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Ein Wechselbalg, die Welt getauscht

von Varjo
KurzgeschichteParodie / P12 / Gen
Anathema Apparat Anthony J. Crowley Erziraphael Hexensucher-Feldwebel Shadwell Madam Tracy Newton Läuterer
19.07.2021
09.08.2021
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19.07.2021 1.853
 
„Wow“, war das erste, was dem Dämon, tonlos und doch schwer beeindruckt, entfuhr, als er das Gewächshaus betrat. „Sie ist ganz schön gewachsen, was?“.
Wenn er nicht wüsste, dass das Herz seines Freundes sehr an dieser Wucherung der Natur hing – er nannte sie ‚Cleopatra‘ und fütterte sie eigenhändig mit einem Löffel, um Go- Sa- jemandes Willen – Crowley hätte jenes Ding, das entfernt an eine Pflanze gemahnte, längst aus dem Boden gerissen und entweder eingestampft oder verbrannt. So jedoch…
Jene ‚Cleopatra‘ glich entfernt einer Ranke oder Schlingpflanze, dick und walzenförmig – so dick, dass sich kleinere Pflanzen an ihr aufwärts rankten – über und über bewachsen von gezacktem Laub. Der ‚Kopf‘ des Undings war nicht mehr als ein vage rundes, mit Zähnen besetztes und verschlossenes Maul. Manchmal fragte sich der Dämon, wie der Engel es schaffte, angesichts einer solchen Physis nicht einmal Unbehagen zu empfinden. Ihm persönlich lief es immerzu kalt über den Rücken, wenn er diese Mutation ansehen musste.
Aziraphale hatte die Pflanze irgendwo in Mittel- oder Südamerika aufgesammelt, glaubte er, und sie vom Setzling aufgezogen neben seinen anderen, normaleren Pflanzen, und er vergötterte und verhätschelte das Ding. Nun wuchs alles Pflanzliche, was der Engel in die Finger bekam, zu nahezu beängstigender Gesundheit und Vitalität heran – es lag sicher auch an der glühenden, unbedingten und manchmal, ja, sicherlich etwas peinlichen Zuneigung, die er seinem Grünzeug entgegenbrachte, und der Ausschließlichkeit, mit der er sich um es bekümmerte – doch Cleopatra war die einzige Pflanze, die unter dem himmlischen Einfluss so etwas wie ein Bewusstsein entwickelt hatte, sich zumindest nach eigenem Gutdünken bewegen und quäkende, raschelnde, raspelnde Laute von sich geben konnte.
Vielleicht unter seinem himmlischen Einfluss… gut möglich aber auch, dass es irgendein altes Maya-Ritual gewesen war, oder dass Aziraphale mit dem Schößling in modernen Zeiten irgendeinem Atomreaktor zu nahegekommen war.

„Komm herein, Lieber!“, tönte es irgendwo aus den Windungen der Schlingpflanze, und der Dämon leistete Folge, gemessener und vorsichtiger, als er es vor sich – oder vor seinen Arbeitgebern – jemals zugegeben hätte. Aziraphale trug eine Gärtnerschürze, Laub und Zweiglein steckten in seinem wirren Haar, die Hände in dicken Plastikhandschuhen, und das Lächeln auf seinem Gesicht war irgendwo zwischen dämlich und strahlend vor Freude. Die Schüssel, in der sich die dicke Fleischmischung befand, mit der er Cleopatra fütterte, samt Löffel war ebenfalls nicht weit. „Ja, ich bin ganz stolz auf Cleopatra, sie hat einen Appetit… ganz wie eine Große!“. Er lachte und tätschelte das kopfartige obere Ende der Pflanze, das auf den eigenen Schlingen ruhte, die dieses Ungeheuer um ihn gelegt hatte.
Woher nur nahm er diese Seelenruhe? Diese Zuversicht? Crowley würde ja befürchten, jeden Moment erwürgt oder erdrückt zu werden von diesem Unding.

„Aber du wirkst etwas unruhig, Crowley. Was ist los? Hast du wieder einmal ein Schlechtes erwischt?“.
Crowley knirschte mit den Zähnen, sich nach einer Sitzgelegenheit umsehend.
„Ich meine nur, vielleicht solltest du probelesen oder… ich weiß nicht, zu lesen aufhören, ein Buch zur Seite legen, wenn es dir nicht gefällt, anstatt alles zu nehmen, was dir in die Hände fällt, und dich aufzuregen, wenn es nicht ist, was du erwartet hast. Oder… wenn es Fehler hat oder unschöne Botschaften transportiert“.
Crowley hatte Aziraphale schon mehr als einmal erklärt, dass das irgendwo der Punkt war – dass einer der guten Aspekte an seinem raubtierhaften Leseverhalten war, dass er immer etwas hatte, worauf er seine Giftigkeit und seine Aggressionen richten konnte. Da er niemals ein Buch wegwarf oder weggab, war seine Wohnung inzwischen ein Labyrinth von mehr oder minder zerfledderten und zerlesenen, mit Hervorhebungen und Notizen überfrachteten, manchmal auch angesengten gebundenen und Taschenbüchern, Rollen und Täfelchen, losen Zetteln und allem dergleichen, und es roch nach einer nicht ganz zu verstehenden Mischung aus Zellstoff, Papyrus, Pergament, Leder, Holz, verschiedensten Klebemitteln und unterschiedlichsten Tinten. Er las viel, und er las schnell, und dennoch war seine Kritikfähigkeit scharf wie eine Rasierklinge und sein Idealismus eine nahezu nicht zu nehmende Hürde, und wenn er etwas fand, was ihm nicht gefiel – ach, dann sollte irgendjemand dem Schreiberling gnädig sein.

Cleopatra raschelte mit den Blättern.
„Nein, Kleines“, sprach Aziraphale sie an und tätschelte ihr Kopfende erneut, „Wir haben heute schon gefressen. Wenn du noch mehr Burger verschlingst, wirst du mir noch zu dick, und du kannst nicht mehr aus deinem Beet aufstehen, und das wollen wir doch nicht, hm?“.
Das Ding konnte aufstehen? Crowley würgte an dem plötzlichen und selbstzerstörerischen Bedürfnis, ein Gebet zwischen den Zähnen hervorzustoßen.
„Außerdem ist Crowley hier, und wir wissen doch, dass Crowley schlecht wird, wenn er dir beim Fressen zusieht. Ich sag dir was, meine Kleine, ich komme später zurück und gebe dir etwas Substral – dann machen wir deine Blätter und deine Wurzeln sauber – aber für jetzt haben Crowley und ich etwas zu besprechen. Ja?“.
Das Pflanzenmonster raschelte erneut und wickelte gesittet die Schlingen um Aziraphale her auf, sodass der Engel hervorsteigen konnte, sich der Schürze entledigend und Pflanzenteilchen aus seinen Haaren klaubend. Crowley fühlte sich durchatmen. Endlich hinaus aus diesem grünen Fegefeuer…

„Du hast angerufen…“, begann der immer noch vollkommen ungerührte Aziraphale, der Gärtnerskluft entkleidet, als sie das Gewächshaus zugunsten der Wohnung verließen, und Crowley entfuhr ein atemloses „Ja!“ Vor lauter Horror ob der lebendigen Pflanze hatte er Andras und Marchosias und das Baby beinahe vergessen, ach, das Baby…
„Du sagtest etwas von ‚Armageddon‘“, half der Engel ihm auf die Sprünge – langsam im Stimmton düsterer werdend. „Ich hoffe, es war nicht eine Metapher über einen besonders unangenehmen Roman, der dich wieder bis ins Mark hinein beleidigt…“
Crowley verzog beinahe beleidigt das Gesicht. „Ich mach keine Witze und sicher keine Metaphern, was Armageddon betrifft“, murrte er, „das ist es. Der erste Akt. Steigende Handlung. Freytag-Pyramide und so. Alles führt zum großen Knall – man bereitet sich zumindest darauf vor, zumindest meine Seite, und ich sag dir eins, Engel, wenn es soweit ist, will ich nicht allzu nahe am Pulverfass stehen. Es sei denn natürlich…“.
„Es sei denn was?“. Aziraphales Stimme war forschend, aber irgendwie weit entfernt – als wolle er sich von vornhinein aus dieser Geschichte entfernt halten.

Sie hatten inzwischen den Wohnraum betreten – ein lauschiges kleines Fleckchen mit schweren Textilien, dunklem Holz und Licht, das sich zu verlangsamen schien, wenn es die verstaubten Fensterscheiben durchfloss. Aziraphales Einrichtung war alt und zusammengewürfelt und brachte es fertig, abgewohnt und gleichzeitig vernachlässigt auszusehen – wie von einem Flohmarkt oder dergleichen erstanden, in diesen Raum gestellt und sogleich vergessen. Der Engel hielt sich hier nicht oft auf – meistens trieb er sich im Glashaus herum. Es wäre schwer, sich vorzustellen, dass er in den vergangenen, ach, fünfhundert Jahren auch nur einmal umdekoriert oder einen Frühjahrsputz gemacht hätte. Das waren die zwei Dinge, die dem Dämon zuerst einfielen, wenn er an seinen Engelsfreund dachte: diese mutierte, sicherlich irgendwie lebensgefährliche Monstrosität da unten und Staub.
Lagen und Lagen von Staub…

„Es sei denn, wir nehmen die Handlung in unsere Hände“. Crowley hatte sich murrend auf einen Sessel fallen lassen, in den er prompt trotz seines skeletalen Körperbaus einsank wie in Treibsand. Aziraphale ramschte inzwischen durch die Hausbar, um etwas zu finden, das er seinem Freund anbieten könne, nachdem er schon am Telefon angedeutet hatte, er würde Alkohol brauchen. Ganz außergewöhnliche Mengen von Alkohol… „Oder schreiben uns zumindest als Nebenfiguren, Mentorfiguren, in die Sache ein. Formen den Protagonisten so, wie wir ihn für unsere Erzählung brauchen. Trimmen ein paar Randgegebenheiten zurecht, du verstehst schon“.
Es dauerte offenbar einige Momente – doch als Crowleys Vorschlag in dem Bewusstsein seines Freundes erst so richtig eingerastet war, verzerrte der unangenehm berührt das Gesicht und machte, selbst aus der Ferne noch deutlich wahrnehmbar, eine wegwerfend-abwehrende Handgeste. „Du weißt, dass ich das nicht kann“, grummelte der Engel indigniert.
„Was nicht kannst?“, gab sich der Dämon streitbar.
„Mich… auflehnen“. Aziraphale schien heftig zu erzittern allein bei dem Gedanken – umso mehr nun, da er sich gezwungen sah, ihn auszusprechen. „Nicht… tun, was mir aufgetragen wurde. Ich bin ein Engel“.

Als ob ich das jemals vergessen könnte, dachte Crowley brummig und massierte sich die Stirn – schließlich befanden sie sich nicht in irgendeiner Schmierenkomödie mit Verwechslungsplots und dergleichen. Und du, du gibst dir ja auch keinerlei Mühe, jemanden davon abzulenken. Doch er schwieg.

Aziraphale, der inzwischen einen herben Roten aus der Bar entfernt und einige Gläser herbeigewundert hatte, teilte sein Schweigen, für einige Zeit zumindest. Der Wein plätscherte in die Gläser; Crowley ergriff seines, wollte es eigentlich in einem Zug herunterstürzen, doch schaffte es, sich auf ein Nippen zu beschränken. Das alles verstand und akzeptierte er… doch das dürfte doch nicht bedeuten müssen, dass jetzt und hier alles zu Ende wäre. Es musste doch irgendeinen Zug geben, den man anwenden könnte, um diese Fabel auf die richtige Spur zu lenken…
„Das soll es also dann gewesen sein?“, verbalisierte er, eine heftige Vehemenz in der Stimme, seine Gedanken. Aziraphales Blick, als er Crowleys Augen hinter den dunklen Gläsern fand, war parodistisch bittend, und Crowley fühlte das Verlangen, ihn vollkommen unparodistisch zu würgen. Nur ein wenig. „Auf Nimmerwiedersehen, Erde, nur weil du nicht aus deinem Regelgehege herauswillst? Weißt du… weißt du, wie viele erstklassige Komponisten der Himmel hat?“
Aziraphale schwieg weiter. Sein Blick sollte wohl vorwurfsvoll sein, doch die Sorge hinter seiner Stirn ließ es nicht zu. Crowley konnte außerdem die Art und Weise lesen, wie er das Glas auf dem Tisch hin und her drehte – er musste nur noch ein wenig mehr Druck ansetzen.
„Zwei“, führte er sein voriges Argument zu Ende. „Elgar und Liszt. Kein Albert Hall mehr… kein Glyndebourne“.
Aziraphale schwieg, und langsam meinte sein Freund, an ihm zu verzweifeln. Wie konnte man nur einen Geist haben, der so viel mit einer verfluchten Ziegelmauer zu tun hatte? Hin und wieder plapperte er auf Aziraphale ein und fragte sich hinterher, ob er auch nur ein Wort der vergangenen Konversation wirklich aufgenommen hatte…

Er stürzte einen Schluck Roten herunter. Herb und rauchig in der Kehle, pelzig im Mundraum, warm und tröstend in den Innereien.

„Vielleicht müssen wir die Regeln ja gar nicht brechen“, bohrte er nach. „Nicht so richtig. Sie nur… ein bisschen beugen. Ein paar… kleine Schlupflöcher ausnutzen. Das Regelwerk, in dem es keine Schlupflöcher gibt, das gibt’s doch gar nicht!“
Der Engel wandte sich um und öffnete sanft den Mund – das bedeutete, er würde bald etwas sagen. Crowley ertappte sich dabei, an seinen Lippen zu hängen. Es war schwer genug, eine Reaktion aus Aziraphale herauszukitzeln, er war ein ausreichend langsamer Brüter – aber allermeistens, wenn er dann etwas von sich gab, war das einiges wert.
„Ich denke wirklich, ich sollte Sariel informieren“, meinte Aziraphale schließlich.
Crowley verdrehte die Augen, stöhnte und rollte den Kopf in den Nacken, sich in die Rückenlehne seiner Sitzgelegenheit werfend. „Wirklich? Zu der Chefetage willst du gehen?“. Der Dämon schnaubte. „Darf ich dich erinnern, dass es ihr Plan ist?“
„Nein, Crowley…“, Aziraphale wirkte nachdenklich, den Wein in seinem Glas hin und her schwappen lassend, „… es ist euer Plan. Der höllische Plan“.
Crowley schlug die Zähne in die Unterlippe – doch er konnte sich der Engelslogik kaum erwehren. Vielleicht täuschte er sich ja, und das Obergeschoss könnte etwas ausrichten, wenn sie nur… ja, wenn sie überhaupt wollten.
„Ich muss ohnehin auch Belial Bericht erstatten…“, murmelte er, etwas nachgebend und bereits wieder erzitternd bei dem Gedanken, in Andras‘ Raubvogelgesicht zu blicken.
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