Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Gestaltwandler - Für immer Japan

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
OC (Own Character)
18.07.2021
11.09.2021
3
2.269
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
18.07.2021 1.168
 
Ich glitt als Mensch mit Wanderfalkenflügeln mühelos über die Dächer Tokios. Spürte den Wind in meinen Federn und fühlte mich einer endlosen Freiheit ausgesetzt. Doch plötzlich verdunkelte sich der Himmel und ein lautes Grollen rollte mir entgegen. Pfeifender Wind fegte durch meine tiefschwarzen Haare. Blitze zuckten durch die Wolken und ich fühlte mich unendlich einsam. Ich flitzte durch die Luft, um so schnell wie möglich auf meine Heimatinsel Amami Oshima mit den weißen Traumstränden zu kommen. Ich und meine Familie wohnten an einem wunderschönen Strand, dem Sakibaru Beach. Es krachte über mir. Mein Kopf flog hoch und ich sah gerade noch, wie ein gewaltiger Blitz auf mich zuschoss. Nein, dachte ich entsetzt. Alles schien wie in Zeitlupe zu gehen. Da raste die schöne Gestalt eines schwarzhaarigen schwarzäugigen Mädchens mit milchkaffeefarbener Haut zwischen mich und den Blitz, ich sah, wie der verästelte Lichtschweif das Mädchen traf. Sie schrie, stürzte ab...

und ich wachte auf. Okay, okay. Erst mal beruhigen. Ich heiße Tian Katashi, bin dreizehn Jahre alt und ein ganz normaler Gestaltwandler, sagte ich mir immer wieder.
Aber es nützte ungefähr genauso viel, wie wenn ich mich, um mich zu ersäufen, in einen ausgetrockneten See stürzen würde. Also gar nichts. Wieso, zum Teufel hatte ich immer diese merkwürdigen unheimlichen Träume? Immer war ich darin in Gefahr und immer kam dieses Mädchen und starb für mich. Ich drehte mich auf die andere Seite und beglotzte die Wand. Langsam wurde es hell draußen. Ich lag wach und starrte die Decke meines Zimmers so intensiv an, als ob sie mir etwas wichtiges mitteilen würde. Als die Sonne komplett über den Horizont gekrabbelt war, setzte ich mich in meinem Bett auf, rieb mir die Augen und trat die Decke weg (in Japan pennen manche Leute a) auf dem Boden und b) auf Bastmatten. Aber wir nicht.


In der großen Witschgasse in Köln, Deutschland stand eine große, weiß getünchte Halle. Es war das Tanzstudio Art Dance. In der Tanzhalle 1 übte gerade eine Gruppe aus 14 Mädchen Modern Dance. Alle standen versetzt in Reihen, wie die Sitze in einem Kino. Durch ein Fenster flutete helles Licht in die Halle. In der letzten Reihe tanzte ein schlankes elegantes, wunderschönes Mädchen mit warmbrauner Haut, schmalen schrägen, tiefschwarzen Augen, ebenso schwarzen hüftlangen, glänzenden, seidigen Haaren. Sie trug ihre Haare offen, hatte ein schwarzes bauchfreies T-Shirt an, ein schwarzes Top mit Spaghetti-Trägern darunter, schwarze Sneaker-Socken und eine schwarze eng anliegende Leggins. Ihr Name war Hikari Sutariba. Sie war dreizehn Jahre alt und kam aus Japan, aber als sie mit ihrer kleinen sechsjährigen Schwester Fukumi und ihren Eltern die Ferien hier in Wuppertal verbracht hatten, hatte sich Hikaris Leben schlagartig verändert. Zuko Sutariba, Hikaris Vater, hatte kurzzeitig beschlossen, nach Wuppertal umzuziehen. Haneko, Hikaris Mutter, Fukumi und Hikari mussten sich mit dem abfinden, was Zuko bestimmt hatte und mussten, ohne einen Einwand abliefern zu dürfen, mit in das Haus neben dem Okinii Köln, einem immerhin japanischen Restaurant, in dem Haneko Sutariba arbeitete, umziehen. Jetzt wohnte die Familie Sutariba seit zwei Jahren in Deutschland, ihre eigentliche Heimat befand sich am anderen Ende der Welt, Fukumi und Hikari mussten extra in Deutsch Nachhilfe nehmen, da sie, als sie hier hergezogen waren, nur japanisch und englisch gekonnt hatten. Im Tanzstudio sollten gerade alle Mädchen zu Sleepsong- Piano Version von Secret Garden frei tanzen. Die Musik klang ein bisschen japanisch und Hikari, die wahnsinnig schön und fließend tanzen konnte, bekam sehr heftiges Heimweh nach Japan. Sie drehte sich dem Fenster zu, damit niemand ihre aufsteigenden Tränen sehen konnte. Ihre zwei besten Freundinnen tanzte neben ihr. Liri-Malisha kam aus Arabien. Sie war wegen Krieg aus ihrem Land geflüchtet. Fjella kam aus Norwegen und ihre Eltern hatten, wie Hikaris Vater, kurzerhand beschlossen, nach Deutschland auszuziehen. Da die drei dieselben Probleme hatten, konnten sie sich gegenseitig helfen und unterstützen. Auch die Schule war ein Problem. Die Araberin hatte mit Mathe und Englisch am meisten Probleme, Fjella mit Mathe und Physik, Hikari bekam Deutsch und Chemie nicht hin. Liri-Malisha legte neben Hikari eine perfekte Drehung hin. Ihr Kopftuch flatterte dabei. Fjella tanzte ein wenig näher an Hikari und Liri-Malisha heran. „Ich will zurück nach Norwegen! Es ist ja schön hier, aber ich habe so Heimweh!“ , flüsterte sie. Sie sprach norwegisch, um zu sagen, wie ernst sie es meinte. Hikari nickte ebenso mitfühlend wie die Araberin. Hikari, Fjella und Liri-Malisha beherrschten die Sprachen japanisch, arabisch, norwegisch und englisch einwandfrei. In zwei Jahren, die sie sich erst kannten, hatten sie die Sprachen zu sprechen UND zu schreiben. In diesem Moment hörten sie Frau Arendts‘ freundliche Stimme durch die Halle tönen. „So, das war‘s für heute. Schönen Tag noch.“ Hikari, Liri-Malisha und Fjella schnappten sich ihre Trinkflaschen und eilten aus dem Saal. Sie zogen möglichst fix ihre Schuhe an und liefen hinaus. Ein warmer sommerlicher Abendwind wehte. Sehnsüchtig blickte Hikari in den Himmel. Wie sehr wünschte sie sich, sich einfach mit Flügeln in die Lüfte zu schwingen und nach Japan zu fliegen. Kaum hatte die hübsche Japanerin den Wunsch zu Ende gedacht, passierte etwas Sonderbares. Aus Hikaris Schulterblättern sprossen bleigraue Federn, verformten sich zu Schwingen. Auch im Gesicht, der Japanerin waren an den Wangen Federn. Das Gleiche passierte mit Fjella und Liri-Malisha. Hikari erschreckte sich so sehr, dass die Verwandlung prompt aufhörte. Sie klappte ihre Wanderfalken-Flügel ein, die ziemlich groß waren und drehte sich geschockt zu Fjella und Liri-Malisha um. „Was war das?“, kiekste sie verschreckt. Auch Fjella war sprachlos. Liri-Malisha dagegen schaute Hikari fast ehrfürchtig an. „Liri? Weißt du was darüber?“, fragten Hikari und Fjella gleichzeitig. „Ja“, hauchte Liri-Malisha. Sie war total geflasht. „D-d-das gibt‘s nicht“, stammelte sie. Sie fing sich wieder und blickte Hikari an. „Wir sind Gestaltwandlerinnen!“ „Ich bin was?“ Hikari war völlig von der Rolle. Sie hatte den Begriff „Gestaltwandler“ sofort kapiert und somit dessen Bedeutung. Sie konnte sich in alle Tiere der Welt verwandeln. „Dann-dann-dann können wir endlich nach Hause!!!“, rief Hikari überwältigt. Ihre Freundinnen bekamen große Augen. „Aber natürlich! Ich fliege dann ach Norwegen!“, jubelte Fjella. Doch Liri-Malisha senkte nur den Kopf. Hikari wusste warum: Liri-Malisha konnte unmöglich zurück nach Arabien. Der Krieg dort wütete immer noch mit voller Wucht. „Komm doch mit nach Japan“, schlug Hikari vor. „...oder nach Norwegen“, sagte Fjella. „Keine Ahnung, wo ich hinsoll“, fiepte Liri-Malisha. „Ich kann mich nicht entscheiden!“ Sie blickte hilfesuchend in die Runde und flatterte ein wenig hilflos mit ihren Amselflügeln. „Geh nach Norwegen“, riet Hikari sanft. „Es ist wunderschön dort.“ Fjella quittierte das mit einem heftigen Nicken. „Okay“, sagte Liri-Malisha entschlossen. „Dann fliege ich mit Fjella nach Norwegen! Morgen Nacht treffen wir uns hier und besprechen alles Weitere, ja?“, fragte die Araberin. „Gut“, war Fjellas Antwort, Hikari nickte.
Dann schwangen sich die drei Mädchen in den Himmel. „Unglaublich“, hauchte Fjella. Hikari war sprachlos. Zu fliegen war ein unbeschreibliches Gefühl. Über allem zu gleiten, die Welt von oben zu sehen. Und kein Mensch, der sie am Himmel als Halbwesen sah, wunderte sich darüber.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast