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Hexentanz

von Zarashi
GeschichteRomance / P18 / MaleSlash
20.07.2021
01.08.2021
40
145.249
38
Alle Kapitel
77 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
20.07.2021 1.995
 
Vorwort:

Liebe Leser*innen, nach mehrjähriger Abwesenheit melde ich mich zurück. In den vergangenen Jahren bin ich dabei geblieben, unheimlich viel zu schreiben, aber wenig fertigzustellen. Letztlich hat jetzt Hexentanz doch noch das Licht der Welt erblickt.

Das ist eine der Geschichten, an der ich seit 2015 arbeite. Die erste Hälfte war nach ein paar Wochen fertig, dann kamen stückchenweise ein, zwei Kapitel dazu, und in diesem skurrilen Jahr 2021 wurde sie in einem ähnlich heftigen Schreibanfall wie zu Beginn in einem großen Rutsch beendet.
So sehr ich versuche, mögliche Unebenheiten zu glätten, hat sich mein Schreibstil über die Jahre sicher entwickelt (ob in eine positive Richtung, lass ich mal offen). Dankenswerterweise ist das bei dieser Geschichte vielleicht nicht zwangsläufig störend.

Ob was lange währt, endlich gut wird, bleibt euch, zu entscheiden.
Ich für meinen Teil wünsche euch erholsame Lesestunden und viel Spaß mit dem neuen Chaoshaufen (der meinen anderen Chaoten in chaotischer Unfähigkeit in nicht viel nachsteht).

Sam / Zarashi


Disclaimer (sind die noch ein Ding? Egal, sicher ist sicher): Dies ist keine Geschichte, die das Rad neu erfindet, aber von mir selbst zusammengesponnen wurde und keine gewollte / mir bewusste Ähnlichkeit zu irgendwelchen lebenden oder fiktiven Personen hat. Es handelt sich dabei um ein fiktives Werk mit Charakteren, deren Wortwahl, Verhaltensweisen und/oder Ansichten meine eigenen nicht zwangsläufig wiedergeben.

Halb spoilerfreie Triggerwarnung: Es wird im späteren Verlauf actionlastiger, also ist physische Gewalt (grafisch, aber nicht detailliert) ein Thema. Implikation von möglichem sexuellem Missbrauch (nichts Grafisches).
Wer sich lieber versichert und kein Problem mit Spoilern hat, kann auch das dem Epilog angehängte Nachwort lesen. Oder mir eine PN schreiben, wobei ich eine zeitnahe Antwort nicht unbedingt garantieren kann.
Zu beidem sei gesagt, wer ohne Bedenken Primetime-Krimis im Fernsehen guckt / gucken würde, sollte hiermit keine Probleme haben.




Prolog


Rabenschwarzes Haar und tiefgrüne Augen, als hätte jemand am schönsten Frühlingstag des Jahres zwei Blätter von einer jungen Birke gezupft und sie ihm als Seelenspiegel geschenkt. Ein wacher Blick, vom ersten Moment an, der die Welt musterte, als hätte er den Planeten schon mit skeptischer Neugier erwartet.
Papa Sinkowski strahlte die Hebamme an; dreißig Jahre und drei Töchter hatte es gebraucht, bis er endlich einen Sohn in den Händen halten durfte. Mama Sinkowski lächelte selig, der Schmerz der Geburt war längst vergessen; Müdigkeit und Glückseligkeit tanzten miteinander wie ein Feenreigen, während ihr Sohn sie betrachtete.
Als Esra geboren wurde, war er das pure Glück seiner Eltern. Für exakt dreiunddreißig Sekunden. Dann öffnete sich der kleine Mund zum ersten Schrei und alle Glühbirnen im Raum zersprangen.
„Selena?“
„Mischa?“
„Ist unser Sohn …?“
„Ich … Das ist unmöglich. Er ist ein Junge.“
Die Wände begannen zu wackeln, als Esras Schreien lauter wurde.
„Selena, sag mir, dass ich träume! Bist du das?“
„Nein. Er ist wohl …“
„Was?“
„Ein Wunder der Natur.“
„Er ist eine gottverdammte Hexe!“

Esra hatte zu diesem Zeitpunkt vielleicht weder gewusst, was eine Hexe war, noch was „gottverdammt“ hieß, aber er hatte schon damals gemerkt, dass es nichts Gutes sein konnte. Gerade frisch auf die Welt gekommen, hatte er auch keine Ahnung gehabt, dass es nicht normal war, vom ersten Moment an alles deutlich wahrzunehmen und sich die glasklaren Erinnerungen zu behalten, während er älter und älter wurde. Anscheinend, das hatte er irgendwann in der Schule gelernt, gingen Wissenschaftler auch nicht generell davon aus, dass Babys jedes Wort verstanden, zumindest den Großteil davon. Aber mit dem Wundern hatte er schon lange aufgehört.
Auch jetzt hatte er nur ein Augenrollen übrig für die Tatsache, dass sein Schwager, der Mann seiner ältesten Schwester, wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die große Küche der Sinkowskis hetzte, um seine kleine Tochter, gerade drei geworden, einzufangen – was sich als schwieriges Unterfangen gestaltete, denn die Kleine flog gekonnt knapp unter der Decke herum und hatte nur kindliches Lachen für ihren herumhüpfenden Papa übrig. Aus dem ersten Stock war das Gelächter seiner drei Schwestern und seiner Mutter zu hören, die sich für die große, jährliche Versammlung ihres Hexenzirkels bereitmachten, und sein Vater fuhrwerkte, stoisch ruhig wie immer, am Herd herum, um das Abendessen noch rechtzeitig auf den Tisch zu bringen.
„Esra, hilf mir doch mal!“, jammerte sein Schwager jetzt drauf los.
Esra schnaubte. Marko hatte gut reden, er kam genauso wenig an die kleine Darinka ran wie sein Schwager. Gut, wäre er nicht er gewesen, sondern jemand, der eine Ahnung von dem hatte, was die Natur ihm da aufs Auge drücken hatte wollen, dann hätte wahrscheinlich ein kurzer Wink mit dem Finger gereicht und Darinka wäre sanft in die Arme ihres Papas geschwebt. Ging nur leider nicht, außer er wollte Gefahr laufen, dass die Kleine in Flammen aufging, explodierte oder wie ein Ping-Pong-Ball durch die Küche geschleudert wurde.
„Deine Tochter, dein Problem“, erwiderte er also gleichgültig und strich sich eine der pechschwarzen Haarsträhnen aus der Stirn. Er war gerade ernsthaft versucht, sie samt seines Bartes wachsen zu lassen, denn er hatte es satt, mit den Worten adrett oder hübsch betitelt zu werden. Seine Schwestern waren hübsch. Sie alle teilten die schwarzen Haare, nur ihre Augen hatten verschiedene Farben, auch so ein Hexending, das die menschliche Genetik schlicht ignorierte. Seine waren grün. Immer noch. So richtig knatschgrün – wie ein Laubfrosch. Und Esra war, glücklicherweise, größer und breitschultriger als seine Schwestern. Anders hätte er das Leben auch kaum ausgehalten. Er hatte genug, was ihn klar als weiblich klassifizieren würde, zumindest in gewissen Kreisen.
Zum einen, dass er auf Männer stand. Sein Vater hatte sich langsam, nach zwölf Jahren, vom Schock dieser Eröffnung erholt. Zumindest annähernd. Schwule Sinkowskis waren etwas, das es laut ihm in der langen und traditionsreichen Geschichte der Familie nicht gab. Esra vermutete da zwar etwas anderes, aber mit einem Vater, der sich als überzeugter Atheist gesehen hatte, seit er der damaligen Sowjetunion geschickt entkommen war, und der nach der Eröffnung seines Sohnes, Männer zu bevorzugen, mit einem Mal wieder in die orthodoxe Kirche zwei Orte weiter rannte, war da nicht gut diskutieren. Hauptsache, er nahm es hin. Fiel ihm wohl auch leichter, als die Tatsache zu akzeptieren, dass sein Sohn eine Hexe war.
Damit hatte auch Esra seine Probleme. Zumal Hexen eigentlich immer weiblich waren. Er musste es wissen, er hatte in seinen bald dreißig Lebensjahren niemals eine andere männliche Hexe kennengelernt und mal ehrlich – langsam hatte er das Gefühl, schon alle Hexen der Welt getroffen zu haben. Was Unsinn war, wenn's hochkam, dann waren es vielleicht die paar Tausend, die es in Europa gab. Galt aber auch nur für die, die wie seine Familie Mitglied eines Zirkels waren und sich alle paar Jahre zum großen Gipfeltreffen der europäischen Hexen einfanden.
Nur Frauen. In allen Altersklassen, von Säuglingen, die stolz von ihren Müttern herumgezeigt und vom Hexenrat gesegnet wurden, bis hin zu alten gebrechlichen Weibchen, die mitunter wirklich wie Hexen aus dem Märchen aussahen. Aber da gab es alles, hässliche, schöne, mittelmäßige, junge, alte, welche aus jeder Art von Religionszugehörigkeit oder spiritueller Richtung, atheistische, Traumtänzerinnen, pragmatische … Nur keine Männer. Männer gab's nicht in diesen Kreisen. Sie wurden nicht diskriminiert, sie waren einfach nicht vorhanden!
Was Esra schon von klein auf zu einer Hexe gemacht hatte, die entweder wie das achte Weltwunder oder aber wie eine Ausgeburt der Hölle betrachtet wurde. Und dass er die Unfähigkeit in Person war, lieferte dazu noch genügend Grund für blöde Sprüche, die sich alle darum drehten, dass man an seinem Beispiel ja sah, warum Männer eigentlich von Natur aus gar keine Hexen sein konnten.
Tja. Hätte die Natur sich mal an diese Regel gehalten. In den letzten Jahren war es noch schlimmer geworden, so schlimm, dass Esra zu keiner Versammlung mehr ging, weder regional noch national und schon gar nicht international. Denn die Natur wusste schon, warum sie nur weibliche Hexen hatte – damit keine Überhexe in die Welt gesetzt werden konnte, die doppelte Genpower mitbrachte.
Seit er allerdings ins geschlechtsreife Alter gekommen war, belagerten ihn die Hexen bis hin zur unverschämten Aufdringlichkeit. Mit romantisch hatte das nicht viel zu tun, eher mit gierigem, machthungrigem Funkeln in den Augen der werten Damen. Einige hatten sich davon abschrecken lassen, dass Esra gut hörbar verkündet hatte, schwul zu sein, aber ein Gros der Masse interessierte das nicht.
Darum blieb er für sich. Beinhaltete auch weniger Verletzungsgefahr für andere, denn wie das bei diesen Gipfeltreffen so üblich war, es wurde gezaubert, was das Zeug hielt. Bei ihm flog Zeug in die Luft, oft jedenfalls. Hin und wieder passierte auch nichts. Oder das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Alles eben, nur nicht das, was seine Intention gewesen wäre. Er war nicht nur die erste männliche Hexe der Geschichte, nein, er war auch noch der erste Vollversager auf dem Gebiet. All die tröstenden Worte seiner Mutter, dass sich sein Antitalent „auswachsen“ würde, hatten nichts gebracht. Bald drei Jahrzehnte und er war immer noch eine Null. Eine, die gerade mal gelernt hatte, unwillkürliche Zauberausbrüche zu unterdrücken – meistens.
Trotzdem saß er Jahr und Tag hier, wenn eine Versammlung anstand, und hörte dem aufgeregten Geplapper seiner Schwestern mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu. Wäre er nicht ein willkommener Zuchthengst für machtgeile Hexen gewesen … hätte er ein bisschen Talent … er wäre gerne mit zu den Treffen gegangen. Die gaben einem das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, in einer Welt, der man sich höchstens anpassen, in der man aber nie zu Hause sein konnte. Hier, in seinem Elternhaus, ging das auch. Seine Familie wusste, was er war. Aber außerhalb der Familie durfte es niemand erfahren, der Zirkel natürlich ausgenommen. Das Chaos, das dann über sie hereinbrechen würde, wagte er sich nicht mal vorzustellen.
„Mischa, könntest du …?“
Sein Schwager hatte sich zwischenzeitlich hilfesuchend an Esras Vater gewandt und der pflückte in einer gekonnten Geste, die viel eigene Erfahrung erahnen ließ, die kleine Darinka aus der Luft. Mit einer Hand.
„Was macht denn Opas Mäuschen da?“
Esra seufzte. Enkelkinder – das Glück von Mischa Sinkowski. Sein einziges Glück, wenn man seinen ausschweifenden Tiraden Glauben schenken durfte, die er immer dann hielt, wenn er ein Gläschen zu viel hatte und Esra traurig beäugte, da der ja nie Enkelkinder, sprich Stammhalter und Familiennamenträger daherbringen würde.
Esra war allerdings recht froh, dass er schwul war. Seine Mutter hatte ihm früh eingetrichtert, dass er sich auf keinen Fall in eine Hexe verlieben durfte, da es einem Bruch von universalen Regeln gleichkäme, würde er mit einer anderen Hexe Kinder haben. Da war ihm viel Liebeskummer erspart geblieben, denn wer bitte konnte seine Gefühle steuern? Eben.
Er konnte ja auch nicht verhindern, seinem Schwager ab und an unbewusst auf den Hintern zu gaffen. Nicht, dass er den Mann geschenkt haben wollen würde, aber ansehnlich war er allemal. Und, das musste man ihm lassen, vertrauenswürdig. Ludovika, seine älteste Schwester, hatte sich da schon den Richtigen ausgesucht, um ihn in die Geheimnisse der Sinkowski-Familie einzuweihen und sogar Kinder mit ihm in die Welt zu setzen. Auch wenn Markos Nerven hin und wieder blank lagen, wenn er sich um seine Tochter zu kümmern hatte, die sich wie jetzt einen Spaß daraus machte, Fangen zu spielen – mit unfairen Vorteilen.
Darinka war schon wieder dabei abzuheben, aber Marko war schneller und packte seine Tochter. „Diesmal nicht! Komm, wir müssen die Schleifen in deinem Haar neu binden, nach dem Essen gehst du mit Mama, Oma und deinen Tanten auf das große Hexentreffen.“
Darinka lachte fröhlich, die freute sich offenbar darauf, wild herumzaubern zu dürfen. Konnte Esra nachvollziehen. Er hatte das auch gerne getan, bis ihm klargeworden war, dass er eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellte, wenn er nur einen Stein mit magischer Unterstützung zehn Meter weit übers Wasser springen lassen wollte.
Das Leben, so beschied er, war unfair. Es hatte ihm einen Eimer Gummifrösche, den sonst kein anderer Junge bekam, vor die Nase gestellt und dann grinsend gesagt: Ah, nein, doch nicht, du bist allergisch gegen Zucker – ätsch!
Und alles, was blieb, war der Fakt, dass Gummifrösche in diesem Fall ein streng gehütetes Geheimnis waren, er den Eimer tagein, tagaus mit sich herumschleppte, nicht naschen durfte, aber ihn vor der Welt verstecken musste. Na dann, Prost, Mahlzeit!
 
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