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Schiffe versenken

von Pacifer
GeschichteDrama, Horror / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Harry Potter James Sirius Potter Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Severus Snape
19.07.2021
14.09.2021
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19.07.2021 2.174
 
HMS Triumph im Oktober 2034

An jenem Morgen war die Nordsee zahm wie ein vollgefressener Mops. Ihre Wellen hatten sich beruhigt und tanzten in einem sanften Rhythmus zum frischen Wind, der von Westen aus die Luft leicht aufwirbelte. Nach drei gefühlt unendlichen Tagen hatten sie wieder auftauchen können. Das barbarische Sturmmonstrum war weitergezogen.

Er atmete tief durch, so tief, dass es ihm vorkam, als setzten sich kleine Eiskristalle in seiner Lunge fest. Sie bohrten sich mit ihren winzigen, spitzen Zacken tief ins Gewebe und verursachten ein Stechen in seiner Brust. Doch die Frische und Qualität der Luft machten den Schmerz zu einer Wohltat.

James stand auf dem nassen Rücken seines Zuhauses, des HMS Triumph, einem ehemaligen Jagd-U-Boot der britischen Royal Navy.
Wie ein toter, aufgeblähter Wal schaukelte es im Wellenbett und seine schwarze Haut schimmerte sacht im nebligen Lichte des Tages. Auf seinem Buckel thronte ein erhabener Kommandoturm, durch welchen auch ein schmaler Einstieg hinab in die unterweltlichen Spähren führte.

Noch immer hatte er den bissigen Gestank von Öl und Metall in der Nase, den er nur schwer loswurde. Der Schweiß in seinem Gesicht war in der eisigen Kälte schon verdunstet und hatte einen unangenehmen Film auf seiner Haut hinterlassen. Tief unten, im Bauche des toten Wals, war es nämlich heißer im Inneren eines Vulkans und geladen mit einer erdrückenden Luftfeuchtigkeit – jeder Regenwald schien eine bessere Alternative zu sein.

Mit James hausten noch weitere achtundreißig Seelen in dem Stahlzylinder. Darunter befanden sich sieben Muggel aus Militär und Schifffahrt, die man damals zusammen mit der Vereinnahmung des U-Bootes hatte gefangen genommen.

Denn Ahnung von dem trägen Gefährt hatte unter den Zauberern und Hexen niemand. Natürlich hatte man sich im Laufe der Jahre Kenntnisse angeeignet. Manch Maschinerie hatte sich auch als durchaus kompatibel mit Magie erwiesen. So war es der verrückten Hexe Lovegood gelungen, die Brennstäbe für den Kernreaktor auch ohne das dafür benötigte Kühlmittel gleichmäßig temperiert zu halten. Dennoch lagen Fachkenntnis und Expertise noch immer eindeutig bei den Muggeln, weshalb sie unentbärlich waren.

James nahm einen weiteren tiefen Atemzug. Wie hatte das alles nur passieren können?

«James?»

Die Luke des Einstiegs war mit einem eisernen Knarzen erneut geöffnet worden.

Es war sein Vater.

James drehte sich nicht zu ihm um, denn eigentlich wollte er ihn gerade nicht sehen. Er vernahm, wie sich Harry mit einem tiefen Atemzug ebenfalls an der klaren Luft erfreute.

«Hey...» Sein Vater stand nun neben ihm und ließ den Blick über die weite See streifen, die so grau wie der Himmel war.
James fragte sich unwillkürlich, ob sie vielleicht auf dem Kopf standen und es gar nicht bemerkten.

Obwohl sie Vater und Sohn waren, hätten sie sich nicht unähnlicher sein können: während Harry zwar fortwährend von wohldefiniertem, jedoch drahtigem Körperbau war, war James ein strammer Muskelbursche mit den harten Gesichtszügen eines Kämpfers. Seine hellblauen Augen verblassten nebst Harrys strahlenden Smaragden. Zudem hatte er die glatte Haarstruktur seiner Mutter geerbt, welche er wusste in einem akurat getrimmten Undercut zu tragen. Harry hingegen ließ seiner unbändigen Mähne freien Lauf, was ihm eine jugendliche Frische verlieh. Generell schien es das Schicksal gut mit ihm zu meinen: Er sah noch immer unfassbar gut aus und nur widerwillig legten sich Falten über sein Gesicht. Es war fast so, als wäre er nicht nur der Auserwählte, sondern auch der ewig Gutaussehende.

«James, es tut mir leid...», begann Harry und in seinen Ton hatten sich Wehmut und Reue geschlichen.

James warf ihm einen kurzen, nichtssagenden Blick zu.

«James...» Harry sah ihn flehend an.

«Was willst du denn hören?», raunte der jüngere Potter und bohrte seine Augen in die seines Vaters.

«Dass wir okay sind? Dass zwischen uns alles in Ordnung ist?»

Ein abwertendes Lachen entwich James, und er schüttelte mit dem Kopf. «Nichts ist in Ordnung.»

Seine Worte waren voller Anklage und er wusste, dass Harry sich nicht verteidigen konnte. Was geschehen war, war bereits das Urteil.

«Wieso verachtest du mich so?»

«Das tue ich nicht! Jam-»

«Nein!», unterbrach ihn James harsch. «Ich gebe jeden Tag mein Bestes für dich; ich kümmere mich um alle, während du deine Wahnvorstellungen nicht in den Griff bekommst und das ist der Dank? Ich habe alles für dich aufgegeben. Alles

Sein Körper bebte vor Wut und seine Fäuste hatten sich fest zusammengeballt. Stimmte es denn nicht?! Hatte er denn nicht wirklich alles aufgegeben, um an Harrys Seite für eine bessere Welt zu kämpfen? Albus, Lily, Ginny – sie alle hatte er zurückgelassen, um weiter an diesem aussichtslosen Krieg teilzunehmen.

Dank ihm hatte die Mannschaft stets Nahrung, indem er sich regelmäßig mit seinem Besen und Harrys Tarnumhang auf den Weg Richtung nächstgelegenes Festland machte. Zusätzlich organisierte er das Leben an Bord, gestaltete die Pläne, Einteilungen und Regeln, während Harry regelmäßig mit Angstzuständen und Wahnvorstellungen zu kämpfen hatte.

Und alles, was Harry ihm hatte entgegenschmettern können, war ein grimmiges, dahingeblubbertes «Das war ein Fehler. Ab sofort solltest du in einer anderen Kajüte schlafen.»

«Du kannst ja jederzeit gehen...»

Es war dieser kindliche Trotz, in den sich Harry immer wieder flüchtete, wenn ihm irgendetwas missfiel, der James fast zur Weißglut brachte.

«Verdammt nochmal, Dad!» Es war ein wuterfüllter Schrei, der durch das Morgengrauen hallte wie ein hilfloses Echo. «Du kotzt mich an! Werd' erwachsen!»

Seine Augen bohrten sich tiefer in die seines Vaters, in der Hoffnung, dass seine Wut ein Erwachen in ihm erreichen würde. Doch Harry wandte seine Augen ab und starrte stattdessen unbeholfen auf die feuchte Oberfläche des U-Bootes.

James' Schläfen pochten und schienen jede Sekunde platzen zu wollen. Sein Puls raste, während planker Hass und kalte Wut durch seine Adern schossen und ihn fast zum Kollabieren brachten.

«Tzz» Mit einem weiteren Kopfschütteln sah James ebenfalls weg. Er versuchte, sich zusammenzureißen, obgleich es ihm schwerfiel, die hasserfüllte Energie unterzuschlucken.

Vielleicht sollte er wirklich gehen? Vielleicht sollte er all dies Harry überlassen und sich um die wahren Dinge im Leben kümmern? Er hatte noch immer die Option zum Rest seiner Familie zurückzukehren, versteckt in einem kleinen, sibirischen Dorf, wo sie niemand suchte. Hätte ihm nicht sein Ehrgeiz im Weg gestanden und der Drang, diesem Krieg ein Ende zu setzen. Seine Familie, als auch die gesamte magische Welt sollte nicht ein Leben in Angst führen müssen. Deshalb galt es, Voldemort zu besiegen und die Muggel wieder zu Besinnung zu bringen – egal wie. Alle Mittel waren ihm mittlerweile recht und einen aktiven Krieg gegen die Muggel, so wie ihn Voldemort führte, scheute er schon lange nicht mehr.

Ein Schweigen setzte ein, einzig untermalt von leerem Wellenrauschen.

Dieses Rauschen.

Es war einfach immer da. Es kam in den verschiedensten Formen; mal stumpf, mal schrill, mal klirrend, aber in seinem Kern dauerhaft monoton und repetitiv.

James ließ seinen Blick erneut in die Ferne schweifen – weit und breit war nichts außer graue Realiät. Wie lange würde er das alles hier wohl noch aushalten müssen?

«James...» Harry klang nun gefasster, weniger trotzig. «Was zwischen uns geschehen ist...es...» Er pausierte kurz und sah auf, um seinen Blick ebenfalls über den Ozean wandern zu lassen. Ein kräftiger Windstoß fuhr durch die dunklen Mähnen der beiden Männer, während Schlick und Algen von der Außenhaut des U-Boots ins Wasser plantschten.

«Du weißt, ich liebe dich.»

Die Worte brannten schärfer als die Eiskristalle auf James' Lunge. Rücksichtslos durchbohrten sie seinen Brustkorb, zerfetzten sein Herz und hinterließen ein zerfleddertes Trauerspiel aus Fleisch und Gewebe.

James dachte an die vergangene Nacht. Im Prinzip war sie nur eine logische Konsequenz der letzten Jahre gewesen. Auf engstem Raum lebten sie miteinander; zusammengepfercht in einem ein Quadratmeter großen Zimmer mit zwei übereinanderliegenden Pritschen.

«Kapitän Potter...?» Es war Timothy, der Muggel, der seinen Gedankengang jäh unterbrach. James stieß einen gereizten Seufzer aus. Er mochte Timothy absolut nicht. Hinzu kam noch dessen lächerliche Angewohnheit, die anwesenden Zauberer und Hexen mit Rängen des Muggelmilitärs anzusprechen. Kapitän Harry James Potter. Pah!

James selbst war Kommandant Potter. Lachhaft.

Doch andererseits wurde dadurch eine angemessene Distanz bewahrt und die Muggel kamen somit nicht auf die Idee, ihre Grenzen zu testen. Denn noch immer waren sie faktisch Gefangene.

James hatte damit weniger ein Problem, aber Harry sehr wohl. Er sträubte sich noch immer gegen die Wahrheit und bot den Muggeln oft das Du an. Oft bestand er darauf, dass sie zusammen aßen, doch zu mehr als unangenehmen Schweigen kam es nie.

«Solange dieser Krieg nicht vorbei ist, sind das unsere Gefangen. Akzeptiere es!», hatte James schon zig Mal angemahnt, doch Harry war eben ein Dickkopf.

Sie drehten sich um und sahen zu Timothy. Sein mittlerweile rückenlanges, blondes Haar wurde vom Wind aufgewirbelt und verschleicherte ihm die Sicht auf seine Vorgesetzten. Den Muggeln blieben die Vorzüge der Magie – auf James' eindrücklichen Wunsch – verwehrt und so wuchs ihre Körperbehaarung unaufhörlich.

Tollpatschig wie Timothy war, versuchte er sich die Strähnen aus dem Gesicht zu ziehen, doch auf eine entfernte Strähne folgten gleich drei neue, die sich über Mund, Nase und Augen legten wie Algen über das Boot.

«Sollen wir nun Kurs auf Koning-C nehmen?», fragte er, während er sich vergebens Haare aus dem Mund pustete.

Timothy war schon ein seltsamer Muggel. Er war einer der kompetentesten seiner Art, immerhin hatte er langjährige Erfahrung im Muggelmilitär als Sonarist. Und doch war er irgendwie ein Idiot.

James schaute mit gehobenen Brauen zu Harry.

«Ähhh...» Harry erwies sich mal wieder als Eloquenz in Person, doch zu James' Erleichterung fing er sich rasch:

«Haben wir schon Nachricht von der HMS Tireless erhalten?»

«Nein, Sir.»

«Mhhh.» Harry nickte und rieb sich mit einem Finger grübelnd über die Lippen.

«Gut, dann warten wir.»

«Wieso warten?», entfuhr es James. «Wieso, verdammt nochmal?»

«Weil wir nichts ohne Ron unternehmen, wie oft muss ich dir das noch erklären?» Harry warf Timothy ein kleines Lächeln zu, um die gereizte Stimmung zu überspielen.

«Du weißt genauso gut wie ich, dass wir die Bohrinsel innerhalb von fünfzehn Minuten unter unserer Kontrolle hätten. Dann müssten wir nicht mehr in diesem verfluchten Boot leben, könnten endlich auch ma-»

«Das reicht!», fauchte Harry dazwischen. «Es reicht, James», schob er fast flüsternd hinterher. Er sah erneut zu Timothy, dem die Situation sichtlich unangenehm war. «Timothy, wir warten. Informiere bitte die anderen darüber.»

«Aye Kapitän Potter!» Er salutierte und verschwand wieder in den Bauch des Wals.

«Du bist unmöglich!» James drehte sich weg und lief ein paar Schritte in Richtung Schiffsrand. Wieso konnte Harry nicht einmal auf ihn hören?

«Wir können das nicht im Alleingang machen, hörst du. Wir brauchen Ron und die anderen», beschwichtigte Harry, als ob auch nur ein Funken Wahrheit daran war. Doch James ertrug die ewige, alte Leier nicht mehr. Ron hier, Ron da. Aber die Anderen... Der in ihm angestaute Zorn flammte erneut auf und sein Körper begann zu beben. Wie konnte sein Vater bloß so ein Taugenichts sein? Hatte er nicht einst zum Hause des tapferen Gryffindor gehört?

Es bedurfte weder der Hilfe von Ron, noch von irgendjemand anderem. Also vor was hatte Harry – der Auserwählte - Angst?!

Ihre Crew war begabt genug, aber auch ohne sie hätten James und Harry leichtes Spiel.

Sie waren beide mächtig und James zählte sich insgeheim sogar als mächtiger als Harry, aber mit entsprechenden Äußerungen hielt man sich besser zurück. Niemand war mächtiger als Harry und wenn es einen ebenbürtigen Gegenspieler gab, dann wohl einzig Voldemort, der von Jahr zu Jahr stets an Kräften gewonnen hatte.

Und warum? Weil sich niemand traute, endlich mal ordentliche Angriffe auszuführen und sogar die banalsten Aktionen, wie das Kapern einer merlinverdammten Bohrinsel wurden sofort zu mehrtägigen Kraftakten erklärt.

Lächerlich.

«Wenn du meinst», knurrte James und starrte wieder auf die grauen Wellen.

Harry würde das alles irgendwann noch bereuen, das stand fest.


HMS Tireless im Oktober 2034

Ron blies kopfschüttelnd die Backen auf, während Hermine wie wild durch die enge Kommandozentrale kreiselte.

«Ronald, wenn das stimmt, dann haben wir eine Chance, den Krieg zu gewinnen!»

Ihre buschigen Haare waren durch die Hitze und Luftfeuchtigkeit dreifach gekräuselt, was der ganzen Pracht gleich noch mehr Volumen verlieh. Schweißperlen glitzerten auf ihrer in Falten gelegte Stirn.

Sie war so süß, wenn sie kritisch nachdachte.

«Und was, wenn nicht? Wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen», bemerkte Ron, doch Hermine erwiderte diesen typischen Ich weiß-Blick.

«Solange wir nicht wissen, von wem der Hinweis kommt, sollten wir sowieso vorsichtig sein», fügte Ron hinzu.

Hermine stieß einen überheblichen Schnaufer aus. Sie wusste, dass sie im Prinzip nichts Handfestes hatten.

Rons Augen wanderten durch die enge Kommandobrücke. Anwesend waren noch zwei Muggel, Nick und Gareth, deren Gesichter eingefallen und blass waren. Wie jeder andere an Bord, hatten auch sie mittlerweile das Leben auf See satt. Die Jahre hatten sie gezeichnet und Ron fiel es mit jeder Stunde schwerer, seine Schuldgefühle unter Kontrolle zu halten. Doch das war die Natur des Krieges, nicht wahr? Dass auch Unschuldige mit hineingezogen wurden und sie Dinge gegen ihren Willen tun mussten.

«Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Sache mit der Gasplatte-»

«Bohrinsel, Ronald.»

«Ja, das ziehen wir jetzt erst mal durch. Dann können wir immer noch schauen, ob an der Geschichte etwas dran ist.»

Hermine nickte, doch ihr Gesichtsausdruck zeugte nicht von Zufriedenheit.
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