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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
16.10.2021
76
131.833
3
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16.09.2021 2.190
 
Durch das schrille Klingeln des Weckers werde ich aus dem Schlaf gerissen, ich öffne meine Augen und schaue auf das leuchtende Ziffernblatt des Weckers, es ist halb sechs in der Früh und ich würde am liebsten noch ein bisschen weiterschlafen, aber ich weiß genau, dass ich keine Zeit mehr dazu habe, denn Martin wird Jan und mich gleich schon abholen und ich will vorher noch ordentlich frühstücken und mich vor allem in Ruhe fertig machen. Das Badezimmer ist frei und so lasse ich mir ganz viel Zeit, um meine Zähne zu putzen, mich zu waschen und mich anzuziehen. Der Tag wird heute noch aufregend genug werden, da kann der Start am Morgen auch etwas ruhiger und entspannter sein.
Anschließend gehe ich in die Küche, wo ich mir eine Stulle mit etwas Butter und Käse zubereite und mir ein Glas frische Milch einschenke. “Guten Morgen Hanna, du bist ja schon wach” stellt mein Bruder fest als er die Küche betritt und gibt mir einen Kuss auf meinen Schopf. “Martin holt uns gleich ab und ich wollte vorher noch ordentlich frühstücken, damit ich gestärkt in die Operation gehe und mich konzentrieren kann.” Anton setzt sich jetzt zu mir an den Tisch “Das hast du früher schon immer gemacht. Brot, Butter und Käse und ein frisches Glas Milch.” Ich lache verlegen und mir wird erst jetzt bewusst, dass Anton damit Recht hat “Ja, ja das stimmt sogar. Dass du dich daran noch erinnern kannst.” Mein Bruder lächelt mich an und klaut mir ein Stück vom Käse “Na hör mal, ich bin dein Bruder, natürlich kann ich mich noch daran erinnern.” Wir sitzen noch einen Moment zusammen, Martin wird gleich kommen und Jan habe ich auch schon draußen im Gastraum herumlaufen sehen, weshalb ich jetzt aufstehe und meine Sachen wegräumen will “Lass nur Schwesterherz, ich mache das schon” sagt Anton und breitet seine Arme aus “Lass dich drücken” und das muss er mir nicht zweimal sagen und lasse mich in seine Arme fallen. “Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Operation und vergiss nicht, dass du gut bist.” Ich nicke “Danke Toni”, er lässt mich los und schaut mich an “Wenn ihr zurück seid, dann bereite ich euch etwas zum Essen zu. Was hälst du davon?” Ich lächel und antworte “Da werden sich Jan und Martin sicher freuen. Wir werden bestimmt nicht vor vier oder fünf wieder zu Hause sein.” Mein Bruder legt seine Hände auf meine Oberarme “Wir werden sehen, ich drücke euch jedenfalls die Daumen, dass alles gut geht. Viel Erfolg und bis später” verabschiedet er sich von mir und ich gehe in den Gastraum, wo Jan schon auf mich wartet.
“Guten Morgen Hanna, na wie hast du geschlafen?” ich zucke mit den Schultern “Naja, geht so" und Jan gibt mir einen leichten Hieb gegen den Oberarm “Wird schon, du wirst sehen” und versucht mich so aufzumuntern. “Martin ist aber pünktlich auf die Minute” stellt Jan fest, als dieser schon um die Ecke gefahren kommt, ich nicke nur und nehme meine Tasche mit dem Proviant, welches ich mir mitnehmen werde und folge Jan zu Martins Auto.
“Guten Morgen” ruft Martin uns entgegen als Jan die Tür öffnet und ich lasse mich einfach auf die hintere Sitzbank fallen “Morgen Martin” murmel ich und er dreht sich lächelnd zu mir um “Müde?” ich zucke mit den Schultern “Oder hast du etwa Bammel?” Ich schaue ihn jetzt an, beantworte seine Frage aber nicht und Martin belässt es erst einmal dabei.
Ich gehe in Gedanken noch einmal die bevorstehende Operation durch, schweife dann jedoch ab und denke an Martin. Wie er lässig mit der Sonnenbrille auf der Nase das Auto lenkt, ein Lächeln auf den Lippen und in eine Unterhaltung mit Jan vertieft. Wenn ich ihn so anschaue, dann fällt mir auf, wie attraktiv er noch immer ist. Kein Wunder, dass ich mich damals als junges Mädchen in ihn verliebt habe und ich bin gerade auf dem besten Wege mich wieder in diesen Typen zu verlieben und das obwohl ich weiß, wie verrückt das ist. Martin hat einen Frauenverschleiß wie sonst keiner den ich kenne und ich, ich habe seit Jahren keinen Mann mehr an mich herangelassen und jetzt ist es ausgerechnet Martin, den ich nicht mehr aus meinem Kopf herausbekomme. Wieso muss das nur alles immer so unfassbar kompliziert sein, frage ich mich.
“Hanna?” Jan spricht mich an und ich reiße mich von meinen Gefühlen und Gedanken los “Mh?” frage ich und Jan wiederholt was er gerade gesagt hat “Ich wollte wissen, ob wir nach der Operation nicht gemeinsam Essen wollen. Das war doch gestern ganz schön, oder?” ich nicke “Ach so, das habe ich ganz vergessen euch zu sagen. Mein Bruder macht für uns Essen, er lädt uns alle ein.” Ich muss direkt grinsen, denn ich kann Martins Gedanken förmlich wie ein offenes Buch lesen “Ja, auch du Martin. Uns drei” woraufhin Jan fragt “Was heißt ‘du auch’? Mag der Anton dich nicht oder wie darf ich das verstehen?” Martin antwortet nicht, weshalb ich das jetzt übernehme “Mein Bruder ist nicht so gut auf Martin zu sprechen, seitdem er mir als Teenager das Herz gebrochen hat, nicht wahr Martin?” er grinst nur weiter und Jan fragt überrascht “Ihr ward mal ein Paar?” entschuldigt sich gleich darauf aber für seine sehr direkte Frage “Oh entschuldigt, das geht mich echt nichts an, aber manchmal ist mein Mund schneller als mein Kopf.” Martin zuckt mit den Schultern “Es ist kein Geheimnis, das weiß eigentlich jeder hier. Du bist hier in einem Dorf und da macht so etwas schnell die Runde. Also versuch erst gar nicht irgendetwas zu verheimlichen, wir kriegen es sowieso raus" grinst er breit "Aber um deine Frage zu beantworten, ein Paar waren wir nicht, soweit kam es gar nicht mehr, weil unter anderem Hannas Bruder etwas dagegen hatte und weil ich dann kurz darauf nach Amerika bin” und ich füge schnell an “Es war sowieso mehr so eine jugendliche Liebelei, nicht wahr?” frage ich sicherheitshalber noch einmal bei Martin nach und er nickt “Ja, kann man so sagen.” Jan dreht sich kurz breit grinsend nach mir um und schaut dann zu Martin, sagt aber zu keinem von uns ein Wort und scheint sich seine eigenen Gedanken zu machen.
Bis zur Klinik spricht jetzt niemand mehr ein Wort und in meinem Kopf macht sich allmählich wieder die Operation breit und diese verdrängt die Geschehnisse um Martin und mich und meine Gefühle.
Schon lange nicht mehr viel mir der Gang durch ein Krankenhaus so schwer, wie der jetzige. Innerlich zerreißt es mich beinahe, diese Anspannung habe ich auf gar keinen Fall vermisst und es macht es nicht einfacher, dass ich gleich mit Martin und Jan am Tisch stehen werde. Ganz im Gegenteil, das macht es nur noch schlimmer. Martin hat mit Alexander besprochen, dass wir uns in seinem Büro treffen, wo nun Frau Doktor Fendrich und er schon auf uns warten. Wir besprechen uns noch einmal und machen uns dann auf den Weg zum OP-Trakt. Dort trennen sich aber vorerst die Wege von Martin, Jan, Kahnweiler und mir, denn die Männer nehmen die linke Umkleide, ich hingegen werde von Frau Doktor Fendrich zur rechten Tür, der Frauenumkleide begleitet. “Sie finden sich zurecht, oder?” fragt Doktor Fendrich mich, nachdem wir die Umkleide betreten haben. Ich schaue mich kurz um und nicke dann “Ich finde mich zurecht, danke.” Sie lächelt mich aufmunternd an “Das wird schon, Sie sind eine gute Ärztin. Jetzt gehen Sie da gleich raus und dann zeigen Sie den Männern mal wo der Hammer hängt.” Ich grinse “Ich werde mich bemühen” und dann klingelt auch schon wieder das Telefon von Frau Doktor Fendrich “Wir sprechen nach der Operation”, sie nimmt das Telefonat an und lässt mich dann alleine. Etwas verloren stehe ich mitten in der Umkleide, ganz alleine und weiß nicht so recht, was ich jetzt machen soll. Die Zweifel in mir verdichten sich und ich fühle mich um Jahre zurückversetzt. Es ist so als würde ich zum ersten Mal operieren, dabei habe ich das alles schon hunderte Male gemacht und doch fühlt es sich heute ganz anders an. Einige Sekunden bleibe ich noch mitten in der Umkleide stehen und muss feststellen, dass Frau Doktor Fendrich und Kahnweiler eigentlich gar nicht so recht zusammenpassen, aber definitiv sie diejenige ist, die in der Beziehung die Hosen an hat, das war gerade deutlich zu hören. Nun aber suche ich mir einen Spind und räume meine Tasche dort hinein. Konzentriert ziehe ich mich um, verräume meine Klamotten in den Spind und suche mir nebenan, aus der kleinen Kammer die passenden Schuhe. Ganz in grün gekleidet gehe ich jetzt durch die nächste Tür, hinter der ich auf Martin treffe, der offenbar schon auf mich gewartet hat. “Na?” fragt er mich auffordernd und ich schaue ihn von oben bis unten an “Grün steht dir irgendwie nicht” stelle ich fest und versuche meine Nervosität so zu überspielen. “Danke für das Kompliment, aber mach dir keine Sorgen, dir steht es auch nicht.” Ich kann nur mit dem Kopf schütteln und folge Martin jetzt, natürlich nicht ohne mich dabei genau umzuschauen, denn hier ist alles anders und neu für mich. “Jan und Alexander sind schon im Saal” erklärt Martin mir, als wir uns jetzt waschen und ich nicke einfach nur. Wir stehen nebeneinander an den Waschbecken und ich atme noch einmal ganz tief durch. “Du bist ziemlich aufgeregt, oder?” fragt er mich und ich schaue ihn seitlich an und gebe zu “Ja, schon sehr.” Martin atmet jetzt ebenfalls tief durch “Ehrlich gesagt bin ich das auch. Ich operiere nicht oft mit einer so tollen Frau an meiner Seite.” Kopfschüttelnd sage ich “Martin, es reicht jetzt. Komm, sonst fangen die ohne uns an” ermahne ich ihn und wir gehen  gemeinsam in den Operationssaal, wo der Patient von den Anästhesisten noch vorbereitet wird. Bevor wir schließlich mit der Operation starten gehen wir noch einmal die wichtigsten Eckdaten durch und fangen dann erst an.

In meinem Kopf fühlen sich die nächsten Minuten und Stunden wie ein Film an, der in Zeitlupe abzulaufen scheint. Ich bin hochkonzentriert und es gibt nichts außer dem Patienten, das Team und mich. Ich verschwende keinen einzigen Gedanken an auch nur irgendetwas anderes als die Operation. Mit größter Sorgfalt und dennoch schnell und präzise überdenke ich jede meiner Bewegungen. Ich bekomme nicht mit, dass irgendwann Frau Doktor Fendrich uns durch die Scheibe zum Operationssaal beobachtet. Allerdings rutscht mir mein Herz beinahe in die Hose als Jan mir nach erfolgreicher Entfernung des Tumors das Operationsfeld überlässt und ich die Wunde verschließen darf. Erst danach, wo die Wunde vernäht und ordentlich verpflastert ist und wir den Patienten in die Hände des Pflegepersonals des Aufwachraumes geben, fällt die komplette Anspannung von mir ab. Ich atme tief durch und schaue Constantin Hellering nach, wie er aus dem Operationssaal geschoben wird. Die erste Operation seit einigen Wochen, die für mich sehr lehrreich war und die ich so schnell nicht vergessen werde. Das Team war wunderbar und obwohl wir noch nie zusammengearbeitet haben lief alles perfekt. Hier war heute alles ganz anders als ich es gewohnt bin, jeder war gleichbedeutend wichtig und es wurde kein Unterschied gemacht ob nun der Oberarzt am Tisch steht und operiert oder ob es nur die Assistenzärztin ist und es spielte auch überhaupt keine Rolle, dass ich eine Frau bin. Ein klasse Team und es hat mich ehrlich schwer beeindruckt, weil ich zum ersten Mal seit Monaten wieder das Gefühl hatte auch wirklich ein Teil des Teams zu sein. “Hanna, willst du hier Wurzeln schlagen?” fragt Jan mich und stößt mir in die Seite “Was?” frage ich und Jan sagt, während er schon Richtung Umkleidekabinen läuft “Das Lächeln steht dir übrigens richtig gut oder Martin?” und erst jetzt bemerke ich selber, dass ich tatsächlich breit grinse und ich kann rein gar nichts dagegen machen, will ich auch gar nicht “Jan hat Recht, steht dir gut.” Ich löse mich jetzt aus meiner Starre und laufe den drei Ärzten hinterher “Umziehen und dann treffen wir uns bei mir im Büro?” fragt Alexander und damit sind wir alle einverstanden und teilen uns wieder auf. Ich habe Glück und die gesamte Frauenumkleide wie auch schon heute morgen wieder für mich alleine, ich ziehe meine Schuhe aus und stelle sie in die dafür vorgesehene Wanne, gehe dann barfuß in die Umkleide und ziehe mir die Hose und den Kasack aus, die ich in den Wäschesack werfe. Aus dem Spind hole ich mir jetzt meine Anziehsachen und mein Duschzeug und gehe damit in den kleinen Waschraum, wo die Duschen sind. Ich lasse den heißen Wasserstrahl auf meine Rücken prasseln, der mir durch das ungewohnt lange Stehen ein wenig schmerzt, vor allem die Schultern und denke noch eine ganze Weile darüber nach, was gerade passiert ist. Hatte ich nicht noch vor ein paar Tagen gesagt, ich würde nie wieder ein Krankenhaus betreten wollen? Und jetzt? Jetzt stand ich mit zwei sehr namhaften Neurochirurgen am Operationstisch und habe erfolgreich einen jungen Mann operiert und wenn jetzt die Histologie noch negativ hinsichtlich einer bösartigen Erkrankung ausfällt und der Patient bald keinerlei neurologischen Ausfallerscheinungen mehr zeigt, dann ist das hier heute ein sehr bedeutender Tag für mich.
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