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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
28.11.2021
103
161.970
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10.08.2021 1.162
 
“Hanna?” höre ich dumpf meinen Namen und drehe mich einfach noch ein bisschen enger in meine warme Decke ein. “Hanna!” aber wer auch immer da vor mir steht, er lässt einfach nicht locker und deshalb öffne ich jetzt meine Augen und schaue verschlafen in Martins Gesicht, der seinen Oberkörper durch die halb geöffnete Schiebetür an der Seite steckt “Mama hat das Abendessen fertig, kommst du auch?” fragt er mich und ich schrecke sofort auf “Abendessen?” frage ich ihn und schaue auf meine Armbanduhr, um festzustellen, dass wir schon fast neunzehn Uhr haben. “Habe ich etwa den ganzen Nachmittag verschlafen?” frage ich erstaunt und reibe mir die Schläfe, weil ich viel zu schnell aufgestanden bin und mein Kopf jetzt schmerzt “Ja, ich hielt es für besser dich schlafen zu lassen. Mama ist übrigens nicht gerade begeistert, dass du hier im Bus schläfst” sagt er und sein Unterton verrät mir, dass er ebenso wenig begeistert über diese Tatsache ist. “Martin, wir hatten das doch bereits geklärt. Ich will nicht, dass du wegen mir in der Stube schlafen musst und außerdem schlafe ich sehr gerne in meinem Bus, dazu ist er ja auch da, das habe ich sowieso schon viel zu lange nicht mehr gemacht." Er grinst mich jetzt frech an “Du könntest ja auch einfach mit mir in meinem Bett schlafen” schlägt er vor. Ich greife kopfschüttelnd nach einem Kissen und werfe es auf ihn “Spinner!” stelle ich fest “Das ist wirklich eine ganz, ganz billige Anmache Herr Doktor Gruber!” und er drückt das Kissen jetzt fest vor seinen Bauch “Naja, ich dachte ich probiere es einfach mal” und ich sehe das Leuchten in seinen Augen und spüre wieder dieses verdammte Kribbeln in meinem Bauch. Hanna, lass die Finger von diesem Mann, ermahne ich mich. “Hanna?” fragt Martin mich jetzt sehr ernst und legt das Kissen auf die Seite “Tut mir Leid, das war blöd von mir” entschuldigt er sich für seinen flapsigen Kommentar und ich nicke “Schon vergessen, aber versuch das einfach nie wieder” und er kommt nun in den Bus und ich schaue ihn erwartungsvoll an “Darf ich… darf ich dich umarmen?” fragt er mich plötzlich sehr ernst und ich zucke mit den Schultern “Klar, wieso denn nicht?” frage ich zurück und kaum habe ich meinen Satz beendet, da hat er auch schon seine Arme um mich gelegt und drückt mich ganz fest an sich. “Ich dachte nur, dass dir das vielleicht zu viel Nähe ist, weil… naja, nachdem du…” ich genieße diese Umarmung sehr und wäre es nicht Martin, dann würde ich dies vermutlich niemals zulassen, es gibt nur wenige Männer, die ich so nah an mich heranlasse und denen ich blind vertraue und einer von diesen wenigen Männern in meinem Leben ist Martin. “Martin, wir sind Freunde, da musst du mich nicht um Erlaubnis fragen und du bist auch nicht mein Ex-Freund. Ja, wir waren so kurz davor… wir haben es uns damals nicht einfach gemacht, aber du bist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben, deine ganze Familie ist mir wichtig". Er lässt mich wieder los und schaut mich an “Das hast du jetzt aber schön gesagt. Weißt du…” fängt er an und schaut dabei auf meine Bettdecke, um so meinem Blick auszuweichen “Ich dachte einfach, du würdest komplett anders reagieren, wenn ich dir erzähle, dass Lilli meine Tochter ist und längst nicht so gelassen” sagt er jetzt sehr ehrlich zu mir und ich seufze "Martin, es tut schon weh zu wissen, dass du mit Sonja... und dann auch noch kurz bevor du von hier weg gegangen bist und wir eigentlich… ja, keine Ahnung, wir wussten doch damals selber nicht was jetzt zwischen uns war und was nicht und nachdem du mir die kalte Schulter gezeigt hast war die Sache für mich auch eigentlich schnell erledigt” wobei ich mir diese Worte selber nicht ganz abnehme, denn ich habe Martin damals noch sehr lange vermisst und ich glaube mittlerweile, dass ich ihn eigentlich noch immer sehr vermisse, auch wenn er jetzt hier direkt neben mir sitzt und mich im Arm hält. “Hanna, es war damals nicht meine Absicht mit Sonja im Bett zu landen, aber es ist passiert und jetzt müssen wir alle mit den Konsequenzen leben. Du kannst mir glauben, dass das auch jetzt nicht immer einfach ist und ich würde mir wirklich wünschen Lilli wäre Hans Tochter. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, die Konsequenzen meines Handelns muss ich  akzeptieren und wir müssen alle versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Obwohl die Wahrheit sehr weh getan hat, vor allem für Hans, so hatte sie auch etwas Gutes, denn nach dem Tod von Sonja war Lilli nicht alleine und ich glaube es war sehr hilfreich, dass sowohl Hans, als auch ich bei ihr waren." Martin lacht kurz auf “Und du kannst mir glauben, dass meine Tochter nicht selten versucht hat uns beide gegeneinander auszuspielen und das ist ihr auch oft genug geglückt. Du kennst ja den Hans, er ist in Sachen Erziehung eher etwas konservativ gestrickt”. Ich lache jetzt auch und kann mir bildlich vorstellen wie die kleine Lilli mit ihren Vätern zusammen am Küchentisch sitzt, mit ihnen diskutiert und die beiden Herren zwei völlig verschiedene Meinungen vertreten. “So Hanna und jetzt lassen wir die Vergangenheit erst einmal ruhen und gehen nach unten auf die Terrasse, sonst ist das Essen gleich kalt.”

Als wir an der Terrasse ankommen sitzt dort schon die gesamte Familie und wartet nur auf uns “Da seid’s ihr ja endlich, ich dachte schon ich müsste verhungern” erklärt Lilli und schaut uns dabei breit grinsend an, was ich jetzt nicht ganz nachvollziehen kann. “Ist gut jetzt Lilli” ermahnt Martin seine Tochter und setzt sich an den Tisch. Lisbeth hat sich auch heute wieder einmal sehr viel Mühe gegeben. Da steht eine große Schüssel mit Salat auf dem Tisch, frischer Käse und Erdbeeren aus dem eigenen Garten von Lisbeth sowie frische Milch und dazu Kartoffeln und Spiegeleier. “Lisbeth, das sieht ganz wunderbar aus” stelle ich fest und nehme direkt neben ihr Platz. “Geht es dir gut?” fragt sie mich und wir schöpfen alle unsere Teller voll “Danke Lisbeth, mir geht es sehr gut und bei so netter Gastfreundschaft, da kann ich ja nur schnell wieder genesen” erkläre ich ihr und sie lächelt mich an “Hanna, jetzt ist aber gut. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, du bist hier immer herzlich willkommen und das weißt du hoffentlich auch.”

Unser Gespräch entwickelt sich im Laufe des Abends in eine ganz andere Richtung und ich erfahre, was hier auf dem Hof alles in den letzten Jahren passiert ist und was sich hier im Dorf alles verändert hat. Wir sitzen noch ziemlich lange auf der Terrasse zusammen, aber irgendwann wird es mir frisch und ich bin auch müde, die anderen hingegen wollen noch eine Weile beisammen sitzen und so gehe ich erst ins Badezimmer und dann in meinen Bus, wo ich müde in mein Bett falle und direkt einschlafe.
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