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Ein Wechselbalg, die Welt getauscht

von Varjo
KurzgeschichteParodie / P12 / Gen
Anathema Apparat Anthony J. Crowley Erziraphael Hexensucher-Feldwebel Shadwell Madam Tracy Newton Läuterer
19.07.2021
09.08.2021
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26.07.2021 2.318
 
Der Anblick seiner Vorgesetzten zwang – entgegen allen Willens und allen Fühlens – ein Lächeln auf Aziraphales Gesicht. Nicht, weil er sie so sehr mögen würde. Nein, so viel ließ sich über Sariel nicht sagen; doch er wusste, dass sie weniger als dies nicht dulden würde, denn am Ende sollten sie das unendliche Glück und die Erlösung auf ihre Fahnen geschrieben haben, und wie ließe sich das verkaufen, wenn sie selbst wie fünfzig Tage Regenwetter daherkämen?
Was Aziraphale nicht erwartet hätte, war, dass seine Managerin ein ganzes Gremium einberufen haben würde, um seinen Bericht zu hören. Aber nun, er hatte angedeutet, dass es sich um etwas Kritisches handelte, da war es vermutlich bloß das Logische, einige andere, wichtige Funktionäre mit ins Boot zu holen.
Oder wie man auf der Erde sagte.
Ach, die Erde… er wollte zurück in sein Gewächshaus. Cleopatra vermisste ihn sicherlich schon…

Sariel zur Seite und sie überschattend stand, in einem Gewand, das so fließend aussah, dass es aus Wasser selbst hätte sein können, und mit einem dunklen Zopf, so lang, dass sie ihn sich um die Hüfte winden konnte, Rahab, die Fischerin. Ihr Lächeln war wie eine Abnehmernadel, die zu fest über eine Schallplatte schabte, und Aziraphale hatte gelernt, es mit Vorsicht zu nehmen; Rahab hatte mit ihm in den Streitkräften gedient und selbst Michael hatte ihr hin und wieder Respekt zollen müssen für ihre unorthodoxen Kampfmethoden, für ihre Gewandtheit und ihr Geschick an unterschiedlichen Waffentypen.
Sollte heißen, bevor sie Michael verloren hatten…
Fürs Grobe schienen dann aber eher Hemah und Lahatiel an der anderen Seite zuständig zu sein; ihre Lächeln sahen aus, als ahnten ihre Gesichtsmuskeln nicht so recht, was sie da taten. Vermutlich, so stellte sich Aziraphale vor, waren diese Gesichtsausdrücke inzwischen so durchgängig von ihnen angelegt worden, dass sie festgefroren waren und keiner der beiden Engel mehr so recht kontrollieren konnte, was die eigenen Lippen, Wangen, Augen oder Nasen eben für einen Eindruck machten. Sonst war Hemah groß aufgeschossen, licht und haarlos, und Lahatiel etwas kürzer, mit schmalen, forschenden, ja alles durchstechenden Augen und einem lippenlosen Mund, der sein Lächeln irgendwie doppelzüngig aussehen ließ. Die Mäntel, in die sie gehüllt waren, flatterten luftig und edel nahezu bis zu ihren gepflegten Schuhen herab, und der erdgebundene Engel konnte nur erahnen, was für Kriegsgerät sie unter den Gewändern verstecken mochten.
Der Anblick seiner vier Vorgesetzten beunruhigte Aziraphale schwer – nicht nur, weil sie seiner einsamen Person gegenüber zu viert waren, ein veritables Komitee, und ihn so überdeutlich an den Ernst der Lage erinnerten. Nicht nur, weil er sich ihm durch all die Zeit, die er auf Erden verbracht hatte, ziemlich weit von ihnen, ihrer Denkens- und Handelnsart, entfernt hatte. Auch, weil es schien, als überragten sie ihn alle meterhoch – und das, obwohl Sariel mindestens einen Kopf kürzer geraten war als er – und ihre Haltungen sowie ihre Verteilung im Raum erinnerte ihn an eine Mauer, gegen die er in einigen Momenten vergeblich versuchen würde, anzurennen.

„Aziraphale!“, grüßte ihn Sariel, so überschwänglich, dass er es ihr beinahe als ehrlich abgenommen hätte. Der Erdagent setzte das eigene Lächeln auf, eine Maske, die er stundenlang vor dem heimischen Spiegel geübt und an Cleopatra ausprobiert hatte – was vermutlich daran scheiterte, dass die Pflanze keine Augen besaß – und verneigte sich sanft vor ihr. Sariel war klein gewachsen, aber nicht zu unterschätzen, und der helle Hosenanzug, den sie übergeworfen hatte, mit dem pastellblau gemusterten Halstuch, oder ihre wasserblauen Augen sollten einen nicht dazu verlocken, sie für harmlos zu achten. Die Entscheidungen, die sie traf und dabei immer noch dieses Strahlen beibehielt… Aziraphale wurde ganz anders, wenn er nur darüber nachdachte. Der Großteil der Belegschaft des Himmels war sich unsicher, ob sie glauben sollten, dass Sariel einfach von sich aus eine verspielte und neckische Persönlichkeit ihr Eigen nannte oder dass sie jeden und jede einzelne von ihnen als nicht wert erachtete, sie überhaupt für voll zu nehmen. „Schön, dich wieder einmal zu sehen, du kommst ja so selten vorbei. Was gibt es zu berichten? Wie stehen die Dinge in deinem kleinen Eckchen unseres blauen Planeten?“.
„Ja… also…“, Aziraphale blickte auf seine umeinander gekrampften Hände hinab und wieder hinauf, in Sariels glattes, unschuldiges Gesicht, „es gibt, also… ich habe Grund, anzunehmen… also, mir ist zu Ohren gekommen…“.
„Weniger Stottern“, ließ sich Hemah grunzend aus dem Hintergrund vernehmen, „mehr Information“.
Sariel, den Kopf sanft gesenkt, kommentierte dies nicht, sondern sah bloß ihren Erdagenten weiterhin erwartungsvoll an.

Aziraphale warf ihm einen beunruhigten Blick zu, bevor er hervorstieß: „Der Antichrist… er ist seit einigen Tagen auf der Erde“.

„Ah“, machte Rahab – ein nicht vollkommen unangenehm überraschter Laut.
Hemah legte den Kopf sanft in den Nacken und bewegte lautlos die Lippen, als würde er etwas murmeln – doch wenn er es tat, Aziraphale konnte es nicht ausmachen.
Lahatiels Blick fixierte sich, eindeutig Anweisungen und Orientierung suchend, auf Sariel.
Die schlug ihre Zähne sanft in die Unterlippe – aber sie wirkte nicht im Entferntesten so beunruhigt, wie Aziraphale zu hoffen gewagt hatte. „Ist das so“, raunte sie, „Hm, in der Tat. Dann müssen wir uns wohl bereit halten für das Ende der Tage…“

„Es sei denn natürlich“, sprudelte es aus Aziraphale hervor, der den Druck auf seiner Brust langsam nicht mehr auszuhalten vermochte, und die hohe Erzengelin blickte forschend zu ihm auf, „es sei denn natürlich, wir treten sofort in Aktion, sammeln uns zusammen und entwickeln einen Plan und… und durchkreuzen die Pläne dieser… dieser ungewaschenen, äh, unheiligen Rebellen, ja, wie wir es… wie wir es schließlich immer getan haben“.

Stille kehrte ein.
Aziraphale fühlte sich aufgespießt von zumindest drei Blicken, die in seiner Richtung fixiert waren, und seine Lippen wurden trocken. Hatte er etwas Falsches gesagt?
Da war die Mauer auch schon…

„Und warum sollten wir das tun?“, fragte Rahab schließlich. Ihre Liebenswürdigkeit klang, als würde sie jeden Moment Aziraphales Kehle herunterkriechen und ihn ersticken wollen.
„Nun…“, begann der Erdgebundene und schluckte schwer, „Ich dachte mir nur, ich meine… wir sollten doch ihre Pläne… und unsere Aufgabe ist es doch, die Erde zu beschützen…“
„Unsere Aufgabe“, berichtigte ihn Sariel mit einem oberlehrerhaft gehobenen Zeigefinger, „ist es, dem Großen Plan Folge zu leisten. Daran zweifelst du doch nicht, Aziraphale?“
„Nein! Nein, selbstverständlich nicht. Ich meine nur, ich…“
„Das Ende der Welt folgt logisch aus ihrer, und unser aller Existenz“, meldete sich nun endlich Lahatiel, knurrend, zu Wort.
Sariel deutete zu ihm nach hinten und warf ihrem Erdagenten einen bedeutungsvollen Blick zu, als wolle sie sagen, ‚genau was der Mann sagt‘. „Wobei ich deine Sorge und deinen… Einsatz… für die Menschen unserer Gnade durchaus schätze, Aziraphale, und du warst all die Zeit ein ausgesprochen verlässlicher Agent, aber Lahatiel und Rahab haben Recht. Der Endkrieg ist uns durch das Wort unserer Schöpferin, gepriesen sei Sie, vorausgesagt worden, und wenn es nun soweit ist, dann sollten wir nichts tun als uns zu stählen und bereit zu machen. Diese Sache verdient unsere volle Aufmerksamkeit und Energie – alles, was wir an Entschlossenheit und Arbeit noch zu erübrigen haben. Schlussendlich… wird die Welt nicht von ganz alleine untergehen“.


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Zähneknirschend ließ sich Crowley von Andras und Marchosias, die ihn am Eingang der Hölle anscheinend bereits erwartet hatten, von oben bis unten mustern. Marchosias‘ Arm lag um Andras‘ Taille, während diese die ihren vor der Brust verschränkt hielt und ihn mit ihren großen Eulenaugen scannte. Der Erdgebundene trug ein gezwungenes Lächeln zur Schau, während er sich nahezu mit Gewalt davon abhielt, sich mit der Hand in die Haare zu fahren und an einigen Strähnen zu zupfen, die Kleidung geradezuziehen oder sicher zu gehen, dass er die flächigste Sonnenbrille aufgesetzt hatte, die er besaß, um sich so wirksam wie nur irgend möglich zu verbergen. Dieses Zeichen von Nervosität würden die beiden sicherlich nicht unbemerkt lassen.
Er wusste allzu genau, dass er in der Hölle nur vom Hörensehensagen her ein gewisses Ansehen genoss. Die meisten Dämonen bewunderten seine Fähigkeiten, was das Quälen von Sterblichen anging, auch, wenn alleine er wusste, dass seine Fähigkeiten nichts waren gegen die Fähigkeiten der Sterblichen an sich. Meistens brauchte es von seiner Seite nicht mehr als einen Anstoß zur Motivation – oder, viel öfter, ein Verantwortung-Übernehmen für Dinge, mit denen er nicht das Geringste zu tun gehabt hatte noch zu tun haben wollte. Andras und Marchosias jedoch, die mit ihm persönlich zu tun gehabt hatten, schienen eher auf ihn herabzuschauen; vor ihnen sollte er besser achtgeben, wie er seine Füße setzte. Was nicht bedeuten sollte, dass alle anderen Dämonen harmlos seien… doch… ach, er schweifte ab.

Andras‘ Gesicht war raubvogelartig und dominiert von zwei faustgroßen, blicklos, farblos und starr blickenden Augen; ein anderes Erbe des Tieres, das diese Dämonin als Totem genommen hatte, war die Tatsache, dass sie den Kopf um 180 Grad drehen konnte, ohne sich auch nur ein Muskelziepen zu holen. Ihre Finger glichen Klauen, und auch ihr Haar hatte etwas dezidiert Gefiederartiges. Das Flammenschwert, das ihr seit ihrem Fall nicht mehr gehorchen wollte, hatte sie durch eine weniger theatralische, aber immer noch unendlich tödliche Waffe ersetzt, die sie zu jeder Zeit offen an der Hüfte trug.
Marchosias, niemals weit dort, wo Andras in Erscheinung trat (so ähnlich wie Iwein und sein Löwe in der mittelalterlichen Dichtung), zeigte statt Haar nahezu stachelig hart aussehendes Fell und einen Mund voll scharfer Fangzähne. Ihre Hände und Füße glichen Wolfspfoten, und Crowley hatte Gerüchte gehört, dass sie in der Lage sei, Feuer zu speien. Wobei er eigentlich nicht viel auf Gerüchte gab und dieses eine bis hierher immer gerne lachend abgetan hatte – wo er ihr nun in die Augen sah, meinte er, es nicht voll und ganz abwegig finden zu können. Obwohl auch sie in ihrem himmlischen Dasein Waffen geschwungen hatte, trat sie nun größtenteils unbewaffnet auf – nicht, dass sie ein Mordwerkzeug bräuchte. Die eigenen Klauen und Zähne waren meistens mehr als ausreichend.
In diesem Fall jedoch schien die Prüfung zu der Zufriedenheit der beiden Wächterinnen ausgefallen sein, und Andras nickte ihm wortlos, ihnen zu folgen.

Na fantastisch.

Nach nur kurzem Weg durch die feuchtkalten Gänge der Hölle erreichten sie das Ziel. Belial stand neben Melchom an seinem Tisch und die beiden schienen heftig zu diskutieren.
Wenn der Titel ‚König der Hölle‘ allein aufgrund von äußerem Abstoßungspotenzial vergeben würde, nun, Crowley könnte nachvollziehen, warum Belial den Job bekommen hatte. Den Dämonenkönig, groß gewachsen und ehrfurchtgebietend, umgaben stetig giftige und hustreizerregende Schwaden. Er trug keine Kleidung, da sein Körper von einem geschmeidigen, dünnen und offenbar nicht bewegungsfeindlichen Panzer aus Chitinschuppen umgeben war, der sich auf seinem Rücken zu einem stacheligen Grat zusammenschob. Seine Augen waren winzig, kreisrund, käferschwarz und viel zu zahlreich, das Gesicht entfernt menschenähnlich und von kleinen Schuppen gerahmt – selbst die Zunge war von dem Schuppenwuchs betroffen, sodass er nicht ohne raspelnden Unterton zu sprechen vermochte. Hieronymus Bosch, Nikolaj Gogol, Franz Kafka oder H. P. Lovecraft hätten ihn kaum besser erdenken können.
Melchom sah daneben zahm aus. Er war breit und grobschlächtig, aber außer den überlangen, überkräftigen Armen und dem feinen, orangeroten Haar, das ihm überall am Körper zu wachsen schien, war an ihm nichts Ungewöhnliches. Nun gut, wenn man die schiefen ungepflegten Zähne übergehen wollte. Dennoch sah die gesamte Belegschaft der Hölle gezwungenermaßen mit Ehrfurcht zu Melchom auf, was er seinem Status als Zahlmeister verdankte – man nannte ihn ‚derjenige, der die Börse hält‘ – ebenso wie der Tatsache, dass er Belials rechte Hand war. Verärgerte man ihn – oder Belial – konnte es sein, dass man auf nicht absehbare Zeit hin nicht bezahlt wurde. Wenn man überhaupt Chancen hatte, bezahlt zu werden.

Crowley war sich der Anwesenheit Andras‘ und Marchosias‘, die sich beidseitig hinter ihm aufbauten, sehr wohl bewusst, als er in respektvollem Abstand seitlich neben Belials Tisch stehen blieb und sich räuspernd dessen Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Crowley!“, (raspel, raspel) entfuhr es Belial mit düsterem, ungeduldigem Stimmton. Crowley zwang sich mit Macht dazu, weiter in das spinnenartige Gesicht seines Vorgesetzten zu blicken, obwohl ihm Abscheu mit Spinnenbeinchen das Rückgrat herunter tappte. „Das wurde auch langsam die allerhöchste Zeit. Ich nehme einmal an, dein Auftrag ist ausgeführt und der Antichrist hat seine… Familie gefunden, das ist korrekt, ja?“
„Korrekt“. Crowley versuchte, sich einen vergnügten und zuversichtlichen Anstrich zu geben.
„Fantastisch!“. (raspel, raspel und eine Andeutung von Frohsinn. Crowley wollte sich der Magen im Leibe umdrehen.) „Ich habe ja gewusst, dass man dir das anvertrauen kann. Andras hier hält dich für eine Schießbudenfigur, was auch immer das heißen soll…“, (lach, raspel, raspel), „aber du bist ja nicht erst seit gestern da oben, nicht wahr?“.
Crowley war sich nicht sicher, ob Belials derart ausgesprochener Stolz und Vertrauensbeweis ihn ehren oder freuen sollte – daher zwang er sich zu einem halbherzigen Grinsen und sah weiterhin seinem Vorgesetzten so wenig ins Gesicht wie irgend möglich.
Melchom notierte etwas auf dem Blatt, das vor ihm lag, und fasste schließlich in seinen Säckel, um mit zwei, drei Goldmünzen zu spielen zu beginnen. Sollte ihn das provozieren, fragte sich Crowley. Er brauchte ihr höllisches Gold nicht… nein, so leicht wie der Faust oder, oder Judas würde er ihnen nicht auf den Leim gehen.
Nur, bitte… entfernt mir diese beiden Kettenhunde aus dem Rücken. Nur noch einer dazu, und ich müsste glauben, der Zerberus atme mir in den Nacken. Dabei fiel ihm ein, dass Zerberus alias Naberius ja immer noch hier irgendwo zugegen sein müsste, und er hätte sich beinahe verschüchtert umgeblickt.

„Nur, verzeihe mir die Frage…“, (raspel, raspel), „… das ist kein Zweifeln an deiner Kompetenz. Aber sag mir…“, (raspel, raspel und ein sanftes, unterschwelliges Nicken nach oben), „… hast du irgendwelche Probleme bekommen mit der… Opposition?“
Er dachte an Aziraphale und seinen Plan, aber auch daran, wie gerne er nun die Türe hinter sich zuwerfen und sich mit einem Buch in die hinterste Ecke verziehen wollte, um ihm mit Textmarker und Klebenotizen zu Leibe zu rücken – und doch, am Ende würde er nicht einmal lügen. Es hatte keine Schwierigkeiten gegeben. Er und der einzige himmlische Agent, mit dem er Umgang gehabt hatte seither, waren einander vollkommen einig, dass und wie sie zu handeln hatten.
„Sie ahnen nicht das Geringste“, sagte er und nötigte sich ein Grinsen ab.
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