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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
28.11.2021
103
161.970
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Dieses Kapitel
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21.07.2021 2.397
 
Ich werde am nächsten Morgen durch das Klingeln des Weckers aus dem Schlaf gerissen, aber ich hätte genauso gut auch die Nacht einfach durchmachen können. Ich habe einen unfassbaren Unsinn geträumt. Ereignisse von meiner Zeit früher hier in Tirol vermischt mit irgendwelchen komischen Zeugs, keine Ahnung was mein Kopf sich dabei gedacht hat und vor allem versucht hat zu verarbeiten. Ich fühle mich jedenfalls total müde und gerädert, überhaupt nicht ausgeschlafen und bin noch dazu ein bisschen durcheinander. Da hilft nur eine eiskalte Dusche, das hat sich in den letzten Jahren als bewährtes Mittel erwiesen, um nach harten Arbeitstagen wieder klar im Kopf zu werden und vor allem richtig wach zu werden. Den Traum versuche ich schnellstmöglich zu vergessen und gehe stattdessen noch einmal alles durch, was für meine Tour wichtig ist.

Nachdem ich mich dann fertig gemacht und umgezogen habe bereite ich mir ein kleines Frühstück zu und schmiere mir gleich noch zwei weitere Brote, stecke zwei Äpfel und eine Banane in meinen Rucksack und befülle meine Trinkflasche mit frischem Wasser aus dem kleinen Bach neben der Hütte. Anschließend suche ich im Bus meine Ausrüstung zusammen, packe den Rucksack ordentlich und verstaue alles in meinem Auto und fahre los. Spontan habe ich mich dazu entschlossen mit dem Auto die ersten Kilometer zu fahren, um mir so ein bisschen Weg einzusparen. Das Wetter könnte heute nicht besser sein und ich freue mich endlich wieder einen richtigen Berg besteigen zu können. Meine Wut über die Natur habe ich mittlerweile gut im Griff und ich mache den Berg schon lange nicht mehr dafür verantwortlich Schuld am Tod meiner Eltern und meiner kleinen Schwester zu sein, vielmehr war es ein Unglücksfall. Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, Sekunden haben über Leben und Tod entschieden. Aber das ist jetzt nicht das worüber ich nachdenken will, noch nicht. Ich will jetzt frei sein, das Adrenalin in meinem Körper spüren und vor allem will ich endlich wieder über der Welt stehen und auf die Menschen hinabschauen können.

Ich bin inzwischen schon drei Stunden unterwegs und mache jetzt die erste Pause, um die Aussicht zu genießen, ein paar Fotos für Vivi zu schießen, aber vor allem um mich für die nächste meiner Etappe zu stärken, die weitaus schwieriger sein wird. Zwei andere Bergsteiger gehen an mir in einiger Entfernung vorbei und ich beobachte sie eine Weile. Während der vordere offensichtlich keinerlei Probleme hat den schmalen Weg entlang zu laufen, scheint der hintere Bergsteiger etwas unsicherer zu sein und schaut immer wieder vorsichtig über die Kante hinunter in die Tiefe. Ein großer Fehler, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, vor allem wenn man Höhenangst hat und ich hoffe, dass die beiden Bergsteiger ihren Weg finden werden und wir uns vielleicht oben am Gipfel noch einmal wiedersehen werden, wenn sie ihren Aufstieg bei einem Bier gebührend feiern. Meine Gedanken schweifen allerdings ab, als ich meinen Blick wieder auf die andere Seite richte und dort den imposanten Berg begutachte. Früher war ich jeden Tag irgendwo im Berg, entweder bedingt durch meine Arbeit oder aber weil ich wieder einmal irgendwo auf einem Berg wandern oder mit Freunden klettern war. Ehrlich gesagt wird mir erst jetzt bewusst, wo ich wieder hier in Tirol bin, wie sehr ich das alles vermisst habe. Ich hoffe nur, dass ich nicht wieder mit mir selber brechen werde und wieder von hier flüchten werde, denn bisher habe ich mich meiner Vergangenheit noch nicht gestellt. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit für mich werden.

Mittlerweile bin ich schon wieder eine weitere Stunde unterwegs, nur der Berg und ich, ein paar Greifvögel, die über mir kreisen, meine Gedanken hingegen sind irgendwo verloren gegangen zwischen meinem Bruder, der Frage, ob er sich überhaupt über meinen Besuch freuen wird und wieso ich immer so stur sein muss und es mir so schwer fällt gewisse Dinge zu akzeptieren, wieso ich gerne den Kopf in den Sand stecke und im gleichen Atemzug mit dem Kopf durch die Wand will und der unbequemen Wahrheit so aus dem Weg gehe.

Ein markerschütternder Schrei durchbricht allerdings meine Gedanken und meine Konzentration, sofort schaue ich mich um, kann aber nicht ausmachen von wo genau dieser Schrei kam. Es ertönt ein weiterer Schrei, laute Stimmen verirren sich im Berg und ich laufe jetzt schneller, immer bedacht keinen Schritt ins Leere zu setzen und womöglich noch selber abzustürzen. Die Schreie kommen von weiter vorne aus der Wand, um weiterzukommen muss ich jetzt allerdings eine kleine Passage klettern, eigentlich sollte ich mich sichern, das weiß ich und würde ich im Normalfall auch machen, aber jetzt habe ich keine Zeit dazu. Ich suche mit den Fingern in der Wand nach den bestmöglichen Griffen, konzentriere mich auf jede meiner Bewegungen und nach rund fünf Metern habe ich es endlich geschafft und wieder halbwegs sicheren Boden unter den Füßen. Deshalb bedanke ich mich direkt bei meinem Schutzengel und schimpfe innerlich mit mir, denn diese Aktion hätte auch nach hinten losgehen können. Ist sie aber nicht, denke ich und richte mich auf, um weiter zu laufen. Kaum bin ich um die nächste Ecke gebogen, da erblicke ich auch schon das Übel. Einer der beiden Bergsteiger, die mich vor geraumer Zeit überholt haben ist abgestürzt, zum Glück nicht allzu tief, einem Felsvorsprung sei dank, aber er scheint starke Schmerzen zu haben, denn er windet sich am Boden des Felsvorsprunges hin und her und hält sich seinen offensichtlich stark schmerzenden Arm. Dieser Mann braucht auf der Stelle medizinische Hilfe. Ich zögere keine Sekunde, gehe schnellen Schrittes zu der Absturzstelle, setze meinen Rucksack ab und plötzlich sind alle Handgriffe wieder da. “Hallo, können sie mich hören? Ich komme jetzt zu Ihnen runter, bleiben sie ganz ruhig” rufe ich nach unten zu dem Mann und schaue über die Kante. Ich erhalte zwar keine Antwort, aber immerhin ein zaghaftes Kopfnicken. Ich muss nicht groß darüber nachdenken was ich tue, ich arbeite eine Checkliste in meinem Kopf ab, die ich irgendwann bei der Bergrettung gelernt habe, die ich im Schlaf aufsagen kann, notfalls auch rückwärts. Einzig und allein die Frage, wo der andere Bergsteiger ist beschäftigt mich einen Moment und ich hoffe, dass er losgelaufen ist um Hilfe zu holen, denn er wird einige Meter weiter nach unten laufen müssen, um dort Handyempfang zu haben. Zum Glück finde ich einen großen Felsen, in den ich einen Haken versenken kann und so mein Seil befestigen kann. Die Konstruktion ist nicht gerade sicher, aber sie muss reichen, etwas anderes habe ich jetzt nicht. Ich stelle mich ganz dicht​ an die Kante, nehme meinen Rucksack wieder auf, verschließe die Gurte und ziehe alles noch einmal ganz fest, ebenso überprüfe ich den Sitz meines Helmes und meiner Kletterausrüstung sowie des Seils. Als ich mir sicher bin, dass ich alles richtig und ordentlich angelegt habe gehe ich noch einen Schritt näher an die Kante heran. Der erste Schritt kostet immer am meisten Überwindung und setzt besonders viel Adrenalin in meinem Körper frei. Auch wenn ich das schon tausende Male gemacht habe, noch immer kribbelt es in meinem Körper und solche Rettungsaktionen sind nie ungefährlich und dürfen niemals in eine Art Routine übergehen, in der man schnell nachlässig wird und einen Handgriff vergisst, sich zu sicher fühlt und waghalsig agiert. Es ist meine Erfahrung und das Vertrauen in meine Fähigkeiten, die mich begleiten und mir so den richtigen Weg weisen. Um die Spannung ein wenig zu brechen habe ich es mir zum Ritual gemacht einmal tief durchzuatmen und so meine Konzentration noch einmal zu schärfen. Ich setze jetzt den rechten Fuß über die Kante und dann geht wieder alles wie von selbst. Langsam seile ich mich zu dem kleinen Felsvorsprung ab, auf dem der verletzte Bergsteiger liegt, das Seil gleitet dabei durch meine Finger und ich spüre trotz der Kleidung die schroffen Felsen auf meiner Haut und bin froh als ich den kleinen Felsvorsprung und somit den verletzten Bergsteiger endlich erreiche. Er schaut mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an und ich versuche ihn erst einmal zu beruhigen “Hallo, mein Name ist Hanna, keine Angst, ich bin Ärztin. Wie heißen Sie?” der Mann stöhnt auf und verzieht das Gesicht “Paul”. Ich lege meine Hand auf seine Schultern und versuche ihn zu beruhigen “Gut Paul, Sie müssen mir jetzt ein bisschen helfen. Wo tut es Ihnen weh? Der Unterarm und die Hand auf der rechten Seite, oder?” er nickt nur “Sonst noch irgendetwas, was ist mit den Beinen?” hake ich nach und mache einen kompletten Körpercheck, aber er schüttelt nur kurz den Kopf “Nein, nur der Arm, ist er gebrochen? Ja oder?” fragt er mich leicht panisch und ich nehme jetzt seine andere Hand zur Seite die er schützend über den lädierten Arm hält, um mir so besser ein Bild von dem verletzten Unterarm machen zu können. Die Fehlstellung im Handgelenk ist unübersehbar und auch beim vorsichtigen Abtasten bestätigt sich mein Verdacht “Ja, das Handgelenk ist definitiv gebrochen” er will seinen Blick nach unten richten, aber ich halte ihn davon ab “Das sollten Sie besser nicht tun. Aber keine Sorge, das bekommen die Ärzte im Krankenhaus wieder hin. Wo ist eigentlich ihr Begleiter?” frage ich, setze meinen Rucksack ab und öffne aus meinem kleinen Erste-Hilfe-Beutel, den ich immer dabei habe, sterile Kompressen und eine Wickel, um so die Schnittwunden in der Hohlhand bis zum Ring- und Mittelfinger zu versorgen, hoffentlich hat er sich bei der Tiefe der Wunden nicht noch zusätzlich Sehnen durchtrennt, denke ich und Paul antwortet “Der versucht Hilfe zu holen, wir haben hier keinen Handyempfang” und beißt die Zähne wieder zusammen, um so die Schmerzen etwas erträglicher zu machen. Ich nicke und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit, um keine Fehler zu machen oder dem jungen Mann unnötige Schmerzen zuzufügen. Mit Hilfe der kleinen rechteckigen, aber sehr stabilen Wanderkarte aus meinem Rucksack bastel ich mir jetzt eine Schiene, lege dort vorsichtig die Hand von Paul drauf ab und umwickel Hand und die Karte mit einem Verband, damit die Fraktur sich nicht noch weiter verschieben kann. Ich ziehe mein T-Shirt aus, zerreiße es und binde daraus nun eine Schlaufe, die ich Paul um den Hals lege, damit er seinen Arm dort hineinlegen kann. Denn bei seinem Sturz hat er sich offenbar auch die linke Schulter verletzt und am Ellenbogen eine Rissquetschwunde zugezogen, die ich nun ebenfalls mit sterilen Kompressen und einer Binde umwickel. “Hallo?” höre ich plötzlich von oben jemanden zu uns herunter rufen “Die Bergrettung ist unterwegs” schreit er und das beruhigt mich sehr, denn die Jungs wissen genau, wie sie den Verunfallten hier heile wieder nach oben bekommen und so muss ich mir keine Sorgen machen, dass wir womöglich noch längere Zeit hier auf dem kleinen und vor allem schmalen Felsvorsprung verbringen müssen. Ich atme tief durch und merke wie verdammt viel Spaß es mir macht den Menschen direkt vor Ort zu helfen, selber noch etwas dafür tun zu müssen und aktiv zu werden und nicht wie in den letzten Jahren mit dem Rettungswagen bis vor das Haus oder direkt an den Unfallort gefahren zu werden. Fliegen durfte ich in Berlin leider nur sehr selten, die Klinikleitung hielt es nicht für angemessen eine Frau als Notärztin durch die Luft fliegen zu lassen und so habe ich vielleicht gerade einmal 4 Wochen im gesamten Jahr mit der Hubschraubercrew fliegen dürfen und Berlin von oben bewundern dürfen. Diese Einsätze waren immer das Highlight für mich, denn wann immer ich als Notärztin unterwegs war, da konnte mir niemand in mein Handwerk pfuschen und ich konnte meine eigenen Entscheidungen treffen ohne mich gleich für mein Handeln vor meinem Oberarzt rechtfertigen zu müssen. Außerdem war das Leben auf der Basis noch einmal etwas komplett anderes und der Zusammenhalt innerhalb der Crew sehr groß. Das gefiel mir von Anfang an sehr gut und ich habe die Crew jedes Mal bewundert, war fasziniert wie sie ihr Zusammenleben gestaltet haben und dass ein jeder für den anderen da war. Ganz anders als in meinem Alltag in der Klinik, da hieß es immer friss oder stirb. Mehrfach habe ich versucht dauerhaft zur Hubschraubercrew zu wechseln und ich hätte sofort dort anfangen können, wenn es nach dem dortigen Leiter gegangen wäre. Leider ließ das die Klinik nicht zu.

“Geht's mit den Schmerzen?” frage ich Paul “Passt schon" und ich richte meinen Blick wieder nach oben, denn Pauls Begleiter ruft uns zu “Geht es euch da unten gut? Kann ich was machen?” und in seiner Stimme ist Panik und Verzweiflung zu hören. Ich rufe nach oben “Halten Sie nach dem Heli ausschau und weisen ihn ein, wir kommen hier klar” aber der Mann denkt nicht eine Sekunde über meine Worte nach und tritt noch etwas näher an die Kante, die sowieso schon sehr brüchig ist. Kleine Steine lösen sich und fallen auf uns herab, ich kann meinen Körper gerade noch schützend​ über den Verletzten werfen “Gehen Sie von der Kante weg!” rufe ich und spüre wie einzelne Steine schmerzhaft auf meine nackte Haut niederprasseln. Ich wage einen kurzen Blick nach oben, doch der Mann denkt gar nicht daran zurückzuweichen und wieder lösen sich kleine Steine “Sie sollen verdammt noch mal von der Kante weggehen! Sofort!” schreie ich jetzt noch einmal nach oben und spüre wie langsam aber sich Wut in mir aufsteigt. Der Mann denkt noch immer nicht daran von der Kante wegzugehen und ich hole gerade tief Luft, um noch einmal nach oben zu rufen, da löst sich plötzlich ein sehr großer Stein. Mein Körper schüttet sofort eine ganze Menge Adrenalin aus, ich springe auf die Seite, der Mann oben an der Felskante schafft es ebenfalls noch um haaresbreite nicht abzustürzen, Paul ziehe ich noch weiter an den Felsen heran, vor Schmerzen schreit er auf, aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen, andernfalls würde er ein weiteres Mal abstürzen. Mein Rucksack wird von einem weiteren Stein mitgerissen, ich presse mich dicht an die Felswand und über Paul, der sonst schutzlos dem Steinhagel ausgesetzt wäre. Plötzlich spüre ich nur noch einen kräftigen Schlag auf meinen Helm, ein dumpfer Hall, mein Blick trübt sich, ich wanke einen Schritt zur Seite, alles um mich herum dreht sich, ein weiterer Schritt zu Seite und plötzlich verliere ich jegliche Orientierung und den Halt unter den Füßen. Ich höre noch wie Paul irgendetwas ruft, aber da ist es schon zu spät, ich trete ins Nichts und pralle mit meinem gesamten Gewicht ungebremst gegen den schroffen Felsen und in der nächsten Sekunde ist um mich herum alles schwarz.
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