Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Loslassen und Vertrauen

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
21.01.2022
122
183.770
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
24.07.2021 3.356
 
Als ich aufwache und meine Augen öffne muss ich mich erst einmal orientieren, denn ich kenne weder dieses Zimmer, noch weiß ich wo ich überhaupt bin. Als ich jedoch die Kabel, die unter meiner Bettdecke hervorkommen entdecke und ein mir vertrautes Geräusch ertönt weiß ich sofort, dass ich im Krankenhaus bin. Meine Vitalparameter werden überwacht, offenbar scheine ich mich ernsthaft verletzt zu haben, mein Kopf dröhnt fürchterlich. Eine leichte Übelkeit steigt in mir auf und ich schließe deshalb erst einmal wieder meine Augen. Jedes einzelne Körperteil überprüfe ich jetzt und muss feststellen, dass außer meinem Kopf offenbar noch meine Rippen und mein Bein ziemlich schmerzhaft sind. Was passiert ist, frage ich mich, kann mich aber leider an nichts erinnern und die nächste Frage, die ich mir stelle ist, wo ich überhaupt bin. Aber auch hierauf habe ich keine Antwort parat. Ich öffne noch einmal meine Augen und schaue aus dem Fenster rechts von mir, wo ich einen Berg ausmachen kann, der kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, mehr ist da aber auch nicht. Es kopft kurz darauf an der Tür, aber ich reagiere nicht und kurz nach dem Klopfen kommt auch schon eine Schwester mit einem Essenstablett in mein Zimmer “Guten Morgen, Sie sind wach, wie schön. Kann ich Ihnen vielleicht etwas Gutes tun?” fragt sie mich und stellt das Tablett auf meinem Nachttischschränkchen ab. Ich lasse mir mit einer Antwort Zeit, weil es mir schwer fällt einen richtigen Satz zu formulieren und sage schließkich “Einen Arzt, ich würde gerne mit einem Arzt sprechen. Ist das möglich?” frage ich und sie nickt “Aber sicher, ich werde Doktor Kahnweiler Bescheid geben.” Ich nicke nur und bin ehrlich gesagt froh, dass die Schwester jetzt wieder mein Zimmer verlässt und ich somit wieder alleine bin und meine Ruhe habe. Vielleicht hätte ich nicht nur einfach nach einem Arzt verlangen sollen, sondern die Schwester auch gleich fragen sollen, wo ich überhaupt bin und was genau passiert ist. Aber der Gedanke ist schnell wieder vergessen und ich wende mich jetzt erst einmal meinem Körper zu, weshalb ich die Bettdecke anhebe und alles sehr genau inspiziere. Dabei stelle ich fest, dass ich neben diversen Abschürfungen und Prellmarken ein ziemlich dickes Knie habe und mein Fuß ist auch bandagiert. Das aber ist gerade mein kleinstes Problem, denn vielmehr treiben mich diese wahnsinnigen Kopfschmerzen noch in den Wahnsinn. Nachdem ich mich nun also von meiner physischen Verfassung überzeugt habe, widme ich mich meinem Frühstück. Ich hebe den Deckel des Tabletts an, rümpfe die Nase und schiebe das Tablett unangerührt auf die Seite. Mein Blick wandert wieder zu dem Monitor, der meine Vitalparameter aufzeichnet und ich fange jetzt an mich von den Kabeln zu befreien und als ob ich noch nie etwas anders gemacht hätte stelle ich die Geräte aus, so dass diese nun endlich nicht mehr Piepen und vor allem keinen Alarm mehr schlagen können. Langsam richte ich mich jetzt komplett auf, weil sich erst einmal alles um mich herum dreht, brauche ich allerdings einen Moment und kneife die Augen zu, vorsichtig lasse ich meine nackten Füße auf den kalten Boden gleiten. Ich setze jetzt langsam einen Fuß vor den anderen, ignoriere die Schmerzen in meinem Fuß und meinem Bein und wanke den ersten Meter ziemlich hin und her. Mir ist schwindelig, alles dreht sich, weshalb ich mich an meinem Bett festhalte und auch nur sehr unsicher bis zur​ gegenüberliegenden Wand komme, wo ich mich dann glücklicherweise endlich wieder festhalten kann, denn sonst wäre ich wohl ziemlich unsanft auf dem Boden gelandet. Im Badezimmer schaue ich als erstes in den Spiegel und frage mich, wer diese Person wohl ist, die mich da anschaut. Ich habe absolut keine Ahnung wie ich heiße, wer ich bin und vor allem was ich hier mache. Egal wie sehr ich mich auch anstenge, meine Erinnerungen sind wie weggeblasen. Da ist nichts.


Martin kommt als Letzter der Familie nach unten zur Terrasse, er ist auf dem Sprung, denn erstens ist er spät dran und zweitens hat er wenig Lust auf ein Gespräch mit seiner Mutter oder auf die bohrenden Nachfragen von Lilli. “Morgen” sagt er nur, er schüttet sich aus der Thermoskanne einen großen Schluck Kaffee in eine Tasse. “Magst dich nicht setzen?” fragt Lisbeth ihren Sohn, der aber trinkt hastig seinen Kaffee und verbrennt sich dabei die Zunge “Herrschaft” flucht er und erklärt “Nah Mama, ich muss in die Praxis und dann in die Klinik” sie schaut ihren Sohn an und er deutet auf den Rucksack, den er neben sich auf den Boden gestellt hat “Ich muss den abgeben, die brauchen in der Klinik ihre Personalien” und nimmt abermals einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse und leert diese nun “Wartet nicht mit dem Essen auf mich, ich weiß nicht, wann ich wieder zurück sein werde” erklärt er und schultert dann den Rucksack seiner Patientin und macht sich auf den Weg zu seinem Auto. “Ja, aber…” sagt Lisbeth irritiert “Martin!” ruft sie ihm hinterher, dieser aber antwortet nur “Bis später” und steigt in sein Auto ein.
"Der hat's aber heute eilig" stellt Lilli fest und beobachtet Hans und ihre Oma, die sich nur vielsagende Blicke zuwerfen, aber nichts sagen. "Milch!" ruft plötzlich Sophia und macht so deutlich, dass sie noch etwas zu trinken haben möchte, worüber Lisbeth und Hans sehr froh sind, denn so können sie geschickt das Thema wechseln. Während Hans seiner Tochter noch etwas Milch in den Becher füllt, sagt Lisbeth "Der Veterinär kommt heute, kannst du dich darum kümmern? Ich fahre mit der Sophia zum Egon, die Ware abliefern und ein bisschen die Pferde angucken." Lilli nickt "Na klar" und Sophia klatscht vor Freude in die Hände "Oh ja, zu den Pferden. Das ist toll!" Lilli ist ebenso froh, denn wenn alle unterwegs sind, dann kann sie ungestört in den alten Fotoalben und Tagebüchern ihrer Mama nach dieser Frau suchen, die für so viel Unruhe sorgt und die Martin offenbar nicht mehr aus dem Kopf geht. Vielleicht findet sie in den Erinnerungen ihrer Mama  Antworten auf die Fragen, die ihr momentan niemand beantworten will.


Martins Weg führt ihn erst einmal in die Praxis, es ist noch niemand​ da, kein Wunder, es ist gerade einmal halb acht und die Praxis öffnet erst um acht Uhr. Martin öffnet den Schrank mit den Karteikarten, er sucht bei dem Buchstaben “St” und findet dort die Patientenakte von Anton, Hannas Bruder. Er nimmt sie trotzdem und öffnet sie, zuletzt war er vor vier Monaten da, zum Check-Up, da war alles in Ordnung.
Durch die Unruhe in den Räumen der Praxis und durch Martins Auto zu so früher Stunde ist Roman neugierig geworden und geht nun nach unten. “Martin, guten Morgen, was treibt dich um diese Uhrzeit schon hierher?” fragt er seinen Kollegen und Martin schreckt auf und steckt die Akte wieder zurück. “Morgen Roman” antwortet Martin und dreht sich zu seinem Kollegen um “Habe ich dich geweckt?” fragt er und setzt sich auf den Schreibtisch. Dieser aber schüttelt den Kopf “Nein Martin, keine Sorge. Ein alter Mann wie ich braucht nicht mehr so viel Schlaf. Aber was treibt dich hierher? Ein neuer Fall?” Martin zieht eine Augenbraue nach oben und nickt “Ja, ein neuer Fall. Wir haben gestern eine Frau aus dem Berg gerettet, sie wurde vom Steinschlag getroffen, als sie gerade dabei war einen verletzten Bergsteiger zu verarzten. Die Frau war verwirrt und konnte sich nicht an ihren Namen erinnern. Hans hat später ihren Rucksack mit nach Hause gebracht. Roman, du wirst niemals erraten wer diese Frau ist, die wir da aus dem Berg geholt haben” sagt Martin und muss dabei kopfschüttelnd grinsen, weil er es noch immer nicht fassen kann. “So wie du da sitzt scheint dich etwas sehr zu beschäftigen, du hast nach einer Akte gesucht, ein Name mit dem Anfangstbuchstaben “St”, da fällt mir eigentlich nur eine Frau ein” kombiniert Roman “Ihre Akte aber wirst du hier nicht mehr finden, sie ist im Keller, nach ihrer überstürtzten Abreise hat Frau Schneider sie direkt dorthin geräumt. Wir reden von Johanna Stadler, oder?” Martin nickt “Wie bist du jetzt so schnell auf Hanna gekommen?” fragt und er schiebt direkt die nächste Frage hinterher “Ihre Akte ist noch hier? Im Keller sagst du?” und steht auf, Roman nickt “Martin, ich kenne dich gut genug, um zu wissen wer oder was dich beschäftigt und Johanna ist noch immer ein großes Thema für dich, das brauchst du nicht leugnen. Und den Weg in den Keller kannst du dir übrigens sparen” Martin schaut ihn nun stirnrunzelnd an und Roman sagt “Martin, sie war meine Patientin vor ihrer Abreise und sie war nicht krank, falls dich das beruhigt. Sag mir lieber, wie es ihr jetzt geht. Du hast gesagt, sie kann sich nicht erinnern wer sie ist”. Martin nickt “Ja, ihr geht es soweit gut. Prellungen und Schürfwunden, das Knie hat ein bisschen etwas abbekommen, aber keine lebensgefährlichen Verletzungen. Alexander kümmert sich um sie. Roman” sagt Martin und schaut seinen Kollegen jetzt sehr ernst an “Du hast gesagt ihr ging es gut vor ihrer Abreise. Aber gestern als ich sie untersucht habe, da habe ich alte Operationsnarben entdeckt, unter anderem Narben von einer Sectio. Weißt du etwas darüber?” Roman atmet tief ein “Martin, das solltest du besser mit Hanna selber besprechen. Ich kann dir dazu nichts sagen, wirklich nicht. Ich habe Hanna mein Ehrenwort gegeben.” Martin nickt und die Enttäuschung ist ihm anzusehen, weshalb Roman sagt “Martin, es tut mir Leid. Aber du musst mit ihr selber reden” er nickt “Ist das der Grund, wieso sie damals von hier weg ist?” fragt er seinen Freund und Kollegen und dieser schüttelt mit dem Kopf "Martin!" und ist mehr als froh als die Tür aufgeht und Frau Kemper fröhlich und gut gelaunt die Praxis betritt “Guten Morgen, sie sind ja schon da” sagt sie und schaut die Ärzte ein wenig verwundert an, denn normalerweise ist sie die Erste, die am Morgen die Praxis betritt. “Guten Morgen Frau Kemper” antwortet Roman und Martin brummt nur ein “Morgen” vor sich hin. Sie sagt nichts weiter und stellt erst einmal die Kaffeemaschine an, denn sie hat sofort erkannt, dass Martin erstens schlecht geschlafen hat und zweitens ziemlich schlechte Laune hat und da hilft nur ein Kaffee, das weiß sie aus jahrelanger eigener Erfahrung.
“Wann ist sie von hier weg?” fragt Martin jetzt und Roman denkt einen Moment nach “Wenige Monate bevor du hierher zurückgekommen bist” antwortet er und Martin fragt weiter “Wusstest du damals wohin sie ist?” doch dieses Mal schüttelt Roman den Kopf “Nein, das hat sie mir nicht gesagt. Nur, dass sie weit weg wollte. Weg aus den Bergen, ich glaube sie sprach von Berlin. Aber ich weiß es nicht und ich habe ihr auch nicht hinterherspioniert. Das ist nicht meine Art, das weißt du. Aber sie hat mich immer mal wieder durch ihren Bruder grüßen lassen.” Martin nickt “Berlin, das passt” sagt er “Wir haben in ihren Sachen einen Ausweis eines Berliner Krankenhauses gefunden, sie war oder ist dort offenbar als Ärztin tätig.” Frau Kemper drückt jetzt erst Roman eine Tasse mit heißem Kaffee in die Hand, dann Martin und die Männer bedanken sich bei ihr. “Martin, soll ich hier heute übernehmen? Dann kannst du ins Krankenhaus fahren und nach Hanna schauen”. Martin nickt “Danach wollte ich dich sowieso fragen. Danke Roman” und auch wenn Martin das ganz und gar nicht gefällt Roman schon wieder mit Frau Kemper und der Praxis alleine lassen zu müssen und er schon jetzt Angst vor dem Chaos hat, dass sein Kollege ihm hinterlassen wird, kann er darauf dieses Mal überhaupt keine Rücksicht nehmen. Nachdem er den Kaffee ausgetrunken hat, der seine Stimmung ein wenig aufgehellt hat, macht er sich sofort auf den Weg zum Krankenhaus nach Hall.


Kaum hat Martin die Praxis verlassen und Roman sich überzeugt, dass er auch wirklich weggefahren ist, wendet er sich an Frau Kemper “Frau Kemper, Sie können doch da mit dem Ding ins Internet, oder? Und man kann sich da doch Informationen anzeigen lassen, oder?” fragt er und deutet dabei auf den Computer, der auf Frau Kempers Schreibtisch steht. Sie nickt “Ja das kann ich. Wieso? Was suchen sie denn?” fragt sie und er erklärt “Können sie damit auch auf diese, wie heißt das noch gleich? Internetseite, ja genau. Also können Sie da auf die Internetseite der Berliner Krankenhäuser?” Frau Kemper nickt, sie öffnet den Internetbrowser und die Suchmaschine, tippt die Schlagworte in die Suche ein und klickt den ersten Link an, der sie direkt zur Homepage eines bekannten Berliner Krankenhauses führt. Roman ist sichtlich begeistert und bewundert Frau Kemper für den gekonnten Umgang mit der ihm so fremden Technik “Kann man da auch die angestellten Ärzte sehen?” sie nickt “Bestimmt” und klickt sich ein wenig durch die Internetseite und plötzlich ruft Roman “Halt!” und ist fasziniert von der Frau, die ihn jetzt anlächelt. Frau Kemper liest den Namen laut vor “Johanna Maria Stadler, Assistenzärztin, Abteilung für rekonstruktive Chirurgie und Handchirurgie” Roman nickt und kann kaum glauben, dass aus dem jungen Mädchen eine so erwachsene Frau geworden ist. Eine Frage aber geht ihm nun nicht mehr aus dem Kopf, wieso ist Hanna ausgerechnet jetzt wieder zurückgekehrt, wo sie sich doch geschworen hatte nie wieder auch nur einen Fuß nach Tirol zu setzen und vor allem nie wieder einen dieser Berge hier zu besteigen, die ihr so viel Schmerz zugefügt haben und in denen so viele Erinnerungen hängen. Er erinnert sich noch genau an den Tag, an dem Hanna völlig aufgelöst in seiner Praxis stand und ihm unter Tränen erzählt hat was passiert war.


Martin fährt nun also nach Hall ins Krankenhaus, er will nach Hanna sehen und vor allem will er ihr ihren Rucksack bringen. Seine Mutter war außerdem so nett und hat ihr noch ein paar frische Sachen mitgegeben, damit Hanna nicht im Nachthemd herumlaufen muss. Er parkt seinen Wagen auf dem Parkplatz direkt neben dem Krankenhaus und schultert dann den Rucksack von Hanna, um sich auf den Weg in Alexanders Büro zu machen, den er dort auch tatsächlich antrifft. “Morgen Alexander” sagt Martin und setzt sich auf einen der beiden Stühle vor dessen Schreibtisch. “Martin mein einziger Freund, ich grüße dich. Johanna Stadler also, so heißt deine Patientin. Du weißt aber schon wer sie ist?” Martin schaut Alexander einfach nur an und er fährt fort “Berliner Kliniken, Handchirurgie, sie ist dort Assistenzärztin” erklärt er überschwänglich und überreicht Martin das Tablet, auf dem er die Internetseite des Krankenhauses geöffnet hat und die Vita von Johanna Stalder. Martin nimmt das Tablet entgegen und liest sich sehr genau durch, was dort steht. Zwar kennt er Hanna noch von früher, aber nachdem er nach Amerika gezogen ist haben sie sich nicht mehr gesehen und auch sonst sind sie sich nicht mehr über den Weg gelaufen. “Sie arbeitet seit mehr als 10 Jahren in Berlin” sagt Alexander und schaut Martin dabei sehr ernst an, Martin nickt nur und legt das Tablet vor sich auf dem Tisch ab “Wie geht es ihr?” fragt er und sein Kollege legt den Kopf auf die Seite “Gut soweit, sie ist allerdings noch immer ziemlich durcheinander und schläft sehr viel. Die Schwester hat mir berichtet, dass sie heute Nacht vor ihrem Bett gestanden hat und nicht erklären konnte wieso sie aufgestanden ist. Martin, ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie. Der Neurologe schaut sie sich gleich noch einmal an.” Martin nickt “Naja, das ist jetzt nicht unbedingt ungewöhnlich, dass Patienten verwirrt sind” eher findet er es erstaunlich, dass Hanna tatsächlich Ärztin geworden ist und vor allem Tirol verlassen hat, wo sie doch schon immer sehr heimatverbunden war. “Martin, was ist denn nur heute los mit dir?” fragt Alexander ihn, bekommt aber keine Antwort von seinem Freund und Kollegen. Stattdessen steht Martin jetzt auf, nimmt Hannas Rucksack und sagt “Ich gehe zu ihr Alexander” und ist schon halb aus Alexanders Büro verschwunden. “Warte doch!” ruft dieser seinem Kollegen hinterher und springt von seinem Stuhl auf, um Martin zu folgen. Er kann ihn noch gerade an den Aufzügen einholen “Martin, warte doch bitte. Was ist denn los mit dir?” fragt er nun noch einmal und Martin brummt nur “Es ist nichts Alexander” und ist schwer genervt von seinem Kollegen und den ständigen Nachfragen nach seinem Befinden.
Die  beiden Ärzte betreten nach einem kurzen Klopfen das Zimmer von Hanna, finden aber nur ein leeres Bett vor und schauen sich fragend an. “Alexander wo ist sie?” fragt Martin aufgebracht, aber sein Kollege zuckt nur mit den Schultern “Keine Ahnung! Du bist doch hier der zuständige Arzt” er lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen und geht dann zur Badezimmterür, die geschlossen ist. Er legt sein Ohr dicht auf das Holz und lauscht einige Sekunden in die Stille hinein, klopft dann gegen die Tür und fragt “Hallo? Sind Sie im Badezimmer?"


Lilli ist inzwischen alleine auf dem Hof, Hans hat sich auf den Weg zu einem der Felder gemacht, um dort nach dem Rechten zu sehen und wird sich im Anschluss um die Viecher auf der Weide kümmern, die weiter getrieben werden müssen und Lisbeth ist mit Sophia losgefahren, um die Ware auszuliefern. Mit einem Magengrummel geht Lilli nun die steile Stiege hinauf zum Dachboden, sie kann sich dunkel daran erinnern, irgendwann einmal den Namen Hanna in den Tagebüchern ihrer Mutter gelesen zu haben, aber damals konnte sie nichts mit dem Namen anfangen, weshalb sie die Zeilen mehr überflogen hat und außerdem ist es auch schon sehr lange her, dass sie in den Erinnerungen ihrer Mutter gelesen hat. Sie öffnet die alte Holzkiste und zum Vorschein kommen mehrere Fotoalben und Bücher, alles von ihrer Mama und die Schmerzen in ihrer Brust entflammen erneut. Sie vermisst sie und der Schmerz wird niemals vergehen, immerhin aber hat sie eine Familie, die ihr Halt gibt und hilft den Verlust so gut es geht zu verarbeiten und Lilli ist sich fast sicher, dass ihre Mama sehr stolz auf sie wäre, wenn sie sie jetzt sehen könnte. Vorsichtig öffnet sie eines der Alben und entdeckt dort die vermutlich ältesten Bilder, die es von ihrer Mama gibt. Da ist sie noch ein kleines Kind, Lilli blättert die Bilder schnell durch und greift dann zum nächsten Album, in diesem findet sie Bilder aus der Zeit als ihre Mama und ihre​ Väter sich schon kannten und die schaut sie sich jetzt ganz besonders akribisch an, denn unter all diesen Bildern könnte auch schon Hanna zu fnden sein, die ja offenbar ebenfalls schon zu dieser Zeit hier auf dem Hof bekannt war. Lilli blättert sehr langsam durch das Album und stößt dabei zu ihrem eigenen Erstaunen in der Tat immer wieder auf Bilder mit Hanna und sie stellt fest, wie glücklich damals sowohl ihre Eltern und Martin, als auch Hanna auf den Bildern ausgeschaut haben und irgendwann kommt es ihr in den Sinn, dass wenn damals Hans und Sonja ein Liebespaar waren, ob dann nicht Martin und Hanna auch ineinander verliebt waren. Beweise oder gar Fotos auf denen sich Martin und Hanna ganz nahe​ kommen findet sie jedoch keine und so kann sie nur weitere Mutmaßungen anstellen, weshalb sie jetzt nach den Tagebüchern ihrer Mutter greift. Schnell findet Lilli genau jenes Tagebuch, in dem auch von Hanna die Rede ist, sie überfliegt die Seiten und findet heraus, dass Hanna und Sonja sehr gut miteinander befreundet waren, sie viel unternommen haben und dass Hanna offenbar tatsächlich ein kleines bisschen in Martin verliebt war, das hat Hanna ihrer besten Freundin anvertraut, aber Lilli wird aus den Aufzeichnungen ihrer Mutter nicht so ganz schlau und weiß noch immer nicht, ob Martin und Hanna ein Paar waren oder nicht.  Nach seinem Weggang aus Tirol  muss Hanna offenbar einen anderen Mann kennengelernt haben, mit dem sie auch zusammengekommen ist, dann aber hören die Tagebücher ihrer Mutter leider auf und bevor Lilli sich jetzt weitere Gedanken zu den neu gewonnenen Informationen machen kann kommt ein Auto hupend auf den Hof gefahren und sie erinnert sich daran, dass der Veterinär kommen wollte. Schnell packt sie deshalb alle Sachen zurück in die alte Holztruhe und rennt die Stufen hinunter, um den Viechdoktor in Empfang zu nehmen, der schon seine Sachen aus dem Auto holt.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast