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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
16.10.2021
76
131.833
3
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14.09.2021 945
 
Kaum haben wir den Gasthof betreten kommt auch schon Susanne auf uns zu “Ah hallo, Ihnen hat es gestern wohl sehr gut geschmeckt” stellt sie fest und Jan nickt “Ja, sehr sogar. Ich habe schon lange nicht mehr so gut gegessen”, woraufhin Susanne lächelt “Danke, ihr könnt’s euch dort drüben an den Tisch setzen, da ist es etwas ruhiger” sagt sie und deutet auf die kleine Nische, die etwas abseits von den anderen Tischen ist. “Danke Susanne” sagt Martin und umarmt sie, um dann mit Jan schon Platz zu nehmen. “Hallo Hanna, na wie geht es dir?” fragt Susanne mich und wir umarmen uns nun ebenfalls. “Gut geht es mir, danke der Nachfrage” sie schaut mich einen Moment kritisch an, lächelt dann jedoch “Du siehst auch wirklich gut aus. Offenbar hast du dich auch schon sehr gut hier eingelebt und sorgst für viel Aufruhr. Der Schochelmeier hat vor ein paar Tagen lauthals über euer Aufeinandertreffen beim Einkaufen berichtet” und ich kann jetzt nicht anders als breit zu grinsen.

Susanne begleitet mich jetzt zu dem Tisch, an dem die Männer es sich schon gemütlich gemacht haben. “Darf’s für euch schon etwas sein?” fragt sie und wir bestellen uns direkt etwas zum Trinken und zum Essen. Als Susanne mit unserer aufgenommenen Bestellung in die Küche geht, ziehe ich meine Strickjacke aus und entschuldige mich bei Jan und Martin, um Susanne zu folgen. Ich stecke meinen Kopf in Richtung Küche und rufe “Susanne?” sofort antwortet sie mir und kommt hinter einem großen Schrank hervor “Hier bin ich Hanna, komm ruhig rein” und das mache ich auf der Stelle. “Waren Martin und Jan gestern schon hier?” frage ich neugierig und Susanne nickt “Ja, wieso fragst du?” aber ich zucke nur mit den Schultern. “Wer ist dieser Jan überhaupt?” fragt sie mich daraufhin und ich erkläre “Ein Arzt, er wird mit uns morgen einen von Martins Patienten operieren.” Susanne zieht eine Augenbraue nach oben “Mit euch?” hakt sie nach und ich nicke “Ja, mit Martin und mit mir.” Sie kann ihr Schmunzeln nicht länger verbergen “Du wirst mitoperieren?” fragt sie mich nun ein weiteres Mal “Ich dachte du wolltest nicht mehr operieren und schon gar nicht in einem Krankenhaus” stellt sie herausfordernd fest. Ich seufze “Ja, das habe ich gesagt. Ich wollte auch gar nicht, aber die Männer bestehen darauf und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir die Vorstellung morgen wieder in einem Operationssaal zu stehen.” Susanne grinst “Vielleicht ist es ganz gut, dass du wieder operierst, mh?” ich zucke mit den Schultern “Naja, ich weiß nicht. Ich hätte schon wieder Lust zu praktizieren und mit fehlen meine Patienten, aber…” ich atme schwer aus “Ich habe nur einfach keine Lust auf diese ganze verdammte Bürokratie, vielmehr auf diese Teppichfurzer, die von nichts Ahnung haben und nur auf Geld aus sind.” Susanne nickt mir zustimmend zu “Ich weiß genau was du meinst. Aber willst du wirklich nicht mehr als Ärztin arbeiten?” Schulternzuckend klaue ich mir jetzt ein Stück Schokolade aus Susannes Geheimversteck aus einer der Schubladen “Wie früher” grinse ich und sie nickt und nimmt sich jetzt ebenfalls ein Stück Schokolade “Du wirst deinen Weg schon gehen. Du bist Hanna Stadler und die Hanna, die ich kenne, die ist bisher immer ihren Weg gegangen und das wirst du auch jetzt. Lass dir Zeit, nimm sie dir. Als du weg warst ist eine Menge passiert und nicht nur du hast dich verändert. Ich weiß, der Anton ist manchmal nicht einfach, aber Hanna, er meint es nur gut mit dir und er ist besorgt um dich als dein großer Bruder. Gib auch ihm Zeit, er muss das alles erst einmal verarbeiten, genau wie du auch. Nach zehn Jahren bist du plötzlich wieder da und jetzt versucht er das aufzuholen, was er verpasst hat. Aber jetzt genug von meinen Ratschlägen. Los, raus aus meiner Küche und ab zu deinen Doktoren, die beiden warten sicher schon auf dich. Ich bringe euch gleich das Essen” und Susanne schiebt mich jetzt einfach aus ihrer Küche ohne mir noch Zeit zu lassen über ihre Worte weiter nachzudenken.

“Na?” fragt Martin neugierig als ich mich wieder zu ihm und Jan an den Tisch setze “Was na?” frage ich zurück und er schaut mich eindringlich an “Was sagt die Susanne?” Das hätte er wohl gerne, dass ich ihm erzähle worüber Susanne und ich gesprochen haben, denke ich und antworte deshalb knapp “Frauengespräche, frag also besser nicht” woraufhin Martin jetzt tatsächlich nur nickt und keine weiteren Fragen stellt.


Wir sind noch ziemlich lange im Wilden Kaiser geblieben und haben uns über unsere Arbeit unterhalten. Viele interessante Patientenfälle haben sich im Laufe unserer Berufsjahre in der Klinik angehäuft und ich hänge förmlich an den Lippen der Männer, die von so vielen Operationen berichten können und von so einigen verrückten Patienten. Jan und Martin sind anders als die meisten meiner Kollegen, die nur auf ihrer Karrieren aus sind. Die beiden Männer denken so wie ich, immer im Sinne des Patienten handeln und niemals vergessen, dass der Patient ein Mensch ist.


Es ist mittlerweile kurz vor achtzehn Uhr als wir jetzt wieder am Hof meines Bruders ankommen, Jan verabschiedet sich bereits von Martin und geht schon einmal vor, während ich noch einen Moment bleibe “Danke Martin, dass ich morgen dabei sein darf” sage ich zu ihm und er antwortet “Dafür musst du mir nicht danken, das hast du dir selbst erarbeitet. Aber ich muss gestehen, ich freue mich endlich mit dir gemeinsam am Tisch stehen zu dürfen. Hanna, schlaf gut, damit du morgen fit bist.” Ich nicke “Du aber auch” und dann winke ich ihm noch hinterher bis ich die roten Rücklichter des Mercedes nicht mehr sehen kann.
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