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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
28.11.2021
103
161.970
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23.07.2021 2.627
 
“Hallo?” ruft Martin als er den Hof betritt, aber es antwortet ihm niemand, erst als er die Küche betritt bemerken ihn seine Mutter und seine Tochter, die zusammen am Tisch sitzen und Kartoffeln schälen. “Hallo Martin” sagt Lisbeth und Lilli begrüßt ihren Vater ebenfalls “Hey Martin, du bist spät dran” stellt sie fest und schaut ihn dabei kritisch an. Martin lässt sich einfach auf einem der Stühle nieder “Ja, da hast du Recht mein Schatz. Ist Hans in der Zwischenzeit schon hier gewesen?” Lisbeth schüttelt mit dem Kopf “Nein, der war noch nicht wieder hier. Sophia hat die ganze Zeit nach ihrem Vater gefragt und wollte gar nicht schlafen. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert bis ich sie endlich ins Bett bekommen habe und ich musste ihr versprechen, dass Hans gleich noch einmal nach ihr schauen wird.” Martin atmet tief ein und Lilli fragt “Wo ist er denn? Er ist vorhin direkt wieder weg. Ein Einsatz, oder?” Martin nickt und antwortet “Noch mit der Bergrettung unterwegs, er sucht noch einen Rucksack.” Lilli schaut ihren Vater wieder an “Wieso denn nur einen Rucksack” woraufhin Martin seufzt und erklärt “Weil die Person, der der Rucksack gehört…” er bricht mitten im Satz ab “Lilli, du weißt doch ganz genau, dass ich dir nichts sagen darf!” seine Tochter verdreht genervt ihre Augen “Ja, ja ich weiß ja schon, dass du nichts sagen darfst” wiederholt sie seine Worte. Lisbeth schaut von Lilli zu ihrem Sohn “Vielleicht solltest du jetzt unter die Dusche gehen Martin, das Essen wird gleich fertig sein”, das lässt er sich kein zweites Mal sagen, denn er muss dringend nachdenken und das kann er sowieso am besten unter der eiskalten Dusche.

Bevor das Essen dann wirklich fertig ist kommt auch Hans endlich nach Hause, den Martin schon an der Tür empfängt “Und? Konntet ihr den Rucksack noch raufholen?” fragt er neugierig. Hans nickt, er zieht einen Rucksack von seiner Schulter und hebt ihn hoch “Ja, konnten wir. Aber ich hatte noch keine Zeit den Inhalt zu überprüfen” weshalb die beiden in die Stube gehen, um dort auf dem Tisch den Inhalt auszubreiten und zu schauen, ob sie irgendwo einen Namen finden, vielleicht auch ein Handy oder irgendeinen anderen Hinweis auf die Identität der bis dato unbekannten Frau. “Sie war sehr gut ausgerüstet” stellt Hans fest und schaut sich das Kletterseil an sowie einige Karabiner, dann zieht er eine Brotdose aus dem Rucksack und eine noch halbvoll gefüllte Wasserflasche sowie eine dünne Windjacke. “Ist da nicht irgendwo eine Geldbörse oder wenigstens ein Handy?” fragt Martin und er dreht sich zur Tür um, in der jetzt seine Mutter steht und ihre Söhne beobachtet. “Ich hab hier was” sagt Martins Bruder und drückt Martin das Handy in die Hand, während er den Rucksack weiter durchsucht. Martin dreht das Handy seitlich und sucht den Kopf zum Einschalten, den er schließlich an der rechten oberen Seite findet. Er drückt die kleine Taste und der Bildschirm erhellt sich, ein Gipfelkreuz kommt zum Vorschein, daneben ein Helikopter mit österreichischer Kennung, die Uhrzeit und das aktuelle Datum, aber weiter kommt er nicht, denn das Smartphone ist mit einer PIN gesichert, so dass er es jetzt erst einmal auf den Tisch legt und sich die anderen Dinge anschaut, die Hans zum Vorschein bringt. “Ich glaube ich habe was” sagt Hans und zieht eine schmale, kleine Geldbörse aus der Seitentasche des Rucksacks. Er öffnet diese und findet dort endlich das, was die beiden Männer die ganze Zeit über gesucht haben, Ausweispapiere. “Österreicherin” sagt Hans und dreht das Dokument, um den Namen der Frau lesen zu können. Plötzlich jedoch verstummt er. Er schaut zu Martin, dann über seine Schulter zu seiner Mutter, die ihren Sohn nur kopfschüttelnd anschaut und fragt “Hans, was ist?” Dieser drückt Martin den Ausweis in die Hand, der nun ebenfalls den Namen anstarrt und kräftig schluckt. “Was ist denn los?” fragt die Mutter der beiden Männer nun noch einmal und Martin schüttelt nur ungläubig mit dem Kopf “Das kann doch nicht sein? Hans, wie ist das möglich?” fragt er seinen Bruder, dieser aber zuckt nur mit den Schultern und Martin liest jetzt leise den Namen vor, der auf dem Ausweis steht “Johanna Maria Stadler” sein Herz setzt für einen Moment aus und endlich weiß er woher er diese unverkennbaren Augen kennt und wieso ihm diese Frau vorhin im Krankenhaus so verdammt bekannt vorgekommen ist. “Hanna?” fragt Lisbeth ungläubig und macht ein paar Schritte auf ihre Söhne zu, um Martin den Ausweis aus der Hand zu nehmen. “Johanna…” sagt Lisbeth nur und schaut Martin an, der tief Luft holt und sich erst einmal setzen muss. “Die Frau von der du vorhin gesprochen hast, die ihr aus dem Berg geholt habt, das ist Hanna?” fragt Lisbeth und Hans holt aus der Geldbörse jetzt einen weiteren Ausweis “Sie ist Ärztin” stellt er fest und legt die Plastikkarte nun ebenfalls auf den Tisch, gibt sich aber mit seiner Suche noch nicht zufrieden, denn er hofft irgendwo eine Telefonnummer zu finden, die sie für den Notfall angegeben hat. So etwas findet er allerdings nicht, stattdessen findet er aber einen Parkausweis eines Berliner Krankenhauses und zwei alte Fotos, die ziemlich zerknittert aussehen. Ein Lächeln breitet sich auf seinen Lippen aus, denn eines der Bilder kennt er nur zu gut, es ist bestimmt 30 Jahre alt und es zeigt Martin, Hanna, Sonja und ihn, wie sie zusammen auf einem Anhänger voller Stroh sitzen und breit in die Linse der Kamera grinsen. Lisbeth nimmt dieses Bild nun auch an sich und atmet tief ein “Wir sollten Anton Bescheid geben, meint’s ihr nicht? Mei ist das lang her” und begutachtet nun auch das andere Foto, auf dem Anton und Hanna zu sehen sind. Martin schüttelt den Kopf “Nein, damit sollten wir noch warten. Hanna kann sich an nichts mehr erinnern, es wäre nicht gut, wenn Anton jetzt im Krankenhaus auftaucht.” Die drei werden von Lilli unterbrochen, die die Stube nun ebenfalls betritt “Hier seid’s ihr alle, das Essen ist fertig, es hat geklingelt, habt’s ihr das denn nicht gehört?” fragt sie und bemerkt erst jetzt, dass eine eigenartige Stimmung in der Stube herrscht “Ist alles in Ordnung?” fragt sie deshalb “Ihr schaut so komisch” stellt sie fest und ihre Neugierde ist geweckt. Weder Hans oder Martin, noch ihre Oma geben ihr allerdings eine Antwort und deshalb schaut Lilli Lisbeth jetzt über die Schulter, die noch immer die alten Fotos in Händen hält, welches Hans aus der Geldbörse von Hanna gezogen hat. “Das seid’s ihr, oder?” fragt sie und schaut zu Hans und Martin “Und das ist die Mama, oder?” ihre Stimme klingt dabei um einiges zerbrechlicher und mit Schmerz erfüllt. Hans nickt und sagt mit erstickter Stimme “Ja, das ist die Mama” aber Lillis Neugierde ist damit noch längst nicht gestillt, sie deutet auf das Mädchen zwischen ihrer Mama und Martin “Und das? Wer ist das Mädchen?” Lisbeth schaut zu ihren sprachlosen Söhnen und antwortet “Das ist die Hanna, sie war mit dem Hans in einer Klasse und…” Lisbeth bricht ihren Satz ab und Lilli kombiniert blitzschnell “Ist das etwa die Frau, von der du vorhin gesprochen hast Martin?” fragt sie ihren Vater, der jetzt seine Sprache wiedergefunden hat “Ich muss telefonieren” erklärt er und bleibt Lilli eine Antwort schuldig, um die Stube mit seinem Handy in der Hand zu verlassen und die Klinik anzurufen, damit aus Martha Musterfrau Johanna Maria Stadler wird. Er geht hinunter zur Terrasse und setzt sich dort auf den Rand der Holzbohlen, noch immer fassungslos über die Tatsache wen die Bergrettung, Hans und er, vor wenigen Stunden aus dem Berg gerettet haben. Er wird allerdings aus seinen Gedanken gerissen als seine Mutter nach ihm ruft, denn mittlerweile ist der Tisch eingedeckt und das Essen serviert. “Martin? Das Essen ist fertig, kommst du?” fragt seine Mutter und er nickt. Etwas träge steht er auf und macht sich langsam auf den Weg nach oben und zurück zu seiner Familie. Hunger hat er jetzt eigentlich überhaupt keinen mehr, aber er will seine Mutter nicht enttäuschen und vor allem will er gerade jetzt die Zeit mit seiner Familie ganz besonders genießen.

“Diese Frau…” fängt Lilli beim Essen wieder an und schaut erst zu Martin, dann zu Hans “Was ist mit ihr?”, aber Martin weicht ihrer Frage aus “Lilli, du weißt ganz genau, dass das unter meine ärztliche Schweigepflicht fällt.” Lilli verdreht die Augen “Ach echt, aber Oma darf es wissen oder was?” und sie schaut Martin jetzt sehr sauer an. Lisbeth ist jetzt diejenige, die versucht die angespannte Stimmung wieder aufzulockern und wechselt deshalb das Thema “Bitte nicht hier am Tisch” und deutet dabei auf Sophia, die neben Hans sitzt und schon ganz große Augen macht “Streitet ihr?” fragt sie jetzt und ihr Vater antwortet “Nein Sophia, der Martin und die Lilli streiten nicht, oder?” aber keiner der beiden reagiert. Erst als Lisbeth sich räuspert und ihnen beiden einen sehr ernsten Blick zuwirft sagen Lilli und Martin fast gleichzeitig “Nein, wir streiten nicht.” Lisbeth versucht jetzt die Stimmung etwas aufzulockern und wechselt deshalb das Thema “Bleibt es eigentlich dabei, dass wir am Samstag grillen?” sagt sie zu ihrem jüngsten Sohn und er nickt “Ja, dabei bleibt es. Du sollst dich bitte noch einmal bei Susanne melden, damit ihr euch bezüglich der Salate absprechen könnt.” Seine Mutter nickt “Gut, dann werde ich morgen mit ihr sprechen, wenn ich ihr das Gemüse bringe und…” sie stockt, weil Martin aufsteht und seinen Teller in die Spüle stellt “Martin, du hast doch noch gar nicht richtig gegessen” sagt Lisbeth, aber ihr Sohn antwortet nur “Ich habe keinen Hunger mehr Mama, danke. Ihr entschuldigt mich?” fragt er und Lisbeth nickt, weil sie genau weiß, was jetzt in ihrem Sohn vorgeht. Wortlos verlässt Martin daraufhin die Küche, er geht die Treppe hoch in sein Zimmer, schließt die Tür und setzt sich auf sein Bett, steht dann aber nach wenigen Sekunden doch noch einmal auf und holt aus seiner Kommode eine kleine, alte Schachtel, in der sich Fotos von früher befinden, die er schon seit Jahren dort verstaut hat und ebenso lange nicht mehr angeschaut hat. Er kramt einen Moment zwischen den Bildern und findet dann genau das, was er gesucht hat.



“Was ist mit Onkel Martin?” fragt Sophie “Schmeckt ihm etwa das Essen nicht?” und auch Lilli kann ihrem Vater nur noch verwirrt hinterher schauen. Hans schaut zu Sophia und erklärt ihr “Martin ist einfach nur müde. Weißt du Schatz, wir hatten heute einen sehr anstrengenden Tag”. Sophia nickt und gähnt und ihre Oma stellt fest “Offenbar bist du auch schon wieder müde. Es wird langsam Zeit ins Bett zu gehen” und ohne zu meckern steht die Kleine jetzt auf und bringt ihren Teller ebenso wie Martin weg, sie ist allerdings zu klein und kommt nicht an die Arbeitsplatte heran, weshalb nun auch Hans aufsteht und seiner Tochter hilft “Sagst du der Oma und der Lilli noch gute Nacht?” fragt Hans und Sophia klettert auf den Schoß ihrer Oma und drückt sich ganz fest an sie “Gute Nacht Oma” und sagt dann ebenso Lilli gute Nacht, um dann gemeinsam mit Hans nach oben zu gehen. “Was ist mit Martin?” fragt Lilli nun ebenfalls und Lisbeth hält es für besser ihrer Enkeltochter wenigstens ein bisschen der Wahrheit zu erzählen “Weißt du, das ist gerade nicht so einfach für Martin. Diese Frau und er… sie kannten sich früher sehr gut und sie haben sich sehr lange nicht mehr gesehen. Kurz bevor er aus den USA zurückgekehrt ist, da ist sie von hier weggegangen, einfach so und…” sie bricht mitten im Satz ab und Lilli hält es für besser erst einmal keine weiteren Fragen zu dieser Frau zu stellen, da sie das Gefühl hat, dass noch sehr viel mehr dahinter steckt als nur die Freundschaft mehrerer Kinder. Lisbeth steht nun auf und fängt an den Tisch abzuräumen “Warte Oma, ich helfe dir” sagt Lilli und steht nun ebenfalls auf.

Einige Minuten später betritt Hans wieder die Küche “Schläft Sophia etwa schon?” fragt Lisbeth und ihr Sohn nickt “Sie ist nach zwei Sätzen eingeschlafen, ich glaube der Tag heute war ziemlich aufregend für sie” und er setzt sich an den Tisch, greift nach seinem Glas und starrt es in seiner Hand einen Moment lang an. Auch ihn scheint etwas zu beschäftigen, er steht kurz darauf wieder auf, geht in die Stube und räumt dort die Sachen von Hanna zurück in ihren Rucksack, damit Martin diesen am nächsten Tag mit in die Klinik nehmen kann.


Während Lilli noch einmal in den Stall gegangen ist, geht Lisbeth zu ihrem Sohn in die Stube, der auf einem der Stühle sitzt und in seiner Hand das Foto hält, auf dem sein Bruder, seine verstorbene Ehefrau, Hanna und er zu sehen sind. Er ist tief in seinen Gedanken versunken und merkt deshalb nicht, dass seine Mutter schon eine ganze Zeit in der Stube steht und ihn beobachtet. Erst als sie ihre Hand auf seine legt und sich neben ihn setzt schaut er auf und ist wieder in der Realität angekommen. “Hans, worüber denkst du nach?” fragt sie ihren Sohn und er schaut sie mit Tränen in den Augen an “Ich musste gerade nur an Sonja denken. Weißt du, ich habe schon sehr lange nicht mehr an sie gedacht.” Liebevoll streicht Lisbeth ihrem Sohn über den Arm, hält es aber für besser nichts zu sagen “Weißt du eigentlich, wieso Hanna damals Hals über Kopf hier weg ist?” fragt Hans irgendwann, aber seine Mutter kann nur mit dem Kopf schüttelt “Nein, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Hanna ein paar Tage weg war, woraufhin ihr damaliger Freund alle seine Sachen gepackt hat und von hier weg ist. Kurz darauf ist dann auch Hanna gegangen. Aber hat dir der Anton nie gesagt wieso? Ihr seid doch zusammen bei der Bergrettung” Hans nickt und legt nun das Foto zurück in Hannas Geldbörse und diese in die Seitentasche des Rucksacks “Nein, Anton wollte nie über Hanna reden und schon gar nicht über das, was damals passiert ist und wo Hanna war oder über das, was danach passiert ist. Ich hatte keine Ahnung wo sie hin ist und was sie in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Ich habe es all die Jahre einfach so hingenommen."


Mittlerweile ist Ruhe auf dem Gruberhof eingekehrt und Lilli ist ebenso wie Martin in ihrem Zimmern verschwunden und liegt vermutlich schon in ihrem Betten, anders jedoch als Lisbeth. Sie steht sichtlich hin- und hergerissen vor der Zimmertür ihres ältesten Sohnes und hat schon die Hand gehoben, um gegen die Tür zu klopfen, nimmt sie dann jedoch wieder herunter. Sie kämpft mit sich, klopft nun aber schließlich doch leise und sanft gegen das alte Holz der Tür. Sie lauscht einen Moment in die Stille hinein, aber sie erhält keine Antwort und öffnet daraufhin jetzt ganz leise die Tür und lugt durch einen kleinen Spalt hinein in das Zimmer ihres ältesten Sohnes. Martin aber liegt schon in seinem Bett, er hat es noch geschafft sich seine Schlafsachen anzuziehen, nicht jedoch sich ordentlich zuzudecken und genau das tut Lisbeth jetzt in ihrer fürsorglichen Art als Mutter, die sich um ihr Kind sorgt. Dabei findet sie neben ihm ein altes Foto, welches sie an sich nimmt. Sie begutachtet das Bild einen Augenblick im Schein der kleinen Nachttischlampe auf der Kommode. Auf dem Bild sind Martin und Hanna zu sehen, kurz bevor Martin nach New York gegangen ist, ein kurzes Lächeln huscht über ihr ansonsten besorgtes Gesicht und sie legt das Bild schließlich zurück auf den Nachttischschrank. Lisbeth schaut noch einmal zu ihrem Sohn, richtet die Bettdecke, schaltet dann das Licht aus und schleicht sich ebenso leise aus dem Zimmer wie sie es zuvor auch schon betreten hat und geht dann in ihr eigenes Zimmer, um sich wie alle anderen endlich auch schlafen zu legen.
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