Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
19.09.2021
63
120.788
2
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
15.09.2021 2.432
 
Als ich jetzt langsam zum Haus gehe sehe ich, wie Jan noch in der Tür steht und mich beobachtet “Du magst ihn sehr, oder?” fragt Jan mich und ich zucke nur mit den Schultern “Kann schon sein.” Er grinst “Kann nicht nur so sein, ist so. Das sieht doch ein Blinder” ich schüttel jetzt den Kopf “Quatsch, er ist einfach nur ein guter Freund, mehr nicht” und Jan zieht jetzt seine Augenbraue nach oben “Du wirst es wissen” und wir gehen zusammen ins Haus. “Ah Hanna, Herr Klostermann” begrüßt mein Bruder uns “Seid’s ihr etwa den ganzen Tag im Krankenhaus gewesen?” fragt er und beäugt und kritisch “Nein, nicht den ganzen. Wir waren noch bei der Susanne und haben uns lange über unsere Arbeit unterhalten”, mein Bruder nickt “So, so. Dann hoffe ich, dass ihr noch genug Hunger habt. Das Essen wird gleich fertig sein.” Ich grinse breit “Natürlich habe ich Hunger, ich habe immer Hunger. Aber ich würde mich gerne erst etwas frisch machen”, mein Bruder nickt, während Jan sich jetzt an einen der Tische im Gastraum setzt. Durch die Küche gehe ich in die Privaträume und in mein Zimmer, wo ich mich erst einmal auf mein Bett setze und tief durchatme. Morgen also werde ich wieder im Operationssaal stehen, zwei sehr erfahrenen Ärzten werde ich assistieren. Glauben kann ich das noch nicht so wirklich.
Ich ziehe mir jetzt meine Jeanshose aus und stattdessen eine lockere Jogginghose an. Hier oben auf der Hütte ist es mir relativ egal wie ich aussehe und es stört auch keinen, denn zwischen den Tourengehern falle ich sowieso nicht auf. Wenn wieder so eine Gruppe hier bei uns übernachtet, dann kann es passieren, dass man das durch das ganze Haus riecht, da fällt eine Frau in Jogginghose nun wirklich nicht weiter auf.
“Kann ich dir irgendwie helfen?” frage ich meinen Bruder, als er an mir vorbeiläuft, aber er schüttelt nur mit dem Kopf “Nein, nein setz du dich mal dahin” und ich rufe jetzt Max zu mir, der gerade den Gastraum betritt “Max? Hast du einen kurzen Moment für mich?” mein Neffe nickt und setzt sich mit mir an einen Tisch “Na Tantchen, wo brennt’s denn?” fragt er breit grinsend, weil er genau weiß dass ich es hasse, wenn er mich so nennt. “Hast du Lust und Zeit mit Jan und mir übermorgen klettern zu gehen?” Max überlegt einen Moment und ich habe schon die Befürchtung, dass er keine Zeit oder keine Lust hat zu dritt loszuziehen. “Mh, also ich habe frei und wenn ich Papa ganz lieb frage, dann lässt er mich bestimmt gehen. Also ich sage einfach jetzt mal zu” und das freut mich sehr, denn zu dritt macht eine Klettertour einfach viel mehr Spaß. “Ich freue mich Max” und er antwortet voller Euphorie “Ich mich auch, am Schleierwasserfall oder wo willst du hingehen?” ich nicke “Ja, zum Schleierwasserfall.” Max lächelt “Gute Plan, aber du weißt von dem Steinschlag?” fragt er mich “Ja, davon habe ich gelesen.” Anton ruft jetzt nach Max, der sich bei mir entschuldigt und dann seinem Vater in die Küche folgt. Lange aber bleibe ich jetzt nicht alleine hier an meinem Tisch sitzen, denn kaum dass Max in die Küche gegangen ist, da kommt Jan zu mir “Darf ich mich zu dir setzen?” fragt er und ich nicke “Klar. Max kommt übermorgen übrigens mit zum Klettern, natürlich nur wenn das für dich wirklich in Ordnung ist und wenn Anton ja sagt.” Auf Jans Gesicht breitet sich ein Lächeln aus “Klasse, ich freue mich. Klar ist das für mich in Ordnung, zu dritt macht es doch auch noch einmal viel mehr Spaß. Ich war schon ewig nicht mehr so richtig in der Natur klettern. Im Ruhrgebiet gibt’s nicht so viele Möglichkeiten und irgendwann wird so eine Halle auch öde.” Ich seufze “Ja, das stimmt. In Berlin war das nicht anders. Ich musste auch immer weit fahren für eine Tour in der Natur und dort waren die Berge längst nicht so schön und vor allem so hoch wie hier.” Jan legt seinen Kopf leicht schief “Und du kannst nach deinem Unfall auch wirklich wieder Vollgas geben? Oder hat Martin noch etwas zu beanstanden gehabt?” ich stöhne auf und verdrehe meine Augen “Fängst du jetzt an wie Martin oder wie mein Bruder? Jan, ich bin erwachsen, ich bin Ärztin und ich weiß was ich tue und meinem Körper zumuten kann. Dann hätte ich auch nicht mit der Bergrettung die beiden Einsätze bestreiten dürfen und die Operation morgen dürfte ich dann auch nicht machen. Mir geht es gut, mein Kopf ist klar, keine Kopfschmerzen oder sonstige neurologische Ausfallerscheinungen, ich kann mich an alles erinnern, wobei es nicht geschadet hätte, wenn ich mich an bestimmte Dinge nicht mehr erinnern könnte, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich habe keine Schmerzen, die Wunden verheilen allesamt. Kurzum, mir geht es gut.” Er weicht meinem Blick aus “Tut mir Leid Hanna, ich wollte nicht so überfürsorglich klingen, das ist auch eigentlich gar nicht meine Art” und mir wird bewusst, dass er die Frage gerade sehr ernst gemeint hat. Jan atmet tief durch, er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme “Weißt du, manchmal ist es besser sich von seinem Ballast zu lösen. Sich einzugestehen, dass man sich all die Jahre nur etwas vorgemacht hat und dass es so nicht weitergehen kann, man etwas in seinem Leben verändern muss. Es ist kompliziert gewesen und ich bin geflüchtet. Es war eine Flucht, um frei sein zu können”, ich verstehe nur die Hälfte von dem was Jan mir zu sagen versucht, weil ich keine Ahnung von seinen wirklichen Beweggründen habe. “Es war nicht nur wegen der Arbeit, oder?" frage ich und Jan seufzt “Auch, aber das war nicht der ausschlaggebende Punkt, nein. Es waren eher viele kleine Dinge, die mir den Abschied sehr leicht gemacht haben.” Ich nicke und weiß genau, wie sich das anfühlt “Dann kehrst du nicht mehr zurück, oder?” jetzt zuckt er mit den Schultern “Ich weiß nicht” und er denkt einige Sekunden angestrengt nach “Nein, nein ich werde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wieder zurückkehren. Ich habe keine Ahnung wo es mich hintragen wird, aber zurück ins Ruhrgebiet jedenfalls nicht. Vielleicht nicht einmal nach Deutschland. Vielleicht bleibe ich auch einfach hier, suche mir hier eine Arbeit und kümmere mich endlich weiter um meine Forschungsarbeit.” Ein wenig überrascht schaue ich ihn an “Du willst hier bleiben?” Jan nickt mit einem Grinsen auf den Lippen “Ja oder hast du etwa was dagegen?” Sofort schüttel ich meinen Kopf “Nein, auf keinen Fall” und bemerke gleich, dass das vielleicht etwas zu euphorisch war “Also ich meine... hier ist es toll. Berge vor der Haustür, tolle Menschen, Schnee im Winter zum Skifahren und…” Jan grinst “Hanna, ich weiß” und ich spüre jetzt wie ich rot werde. “Aber jetzt zu dir, wieso bist du wieder hier?” fragt er und ich antworte “Naja, mir geht dieses ganze System von Krankenhaus gehörig auf die Nerven, immer nur Geld scheffeln und dabei die Patienten außer Acht lassen. Das geht mir so auf den Senkel. Ich habe eine Frau auf der Arbeit kennengelernt und sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Sie hat mir die Augen geöffnet und ich habe endlich verstanden, dass das Leben in Berlin nicht mein Leben ist. Es war nur ein Zufluchtsort, um zu vergessen. Vergessen was hier passiert ist und was mich mein Leben lang begleiten wird. Ich habe über zehn Jahre lang versucht zu verdrängen und bin daran gescheitert. Jetzt bin ich hier, um mich meiner Vergangenheit zu stellen und ich werde nicht wieder weglaufen. Ich habe endlich kapiert, dass das hier meine Heimat ist, hier habe ich meine Familie und Freunde, die immer zu mir stehen, egal wie viel Unsinn ich anstelle und wie ich oft mich in irgendwelche gefährlichen Situationen begebe. Wenn es hart auf hart kommt, dann sind sie für mich da.” Ich denke für einen Moment an Vivi und füge an “Abgesehen von meiner besten Freundin aus Berlin, die war immer für mich da und ist es auch jetzt noch, aber ich vermisse sie sehr.” Jan hört mir aufmerksam zu “Aber ihr könnt euch ja trotzdem noch sehen und eure Freundschaft wird die Distanz überstehen, du wirst sehen.” Ich nicke und erinnere mich an meinen letzten Tag in Berlin und wie sehr ich es vermisse mit Vivi zu quatschen, durch die Gänge der Klinik zu laufen und Unsinn anzustellen, dann aber wird mir wieder bewusst, dass das leider auch das Einzige ist was ich an Berlin vermisse. “Komm, wir holen uns etwas zum Essen” sagt Jan und ist schon aufgestanden “Schon wieder?” frage ich ihn und er grinst nur “Der Tag wird morgen anstrengend genug, also komm” und ich stehe jetzt auf und folge ihm. Ich nehme mir von der Suppe und gehe dann zurück zu unserem Tisch. Da es momentan nicht sehr viele Gäste sind und diese alle gut versorgt zu sein scheinen setzen sich Anton und Karla wenig später zu uns an den Tisch und wir unterhalten uns so lange, bis die beiden wieder gebraucht werden.
“Wollen wir noch ein bisschen an die frische Luft gehen?” fragt Jan mich und ich nicke “Ja, gerne.” Draußen weht ein lauer Wind und die Sonne verschwindet langsam hinter den Bergen. Jan und ich setzen uns auf die Terrasse, eine Weile schweigen wir uns nur an und beobachte die Natur um uns herum. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis der Herbst Einzug hält. Als ich Jan anschaue sehe ich auf seinem Gesicht ein Lächeln ruhen, welches von tiefer Zufriedenheit zeugt. Unsere Blicke treffen sich “Schön, oder?” fragt er und ich nicke “Sehr schön…” ich mache eine kurze Pause und dann platzt plötzlich aus mir heraus “Hast du eigentlich Familie?” Jan grinst “Ja, ich habe Familie, sozusagen. Einen Sohn” ich runzel die Stirn “Einen Sohn und was ist mit der dazugehörigen Frau?” Jan seufzt “Meine Ex-Frau, wir sind schon sehr lange nicht mehr zusammen. Eigentlich waren wir es nie. Es war damals nicht meine beste Idee mich mit ihr einzulassen, aber das was dabei herausbekommen ist, ist umso schöner. Dennis ist 14 und ein klasse Junge. Er lebt bei seiner Mutter, wir sehen uns fast jeden freien Tag, aber dennoch ist es viel zu selten.” Das Lächeln auf Jans Gesicht ist verschwunden “Seine Mama und ich, wir verstehen uns eigentlich gut, aber…” er beendet seinen Satz nicht und ich frage auch nicht weiter nach, weil er von sich aus erzählen muss, was ihm auf dem Herzen liegt. Ich sehe die Tränen in seinen Augen und Jan fügt an “Aber ich habe mich verändert und naja... Es ist alles nicht so einfach. Und was ist mir dir? Gibt es einen Mann in deinem Leben?” ich bin etwas überrumpelt von dieser Frage und schüttel meinen Kopf “Nein, da gibt es keinen” antworte ich und bin mir nicht so sicher, ob das wirklich die Wahrheit ist “Aber wenn du und deine Ex-Frau, wenn ihr euch auseinandergelebt habt und euch trotzdem noch versteht, dann ist das doch schön. Das kann nicht jedes Elternpaar von sich behaupten und gerade für Dennis ist es sicherlich sehr wichtig.” Jan antwortet mir nicht und ich weiß nicht genau was das bedeuten soll “Du, ich glaube ich gehe jetzt ins Bett. Fahren wir morgen zusammen in die Klinik?” frage ich und er antwortet “Martin holt uns um halb sieben ab. Schlaf gut Hanna, ich bleibe noch einen Moment” sagt er und ich stehe auf “Danke, du aber auch. Bis morgen früh dann” und ich lasse ihn jetzt alleine auf der Terrasse zurück. In der Tür drehe ich mich noch einmal nach ihm um, Jan ist aufgestanden, an das Geländer der Terrasse getreten, hat die Unterarme auf die Brüstung gelegt und schau in den Himmel.
“Na?” mich schreckt jemand auf, es ist Anton, der mich angrinst “Er scheint dich ja sehr zu beeindrucken” sagt er zu mir und ich runzel die Stirn “Wer? Der Jan?” Anton nickt und ich verdrehe die Augen “Toni, Jan ist Arzt. Der beste Arzt für unseren Patienten und mit diesem Mann werde ich morgen operieren, sicher beeindruckt mich das. Aber nicht so wie du es wieder denkst. Ganz ehrlich, nur weil ich mich mit einem Mann unterhalte, muss ich mich nicht gleich in ihn verlieben.” Anton seufzt “Ich dachte ja nur…” und ich nicke und schiebe ihn zurück ins Haus “Du dachtest also. Anton, überlass das in Zukunft lieber mir” sage ich grinsend zu ihm “Ich finde den Jan wirklich nett, aber mehr auch nicht.” Mein Bruder grinst mich an “Dein Funkeln in den Augen verrät mir dennoch, dass es da jemanden gibt und ich glaube ich kenne diesen jemanden sehr gut” sein Grinsen wird noch breiter und ich runzel die Stirn “Aha, ist das so?” und er nickt “Es ist so und ich würde es schön finden, dich endlich wieder glücklich mit einem Mann an deiner Seite zu sehen. Meinetwegen auch mit dem Martin Gruber.” Ich kann jetzt nur mit dem Kopf schütteln “Anton, du hast wirklich eine blühende Phantasie. Da ist nichts zwischen dem Martin und mir” und ich gehe jetzt an meinem Bruder vorbei “Wirklich nicht” und gehe nach hinten in die Privaträume. “Der Martin und ich” sage ich selber zu mir und bin mir meiner Worte, nachdem ich sie jetzt laut ausgesprochen habe, gar nicht mehr so sicher. Ich erinnere mich an die Nacht zurück, die Martin und ich gemeinsam in der Hütte verbracht haben, wie nah wir uns waren und wie sehr mein Herz geklopft hat. Aber das darf nicht noch einmal passieren. Ich kann und will mich nicht verlieben, niemals und der Martin sollte absolut tabu für mich sein. Aber wie um Himmels Willen kommt der Anton nun wieder auf den Jan? Er ist ein netter Kerl, keine Frage, aber zum einen ist er nicht mein Typ und zum anderen kenne ich ihn doch überhaupt nicht richtig. Oder hat Anton doch Recht? Wie auch immer, denke ich und mache mich jetzt fertig für das Bett, in welches ich mich eine halbe Stunde später lege. Aber schlafen werde ich noch nicht, ich will morgen super vorbereitet sein auf die Operation und lese mir deshalb noch einmal einen Bericht zu einem ähnlichen Fall durch und gehe anschließend alle Details in meinem Kopf erneut durch. Da ich mich aber auch nicht verrückt machen will, lege ich gegen halb zehn meine Unterlagen auf die Seite und mache es mir zum Schlafen bequem. Bevor ich jetzt das Licht ganz lösche, stelle ich mir noch meinen Wecker auf halb sechs und nehme noch einmal einen Schluck aus der Wasserflasche, die ich mir mit ins Schlafzimmer genommen habe.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast