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Hexentanz

von Zarashi
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
20.07.2021
24.07.2021
17
55.377
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Alle Kapitel
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22.07.2021 3.215
 
Kapitel 9


Der Samstag zog sich ziemlich. Esra hatte den Vormittag mit Beau im Schauraum eines sündteuren Tischlers verbracht – anstrengend, sein Chef war heute in Nörgelstimmung –, war dann Punkt zwölf im Loft gewesen und hatte die Arbeiten der Elektriker und Installateure begutachtet, bis der Rest eingetroffen war. Dann hatten sie sich ans Schlafzimmer gemacht, das laut ihrem Chef nicht so gemalt worden war, wie es hätte sein sollen. Es hätte schnell vonstatten gehen können. Theoretisch.
Praktisch hatte Beau beschlossen, den Samstagnachmittag ebenfalls hier zu verbringen. Und wenn es einen Grund gab, warum nichts, aber auch gar nichts vorwärtsging, dann war das der Meister höchstpersönlich.
In jedem anderen Fall hätten sie zu dritt das Zimmer neu gestrichen und den Boden verlegt. Alles hätte gepasst, Beau hätte sich das fertige Werk angesehen und wäre zufrieden gewesen, dass es ganz seiner Vorstellung entsprach. Im Prozess aber meinte der Künstler, immer an seinen Entscheidungen zweifeln zu müssen.
Der Boden war beschlossene Sache, den hatte Beau mit Andrea zusammen ausgesucht. Weder gegen die Maserung noch die Farbe des Parketts gab es etwas zu sagen. Anders sah das bei der Wandfarbe aus. Es hätte Weiß werden sollen. Die Wände waren weiß. Aber jetzt musste es ein anderes Weiß sein, eins mit einem Hauch Grün darin, nicht so viel, dass es Pastellgrün wurde, gerade ein Spritzer, um dem Weiß eine Illusion von Frische und Frühling zu verleihen. Bis Beau entschied, dass gelb besser wäre als grün. Und nachdem die Farbe an der Wand gewesen war, hatte er sich wieder für grün entschieden. Nein, etwas mehr, zu dezent war doch nicht das Richtige. Um Gottes willen, bitte kein Schlafzimmer, das an ein Minzbonbon erinnerte, doch weniger. Mehr, weniger; rot, nein, zu rosa; orange vielleicht, nein, das erinnerte ans Esszimmer; doch grün.
Kurz vor sechs war das Zimmer fertig gestrichen. Genau so, wie sie es von Beginn an geplant hatten. Hatte nur dreimal so viel Zeit in Anspruch genommen wie gewöhnlich. Hauptsache, Beau war zufrieden. Der strahlte, huschte Entzückungslaute von sich gebend zwischen Esra, Paul und Karim herum, die Leitern abbauten und Farbeimer verschlossen, ehe sie die Abdeckplanen entfernten. Den Boden konnten sie also nächste Woche verlegen, dazu waren sie beim besten Willen nicht gekommen.
„Wunderbar, einfach wunderbar! Gut, dass wir das noch mal überdacht haben.“
Esra sparte es sich, in Karims Augenrollen mit einzufallen. Recht hatte der Mann, aber im Gegensatz zu ihm stand Karim hinter Beaus Rücken und konnte sich das erlauben. Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis sie Beau endlich aus dem Loft gebracht und den Rest zusammengestellt hatten.
„Feierabend. Fertig aufräumen kann ich morgen“, ließ Esra verlauten. Der Boden musste bis Montag warten, für einen Sonntag waren die Arbeiten einfach zu laut. Das musste er nicht dazusagen, Karim und Paul wussten es selbst. Die verzogen sich nach einer kurzen Verabschiedung auch eilig und es blieb Esra überlassen, das Loft abzuschließen. Nach einem letzten Rundgang, um zu prüfen, ob alle Lichter ausgeschaltet waren, tat er genau das auch. Er wollte nach Hause, eine Dusche nehmen und ein paar Yogaübungen machen, bis er sich nicht mehr über den verhunzten und langsamen Arbeitstag ärgern musste.
Als er unten aus der Haustüre trat, machte sein Herz einen Satz. Und das, bevor er über die Straße sah und Konsta ihm, auf einem Motorrad sitzend, zuwinkte. Verflixte Instinkte! Als hätten die es schon vor ihm gewusst.
„Hallo!“
Esra hob zögerlich die Hand, winkte zurück, bevor er die leere Straße überquerte. „Hey! Na? Musst du wieder was abliefern?“
„Nein.“ Konsta lachte. „Nur abholen.“
„Oh, okay.“ Esra warf einen Blick über die Schulter zum Loft hoch. „Hast du einen Schlüssel dabei? Sonst geb ich dir meinen, ist keiner mehr oben.“
Als er wieder zu Konsta sah, begann sein Nacken, unter dessen amüsiertem Blick zu prickeln.
„Nicht nötig. Ich hole dich ab.“
„Mich?“ Esra zog die Augenbrauen hoch. „Waren wir verabredet?“
„Nein. Andi hat gesagt, du wärst heute hier. Und ich hab beschlossen, dass ich den schönen Abend für eine Spazierfahrt nutzen will – aber nicht allein.“
Esra runzelte die Stirn, als Konsta ihm einen Helm unter die Nase hielt. „Ist das dein Ernst?“
„Sicher. Oder hast du andere Pläne?“
Selbst wenn, die wären soeben vergessen gewesen. Trotzdem meldete sich Esras vernünftige Stimme in seinem Kopf. „Das Angebot ist ja verlockend, aber …“
„Auf die Schnelle kann ich dir keine unaufregende Achterbahn bieten.“ Konstas Lächeln war zum Dahinschmelzen und Esra befürchtete, dass er genau das im Moment tat. „Aber das ist fast genauso gut. Und ich fahre, das heißt, du musst dich nicht über Sonntagsfahrer ärgern und dich aufregen. Du musst mir nur vertrauen.“
Esra zögerte, griff dann aber nach dem Helm. „Ich … Na gut.“
Konsta vertrauen? Es wäre schön, wenn das etwas schwieriger wäre. War aber einfach. Viel zu einfach.
„Wie geht's deiner Schulter?“
„Schon viel besser.“
Das war die Wahrheit. Die Rötung war noch vorhanden, schwächer, aber doch. Schmerzen hatte Esra keine mehr. Seine Mutter war vorgestern Abend noch vorbeigekommen und mit ihr ihr gesamtes Arsenal an Cremen und Tinkturen, die deutlich bessere und schnellere Wirkung zeigten als die handelsüblichen Brandsalben.
„Dann dürfte es ja kein Problem sein. Schon mal Motorrad gefahren?“
Esra schüttelte den Kopf. Er hatte noch nie auf einem gesessen. Irgendwie war er davon ausgegangen, dass das keine gute Idee wäre. Er und ein Motorrad? Nein. Und er kannte auch niemanden, der eines hatte. Bis jetzt hatte er zumindest niemanden gekannt.
Er musterte den Helm, setzte ihn dann auf und schüttelte eilig den Kopf, als Konsta ihm mit dem Verschluss helfen wollte. Nein … bloß nicht schon wieder Konstas Finger, die nebenbei über seine Haut strichen. Es war wohl besser, so wenig Pulsbeschleunigung wie möglich herauszufordern, wenn er gleich auf dieses Gefährt steigen sollte.
Konsta klopfte hinter sich und Esra schwang sich auf das Motorrad. Atmete tief durch. Da saß man doch recht … eng beieinander. Er versuchte, etwas zurückzurutschen, aber Konsta vereitelte das gekonnt, indem er nach Esras Händen griff und sie an seinen Bauch legte.
„Gut festhalten!“
Esra schluckte, nickte vorsichtig. Das konnte nicht gut gehen. Niemals. Konsta startete die Maschine und fuhr los, was Esras Griff um ihn automatisch verstärkte. Oh je. Oh je, oh je, oh je …

Sie fuhren durch die halbe Stadt, ohne dass Esra einen Zauberanfall bekam. Es war aber recht schwierig, so beherrscht zu sein. Im Grunde hätte es ihn gefreut, auf einem Motorrad zu sitzen, aber Konstas körperliche Nähe war viel zu ablenkend. Esra tat, was er sonst nur beim Sex machte, er sagte gedanklich ein Gedicht auf. Nicht irgendeines, er versuchte sich am Hexeneinmaleins, einfach, weil er das blöde Ding nie in seinen Schädel bekam und somit viel zu sehr mit Grübeln beschäftigt war, als dass er zu genau wahrnehmen konnte, wie Konsta sich anfühlte. Was er mitbekam, war schon mehr als genug.
Der Mann war gertenschlank. Jeder Zentimeter fest und trainiert, aber gleichzeitig viel zu schmal, da half auch die Lederjacke nicht unbedingt. Kein Gramm Fett am Leib, keine Muskelberge, aber nicht knochig. Fühlte sich verdammt gut an, auch wenn Esra sich selbst dadurch unglaublich breit vorkam.
Nachdem er sicher war, dass sein Puls sich nicht zu sehr beschleunigte, warf er einen vorsichtigen Blick zur Seite. Sie fuhren gerade aus der Stadt raus, auf eine Landstraße ab und Konsta beschleunigte. Je weiter sie von Albenburg wegkamen, desto weniger Autos waren unterwegs und Konsta legte kontinuierlich an Geschwindigkeit zu.
Esra drückte sich etwas näher an ihn ran, um sicherzugehen, dass Konsta ihn hören konnte. „Du fährst zu schnell!“
„Ja, allerdings. Na und?“, kam es lachend zurück. „Du bist nur Beifahrer, ich krieg den Ärger, wenn man uns erwischt.“
Dieser Irre! Esra schloss seine Arme jetzt doch fester um Konstas Taille. Ihm war klar, dass das unvernünftig war, aber im Grunde keine große Sache. Konsta hatte die Maschine, soweit Esra das als Laie beurteilen konnte, sehr gut im Griff und wahrscheinlich fuhren hier die meisten Leute schneller, als es erlaubt war. Eigentlich war es nur eine … eine kleine Verrücktheit. Keine große. Etwas, das andere täglich machten. Aber für Esra war es gewaltig!
Er tat etwas Verrücktes!
Gut, eigentlich tat Konsta das, aber er war dabei. Er saß hier, auf einem Motorrad, das zu schnell über eine einsame Landstraße in die Abendsonne schoss – und es war herrlich!
Mit einem Mal vergaß Esra, wie nahe er an seinem Traummann klebte, wie unvernünftig, gefährlich oder illegal das hier war. Er hatte nur noch das Gefühl, zu schweben. Egal, wie real Konsta, wie stark das Motorrad unter ihm sich anfühlte, es war, als würde er jeden Kontakt zum Boden verlieren und fliegen!
Wenn es das war, was Darinka immer spürte, wenn sie durch die Gegend schwebte, dann konnte Esra ihr keinen Vorwurf daraus machen, dass sie ihnen gerne ausbüxte. Das war unvergleichlich.
„Na?“ Esra bildete sich ein, ein Lächeln in Konstas Stimme zu hören.
„Schneller?“
Konsta lachte. „Was immer du willst!“

„Oh Gott!“ Esras Knie zitterten und ein betrunkenes Lachen kam über seine Lippen, als Konsta ihn stützen musste, nachdem er vom Motorrad gestiegen war.
„Scheint dir gefallen zu haben!“ Konsta zog sich geschickt mit einer Hand den Helm vom Kopf, während Esra noch mit seinem kämpfte und sich weiter festhalten ließ. Seine Knie waren tatsächlich der reinste Wackelpudding.
„Ja. Oh Himmel, ja!“ Er lachte weiter, dieses Mal etwas freier ohne den Helm, der ihm von Konsta aus der Hand genommen wurde. „Danke!“
„Nichts zu danken.“ Konsta lächelte weich. „So wie du strahlst, wäre es jede Anzeige wegen Geschwindigkeitsüberschreitung wert gewesen.“
„Du bist verrückt!“ Esra hätte seine Mundwinkel ja nach unten gezwungen, aber es ging einfach nicht. „Wir hätten uns den Hals brechen können!“
„Uns kann auch der Himmel auf den Kopf fallen“, war Konstas lapidare Antwort, bevor er Esras Hand nahm und ihn mitzog.
Erst jetzt fiel Esra ein, sich umzusehen. Konsta hatte nach einer gefühlten Ewigkeit haltgemacht, mitten im Nirgendwo. Gut, ja, da war die Straße. Sonst nicht viel. Eine Wiese, die durch ihre halbkreisförmige Fläche verriet, dass sich dahinter eine Klippe versteckte. Esra ließ sich von Konsta bis an den Rand führen und warf einen Blick nach unten. Da war der Fluss. Nicht sehr tief unter ihnen, sicher keine fünf Meter, aber es sah schön aus.
„Nirgends sieht der Sonnenuntergang so großartig aus wie hier“, behauptete Konsta jetzt und nickte zu einem flachen, großen Felsen, der in der Nähe des Miniklippenrands lag. Esra folgte der stummen Aufforderung und setzte sich.
Konsta könnte recht haben mit seiner Einschätzung. Die Sonne war schon mehr dunkelorange als gelb und zeigte deutlich, dass sie vorhatte, in Kürze hinter dem Fluss und den dahinterliegenden Wiesen zu verschwinden.
Konsta ließ sich neben Esra fallen und lächelte ihn an. „Ein bisschen handzahme Aufregung und ein unglaubliches Panorama zum Entspannen. Gute Mischung?“
Esra wusste nicht wirklich, was er sagen sollte. Da saß dieser gigantische Mann neben ihm, seine blauen Augen funkelten regelrecht, vielleicht vor Vergnügen, dass er Esra so eine Freude gemacht hatte. Und das wusste Konsta sicher, wie auch nicht, wenn Esra immer noch das Gefühl hatte, als würde sein Gesicht nicht ihm gehören, weil es sich so … so glücklich verzogen und fremd anfühlte. Er wollte nicht strahlen wie ein Honigkuchenpferd, er konnte es nur einfach nicht abstellen.
„Ja“, rang er sich ab. „Perfekte Mischung!“
„Ha!“ Konstas Grinsen wurde triumphierend und er stupste Esra mit seiner Schulter an. „Wusste ich es doch!“
Esra wandte den Blick von Konsta ab, betrachtete den Feuerball, der immer röter wurde und tiefer wanderte. Er schluckte schwer. Das war so … romantisch. Doch ja. Schon irgendwie.
„Danke. Ich hätte nie gedacht, dass das so viel Spaß macht. Und dass es überhaupt funktionieren kann.“
„Wie fühlst du dich?“
Esra streifte Konsta mit einem Seitenblick. Der wirkte ernsthaft interessiert. Nicht unbedingt besorgt, aber achtsam. Esra hätte am liebsten die Welt angehalten, zurückgespult bis zu dem Tag, an dem der liebe Gott oder das Schicksal oder wer auch immer beschlossen hatte, aus dem Esra-Embryo eine Hexe und dem Konsta-Embryo eine Hete zu machen, mit dem guten Allmächtigen oder dem entsprechenden Pendant diskutiert, dass er oder sie oder es beides sein lassen sollte, wieder vorgespult und … Konsta geküsst.
„Gut. Meine Knie sind noch etwas weich und es ist, als hätte ich ein Glucksen im Bauch, aber nichts Bedrohliches.“
Er musste nicht mal hinsehen, um zu wissen, dass Konsta strahlte. Konnte der Mann überhaupt anders? Auf jeden Fall schienen seine Mundwinkel verlernt zu haben, nach unten zu zeigen.
„Super! Willst du auf dem Rückweg fahren?“
Esra wandte den Kopf wieder Konsta zu, schüttelte ihn eilig. „Meine Güte! Nein! Ich hab keinen Motorradführerschein und … Ich schätze, das würde mich wirklich aufregen.“ Er lächelte schmal, was von Konsta mit einem Grinsen erwidert wurde.
„Irgendwann mal. Wenn du dich daran gewöhnt hast.“
Daran gewöhnen … Esra wusste nicht, ob er lachen oder heulen wollte. So, wie Konsta das sagte, klang es stark danach, dass er solche Ausflüge noch öfter plante. Sie zwei, die irgendwo ins Grüne rausfuhren. War eine schöne Vorstellung. Und gleichzeitig war Esra sehr wohl bewusst, dass es dämlich wäre. Wenn Konsta nicht ganz, ganz schnell all seine negativen Seiten zeigte, unter denen hoffentlich auch eine war, mit der Esra nie und nimmer leben konnte, dann würde er sich doch nur noch mehr in diesen Mann verlieben. Und sollten diese Gefühle noch eine Steigerung haben können, dann wäre er eine tickende Zeitbombe auf zwei Beinen. Trotzdem würde er gerne …
Vielleicht hatte Katharina recht. Das war kein Leben. Er konnte Konsta vielleicht nicht als seinen Mann an der Seite haben, aber wenigstens standen die Chancen gut, dass Esra ihn zumindest in seinem Leben haben durfte. Als Freund. Als jemanden, der sich Gedanken um ihn machte, der ihm eine Freude machen wollte, der einen verrückten Motorradausflug plante, weil er in der näheren Umgebung keine Achterbahn mit Nervenschoneffekt finden konnte.
Unglücklich verliebt waren genug Menschen. Und vielleicht wäre es gar nicht so übel, mit so jemand Besonderem wie Konsta zumindest befreundet zu sein, wenn man schon nicht mehr haben konnte. Esra hätte das auf jeden Fall in Erwägung gezogen, müsste er sich sonst um nichts Gedanken machen. Die Realität sah anders aus. Wie Katharina gesagt hatte … Das war kein Leben.
Also doch versuchen, das alles, die verrückt spielenden Hexenkräfte, in den Griff zu bekommen? Bald dreißig Jahre lang hatte Esra es nicht geschafft. War recht hoffnungslos. Und dennoch – was, wenn es beim nächsten Versuch klappte? Er würde es nicht herausfinden, wenn er nie wieder einen startete.
„Ist dir kalt?“
Esra blinzelte verdattert, als Konsta seine Jacke auszog und sie ihm über die Schultern legte. Tatsächlich, er zitterte ein wenig. Allerdings nicht, weil ihm kalt war. Der Gedanke an eine erneute Konfrontation mit Kräften, die er nicht haben dürfte, machte ihn nervös. Er sollte also besser an etwas anderes denken.
„Geht schon. Du solltest deine Jacke behalten, ich hab deutlich mehr auf den Hüften, das mich wärmt.“
Konsta lachte auf. „Scherzkeks! Ich brauch sie nicht, ich bin recht hitzig.“
Das hätte er nicht erwähnen sollen. Mit einem Mal spürte Esra Konstas Körperwärme überdeutlich, jetzt, wo er darauf hingewiesen worden war. Der Mann war ein lebender Heizpilz.
„So erkältet man sich“, gab Esra eine Weisheit seines Vaters zum Besten, was Konsta erst recht lachen ließ.
„Ich bin schon groß, ich kann notfalls mit Halsschmerzen umgehen“, feixte er, legte dann einen Arm um Esras Schultern und rubbelte seinen Oberarm ein wenig. „Wärmer?“
„Ja. Danke.“
Es war besser, Konsta im Glauben zu lassen, dass ihm kalt war. Esra wollte die Wahrheit nicht unbedingt sagen. Das hätte enorm viele Erklärungen verlangt und keine sollte Konsta irgendwie zu Ohren kommen.
„Schau! Der erste Stern!“
Esras Blick folgte Konstas Hand, die irgendwohin in den Himmel deutete. Tatsächlich. Von der Sonne war nur noch wenig da und die Sterne zeigten sich. Einer, recht schnell ein zweiter. Dann noch einer. Bis der ganze Himmel voll mit ihnen war.
Vielleicht meditierte Esra zu viel. Als ihm bewusst wurde, dass sie im Dunkeln unter einem Sternenhimmel saßen, kam es ihm vor, als wäre das innerhalb einer Minute geschehen. Dabei ging das gar nicht. Wie lange sie hier gesessen hatten, konnte er absolut nicht einschätzen. Aber da waren Sterne. Abertausende; hier draußen war es dunkel genug, ohne irgendein künstliches Licht, sodass es kein Vergleich zum Sternenhimmel war, den man von der Stadt aus sehen konnte. Und Konstas Arm lag immer noch um Esras Schultern.
„Das ist so gigantisch schön“, murmelte Esra andächtig. „Eigentlich sollte es kitschig sein. Wenn man das jemandem erzählt, ist es Kitsch pur, oder?“
„Wahrscheinlich. Aber so ist die Natur manchmal, nüchtern gesehen der reinste Kitsch, aber für den Moment so perfekt, dass es einfach überwältigend ist“, gab Konsta leise zurück.
Esra nickte. Ja. Genau so war es. Gerade hätte es nicht perfekter sein können. Der klare Himmel, der warme Hauch von Wind, der Duft des nächtlich feuchten Grases, das Rauschen des Flusses … Kitschig. Perfekt. Kitschig perfekt und perfekter Kitsch.
„Esra?“
Esra drehte den Kopf und sein Herz machte einen gewaltigen Satz, als er Konstas Gesicht viel zu nahe vor sich hatte. Er starrte Konsta an. Eigentlich wollte er wegsehen, aber Konstas Blick, so wenig zu erkennen der mit dem bisschen Mondlicht war, war fesselnd. Magisch. Wer war hier die Hexe, verdammt?
Konsta lächelte. Er bewegte sich nicht vor und nicht zurück, er sagte nichts, er lächelte einfach nur. Und Esras Herz machte den nächsten Satz, noch heftiger als zuvor. Er schluckte schwer. Und in Konsta kam Bewegung, nur ein wenig, er neigte sich weiter zu Esra herüber. Und gleich … gleich …
Mit einem gewaltigen Krachen brach ein großes Stück der Wiese vor ihren Füßen weg und polterte in den Fluss hinab.
„Woah!“ Konsta war mit einem Satz auf den Beinen, packte Esra und zog ihn auf, hinter den Stein und weg vom neu geschaffenen Abgrund. „Heilige Scheiße, was war das denn?“
Es hätte ernster geklungen, hätte Konsta dabei nicht so dämlich gelacht. Und wie der lachte.
Esra wollte antworten. Irgendwas sagen. Aber er kämpfte gerade damit, sein hämmerndes Herz zu beruhigen, damit nicht gleich das nächste Stück Erde wegbrach, dann vielleicht direkt unter ihnen. Gott, er musste sich beruhigen! Sofort!
„Tut mir leid“, stammelte er, bevor er überhaupt zum Nachdenken kam.
„Bitte?“
„Nichts.“ Himmel! Er verriet sich hier, wenn er nicht aufpasste. „Oh Mann … Passiert das hier öfter?“
„Eigentlich nicht, nein.“ Konsta grinste, schob Esra noch ein Stück hinter sich, bevor er leichtfüßig auf den Felsen sprang, der jetzt direkt am Abgrund lag. Er sah hinunter in den Fluss. „Gewaltig! Da haben wir noch mal Glück gehabt, was?“
So konnte man es auch nennen, ja. „Scheint so.“
„Wahnsinn!“ Konsta lachte wieder, drehte sich um und hüpfte vom Felsen. „Der Schreck des Abends. Aber gut, wieso sollte auch alles friedlich bleiben?“
Schön, dass der sich so darüber amüsieren konnte, dass Esra ihn gerade in Lebensgefahr gebracht hatte! Gut, Konsta wusste nicht, dass es Esras Schuld gewesen war. Und vielleicht war Lebensgefahr etwas dramatisch, es ging ja nicht so tief runter. Allerdings konnte man immer noch verschüttet werden. Also … im schlimmsten Fall hätte es durchaus Lebensgefahr bedeuten können.
Esra atmete tief durch. Da war er wieder. Der Beweis, dass er sich tunlichst von allem fernhalten sollte, das seinen Puls zu sehr beschleunigte. Also ganz besonders von Konsta!
„Auf den Schreck brauch ich ein Bier. Und du … Du trinkst keinen Alkohol. Wasser?“
Esra warf noch einen Blick zur nicht mehr ganz so schön halbkreisförmigen Klippe, bevor er sich von Konsta mit in Richtung Motorrad ziehen ließ. „Ja. Wasser klingt gut …“
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