann lachte sie auf. „Oh, ich mag den jungen Mann jetzt schon! Wenn nur die Hälfte von dem, was du die letzte Stunde erzählt hast, wahr ist, dann wäre er perfekt für dich, schon allein, um dich von deinem griesgrämigen Gesichtsausdruck zu heilen.“
Ja. Ja, das wäre er, da war Esra sich sicher. Jetzt brauchte es nur noch jemanden, der das Konsta und Andrea verklickerte. Und seinem hauseigenen Zauberproblem. Was ja so einfach war.

„Und wann?“
Esra hätte es wissen müssen. Er hatte zu Hause angekommen noch drei Stunden gebraucht, bis er auf alles gepfiffen und Konsta angerufen hatte. In scherzhaftem Tonfall hatte er ihm erzählt, dass das Übel jetzt über sie hereingebrochen war und seine Familie Konsta kennenlernen wollte. Er hatte gehofft, dass Konsta mit ihm zusammen Witze darüber riss, wie erbittert seine Familie einen Mann an seiner Seite sehen wollte, stattdessen fragte der natürlich nur nach dem Zeitpunkt.
„Samstag, früher Abend. Zwischen vier und fünf, Darinka muss gegen sieben ins Bett“, antwortete Esra geschlagen.
„Gut. Soll ich dich abholen?“
„Klar. Wenn offenbar schon die Welt, einschließlich dir, verrückt spielt, warum nicht? Hol mich ab.“ Esra warf die freie Hand ungesehen, aber höchst dramatisch in die Luft und hoffte, er legte genug von dem Drama auch in die Stimme.
„Auto oder Motorrad?“
„Oh, wenn du schon so fragst, dann komm doch in einer Kutsche.“ Esra verdrehte die Augen. „Vergiss auch bloß nicht, mir einen hübschen Blumenstrauß mitzubringen und deine Tanzkarte mit meinem Namen vollzukritzeln.“
„Ich werd's mir merken. Dann bis Samstag. Ich freu mich.“
Tja … wenigstens einer.

Esra hatte geduscht. Und sich umgezogen. Sich rasiert, sich noch mal umgezogen. Und noch mal. Und dann hatte er, wütend auf sich selbst, den ganzen Kleiderberg von seinem Bett zurück in den Schrank gestopft, sein Leben verflucht, weil er seine Nerven weder mit Kaffee noch Alkohol oder Zigaretten beruhigen konnte – und jetzt wartete er. Kurz vor vier. Wenn Konsta pünktlich war, würde er wohl so gegen vier hier aufkreuzen. Die Minuten verstrichen zäh und rasten gleichzeitig dahin. Paradox. Absurd.
Als es an der Tür klingelte, zuckte Esra zusammen, der Amethyst flog mit einem lauten Krachen aus dem Regal zu Boden und er startete eine kleine Schimpftirade, um sich Luft zu machen, bevor er seine Schuhe anzog, nach seiner Jacke griff und die Tür öffnete. Niemand da. Dann wartete Konsta wohl unten.
Esra murrte, einfach, damit er murren konnte, und sprang die Treppen runter und zur Haustüre raus. Und erstarrte.
„Das ist nicht dein Ernst!“
„Wieso nicht?“ Konsta stand grinsend vor einer Kutsche. Einer Kutsche mit zwei Pferden davor. Und in der Hand hielt er eine pinkfarbene Rose, die stark nach Marzipan aussah. „Du wolltest es doch so.“
Esras Mundwinkel zuckten. Nein, er würde jetzt nicht lachen. „Das ist kein Blumenstrauß.“
„Ah, ein pompöser Strauß passt nicht so gut zu dir wie die hier. Und ich dachte, eine einzelne Blume wäre romantischer. Und die hier kann man essen!“ Wie Konsta eindrucksvoll bewies, indem er ein Stück der Rose abbiss. „Hmm … Du auch?“
Er hielt Esra die angebissene Rose hin und der konnte nicht anders, er lachte jetzt halt doch. „Du bist so ein Idiot! Wo hast du die Kutsche aufgetrieben?“
„Filmbranche. Man hat so seine Kontakte. Das Ding hat eine tragende Rolle in einer Miniserie gespielt, die trotz fantastischem Detektiv im 19. Jahrhundert nach ein paar Folgen abgesetzt wurde – so, als wäre das schon mal in besser da gewesen und ein alter Hut.“
Konsta zuckte mit den Schultern und Esra verdrehte grinsend die Augen.
„Na komm schon, das Ding macht leider keine fünfzig Sachen, trotz der zwei Pferdestärken, und wir wollen ja nicht zu spät kommen.“
Esra hatte keine Ahnung, was er denken sollte. Nicht mal, was er zu tun hatte, um aus diesem Abend noch heil rauszukommen. Also folgte er Konstas Aufforderung und nahm ihm die Rose aus der Hand, kletterte dann in die offene Kutsche und schenkte dem lächelnden Kutscher einen entschuldigenden Blick, während Konsta sich neben ihn setzte. Nachdem Esra den Weg erklärt hatte, fuhr die Kutsche an und Esra starrte auf die Rose. Eine pinkfarbene Rose. Eine Marzipanrose. Und eine Kutsche. Verflucht sei Konsta, dieser Mistkerl!
„Isst du die noch?“
„Du nagst sie sicher nicht weiter an.“ Esra streckte Konsta die Zunge raus, hielt die Rose aus dessen Reichweite. „Meine.“
„Du könntest ruhig teilen.“
Esra schmunzelte, biss dann in eines der Blütenblätter. „Boah! Viel zu süß!“
„Ich sagte doch, die passt zu dir.“
„Übst du schon, um meiner Familie vorzugaukeln, dass wir ein Traumpaar sind?“, fragte Esra, so trocken es eben ging.
„Ich bin gut, oder?“
„Hollywoodreif.“ Esra biss noch mal von der Rose ab, verzog erneut das Gesicht und hielt sie dann Konsta unter die Nase. „Bitte, bedien dich.“

Als hätten sie es gewusst, warteten Esras Mutter und seine Schwestern, unter dem eindeutigen Vorwand, mit Darinka zu spielen, im kleineren Teil des Garten vor dem hübschen Haus am Stadtrand. Gut, vielleicht hatten sie es tatsächlich gewusst. Dass es was zum Gaffen gab.
Esra ignorierte die Blicke seiner weiblichen Verwandtschaft, dankte artig dem Kutscher für seine Mühen und nahm dann, sich seinem Schicksal ergebend, Konstas Hand, als der ihm aus der Kutsche helfen wollte. Bitte. Dann eben die volle Show.
Die Reaktionen seiner Schwestern waren zu erwarten gewesen. Ludovika hatte sich Darinka geschnappt und auf den Arm gehoben, seufzte verzückt, Katharina runzelte in eher zynischer Manier die Stirn und von Nadja kam ein: „Heiliges Tofuwürstchen!“
Ja. Das traf es ganz gut.
„Hallo, mein Schatz!“ Seine Mutter war durch das Gartentor getreten und gab Esra einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich lächelnd an Konsta wandte. Und wie die lächelte. Das war ein Lächeln der Sorte „entzückte Schwiegermutter in spe“. Oh Gott. Oh Gott, oh Gott, oh Gott …
„Mama, das ist Konstantin. Konsta, meine Mutter, Selena.“
„Sehr erfreut, Frau Sinkowski!“
Esra zog die Augenbrauen hoch. „Wann hast du meinen Nachnamen auswendig gelernt?“
„Hab in Andis Unterlagen gespickt, du hast ein paar der Geschäftsbriefe unterschrieben.“ Konsta zwinkerte Esra zu, bevor er dessen Mutter die Hand reichte.
„Die Freude ist ganz meinerseits. Nenn mich doch einfach Lena. Nadja kennst du ja schon, wie ich gehört habe.“ Esras Mutter legte Konsta in einer viel zu vertraulichen Geste den Arm um die Taille und führte ihn in den Garten hinein. „Die Dame mit den kurzen, ungekämmten Haaren ist Esras Schwester Katharina, das andere meine älteste Tochter, Ludovika. Mit meinem süßen, kleinen Spatz auf dem Arm – unsere Darinka.“
Esra befürchtete das Schlimmste. Dass seine Schwestern sich wie Bluthunde auf Konsta stürzen würden, um ihn auszuquetschen und zu becircen – beides auf einmal. Das blieb aber aus, dank Darinka.
„Ponys, Mama!“
„Pferde, Darinka. Die sind größer als Ponys“, erklärte Ludovika, während sie Konsta ein strahlendes Lächeln schenkte.
Konsta sah sich kurz zur Kutsche um. „Georg hat sicher noch ein bisschen Zeit. Wollt ihr vielleicht eine Runde mitfahren?“
„Jaaa!“, krähte Darinka, bevor jemand anderes zum Antworten kam.
Ludovika lachte, nickte dann. „Wenn wir dürfen, sehr gerne. Darinka würde sich wie eine Prinzessin fühlen.“
„Und es wäre gemein, wenn nur ihr Onkel eine wäre“, kam es lapidar von Katharina, bevor sie Konsta schmal anlächelte und schnurstracks zur Kutsche marschierte.
„Da will noch jemand Prinzessin sein“, murmelte Nadja, zwinkerte Konsta zu und schnappte sich Darinka, um Katharina zu folgen.
„Geht doch nach hinten in den Garten. Wir kommen sicher gleich wieder.“ Ludovika winkte kurz und Esra seufzte vor sich hin, sah zu seiner Mutter.
„Du nicht?“
„Nein. Das hättest du wohl gerne, alle Frauen ausgeflogen. Kommt, ihr zwei!“
Hinter ihnen setzte sich die Kutsche in Bewegung und Darinkas Jauchzen war das Letzte, das Esra hörte, bevor er ergeben hinnahm, dass seine Mutter den freien Arm um ihn legte und so zwischen ihm und Konsta ums Haus herum spazierte. Na dann, auf ins Gefecht!
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