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Loslassen und Vertrauen

GeschichteAllgemein / P18 / Het
19.07.2021
16.10.2021
76
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19.07.2021 4.514
 
Ich packe hastig meine Sachen zusammen, Gott sei Dank habe ich noch nie viele Klamotten mein Eigen genannt und mich nur auf das Nötigste beschränkt, so dass ich nun mir alles Wichtige in einigen wenigen Umzugskartons und einer großen Sporttasche unterbekomme. Den Rest verstaue ich lose in meinem Auto und bin froh, dass ich mich damals nicht für einen dieser kleinen Stadtflitzer entschieden habe, so wie ihn hier sehr viele fahren, sondern mir einen alten VW Bus zugelegt habe, den ich nach und nach von innen ausgebaut habe, um damit kleinere Touren zu unternehmen. So bin ich oft während meiner Zeit hier in Berlin ans Meer gefahren, habe dort viel Zeit am Strand und im Wasser verbracht und hatte meine Wohnung quasi immer direkt dabei. Obwohl ich zugeben muss, dass dieses große Auto hier in Berlin eigentlich der komplett falsche fahrbare Untersatz ist. Schon oft genug bin ich mehrfach im Kreis gefahren, um einen Parkplatz zu finden. Einer der Gründe, wieso ich die meiste Zeit das Auto habe stehen lassen und mich viel lieber zu Fuß, mit dem Fahrrad oder der Bahn, die hier sowieso im Fünfminutentakt fährt durch die Stadt bewegt habe. Ein bisschen wehmütig gehe ich nun noch ein letztes Mal in meine Wohnung und schaue dort in jedes Zimmer, ob ich nicht doch noch irgendetwas vergessen habe. Ich habe hier wirklich tolle Menschen kennenlernen dürfen, habe sehr nette Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen gehabt, die zum Teil sehr gute Freunde geworden sind und auch sonst lief eigentlich alles so, wie es sich viele um mich herum wünschen würden. Es lief also eigentlich alles perfekt. Eigentlich und nur bis zu diesem einen Tag vor wenigen Wochen, an dem ich alles in Frage gestellt habe und gemerkt habe, dass das Leben hier in der Großstadt nicht das Leben ist, was ich wirklich leben möchte. Ich kann hier einfach nicht mehr ordentlich arbeiten. Ständig werde ich von Seiten der Krankenhausleitung darauf hingewiesen, dass die Fallzahlen erreicht werden müssen, die Liegedauer der Patienten nicht überschritten werden dürfen und Privatpatienten immer vorzuziehen sind. Ich kann das alles nicht mehr hören und mir hängt das absolut zum Hals heraus, ich will eine gute Ärztin sein, aber das geht nur, wenn ich mich zu hundert Prozent auf meine Arbeit und meine Patienten konzentrieren kann und nicht ständig dabei die mahnenden Worte der Krankenhausverwaltung im Ohr habe. Denen ist doch nur das Geld wichtig und nicht das Wohl der Patienten. Der ausschlaggebende Punkt allerdings war vor Monaten die Begegnung mit einer schwerkranken Frau. Sie war es, die mir die Augen geöffnet hat. In einem Gespräch mit ihr ist mir zum ersten Mal wirklich bewusst geworden, wieso ich mich niemals auf diese Stadt habe einlassen können, wieso ich hier bisher nicht richtig Fuß fassen konnte und dass ich mir die ganzen letzten Jahre selber etwas vorgemacht habe und versucht habe meine Vergangenheit zu verdrängen. Die Frau hat ihren Kampf gegen den Krebs leider vor wenigen Tagen verloren, so als ob sie mir meinen Weggang ein Stückchen leichter machen wollte. Ich habe sie und ihre Tochter auf den letzten schwierigen Metern begleiten dürfen, habe die Klinik fast fünf Tage lang nicht mehr verlassen und war an ihrer Seite, als sie für immer ihre Augen geschlossen hat. Vorher aber musste ich ihr noch versprechen, dass ich meinen Weg gehe, meinem Herzen folge, mich nicht mehr von meinem Chefarzt überreden lasse doch noch hier in Berlin zu bleiben und dass ich meinen Prinzipien in der Versorgung meiner Patienten treu bleibe. Gestern war die Beerdigung der jungen Frau, die gerade einmal fünf Jahre älter war als ich es bin und heute schon werde ich Berlin verlassen und mich auf den Weg in den Süden machen. Viel zu lange war ich schon nicht mehr dort und nachdem mir damals der Boden unter den Füßen ein weiteres Mal weggerissen worden ist, wollte ich nur noch weg von dort, alles hinter mich lassen und neu anfangen, die Vergangenheit vergessen und mich nie wieder mit ihr auseinandersetzen müssen. Anton hatte es nach dem Tod unserer Eltern und unserer Schwester geschafft mich zu überreden zu bleiben, aber nach dem zweiten Schicksalsschlag blieb für mich nur die Flucht nach vorne. Ich wollte nur noch weg aus den Bergen. Mit meinem Bruder habe ich die ganzen Jahre über zwar sehr regelmäßig telefoniert und wir haben uns auch Briefe und E-Mails geschrieben, aber gesehen haben wir uns in den letzten 10 Jahren kein einziges Mal. Durch meinen Beruf und auch seine Arbeit blieb uns beiden nicht die Zeit für größere Urlaube und die Entfernung hat es nicht einfacher für uns gemacht. Ich hatte damals wirklich Glück, dass ich so schnell eine neue Stelle gefunden habe und auch, dass ich mit einem befreundeten Kollegen zusammen nach Berlin gehen konnte, der mir in den ersten Monaten sehr viel Halt gegeben hat, weil hier einfach alles für mich neu und sehr fremd war. Der Kollege hat es aber selber nicht sehr lange in Berlin ausgehalten und lebt mittlerweile mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern in Norwegen. Er schreibt mir noch heute regelmäßig und schwärmt dabei immer von den guten Arbeitsbedingungen und der überaus guten medizinischen Versorgung, die er in Norwegen leisten kann. Und nun werde ich Berlin ebenso wieder verlassen, wie er und noch einen letzten Versuch starten endlich wieder Fuß in meiner alten Heimat zu fassen, vor allem aber zurück zu meinen Wurzeln zu kehren in der Hoffnung, dass meine Familie mich noch nicht vergessen hat. Mit meinem Bruder habe ich erst vor wenigen Tagen gesprochen, er hat mich eingeladen, es wird ein großes Fest auf seinem Hof geben und das möchte ich mir eigentlich nicht entgehen lassen. Bisher habe ich ihm noch keine Zusage gemacht und mich in Ausreden flüchten können, denn ich will ihn überraschen und sein Gesicht sehen, wenn ich plötzlich und unerwartet vor ihm stehe.

Ich ziehe die Wohnungstür hinter mir ins Schloss, die Wohnungsschlüssel fest in der Hand, so dass sich der Bart des Schlüssels schmerzhaft in meine Handinnenfläche bohrt und gehe die Stufen langsam hinunter. Aufgrund meiner eher überstürzten Abreise konnte ich meine Wohnung nicht mehr fristgerecht kündigen, aber ich habe dennoch eine sehr gute Lösung gefunden mit der auch meine jetzige Vermieterin mehr als zufrieden ist. Denn die Tochter meiner besten Freundin Vivian sucht schon sehr lange eine passende und vor allem bezahlbare Bleibe, da bot sich dieser Deal einfach an. Außerdem weiß ich so, dass meine Möbel in gute Hände gelangen und nicht einfach auf dem Sperrmüll landen und Vivian und ihre Tochter Mona sind froh, dass sie sich endlich nicht mehr mit dem Thema Wohnungssuche herumschlagen müssen und Mona nicht einmal neue Möbel kaufen muss. Meine Abreise ist nicht von langer Hand geplant, aber ich habe noch so viel Urlaub und Überstunden, die ich abbauen muss ehe mein Vertrag in 6 Wochen ausläuft und ich strebe keine Verlängerung dessen an. Dennoch habe ich alles so geregelt, dass ich nach den 6 Wochen nicht noch einmal hierher zurückkehren muss und jetzt bin ich ein freier Mensch. Nichts hält mich mehr hier in Berlin, ich muss nur noch ein allerletztes Mal die Klinik betreten und meine Sachen abgeben und dann kann ich dieses Kapitel schließen. Mein Büro habe ich gestern schon ausgeräumt und meinem leitenden Oberarzt sei Dank bin ich gestern auch noch zu einer verdammt noch einmal sehr schönen Abschiedsfeier gekommen.

Noch immer bohrt sich der Bart des Schlüssels in meine Handinnenfläche "Frau Stadler?" sagt jemand meinen Namen und ich drehe mich um und bleibe stehen "Ziehen Sie aus?" es ist meine Nachbarin, die ich kaum kenne, trotz dass ich hier mit ihr fast 8 Jahre Tür an Tür gewohnt habe. Ich gehe weiter und erkläre "Ja, ich ziehe aus" und lasse sie mit diesen Worten einfach stehen. Sie hat es die ganzen Jahre nicht für nötig gehalten mit mir zu reden, es hat sie nicht interessiert, wenn einige Mieter und ich nachts unsere Ruhe haben wollten und sie gebeten haben die Musik leiser zu drehen, dann hat sie stattdessen den Regler noch weiter aufgedreht. Mehrfach im Monat kam wegen ihr die Polizei, weil sie wieder einmal irgendeinen Typen aus einem zwielichtigen Etablissement abgeschleppt hat, der sich vermutlich schon so einiges zu Schulden kommen lassen hatte. Ich lasse die Haustür ins Schloss fallen, jetzt gibt es wohl kein zurück mehr und gehe auf den Bürgersteig, schaue mich noch einmal um und betrachte das Haus, in dem ich die letzten Jahre verbracht habe und so einiges miterleben durfte, was ich hätte eigentlich lieber nicht miterleben wollen. Befreit, aber dennoch mit einem komischen Gefühl in der Magengegend setze ich mich in mein Auto und schaue auf den kleinen Schutzengel, der seit neuestem an meinem Innenspiegel hängt. Es ist der Schutzengel, der noch bis vor wenigen Tagen die Frau beschützt hat, die ich als Ärztin verloren habe, die mir so sehr ans Herz gewachsen ist, dass ich auch eine Freundin verloren habe. Entgegen jeder Warnung ist sie zu meiner Freundin geworden, denn niemals sollte man Patientenfälle so nach an sich heranlassen und die Distanz verlieren, aber diese Frau war mit mir einfach auf einer Wellenlänge, sie hatte etwas Magisches an sich und sie hat es nach all den Jahren endlich geschafft mir die Augen zu öffnen, was dringend nötig war. Ich schiebe den Haustürschlüssel in meine Hosentasche und starte den Motor. Mein Weg führt mich jetzt erst einmal zum Krankenhaus, denn ich muss noch meine Schlüssel, meinen Mitarbeiterausweis und vor allem Vivi meine Wohnungsschlüssel geben, bevor ich dieser Stadt endgültig den Rücken kehren kann.


Als ich an der Klinik ankomme stehe ich wie so oft vor dem Problem, dass ich wieder einmal keinen Parkplatz finde. Nachdem ich jetzt schon zum dritten Mal über den Mitarbeiterparkplatz fahre und noch immer kein freier Platz in Aussicht ist fluche ich und mein Blick fällt auf den Teil des Parkplatzes, der eigentlich für die leitenden Oberärzte und Chefärzte vorgesehen ist. Ich entdecke dort noch einen freien Platz, der einzig freie weit und breit und es ist ausgerechnet der reservierte Parkplatz von dem mir so verhassten leitenden Oberarzt der gynäkologischen Abteilung. Ich denke einen Moment darüber nach und entscheide mich dann das Risiko einzugehen und parke meinen Wagen jetzt verbotenerweise auf ebendiesem Parkplatz des Oberarztes. So wie ich ihn kenne taucht er hier sowieso nicht vor zwölf Uhr auf und wir haben jetzt gerade einmal halb neun, bis er kommt werde ich schon längst auf der Autobahn sein und Berlin hinter mir gelassen haben.

Durch den Haupteingang betrete ich nun das Klinikgebäude und bin ehrlich gesagt so frei wie schon seit Monaten nicht mehr. Fast ununterbrochen nicke ich jemandem zu, sage "Hallo" oder "Guten Morgen" oder winke und ich muss dabei stets breit grinsen. Während die hier alle Sklaven ihrer selbst, vor allem aber der Klinikleitung sind, bin ich jetzt ein freier Mensch, kann schalten und walten wie ich will und muss mir hier von niemandem mehr etwas sagen lassen. Mein Weg führt mich jetzt direkt in die erste Etage zum Büro meiner allerbesten Freundin. Ich klopfe an die Milchglastür und höre von drinnen schon ein fröhliches "Morgen, komm rein Hanna" und das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Vivian zieht sich gerade ihren Arztkittel aus, sie scheint von der Intensivstation gekommen zu sein oder aus dem OP, denn sie hat unter dem Kittel noch ein grünes Oberteil an. Zur Begrüßung nehmen wir uns erst einmal fest in den Arm "Hallo Vivi" sage ich "bist du schon wieder fleißig, mh?" sie seufzt "Ja seit heute Morgen um zwei Uhr. Zwei Schockraumpatienten nacheinander, die beide in den OP mussten und ein Notfallpatient von Station, inklusive einer Reanimation auf der kardiologischen Intensiv. Das war eine Nacht sage ich dir und dabei wollte ich heute Morgen eigentlich mit Mona frühstücken, das kann ich jetzt vergessen." Ich verdrehe die Augen "Oh hör auf, die reinste Hölle die du da wieder durchmachen musstest. Aber was hälst du davon, wenn wir zwei Hübschen uns jetzt einen Kaffee genehmigen?" frage ich und Vivi ist einverstanden "Eine sehr gute Idee, den kann ich jetzt wirklich gebrauchen. Fahren wir hoch in die Cafeteria?" ich nicke "Na klar oder willst du etwa die scheußliche Plörre aus der Kantine trinken?" Vivi schüttelt ihren Kopf und wir fahren daraufhin mit dem Aufzug in die oberste Etage, bestellen uns einen Kaffee und setzen uns dann nach draußen auf die kleine Aussichtsterrasse von der aus man über Berlin blicken kann und vor allem kann man von hier aus die ankommenden und wegfliegenden Hubschrauber beobachten. "Geht es dir gut?" fragt Vivi, nachdem ich eine Weile einfach nur meinen Blick über das Klinikgelände habe schweifen lassen "Oder bereust du deine Entscheidung etwa?" Ich lache auf "Niemals Vivi, niemals!" ich hole jetzt aus meiner Hosentasche meine Wohnungsschlüssel hervor und übergebe sie an meine beste Freundin "Ich hoffe Mona hat sehr viel Freude an der Wohnung" sage ich und Vivi lässt die Schlüssel in ihrer Kitteltasche verschwinden. "Danke Hanna, das werde ich dir so schnell nicht vergessen. Du hast etwas gut bei mir!" und sie drückt mich fest an sich. Ich nehme sie ebenfalls fest in den Arm und schüttel mit dem Kopf und bin dankbar für unsere Freundschaft. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck von meinem Kaffee "Ach Vivi, jetzt hör aber auf!" sage ich zu meiner besten Freundin "Du musst mir unbedingt schreiben, wenn du in Tirol angekommen bist, ja?" ich nicke "Klar schreibe ich dir und du musst mich dann unbedingt mit Mona und Anika besuchen, wenn ich dort eine Wohnung gefunden habe." Vivi lacht "Das machen wir, ganz bestimmt sogar. Ich will unbedingt mal wieder in die Berge, zuletzt war ich da als ich studiert habe. Mensch Hanna, das ist eine Ewigkeit her" erzählt sie mir und ihr Telefon unterbricht unsere Unterhaltung. "Maierburg, ja. Verstehe. Ich bin schon auf dem Weg" antwortet sie und legt dann auf. Sie schaut mich seufzend an und ich frage "Notfall?" Vivi nickt "In zwanzig Minuten kommt der nächste Hubschrauber, Polytrauma nach Verkehrsunfall. Heute ist echt der Wurm drin." Ich lege meine Hand aufmunternd auf ihre Schulter "Ach Vivi, dieser Tag vergeht, glaub mir" und zusammen fahren wir jetzt wieder nach unten, aber statt in Richtung der Notaufnahme abzubiegen zieht Vivi mich in die andere Richtung, in die Ambulanz der schmerzmedizinischen und anästhesiologischen Abteilung "Was machst du?" frage ich irritiert und die Leute schauen uns schon komisch an, weil meine Freundin mich mehr hinter sich her schleift, als dass ich selber laufe, schließlich können sie ja nicht wissen, dass sie meine beste Freundin ist und es muss für Außenstehende schon sehr komisch aussehen, wie wir uns gerade über den Flur bewegen. "Warte ab!" erklärt sie mir nur und wir betreten jetzt das Büro von einer der Sekretärinnen. "Hallo" bringe ich nur hervor und Frau Brause lächelt mich wie immer an "Frau Doktor Maierbrug, Frau Doktor Stadler" sagt sie nickend und steht sofort auf, um etwas aus dem Schrank zu holen und es Vivian zu überreichen. Diese bedankt sich freundlich bei der Sekretärin und gibt dann die Papiertüte an mich weiter "Also Hanna, das haben wir für dich zusammengestellt, damit du auf der Fahrt nicht verhungerst" erklärt sie mir jetzt und ich luge in die Tüte hinein und muss lachen "Danke, das wäre aber nicht nötig gewesen" sage ich zu meiner besten Freundin, die aber nur mit dem Kopf schüttelt "Nicht mir danken, das war nur meine Idee, aber die liebe Frau Brause war so nett und hat das alles besorgt" so dass ich mich jetzt bei der Sekretärin ebenfalls bedanke. "Vielen Dank Frau Brause" sage ich und drücke Vivi die Tüte in die Hand und breite meine Arme aus, um die liebenswürdige Sekretärin ein letztes Mal in den Arm zu nehmen. "Frau Brause, solche Leuten wie Sie machen mir meinen Weggang hier wirklich schwer. Aber ich muss gestehen, dass es hier leider nur sehr wenige Menschen gibt, die so sind wie Sie. Das ist wirklich schade" stelle ich fest und sie gibt mir Recht "Ich werde Sie mit Ihrer lockeren und positiven Art auch sehr vermissen und kann das Kompliment nur so an Sie zurückgeben. Fahren Sie vorsichtig und kommen Sie gut in Ihrer Heimat an." Ich nicke "Danke, vielen Dank" und dann machen Vivi und ich uns wieder auf den Weg. Vor der Notaufnahme bleiben wir stehen, jetzt müssen wir uns wohl oder übel erst einmal voneinander verabschieden und ich hasse Verabschiedungen. Sofort steigen mir wieder Tränen in die Augen auf und ich bin mir für einen Moment überhaupt nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war, die ich getroffen habe. "Jetzt fang nur nicht an zu weinen" sagt Vivi und wischt sich nun ebenfalls einige Tränen aus den Augen "Nun los!" sage ich zu ihr und drücke sie noch ein letztes Mal an mich "Mach es gut Hanna, pass auf dich auf!" sagt sie zu mir und ich antworte "Du aber auch auf dich! Wir schreiben und viel Erfolg bei dem Polytrauma." Vivian nickt "Danke" und ich schaue ihr noch hinterher bis sie an der Tür zur Notaufnahme angekommen ist. Sie hält ihren Mitarbeiterausweis gegen das Lesegerät, woraufhin sich die Türen öffnen und winkt mir dann noch einmal zu. Ich hebe ebenfalls meine Hand und seufze, nachdem Vivi nun durch die Türen geht und ich sie nicht mehr sehen kann. Ich gehe jetzt zum Hausmeister, gebe dort alle meine Schlüssel und meinen Mitarbeiterausweis ab und auf dem Weg zu meinem Auto atme ich noch einmal tief durch und die stickige und verbrauchte Krankenhausluft ein. Hierher werde ich so schnell definitiv nicht mehr zurückkehren, da bin ich mir sicher, auch wenn einige Leute mir den Abschied sehr schwer machen, aber das ist nicht das Leben, was ich leben kann und will. Jetzt wartet ein neues Abenteuer auf mich. Es trennen mich gut 700 Kilometer von meinem Ziel, das sind wenn ich die Pausen mitrechne und den Stau einkalkuliere, beziehungsweise die vielen Baustellen, mit Sicherheit sieben bis acht Stunden Fahrzeit. Ich schalte mein Handy ein und öffne den Chat mit Vivi, als erstes mache ich ein Foto von mir im Auto und schreibe dann "Hallo Vivi, ich weiß du stehst gerade im OP, aber ich fahre jetzt los. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin. Viel Erfolg und viel Spaß beim Umzug, grüß mir Mona und Anika. Ich vermisse dich schon jetzt, Hanna" und schicke die Nachricht ab. Vivi wird sich später darüber freuen, wenn sie aus dem Saal kommt und dann vermutlich die Nachricht bei einer Tasse frischen, vor allem aber heißen Kaffee in ihrem Büro lesen wird. Als nächstes öffne ich die Navigation an meinem Handy, tippe nur meine Zielstadt Ellmau in Tirol ein und stecke das Handy in die dafür vorgesehene Halterung auf dem Armaturenbrett. Es dauert keine zwei Sekunden, da spricht die mir bekannte Stimme aus meinem Handy zu mir "Aus Klinikstraße nach Norden Richtung Robert-Koch-Straße starten", ich schaue auf das Display, 6 Stunden und 45 Minuten Fahrzeit und exakt 700 Kilometer trennen mich von meinem Ziel, meiner Heimat und ich lege mir jetzt den Sicherheitsgurt an. "Na dann wollen wir mal" sage ich laut zu mir und meinem geliebten Bus, starte den Motor und drehe das Radio ein bisschen lauter, wie passend, dass gerade der Titel "Erinnert" von Silly gespielt wird mit der Textzeile "Ich danke dir, du hast mich an mich erinnert. Ich und ich war'n einander schon so fremd" und meine Gedanken verlieren sich einen Moment in dem Lied und in die Erinnerungen an meine verstorbene Patientin, die für das alles, was ich hier gerade mache verantwortlich ist und der ich über alles danke, dass sie mir die Augen geöffnet hat. Ich atme noch einmal tief durch und werfe einen letzten Blick auf die Gebäude der Klinik, in denen ich die letzten Jahre die meiste meiner Zeit verbracht habe, mehr als in meiner eigenen Wohnung. Nichts wie weg hier, denke ich, bevor ich es mir doch noch einmal anders überlege und fahre los.

Die Fahrt zog sich bisher in die Länge, eine Vollsperrung, fast 45 Minuten ging nichts mehr, mehrere kleinere Staus, oftmals stockender Verkehr und unzählige Baustellen. Aber ich konnte die Zeit für mich und meinen Kopf nutzen, mir viele Gedanken machen und mir zurecht legen, wie es jetzt für mich weitergehen wird. Einen richtigen Plan habe ich dennoch auch jetzt noch nicht, vielleicht werde ich erst einmal bei meinem Bruder aushelfen können, er kümmert sich seit dem Tod unserer Eltern um den Hof mit Bewirtung und Beherbergung, dort gibt es immer Arbeit, das steht außer Frage. Als Ärztin will ich vorerst nicht mehr arbeiten, sicher macht mir mein Beruf sehr viel Spaß, aber ich brauche eine Auszeit, ich will nicht wieder gegen Windmühlen kämpfen müssen, sondern mein eigenes Ding durchziehen und den Patienten die bestmögliche Versorgung zukommen lassen. Auf endlose Diskussionen mit Oberärzten und Verwaltungsangestellten sowie der Klinikleitung habe ich absolut keine Lust mehr. Jetzt aber will ich erst einmal ein paar ruhige Tage in Tirol verbringen und neue Kraft und Energie tanken, mich von altem Ballast befreien.

Aufgrund der vielen Verzögerungen komme ich erst sehr spät am Abend in Tirol an, ich beschließe deshalb direkt zu meinem alten Lieblingsplatz zu fahren. Zu meinem Bruder will ich zu so später Stunde auf keinen mehr. Ich will sowieso erst einmal hier in Ruhe ankommen und mich aklimatisieren, bevor ich das Gespräch mit ihm suche und mich der Vergangenheit stelle. Den Weg zu der kleinen unscheinbaren Hütte finde ich sofort wieder, obwohl ich schon ewig nicht mehr hier war, aber es ist noch alles so vertraut und ich fühle mich direkt wohl, ganz anders als in Berlin. Den Bus parkiere ich neben der Hütte, ich steige aus und atme erst einmal tief ein und strecke mich. Die Fahrt war doch sehr anstrengend und ich habe fast keine Pause gemacht, wie gut dass Vivi mich in ihrer fürsorglichen Art mit dem Care-Paket versorgt hat. Wie ich diese klare Luft vermisst habe, wie konnte ich es nur zehn Jahre lang in dieser verdreckten, lauten und schnelllebigen Großstadt mit all diesen vielen Menschen aushalten, frage ich mich und sortiere ein weiteres Mal meine Knochen und Muskeln. Ich werfe einen Blick auf den imposanten Wilden Kaiser, der im Schein des Mondes gut zu erkennen ist und gehe dann zu der kleinen Hütte, die sich in all den Jahren meiner Abwesenheit kaum verändert hat. Lediglich die Schlagläden könnten einen neuen Anstrich gebrauchen, denn die Farbe blättert inzwischen an vielen Stellen ab. Ich greife oberhalb der Tür in einen kleinen Spalt zwischen dem Holz und finde dort genau das, was ich gesucht habe, nämlich den Schlüssel. Schmunzelnd darüber, dass das in Berlin niemals möglich gewesen wäre, ich hätte gar nicht so schnell gucken können, wie die Langfinger mir die Wohnung leer geräumt hätten. Aber hier auf dem Dorf ist das überhaupt kein Problem, hier wird das Eigentum der anderen noch geachtet. Ich drehe den Schlüssel im Schloss, lege meine Hand auf die Klinke und drücke diese langsam herunter. Zuerst traue ich mich die Tür nur einen Spalt zu öffnen, weil ich mir unsicher bin was mich dahinter erwarten wird. Ich drehe den alten Lichtschalter und zu meiner Erleichterung ist hier niemand und noch dazu ist es ehrlich gesagt sehr aufgeräumt und ordentlich, ich kann nicht einmal Staub auf den Möbeln entdecken. Offenbar kommt mein Bruder hier noch sehr regelmäßig her oder vielleicht inzwischen auch sein Sohn? Ich lasse meinen Blick umherschweifen und finde an der Wand neben der Tür ein altes, mir aber sehr wohl bekanntes Bild. Es zeigt meine Familie, meine komplette Familie. Meine Eltern, meine kleine Schwester, meinen großen Bruder und mich, wie wir glücklich auf einem Berg am Gipfelkreuz stehen und fröhlich in die Kamera lächeln. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht bitterlich anzufangen zu weinen, ein paar Tränen kann ich jedoch trotzdem nicht aufhalten und hole meine Reisetasche aus dem Auto, in der sich die wichtigsten Sachen befinden. Anschließend schreibe ich erst einmal Vivi eine Nachricht, dass ich gut angekommen bin und verspreche ihr für morgen ein Foto des imposanten Berges, von dem ich immer wieder geschwärmt habe und den ich zugleich verfluche. Momentan kann ich die Vergangenheit noch verdrängen, aber es ist vermutlich meiner Müdigkeit geschuldet und nur eine Frage der Zeit bis die Trauer und die Wut wieder in mir aufsteigen werden. Dieses Mal aber werde ich mich meinen Gefühlen stellen und nicht wieder davonlaufen, das habe ich mir fest vorgenommen und eine Alternative habe ich sowieso nicht. Mir bleibt nur die Konfrontation mit der Situation. Vivi hat sich noch immer nicht gemeldet und ich vermute, dass sie wie so oft im Krankenhaus festhängt und wieder einmal viel zu viel arbeitet. Da ich heute noch nichts Richtiges gegessen habe kümmere ich mich jetzt um mein Abendessen, immerhin reichen meine Vorräte für Rührei mit Speck und Weißbrot, welches ich mir auf der Terrasse mit Blick in den Sternenhimmel und im Mondschein schmecken lasse und ich frage mich ernsthaft, wieso um alles in der Welt ich damals diesen wunderschönen Ort verlassen habe , bis mir wieder schmerzlich der Verlust meiner Familie bewusst wird. Gedankenverloren bette ich meine Hände behutsam auf meinem Bauch, schaue in den Himmel und seufze. Der Tod meiner Eltern und meiner Schwester hat mich damals so sehr aus der Bahn geworfen, dass ich beinahe das Studium geschmissen hätte und nur durch gutes Zureden meines Bruders und dem Halt meiner Freunde konnte ich mich noch einmal aufraffen und habe mein Leben wieder sortieren können. Bis zu diesem Tag vor knapp zehn Jahren, an dem mir wieder alles genommen wurde von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung, mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen und erst der radikale Schnitt, der Weggang aus Tirol und der Neuanfang in Berlin, der rückblickend gescheitert ist, haben mich wieder einigermaßen zur Vernunft kommen lassen. Dafür habe ich beinahe einen sehr hohen Preis gezahlt, abgesehen von dem Kontaktabbruch zu meinen Freunden in Tirol, hätte ich auch fast noch meinen Bruder verloren, der lange Zeit nicht verstehen konnte wieso ich mich in seinen Augen einfach aus dem Staub gemacht habe. Ich mache mir jetzt einen heißen Tee, der hilft mir immer, wenn ich mich in meinen Gedanken und Ängsten verliere und setze mich dann erneut auf die Terrasse, dieses Mal aber mit einer dicken Decke und beobachte noch eine Weile den Mond und die Sterne. Irgendwann aber wird es mir dann doch zu kalt und vor allem die Müdigkeit streckt mich nieder, so dass ich meine Sachen mit in die Hütte nehme und mich einfach nur noch ins Bett fallen lasse ohne mich überhaupt umzuziehen, geschweige denn mir die Zähne zu putzen, denn bevor ich darüber überhaupt nachdenken kann bin ich schon eingeschlafen.
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