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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
05.12.2021
104
163.040
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22.07.2021 4.192
 
Hans Gruber fährt mit seiner kleinen Tochter Sophia über die holprige Straße hinauf zum Gruberhof, den er seit dem Tod seines Vaters vor vielen Jahren mit seiner Mutter Lisbeth alleine bewirtschaftet, obwohl diese Aufgabe eigentlich sein älterer Bruder Martin hätte übernehmen sollen, wenn es nach dem Vater der beiden Brüder gegangen wäre. Aber Martin wollte kein Landwirt werden, er wollte immer schon Menschen helfen und war schon als kleiner Bub fasziniert von der Medizin gewesen, so dass er sich als junger Mann aus dem Staub gemacht hat und in die USA gegangen ist. Weit weg von Tirol, von den Bergen, dem elterlichen​ Bauernhof und vor allem weit weg von seiner Familie. Hans parkt gerade sein Auto auf der Schotterfläche vor dem Hof, als seine Mutter Lisbeth und ihre Enkeltochter Lilli aus dem Stall kommen. Er steigt aus und geht um das Auto herum, öffnet die Beifahrertür, um den Sicherheitsgurt seiner Tochter zu lösen und sie dann aus dem Auto zu heben. “Na ihr zwei, habt’s…” weiter kommt er jedoch nicht, denn sein Handy klingelt. Er stellt Sophia auf ihre Füße, die sofort in die offenen Arme ihrer Oma rennt und nimmt das Telefonat entgegen. Schwungvoll wirft er Lilli Sophias Rucksack entgegen, die diesen gerade noch fangen kann bevor er auf den Boden gefallen wäre und schmeißt die Beifahrertür zu. Eilig rennt er auf die Fahrerseite, setzt sich in sein Auto und sagt in den Hörer “Ich hole Martin ab, gib mir zehn Minuten” und legt dann das Handy auf die Seite. Aus dem offenen Fenster ruft er zu seiner Mutter “Einsatz Mama, wir sehen uns später” und winkt Sophia noch einmal, die ihrem Vater daraufhin ebenfalls zuwinkt "Tschüss Papa" ruft sie und Lisbeth atmet tief durch und winkt nun ebenfalls zusammen mit ihrer jüngsten Enkelin ihrem Sohn hinterher “Passt auf euch auf!” ruft sie Hans noch zu, auch wenn er das vermutlich schon gar nicht mehr hört.

Hans fährt sofort zur Praxis seines älteren Bruders Martin, der schon Bescheid weiß und gerade rechtzeitig umgezogen und mit kompletter Ausrüstung aus der Praxis geeilt kommt als Hans auf die Schotterfläche vor der Praxis fährt. Martin wirft seinen Rucksack auf die Ladefläche des blauen Fords und steigt schnell zu Hans ins Auto ein, der noch Sophias Kindersitz zur Seite schafft “Servus Hans, was haben wir?” fragt Martin leicht außer Atem und sein kleiner Bruder erklärt ihm die Sachlage “Servus Martin. Absturz am Eggersteig aus cirka 5 Meter Höhe, eine verletzte Person, ansprechbar. Der Mann soll auf einem kleinen Felsvorsprung in Sicherheit sein. Wir fliegen und schauen uns das Ganze erst einmal aus der Luft an, dann sehen wir weiter.” Martin nickt und nur fünf Minuten später sitzen die beiden Männer mit zwei ihrer Kollegen der Bergrettung im Hubschrauber und sind auf der Suche nach der genauen Absturzstelle, die der Anrufer leider nur sehr vage beschreiben konnte, da er keine genauen Ortskenntnisse hat und die Aufregung ihr übriges dazu beigetragen hat​ den Unfallort nicht genauer beschreiben zu können. “Da auf drei Uhr” sagt Hans nach einer Weile und schaut durch sein Fernglas “Aber da sind zwei Personen. Eine auf dem Vorsprung und eine weitere hängt im Seil, cirka 3 Meter unterhalb” stellt er fest und die Männer schauen sich besorgt an. Basti, der Pilot sagt “Ich kann etwas oberhalb der Kante landen, dann könnt ihr euch querfeldein durch das Gestrüpp schlagen, das sollte passen” und nur wenige Minuten später springen Hans, Martin und Franz aus dem Hubschrauber und laufen geduckt zu der Unfallstelle, wo ein Mann schon auf sie wartet, vermutlich derjenige, der den Notruf abgesetzt hat, dem offenbar zum Glück nichts passiert zu sein scheint. Schnellen Schrittes schlagen die Männer sich durch das Gestrüpp und erreichen dann den Mann, der auf dem Boden sitzt, die Hände vor das Gesicht geschlagen hat und der offenbar unter Schock steht, denn er zittert am ganzen Körper. “Gruber mein Name, haben Sie die Rettung gerufen?” fragt Hans, der als Erster den Mann erreicht. Er kniet sich neben ihm und legt eine Hand behutsam auf die Schulter des Fremden “Ja mein Freund… er… Sie müssen ihm helfen… die Frau, sie ist einfach… es ist meine Schuld… ich… die Kante…sie hat gesagt, ich soll da weg gehen... aber... ich wollte doch nicht...Paul, was ist mit ihm? Und die Frau... lebt sie noch?” stammelt er weiter. Martin schaut sich den Mann dennoch genauer an, er kniet sich nun ebenfalls nehmen ihn und nimmt seinen Kopf zwischen seine Hände “Sind Sie verletzt?” fragt er, aber er schüttelt mit dem Kopf “Nein, mir geht es gut. Paul, Sie müssen ihm helfen, bitte… und die Frau...” der Mann steht definitiv unter Schock, aber Martin kann jetzt erst einmal nichts für ihn tun, denn seine Hilfe wird viel dringender von den zwei Verletzten unter ihnen benötigt. “Wer ist die Frau?” fragt Hans, aber der Mann kann nur mit den Schultern zucken “Weiß ich nicht... ich war nur kurz weg… um Hilfe zu holen.... Hier oben... hier ist kein Handyempfang und... und als ich wieder kam... da war sie plötzlich da... hatte sich schon abgeseilt zu Paul.” Martin und Hans nehmen diese Tatsache erst einmal so hin, sie werden schon noch herausfinden wer die Frau ist, jetzt aber müssen sie schnell zu den zwei Verletzten absteigen und werden dabei von ihren beiden Kollegen der Bergrettung gesichert. Als sie auf dem Vorsprung ankommen geht es dem verletzten Mann relativ gut, er ist ansprechbar, die Schmerzen sind erträglich, der Arm ist bereits professionell erstversorgt worden, verbunden und geschient. “Die Frau, Sie müssen der Frau helfen. Sie hängt im Seil, bitte. Mir geht es gut, wirklich. Aber kümmern Sie sich zuerst um die Frau!” fleht der verletzte Bergsteiger die Männer der Bergrettung an. Martin beugt sich vorsichtig über die Kante “Hallo? Können Sie mich hören?” ruft er hinunter, aber er bekommt keine Antwort "Hans, ich gehe runter zu ihr" und macht sich deshalb ohne zu zögern an den weiteren Abstieg. “Ich brauche mehr Seil!” ruft er nach oben und tritt dann über die Kante, mehrfach stößt er sich mit den Beinen von der Wand ab, ruft immer wieder Anweisungen nach oben und schließlich “Stop!” als er auf gleicher Höhe mit der verletzten Frau ist. Sie ist bewusstlos, ihr Kopf liegt auf ihrer Brust, ihre Arme hängen schlaff neben ihrem Körper. Martin prüft als erstes ihren Puls und drückt zwei seiner Finger gegen ihre Halsschlagader, um gleichzeitig ihre Atmung zu überprüfen. Beides ist vorhanden, wenn auch etwas schwach, aber sie lebt und das ist erst einmal die Hauptsache. “Hallo, können sie mich hören?” fragt er und versucht dabei der Frau auf die Wangen zu schlagen, aber sie stöhnt nur auf und öffnet kurz ihre Augen. Auf den ersten Blick kann Martin keine größeren Verletzungen ausmachen, sie scheint sehr viel Glück gehabt zu haben, dennoch muss sie jetzt so schnell wie möglich aus dem Berg geholt und in ein Krankenhaus gebracht werden. Denn auch wenn sie außer Schürfwunden und Prellmarken keine gravierenden äußeren Verletzungen zu haben scheint, so kann sie schwerwiegende innere Blutungen im Bauchraum oder gar im Gehirn haben, die Martin ohne weiterführende Diagnostik nicht feststellen kann. Er greift zu seinem Funkgerät “Sie lebt, aber wir sollten keine Zeit verlieren. Erst die Frau, dann den Mann. Basti, kannst du uns mit der Winde holen?” fragt Martin und dieser antwortet “Kein Problem, eine meiner leichtesten Übungen” und er startet den Hubschrauber. “Martin, pass auf dich auf!” sagt sein Bruder durch das Funkgerät und kann jetzt nur zuschauen, wie Basti sich hoch über ihren Köpfen mit dem Hubschrauber platziert, Julian die Winde langsam herablässt. Martin steckt die Sicherungen um, so dass die verletzte Frau nicht mehr über ihr eigenes Seil gesichert ist, sondern über ihn, bekommt dann die Winde zu fassen, klinkt sich dort ein und die beiden werden nach oben gezogen, weg von der Wand und hoch in die Luft. “Martin, ich lande unten auf der Wiese beim Schochelmeier, okay?” fragt Basti seinen Kollegen und dieser antwortet “Ist gut!” während ihm der Wind jetzt ordentlich zusetzt. Zwei Minuten später hat Martin endlich wieder festen Boden unter den Füßen, ebenso wie seine Patientin, schnell löst er die Gurte und hört über Funk, wie Basti Entwarnung gibt “Martin und die Patientin sind sicher, ich bin auf der Wiese vom Schochelmeier gelandet, der wird morgen vermutlich wieder die Zentrale einrennen und alles kurz und klein schlagen wollen” sagt er mit einem triumphierenden Unterton. Es rauscht einen Moment in der Leitung, dann antwortet Hans “Gut, wir haben den Bergsteiger inzwischen oben. Wenn du Martin an der Klinik abgesetzt hast, dann kannst du uns hier abholen. Ich gehe noch mal nach unten, da hängt kurz unterhalb des Vorsprungs noch der Rucksack der Frau in der Wand. Vielleicht kann der noch hilfreich sein” woraufhin Basti funkt “Verstanden und Ende” und dann steigt er aus dem Hubschrauber und schaut zu Martin, der neben der Frau im Gras kniet und ihr mehrfach auf die Wangen schlägt. Julian rennt an ihm vorbei, den Erste-Hilfe-Rucksack geschultert und kniet sich direkt neben Martin. "Kann ich helfen?" ruft Basti und Julian antwortet "Wir brauchen die Vakuummatratze und die Trage, ich komme gleich und helfe dir" und Basti fängt schon an alles zusammenzupacken, damit es gleich schneller geht



“Hallo? Können Sie mich hören?” fragt mich jemand und ich öffne meine Augen, aber um mich herum ist alles verschwommen und ich kann nichts erkennen. Ich will etwas sagen, aber mehr als ein Brummen bekomme ich nicht zustande, ich kann mich an nichts erinnern und versuche deshalb aufzustehen. Offenbar liege ich im Gras, bin ich etwa eingeschlafen? Ich wollte doch nur eine kurze Pause machen, denke ich und hebe meinen Oberkörper an, werde aber direkt zurück ins Gras gedrückt. Mein Körper fühlt sich so schwer an und mein Kopf dröhnt, so als ob ich letzte Nacht zu tief ins Glas geschaut hätte. “Bleiben Sie bitte liegen. Sie sind verletzt” sagt eine tiefe, fremde Männerstimme zu mir und ich lasse mich tatsächlich wieder nach hinten fallen. “Haben Sie Schmerzen?” werde ich gefragt und verstehe nicht was das hier soll “Schmerzen?” frage ich deshalb noch einmal nach und beantworte dann erst die Frage “Der Kopf dröhnt und…” und dann versuche ich zu verstehen wo ich hier eigentlich bin. Doch ehe ich meine Augen überhaupt richtig öffnen kann, fallen sie mir einfach wieder zu. Ich bin müde und will einfach nur schlafen, denke ich und versuche die Schmerzen zu ignorieren. "Hallo, schauen Sie mich bitte an!" fordert der Mann mich erneut auf und als ich meine Augen öffne werde ich von einem grellen Licht geblendet und schließe sie deshalb schnell wieder. Verletzt hat der Mann gesagt, aber wieso bin ich verletzt, was ist hier passiert und wo bin ich? Noch einmal versuche ich einen Satz zu formulieren, aber das gelingt mir nicht richtig "Was ist passiert?" frage ich deshalb nur knapp und eine andere mir unbekannte Stimme antwortet "Sie hatten einen Kletterunfall als sie offenbar versucht haben einem anderen Bergsteiger in Not zu helfen" woraufhin ich versuche die Bilder in meinem Kopf abzurufen, aber da ist einfach nichts. Da ist rein gar nichts, nur das hier und jetzt. Ich öffne noch einmal meine Augen und sehe in das Gesicht eines Mannes, der mir bekannt vorkommt, aber ich weiß nicht woher ich ihn kenne und je länger ich versuche mich daran zu erinnern, desto schlimmer werden die Kopfschmerzen.



“Martin, was ist mit ihr?” fragt Basti und der Arzt erklärt “Sie hat offenbar eine Gehirnerschütterung und einige Prellmarke und Schürfwunden. Ehrlich gesagt bereitet es mir aber etwas Sorge, dass sie immer wieder so eintrübt. Wir sollten so schnell wie möglich mit ihr in die Klinik. Du und Julian, ihr könnt schon die Trage holen, ich kümmere mich derweil um die Wunden" gibt Martin Anweisung und seine Kollegen machen sich sofort auf den Weg. Als sie mit der Trage und der Vakuummatratze zurückkehren hat Martin die Patientin schon für den Transport vorbereitet und zu dritt betten sie die Verunfallte auf die Vakuummatratze und von dort auf die Trage, so dass sie nach wenigen Minuten fertig für den Abtransport sind. Schon während sie die Frau zum Hubschrauber bringen sehen sie von weitem eine große Staubwolke. “Ich glaube wir bekommen Besuch” sagt Basti und Martin schaut in seine Blickrichtung und nickt nur “Der Schochelmeier ist im Anmarsch, nichts wie weg hier!” sagt Basti und Martin springt in den Hubschrauber und zieht kräftig die Schiebetür zu. Basti springt ebenso auf den Pilotensitz, er setzt sich den Helm auf und fährt die Motoren hoch, schließt schnell seine Tür und genau in dem Moment wo der alte Schochelmeier mit seinem Wagen nur noch wenige Meter entfernt vom Hubschrauber ist, die Tür seines Autos aufreißt und wild schimpfend mit den Armen gestikuliert, hebt Basti ab und der griesgrämige Bauer kann sich nur noch schützend vor dem Staub den die Rotorblätter aufwirbeln in seinem Auto verstecken. “Dem haben wir es gezeigt!” sagt Basti grinsend und fliegt jetzt in Richtung Hall zum Krankenhaus.



“Martin mein einziger Freund, immer wenn du hier auftauchst gibt es Arbeit. Was hast du dieses Mal für mich? Halt!” sagt Alexander, der mit einer ganzen Schar an Krankenhauspersonal auf die verletzte Frau sowie Julian und ihn zustürmt “Lass mich raten. Eine junge Frau, die wegen dir vor ein Auto gelaufen ist?” fragt Alexander breit grinsend und Martin kann angesichts der ernsten Lage nur mit dem Kopf schütteln und antwortet genervt “Nein Alexander, eine junge Frau, cirka Ende 30, beim Klettern vom Steinschlag am Kopf getroffen worden als sie gerade einen Verletzten aus der Wand holen wollte.” Alexander blickt die Frau an, die mit geschlossenen Augen auf der Trage liegt, ihre braunen Haare sind zerzaust, das Gesicht von Kratzern und Schürfwunden gezeichnet, ebenso wie die Arme. Auf ihrer Schläfe klebt ein großes Pflaster, dessen Wundauflage sich rötlich braun verfärbt hat. Dennoch strahlt die Frau eine gewisse Attraktivität aus, die nicht von der Hand zu weisen ist. “Ist sie deine neue Kollegin?” fragt Alexander frech und Martin runzelt die Stirn “Wieso sollte sie?” fragt er, woraufhin Alexander erklärt “Na weil du gesagt hast, dass sie einen Verletzten aus der Wand holen wollte und da liegt es doch nahe, dass sie eine Kollegin ist.” Martin seufzt und kann nur den Kopf schütteln “Alexander, kannst du dich jetzt bitte auf unsere Arbeit konzentrieren und aufhören so einen Unsinn zu reden? Wir wissen nicht wer sie ist oder wie sie heißt, sie hatte keine Papiere bei sich. Aber mein Bruder wird sich darum kümmern und jetzt hör auf mit diesem Unsinn und mach einfach deine Arbeit!" herrscht Martin seinen Kollegen an und ist ziemlich genervt von seiner Art, vor allem aber von seinem dämlichen Grinsen. "Als wir am Unfallort angekommen sind war sie bewusstlos, dann ansprechbar, sie trübt allerdings immer wieder sehr stark ein, weshalb ich mindestens von einer schweren Gehirnerschütterung ausgehe, wenn nicht sogar von einem Schädelhirntrauma. Sie ist laut Zeugenaussagen cirka 3 bis 4 Meter von einem Felsvorsprung gesichert am Seil abgestürzt und vermutlich mit dem Kopf gegen den Felsen geschlagen. Ansonsten reagiert sie rechts thorakal auf Druckschmerz, das Abdomen ist jedoch weich und unauffällig. Die oberen Extremitäten waren ohne Befund und komplett schmerzfrei. Sie klagt über Schmerzen im rechten Bein, sieht nach Kniegelenkstrauma aus, inklusive einer Rissquetschverletzung und die Hüfte scheint auch ordentlich etwas abbekommen zu haben.” Alexander nickt und bringt seine Patientin nun direkt in den Schockraum “Okay, dann machen wir jetzt das volle Programm. Sonographie, großes Blutbild und ich will einen Neurologen hier haben und das Blocken des Computertomographen sowie des OP-Saals 2 nicht vergessen. Los, Beeilung, wir haben keine Zeit zu verlieren!”



Ich lausche einfach nur den Stimmen um mich herum und öffne ab und an meine Augen, die ich aber jedes Mal schnell wieder schließe, weil mich das Licht derart blendet und die Kopfschmerzen so nur noch schlimmer werden. Dass ich in einem Krankenhaus bin habe ich inzwischen verstanden, aber ich kann mich nicht daran erinnern was passiert ist, wie ich hierher gekommen bin und wo genau ich eigentlich bin. Die Leute kenne ich alle nicht, aber immer wieder vernehme ich einen eigenartigen Sprachklang unter den vielen Worten die gesprochen werden, der mir einerseits fremd und dennoch bekannt vorkommt. Ich öffne erneut meine Augen, aber nur weil mir schon wieder irgendjemand auf die Wange schlägt, dabei will ich doch einfach nur meine Ruhe haben. Aus den Augenwinkeln entdecke ich jetzt zwei Männer, offenbar ist einer der beiden ein Arzt, denn er trägt unter einer grünen schweren Schürze eine weiße Hose, während der andere Mann eine rote Jacke und Jeans trägt. “Hallo?” fragt mich eine Frau, die sich zwischen mir und die Männer drängt “Wie heißen Sie?” fragt sie mich weiter und ich denke einen Moment nach, habe aber keine Ahnung wie ich heiße, geschweige denn wer ich bin. Verwirrt schaue ich an der Frau vorbei zu den Männern, die nun ihren Blick vom Bildschirm lösen und mich anschauen. Der Mann mit der roten Jacke sagt “Gruber mein Name. Können Sie sich daran erinnern was passiert ist?” ich schaue ihn einen Moment an, so als würde ich irgendwo in seinem Gesicht die Antwort auf seine Frage ablesen können. Aber da erscheint keine Antwort und auch in meinem Kopf finde ich keine Antwort auf seine Frage. Gerne würde ich jetzt mit dem Kopf schütteln, aber der Stifneck lässt das nicht zu, weshalb ich leise und unsicher antworte “Nein.” Dieser Gruber nickt nur und fragt “Was ist denn heute für ein Tag?” aber auch diese Frage kann ich nicht beantworten und rate deshalb einfach “Montag?" frage ich ebenso unsicher und anhand der Blicke, die die Männer sich jetzt zuwerfen erkenne ich sofort, dass ich damit gehörig falsch liege und in mir steigt Panik auf “Was ist das? Wieso kann ich mich an nichts erinnern?” frage ich aufgebracht und will einfach nur noch weg von hier. “Beruhigen Sie sich bitte, das kann eine ganz harmlose Erklärung haben, aber ebendieser Ursache müssen wir jetzt auf den Grund gehen. Aber Sie müssen versuchen ruhig zu bleiben, wir werden herausfinden was Ihnen fehlt und Ihnen helfen. Es wird alles wieder gut” sagt dieser Herr Gruber zu mir. Wie soll ich mich denn beruhigen, wenn ich mich an nichts erinnern kann, wenn ich nicht weiß wer ich bin und wo ich bin? Ich kann mich jetzt nicht so einfach beruhigen und ich will mich eigentlich auch nicht beruhigen, merke aber sehr schnell, dass ich überhaupt keine Kraft habe, um mich aufzuregen, außerdem fängt mein Kopf sofort wieder an zu dröhnen, so dass ich mich jetzt meinem Schicksal ergebe meine Augen für einen Moment schließe und spüre wie mein Puls immer ruhiger wird. Kurz darauf öffne ich allerdings wieder meine Augen, weil ich den Blick von diesem Gruber auf mir spüre, er lächelt mich an und nimmt meine Hand “Drücken Sie bitte so fest zu, wie Sie können” fordert er mich auf und nimmt nun auch meine andere Hand in seine. Ich versuche es, habe aber nicht das Gefühl, dass es ein besonders kräftiger Händedruck ist, trotzdem lächelt Herr Gruber mich weiter an, aber der kritische Blick, dem er seinen Kollegen zuwirft, der entgeht mir dennoch nicht und er fordert mich nun auf mit meinen Zehen zu wackeln, was mir allerdings noch sehr viel weniger gelingt, weil ich höllische Schmerzen in meinem gesamten rechten Bein habe. Herr Gruber schaut von mir zu einer der Schwestern, die mit irgendeiner Ampulle und Spritze hantiert und sagt dann ruhig zu mir “Es wird alles wieder gut, wir helfen Ihnen und kümmern uns um Sie, versprochen. Sie brauchen keine Angst zu haben und jetzt schließen Sie wieder die Augen und versuchen ein bisschen zu schlafen, okay?” ich schaue den Mann an, dann wieder zu der Schwester und schon wieder drohen mir meine Augen zuzufallen, aber plötzlich fällt mir etwas ein, dass ich noch unbedingt sagen muss, bevor ich wieder drohe einzuschlafen und mit letzter Kraft murmel ich “Comotio cerebri” und weiß ehrlich gesagt selber gar nicht genau, was ich da gerade gesagt habe, geschweige denn was genau das ist und wo ich das hergenommen habe.



Die Ärzte schauen sich verwirrt an und Alexander wiederholt mit gerümpfter Nase und in Falten gelegter Stirn “Commotio cerebri? Martin, aber woher?” sein Kollege kann aber nur mit den Schultern zucken und ist ebenso verwirrt “Alexander, ich weiß es nicht. Vielleicht aber ist sie wirklich eine Kollegin?” Alexander nickt “Wir sollten keine Zeit mehr verlieren, ab mit ihr zur CT-Untersuchung und wo ist überhaupt der diensthabende Neurologe?” Die Schwestern handeln sofort und bringen die Patientin in das Nebenzimmer “Der Neurologe ist noch auf der Intensivstation​, kommt aber sofort runter, wenn er dort fertig ist” ruft ein Pfleger durch den Raum mit dem Telefonhörer am Ohr. Während die unbekannte Frau, im System momentan als Martha Mustermann geführt, in den Computertomographen geschoben wird und ihr Körper einmal komplett durchleuchtet wird, stehen Martin und Alexander im Nebenraum und begutachten die Bilder, die der Scan produziert. “Außer einem wirklich sehr, sehr kleinem Hämatom hier, kann ich keine weiteren gravierenden Verletzungen des Gehirns erkennen” sagt Alexander und umkreist mit der Kugelschreiberspitze eine kleine Stelle subdural gelegen. Martin nickt “Sie hat offenbar großes Glück gehabt, das hätte weitaus schlimmer enden können. Der Helm hat ihr vermutlich das Leben gerettet. Trotzdem bereitet mir ihre Amnesie Sorgen. Aber schauen wir uns erst einmal noch die restlichen Aufnahmen an.” Alexander schaut weiter auf den Bildschirm "Mh, operieren wir?" fragt er und freut sich innerlich schon auf eine komplexe chirurgische Maßnahme, wird aber von Martin gebremst "Nein, ich habe in New York die Erfahrung gemacht, dass bei der Größe des Hämatoms keine Operation von Nöten ist. Lediglich die intensive Überwachung der Patienten und die CT-Kontrolle nach zwei Tagen sind erforderlich. Sollte es im Verlauf größer werden, dann können wir immer noch operieren" Alexander schaut seinen Kollegen kritisch an "Bist du dir da sicher Martin?" und dieser seufzt "Alexander, wenn du mir nicht glaubst, dann frag mich doch erst gar nicht! Und jetzt lass uns weiter die Bilder anschauen!" Alexander richtet sein Augenmerk wieder auf den Bildschirm und nach weiterer ausgiebiger Befundung stellen die beiden Ärzte außerdem noch eine Rippenprellung, ein Distorsionstrauma des rechten Sprunggelenkes und eine vermutlich ziemlich schmerzhafte Prellung einhergehend mit einer starken Schwellung des Kniegelenkes rechts und eine Prellung der rechten Schulter, zum Glück aber keine weiteren lebensgefährlichen Verletzungen fest, die eine sofortige operative Versorgung nach sich ziehen würden. “Wir werden sie erst einmal hier behalten, mir gefällt nicht, dass sie noch immer so schläfrig ist und sich vor allem an nichts erinnern kann. Ich möchte sie mindestens die nächsten 48 Stunden, viel lieber sogar 72 Stunden hier behalten” erklärt Martin seinem Kollegen, der ihm zunickt “Halte ich auch für sinnvoll. Vor allem aber brauchen wir jetzt endlich den Neurologen hier. Ich werde mal Druck machen, das kann ja nicht sein, dass wir hier einen Notfall haben und alle Neurologen ausgeflogen sind. Stell dir mal vor wir hätten hier plötzlich keine Chirurgen mehr. So geht das ja nicht” schimpft Alexander und geht zu den Schwestern, um ihnen mitzuteilen, dass Frau Mustermann stationär aufgenommen wird und ihre Wunden vorher ordentlich versorgt, gesäubert, teilweise genäht und verbunden werden müssen, weshalb sie wieder in den Schockraum gebracht wird.

Martin und Alexander schauen noch einmal nach der unbekannten Frau, als sie eine Stunde später endlich auf ihrem eigenen Zimmer auf der chirurgischen Station liegt. Da sie jetzt sehr viel Ruhe braucht und noch immer sehr durcheinander ist, wenn sie wach ist, hat Alexander dafür gesorgt, dass sie in einem Einzelzimmer untergebracht wird, außerdem kann sie so besser überwacht werden. Jetzt schläft die Frau wieder, nachdem sie in der Notaufnahme noch einmal kurz wach war und der Neurologe seine Untersuchungen durchgeführt hat. Die zwei Ärzte stehen am Bett ihrer Patientin und schauen sich die Blutwerte an, die aber allesamt unauffällig sind. Martin macht noch einen Schritt auf die Frau zu, er beobachtet ihre Vitalparameter einen Moment und deckt sie dann ordentlich mit der Bettdecke zu, da diese sich verschoben hat und deshalb ihr rechtes Bein unter der Decke hervorgeschaut hat. “Weißt du eigentlich inzwischen wie sie heißt?” fragt Alexander leise, um die Frau nicht aufzuwecken, aber Martin reagiert nicht sofort, da er über etwas anderes nachdenkt und sagt unbedacht “Irgendwie kommt mir diese Frau bekannt vor”, Alexander ist das natürlich nicht entgangen und er fragt dennoch vorsichtshalber noch einmal nach “Was sagst du?” Martin schreckt aus seinen Gedanken auf und schaut Alexander an “Den Namen der Frau? Nein, den wissen wir noch immer nicht. Hans ist noch dabei den Rucksack zu holen, aber sobald ich den Namen weiß, werde ich dir Bescheid geben.” Alexander nickt “Danke. Martin, ich muss wieder los” sagt er und blickt auf seine Armbanduhr “Vera wartet auf mich, wir wollen heute Abend noch ins Theater, weißt du.” Martin nickt “Geh nur, ich komme hier auch alleine klar. Viel Spaß euch beiden” und während Alexander das Zimmer seiner unbekannten Patientin verlässt, bleibt Martin noch einen Moment an ihrem Bett stehen, er beobachtet die Frau sehr genau und versucht sich daran zu erinnern, woher er die Unbekannte kennen könnte oder zumindest wo er sie schon einmal gesehen haben könnte.
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