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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
05.12.2021
104
163.040
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Als ich am nächsten Morgen aufwache und auf die Uhr schaue schrecke ich hoch, es ist schon fast Mittag, dabei wollte ich doch heute noch so viel erledigen. Mit einem Kopfschütteln stelle ich fest, dass ich noch meine Sachen vom Vortag anhabe und springe dann unter die eiskalte Dusche, denn warmes Wasser gibt es hier oben nicht, das müsste ich erst mit dem Wasserkocher erhitzen. Anschließend mache ich mich fertig, ziehe mir frische Anziehsachen an, setze mir meine Sonnenbrille auf und will schon fast das Haus verlassen, als mir wieder einfällt, dass ich Vivi gestern versprochen habe ein Foto zu schicken. Ich suche mein Handy und finde es schließlich auf der Küchenzeile, noch bis vor wenigen Stunden wäre es undenkbar für mich gewesen nicht zu wissen wo sich dieses verdammte Gerät befindet, denn durch die Arbeit in der Klinik musste ich 24 Stunden am Tag erreichbar sein. Inzwischen hat sich meine beste Freundin sogar gemeldet "Hallo Hanna, du glaubst gar nicht, was ich für einen verrückten Tag hinter mir habe. Wir haben jetzt 4:48 Uhr und ich lege mich jetzt für gut 1,5 Stunden auf's Ohr, um dann für die Frühbesprechung halbwegs fit zu sein. Hoffentlich bleibt es jetzt ruhig. Wenigstens bist du heile in Tirol angekommen. Genieß deine Freiheit und denk nicht so viel nach, wir telefonieren später. Liebe Grüße, Vivi" und genau jetzt bin ich absolut froh, dass ich mir derartige Dienste nicht mehr um die Ohren schlagen muss und vorerst wieder einen normalen Schlafrhythmus pflegen kann und darf. Vivi schicke ich jetzt erst einmal ein Selfie von mir, den Wilden Kaiser mit seinem strahlend blauen Himmel natürlich im Hintergrund platziert, mit einem lieben Gruß "Hier das versprochene Bild vom Wilden Kaiser. Pass bitte auf dich auf! Ich wünsche dir noch einen schönen Tag" und ich weiß sehr genau wie gemein das eigentlich gerade ist. Ich gehe zu meinem Auto, starte den Motor und fahre dann nach unten ins Tal, um dort ein paar Sachen im Supermarkt einzukaufen. Dort entdecke ich so viele Dinge, die es in Berlin nicht gibt und die ich schon so lange nicht mehr gegessen habe und so landen viel mehr Dinge in meinem Einkaufswagen als ich eigentlich vorhatte zu kaufen und die ich niemals alleine essen kann. Anschließend fahre ich zum Friedhof, dort war ich schon seit zehn Jahren nicht mehr und ich möchte das Grab meiner Eltern und meiner kleinen Schwester endlich wieder besuchen, ihnen nahe sein und mich so mit einem kleinen Teil meiner Vergangenheit auseinandersetzen, den ich jahrelang verdrängt habe. Als ich an der Kirche ankomme und mein Auto ganz in der Nähe parke bleibe ich erst einmal einen Moment im Auto sitzen und bin mir unschlüssig, ob ich wirklich aussteigen soll oder nicht. Im Rückspiegel beobachte ich immer wieder den Gasthof "Wilder Kaiser", den ich noch von früher sehr gut kenne und erblicke plötzlich eine Frau, die mir ebenfalls sehr bekannt vorkommt. Es ist Susanne, mit ihr war ich früher sehr gut befreundet, als ich jedoch nach Berlin gezogen bin habe ich sämtliche Kontakte nach Tirol abgebrochen und so ist auch unsere Freundschaft irgendwann eingeschlafen oder auch zerbrochen. Susanne dreht sich zur Tür um, aus der sie gerade selber herausgekommen ist und geht in die Knie, sie breitet ihre Arme aus und ein kleines Mädchen fällt ihr um den Hals. Sie hebt die Kleine hoch, schaut wieder zur Tür, aus der jetzt auch ein Mann kommt. Diesen Mann kenne ich nur zu gut, Hans Gruber, der jüngere der beiden Gruberbrüder. Ich spüre direkt wie sich mein Magen verkrampft und atme mehrmals tief ein und aus. Susanne trägt das kleine Mädchen bis zu einem blauen Auto, an dem Hans die Beifahrertür öffnet, sie gibt ihr einen Kuss und das Mädchen drückt sie noch einmal fest an sich. Susanne setzt das Mädchen nun in das Auto und während sie den beiden hinterher winkt, fährt Hans nun davon. Als die beiden außer Sichtweite sind geht Susanne wieder zurück in den Gasthof. Erst jetzt, als die Luft für mich rein ist, steige ich aus. Auf gar keinen Fall will ich irgendwem über den Weg laufen, den ich noch von früher kenne, ich will erst einmal in Ruhe ankommen und mich dann meinem Leben stellen. Ich vergewissere mich noch mehrfach, dass wirklich niemand mehr hier in der Nähe ist, den ich kenne und da ich besonders vorsichtig bin setze ich zur Sicherheit noch meine dünne Stoffmütze auf und hoffe, dass selbst wenn ich jetzt noch auf jemanden treffen sollte dieser mich nicht erkennen wird. Ich nehme die Blumen vom Beifahrersitz und mache mich dann hoch auf den Weg zur Kirche und zum Grab meiner Familie. So als ob ich nie weg gewesen wäre gehe ich ganz selbstverständlich die Stufen hinauf und die schmalen Wege entlang und bleibe dann vor dem Grab meiner Eltern und meiner Schwester stehen "Hallo Mama, hallo Papa, hallo kleiner Engel. Da staunt ihr nicht schlecht, was? Ich bin es wirklich, Hanna. Es tut mir Leid, dass ich euch so lange nicht besucht habe, aber jetzt bin ich wieder da und ich werde hoffentlich auch so schnell nicht wieder gehen, jedenfalls habe ich das nicht vor. Versprochen!" sage ich, richte dabei die Blumen und bleibe eine Weile still vor dem Grab stehen und lasse meinen Gedanken freien Lauf.
Wenige Minuten später verlassen ich den Friedhof wieder und fahre erst einmal hoch zur Hütte, aber kaum bin ich da und habe meine Sachen ausgeladen und in den Schränken verstaut, da überkommt mich plötzlich der Drang an den Hintersteinersee zu fahren und da es noch früh genug ist mache ich mich jetzt entgegen meiner eigentlichen Art sehr spontan zu sein, wieder auf den Weg und fahre die kurvigen Straßen hinauf zu eben jenem See, an den ich schon so viele Stunden verbracht habe.
Ich hatte vergessen wie schön es hier wirklich ist, wie idyllisch und vor allem wie ruhig, zumindest wenn keine Massen an Touristen hier sind. Früher war ich hier oft, fast jedes Wochenende, wenn ich wieder einmal Zeit für mich gebraucht habe, um Abstand zu gewinnen von dem ganzen Unikram und später war ich sogar mit meinem damaligen Freund sehr oft hier, um ungestört Zeit miteinander verbringen zu können. Langsam umrunde ich diesen herrlichen See, wo heute zum Glück fast niemand unterwegs ist. Ab und an bleibe ich stehen und beobachte das Spiegelbild der Berge und die Fische im Wasser, die Kühe auf der Wiese. Schmerzlich wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr mir das hier alles in den letzten Jahren gefehlt hat und ich könnte mich dafür verfluchen, dass ich damals einfach abgehauen bin. Aber damals wusste ich es noch nicht besser und ich hoffe, dass mir das nicht noch einmal passieren wird und nehme mir fest vor es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen. Ich setze mich auf eine Bank, hole mein Handy aus der Tasche und wähle aus der Kontaktliste die Nummer meiner besten Freundin. Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt abnehmen wird, aber plötzlich höre ich am anderen Ende der Leitung ihre Stimme "Hanna, wie geht es dir?" frag sie sofort und ich muss lächeln "Vivi, gut geht es mir, verdammt gut. Ich sitze hier am Hintersteinersee, lasse die Seele baumeln und schwelge ein wenig in alten Erinnerungen. Ach Vivi, es war definitiv die richtige Entscheidung Berlin zu verlassen und wieder hierher zurückzukehren. Aber jetzt zu dir, wie geht es dir? Hast du dich ein wenig vom Tag gestern erholen können?" ich höre einen langen Seufzer und ahne, dass Vivi alles andere als erholt ist. "Hanna, hier war wirklich die Hölle los und ich bin froh, dass ich jetzt erst einmal fünf freie Tage am Stück habe, so kann ich wenigstens Mona beim Umzug helfen. Das wird noch etwas werden, mir wird richtig etwas fehlen, wenn sie dann endgültig ausgezogen ist, ich vermisse meine Große ja jetzt schon." Ich schweife kurz mit meinen Gedanken ab und male mir aus, wie meine Zukunft ausgesehen hätte, werde aber von Vivi zurück auf den Boden der Tatsachen geholt "Hanna? Bist du noch da?" reißt sie mich aus meinen Gedanken und ich antworte "Ähm ja, entschuldige, ich war kurz abgelenkt. Ja, wenn Mona aus dem Haus ist, dann wird es erst einmal etwas ruhiger bei euch werden. Aber du hast ja noch Anika und vielleicht ziehen ja dann auch Bruno und Max zu euch" sage ich und grinse dabei breit. "Ach Hanna, ich bitte dich. Bruno wird niemals mit seinem Sohn zu uns ziehen, er würde seine Wohnung doch nicht aufgeben wollen, das weißt du genau" aber das lasse ich so nicht auf mir sitzen "Hast du ihn denn schon gefragt?" und weil meine beste Freundin mit ihrer Antwort zögert, weiß ich genau was Sache ist "Siehst du! Frag ihn einfach, mehr als nein sagen kann er nicht und vielleicht sagt er auch ja. Das wäre doch schön und ihr hättet doch genug Platz um auch mit vier Leuten dort zu wohnen, dein Haus ist groß genug." Aus dem Hintergrund höre ich Monas Stimme, die ein wenig aufgeregt nach ihrer Mutter ruft und Vivi sagt "Du Hanna, ich muss auflegen. Mona braucht meine Hilfe, sonst landet sie gleich noch in der Handchirurgie und ich fürchte dort gibt es jetzt keine gute Ärztin mehr, die mir schnell helfen kann" ich muss grinsen "Hanna, mach dir noch einen schönen Tag, schalte ab und genieß die Ruhe vor dem möglichen Sturm. Wir telefonieren später noch einmal" ich antworte "Passt bloß auf euch auf! Bis dann Vivi und richte den Kids liebe Grüße von mir aus" und dann beende ich das Telefonat. Ich bleibe noch einen Moment auf der Bank sitzen und genieße die Sonne, ehe ich mich wieder aufraffe und zurück zu meinem Auto gehe.
Als ich wieder zurück nach Ellmau fahre nehme ich extra einen kleinen Umweg in Kauf und fahre an der alten Arztpraxis von Roman Melchinger vorbei. Auch hier hat sich in den letzten Jahren augenscheinlich nicht sehr viel verändert, der grüne Mercedes steht noch immer vor der Tür, die Blumenpracht ziert den Balkon und ich denke kurz darüber nach dem Doktor einen Besuch abzustatten, verwerfe diesen Gedanken dann aber ganz schnell wieder, denn der Mann möchte sicherlich seinen wohlverdienten Ruhestand genießen, statt sich mit mir und meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen zu müssen, so dass ich weiter zur Hütte fahre. Früher oder später werde ich ihm schon noch über den Weg laufen, da bin ich mir ganz sicher. Als ich dann oben an der Hütte ankomme ist es schon später Nachmittag, ich setze mich mit meinem Laptop draußen auf die kleine Terrasse, schlage die Beine übereinander und lege sie auf der Brüstung ab mit dem Laptop auf meinen Oberschenkeln. Erfreut stelle ich fest, dass ich mich hier sogar ins Internet über meine mobilen Daten einwählen kann, die Leitung ist zwar nicht die schnellste und ich bin aus der Großstadt wirklich etwas anderes gewohnt, aber damit kann ich dennoch gut leben. Entschleunigung, genau deshalb bin ich hier. Da ich heute noch nicht wirklich etwas gegessen habe, außer den Müesliriegel, der noch seit der letzten Joggingrunde mit Vivi in meinem Handschuhfach lag, bereite ich mir zwei Spiegeleier zu und lege sie auf zwei leicht angebratene Toastscheiben, mein Lieblingsgericht aus meiner Studentenzeit. Damals musste es irgendwie immer schnell gehen, da gab es auch durchaus mal kalte Ravioli aus der Dose oder die bestellte Pizza vom Vorabend wurde im Backofen oder in der Mikrowelle noch einmal aufgewärmt. Alleine schon bei dem Gedanken daran laufen mir heute kalte Schauer den Rücken herunter, so etwas will ich wirklich nie mehr in meinem Leben essen müssen. Den Teller mit den Broten habe ich mit nach draußen genommen und genehmige mir heute ausnahmsweise ein kühles, frisches Bier, während ich am Laptop nach einer geeigneten Kletterroute für den nächsten Tag suche. In meinem Hinterkopf schwebt eigentlich eine Route am Schleierwasserfall, dort aber gab es vor geraumer Zeit einen großen Felssturz, die Wand ist instabil, die Schäden immens und die Gefahr noch nicht gebannt, weshalb nicht alle Routen freigegeben sind. Da kann ich also nicht klettern, so dass ich mich letztendlich für den Eggersteig, ein Klettersteig der durch seine schöne Aussicht im Internet angepriesen wird, wenn auch von hohem Schwierigkeitsgrad. Das aber stellt für mich kein Problem dar, habe ich die letzten Jahre sowieso jede freie Minute in der Kletterhalle und an Felsen verbracht und habe meine Fertigkeiten immer weiter trainiert. Bis ich vor zehn Jahren nach Berlin gegangen bin war ich erst recht jeden Tag im Berg, das hat meine Arbeit bei der Bergrettung mit sich gebracht und mein Vater hat mir damals als ich noch ein kleines Kind war sehr viel beigebracht was das Klettern betrifft, da macht mir so schnell keiner etwas vor. Bevor ich jetzt ins Bett gehe überprüfe ich noch schnell meine E-Mails, aber außer einer Nachricht von den Kanaren von einer befreundeten Ärztin, die auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet und mich regelmäßig mit tollen Bildern und wahnsinnig spannenden Geschichten rund um die Passagiere versorgt und einer E-Mail aus Berlin bezüglich der baldigen Veröffentlichung einer Studie, bei der ich entscheidend mitgewirkt habe sind die anderen nicht interessant und wichtig. Ich überfliege nur kurz die Absender und den Betreff und lösche sie dann alle unangesehen. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr räume ich meine Sachen alle zusammen und gehe dann in die Hütte, wenn ich morgen die Tour starten will, dann muss ich fit und ausgeschlafen sein. Ich mache mich fertig für das Bett, stelle den Wecker auf fünf Uhr und dann keine zwei Minuten nachdem ich mich ins Bett und in die Decke eingekuschelt habe bin ich auch schon eingeschlafen.
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