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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
05.12.2021
104
163.040
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17.09.2021 1.499
 
Nachdem ich mich nun also frisch gemacht habe und wieder meine normalen Anziehsachen angezogen habe verlasse ich die Umkleidekabine und gehe langsam und auf Umwegen zum Büro von Alexander Kahnweiler. Mein Lächeln habe ich dabei noch immer auf den Lippen, wie ich aber jetzt fast das Büro erreicht habe, da verschlägt es mich doch nach links, statt nach rechts. Bevor ich zu den Ärzten gehe, gibt es etwas viel wichtigeres, ich will nach Constantin Hellering schauen und mich von seinem derzeitigen Zustand überzeugen, auch wenn er die Operation über immer stabil war. Ich habe das Glück, dass ich an der Intensivstation auf eine Schwester treffe, die mich bereits kennt und kann so problemlos die Intensivstation betreten, andernfalls wäre ich vermutlich nicht so einfach zu Herrn Hellering gekommen.
Die Schwester, die Tanja heißt, begleitet mich, nachdem ich mir einen Schutzkittel und Handschuhe angezogen habe bis zum Zimmer von Herrn Hellering und berichtet mir dabei “Herr Hellering ist weiterhin stabil, seine Frau ist bei ihm, aber er schläft noch. Kein Wunder, die Operation war ja auch lang und kräftezehrend.” Ich nicke und erblicke jetzt zum ersten Mal seit heute Morgen eine Uhr und erschrecke, denn wir haben inzwischen schon kurz vor vierzehn Uhr und ich frage mich, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Ich folge der Krankenschwester in den Nebenraum des Zimmers von Constantin Hellering, von wo aus ich das Patientenzimmer einsehen kann. “Seine Werte sind stabil, ihm geht es soweit gut” sagt Tanja und ich überzeuge mich jetzt trotzdem selber von seinem Zustand und beobachte die Werte auf dem Bildschirm des Computers eine Weile. “Ich lasse Sie mal alleine” sagt die junge Schwester und ich nicke “Danke”, wende dabei meinen Blick nicht von dem Patienten ab. Ich setze mich schließlich auf den Schreibtischstuhl und bleibe noch einen Moment sitzen, beobachte weiter meinen Patienten. Meinen Patienten, wiederhole ich die Worte lautlos in meinem Kopf. Ich muss mir eingestehen, dass mir diese Wortwahl sehr gefällt und mir das Operieren schon ein bisschen gefehlt hat in den letzten Tagen. Wenn ich das aber jetzt mit den Einsätzen der Bergrettung vergleiche, dann waren diese um ein Vielfaches aufregender, aber die Operation auf jeden wertvoll, vor allem für Herrn Hellering. Egal wie wertvoll es für mich war und wie viel ich gerade bei der Operation gelernt habe, aber das Retten von Menschen aus dem Berg fasziniert mich dennoch mehr. Es klopft an den Türrahmen und die Schwester kommt zurück “Frau Doktor Stadler, entschuldigen Sie, aber Doktor Gruber sucht Sie, er macht sich glaube ich Sorgen” sagt die Schwester und hält dabei das Telefon gegen ihren Körper, Martin scheint offensichtlich am anderen Ende der Leitung zu sein. Ich antworte “Sagen Sie Doktor Gruber, ich bin auf dem Weg zum Büro von Doktor Kahnweiler” sie nickt und ich nehme meine Sachen, werfe noch einmal einen Blick auf Constantin Hellering und seine Frau und verlasse dann die Intensivstation und gehe zum Büro von Doktor Kahnweiler.
Ich klopfe kurz zwei Mal gegen die Tür und öffne diese dann, kaum habe ich den Raum betreten starren mit acht Augenpaare an. “Hanna, wo warst du denn?” fragt Martin mich sofort, steht auf und kommt auf mich zu, leise fragt er, so dass die anderen es nicht hören können “Alles in Ordnung?” ich schließe kurz meine Augen und nicke kaum merklich “Entschuldigt, ich war noch auf der Intensivstation bei Constantin Hellering, ich wollte wissen wie es ihm geht” erkläre ich und Martin verfrachtet mich jetzt auf das Sofa, direkt neben Frau Doktor Fendrich. “Also, jetzt wo wir komplett sind möchte ich mich noch einmal bei Ihnen allen bedanken. Doktor Klostermann, Sie haben einem unserer Patienten sehr geholfen und auch Ihnen Doktor Gruber und Frau Doktor Stadler möchte ich danken. Mit Ihrer Hartnäckigkeit und Unterstützung war es erst möglich diese Operation durchzuführen. Auch wenn ich Ihre Alleingänge nicht gutheißen kann als ärztliche Direktorin, aber Sie bereichern unsere Klinik mit Ihrem Fachwissen sehr und so manch einer kann und sollte sich davon eine Scheibe abschneiden” und dabei entgeht mir ihr Blick zu Doktor Kahnweiler nicht. “Nun, jetzt aber sollten wir wieder an die Arbeit gehen. Alexander, in einer Viertelstunde in meinem Büro, wir müssen reden. Dringend!” sagt sie mit ernster Stimme, die ein wenig bedrohlich wirkt und ich erkenne in Kahnweilers Blick, dass es ihn schaudert. Das muss eine echte Hassliebe sein, denke ich und finde die Art von Frau Doktor Fendrich Kahnweiler gegenüber ein wenig befremdlich, obwohl es mir auch irgendwie gefällt, dass sie die Hosen in der Beziehung anhat. ”Wir werden uns hoffentlich wiedersehen” sagt Frau Doktor Fendrich an Jan gerichtet und reicht ihm die Hand, ebenso wie sie mir jetzt die Hand reicht "Vielen Dank". Martin hingegen schenkt sie nur ein Nicken und sagt dann im Hinausgehen “Doktor Gruber!” und Martin antwortet mit einem Lächeln “Doktor Fendrich!” und ich muss mir das Grinsen wirklich sehr verkneifen. Als sie das Büro verlassen hat steht Alexander nervös auf “Ja also ähm, ihr habt es gehört, ich muss zu Vera…” er geht jetzt zwischen dem Sofa und seinem Schreibtisch auf und ab und wendet sich hilfesuchend an Martin “Was mache ich denn jetzt?" Martin steht nun ebenfalls auf und geht auf seinen Freund zu, er legt seine Hand auf dessen Schulter “Alexander, du machst das schon und ich werde jetzt mit Jan und Hanna zurück nach Ellmau fahren. Alexander, ich bin nicht dein Eheberater und dafür auch überhaupt nicht geeignet” versichert er ihm nun ein weiteres Mal und macht uns mit einer Kopfbewegung klar, dass wir jetzt gehen. Jan und ich nehmen ganz schnell unsere Sachen und folgen Martin zur Tür, aber Alexander folgt uns ebenfalls “Martin, du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen” sagt er mit aufgebrachter Stimme und voller Verzweiflung und ich kann wirklich nur mit dem Kopf schütteln über das Verhalten von Kahnweiler. Ich kann mich jetzt nicht mehr länger beherrschen “Kahnweiler!” fahre ich ihn laut an “Sie sind Arzt geworden, aber schaffen es nicht auch nur einmal einen Ihrer Patienten alleine zu behandeln, stattdessen rufen Sie ständig Martin zu Hilfe und auch jetzt soll er Ihnen wieder helfen. Können Sie auch mal irgendetwas alleine? Sie gehen jetzt zu Ihrer Vera ins Büro und regeln das wie ein Mann!” Das Gesicht von Kahnweiler würde ich jetzt gerne fotografieren und mir es an die Wand hängen, um dann mit Dartpfeilen darauf zu werfen, aber das gibt der Moment leider nicht her. Ich lasse Kahnweiler jetzt stotternd stehen und gehe an Jan und Martin vorbei und verlasse das Büro, gehe schnurstracks ins Treppenhaus. Dieser Mann treibt mich wirklich in den Wahnsinn, nicht nur dass er seine Patienten nicht alleine behandeln kann, nein er lässt sich auch noch von seiner Lebenspartnerin derart vorführen. Ich höre nicht, ob die Männer mir folgen, aber vielleicht haben sie auch den Aufzug genommen, am Auto werden wir uns schon wieder treffen. Als ich die Eingangshalle durchquere werde ich aber von Martin aufgehalten, der nach mir ruft, woraufhin ich stehen bleibe und mich nach ihm umdrehe. “Hey, wieso läufst du denn einfach weg?” fragt er mich und legt seine Hände auf meine Schultern “Glückwunsch übrigens, du hast mich schwer beeindruckt bei der Operation” sagt er zu mir und ich finde jetzt mein Lächeln wieder, dass Alexander mir für einen kurzen Augenblick genommen hat. “Danke, es fühlte sich richtig an wieder am Tisch zu stehen und einem Patienten, einem Menschen zu helfen, aber die Einsätze mit der Bergrettung, die waren noch ein bisschen aufregender. Man weiß nie was einen an so einer Unfallstelle erwartet und gerade das ist es, was mich reizt." Martin grinst “Du bist jederzeit willkommen, das weißt du und dein Bruder…” ich unterbreche ihn “Mein Bruder, der hat wohl hoffentlich endlich verstanden, dass er nicht ständig auf seine kleine Schwester aufpassen muss. Das lass mal meine Sorge sein.” Martin nimmt mich in den Arm “So sind sie eben die großen Brüder. Aber der Anton wird schon merken, dass er nicht mehr auf dich aufpassen muss, zumindest nicht mehr ganz so streng wie früher.” Ich genieße diese Umarmung sehr und plötzlich ist da wieder dieses Kribbeln in meinem Bauch. Ich schaue Martin an, unsere Blicke treffen sich und ich kann mich nicht mehr von seinen Augen lösen. Mehrere Sekunden halten wir beide diesen magischen Moment stand und gerade als ich etwas sagen will steht plötzlich Jan neben uns “Ich… oh, ich störe wohl. Ich gehe dann schon mal vor zum Auto” erklärt er uns und will gehen, aber ich halte ihn auf und wende den Blick von Martin ab “Was? Stören, wieso das? Nein, du störst nicht. Warte auf uns” und ich ziehe Martin jetzt hinter mir her. “Ich dachte halt… also… ihr ward so vertraut miteinander, da dachte ich…” aber Jan beendet seinen Satz nicht und ich kann mir schon denken was er sagen wollte. “Fahren wir jetzt zu euch?” fragt Martin und ich nicke “Ja, wie gesagt Anton hat uns alle zum Essen eingeladen. Fragt mich nicht wieso” schiebe ich direkt hinterher und wir steigen jetzt ins Auto ein.
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