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Über Hass und Liebe

GeschichteDrama / P18 / Gen
OC (Own Character)
18.07.2021
20.10.2021
70
113.760
7
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14.10.2021 1.972
 
Cathy stieg aus dem knallgelben Taxi aus, das sie vom Flughafen bis in einen Vorort von Melbourne gebracht hatte. Die warme Abendsonne schien ihr bereits beim Türöffnen ins Gesicht.
Dankend nahm sie ihre Tasche entgegen kniff die Augen zusammen, um gegen die Sonne die Hausnummern der Vorstadtvillen zu erkennen. Hinter ihr rauschte das Fahrzeug zurück in die Stadt.
Sie musste nicht lange suchen, denn Daniel Ricciardo hatte sie bereits auf dem Gehweg erwartet und lächelte.
„Das Einzige, was es in London nicht zu kaufen gibt“, lächelte sie und ging ihm entgegen.
„Du meinst die Sonne?“
„So schön warm. Ich glaube, hier werde ich alt.“
„Bis dahin vergeht noch viel Zeit.“ Daniel lächelte und umarmte sie vorsichtig. „Schön, dass du da bist.“
„Die Einladung lasse ich mir nicht entgehen.“
„Wo ist deine Freundin?“
„Doppelmord im Norden von Paris. Camille hat also zu tun.“
„Krass. Dann ist sie…?“
„Bei der Mordkommission.“
„Spannender Job. Hast du manchmal Angst, ihr könnte etwas passieren?“
„Nie drüber nachgedacht. Es klingt immer so cool, wenn sie von ihren Fällen erzählt. Als wäre sie unverwundbar.“ Cathy stellte ihre Tasche neben sich auf den gepflasterten Gehweg. „Gut, aber meist muss sie jemanden verhaften, der nicht verhaftet werden will. Da wird es sicher das ein oder andere Mal brenzlig. Wenn ich Angst um sie hätte, könnte ich mich auf meinen Job nicht konzentrieren.“
„Versteh ich.“ Daniel sah ihr in die Augen. „Darf ich deine Tasche tragen?“
„Nur heute.“
„Und ich schätze, ich muss die Liegestühle aus dem Schuppen holen, da du in der Sonne sitzen möchtest.“
„Solange wie sie noch scheint. Ich helfe dir.“


Nachdem Daniel ihr das Gästezimmer des gemütlichen Hauses gezeigt hatte und es sich natürlich herausstellte, dass es Daniels Zweitwohnsitz in Australien war, um näher an der Rennstrecke zu sein, klappte sie ihren Liegestuhl auf und setzte sich. Für einen Moment beobachtete sie das hellblau schimmernde Wasser des Pools vor ihr und lehnte sich dann zurück, um die letzten Sonnenstrahlen mit ihrer blassen Haut einzufangen.
„Krasse Geschichte“, begann er ohne das Thema seit ihrer Ankunft angesprochen zu haben.
„Bitte verrate niemandem, was ich dir am Telefon erzählt habe.“ Cathy drehte ihren Kopf zu ihm.
„Auf keinen Fall.“
„Das kann echt gefährlich werden, wenn sie herausfinden, dass ich mit jemandem geredet habe.“
„Und er hat dich wirklich angefasst?“
„Können wir über etwas anderes reden?“
„Fuck, sorry. Klar. Mich macht es nur so wütend. Vor allem, dass er ungeschoren davonkommt.“
„Wo ist Jessica?“
„In Sidney. Sie kommt erst am Freitag. Hat beruflich noch dort zu tun.“
„Ich hoffe sie weiß, dass ich hier bin? Und ich hoffe sie weiß, dass ich wirklich keine Gefahr für sie darstelle.“
„Sie kennt deine Geschichte. Ich hab ihr alles erzählt. Niemandem vertraue ich so sehr wie ihr.“ Daniel trank von seinem Bier. „Es ist okay, dass du hier bist.“
„Sie ist so wunderschön.“
„Dreh den Spieß bloß nicht um. Ich bin mir sicher, dass sie bei dir schwach werden würde.“
„So ein Blödsinn.“ Cathy lachte. „Hab ich dir schon erzählt, dass ich dich Samstag beim Qualifying besiege?“
„Auf meiner Heimstrecke und mit dem schlechteren Auto?“ Daniel lachte. „Die Herausforderung nehme ich gerne an. Wir wetten?“
„Ich werde es bereuen.“ Cathy sah ihn wieder an. „Um was?“
„Dein Einsatz darf nicht so hoch sein, weil du wirklich unterlegen bist.“ Daniel dachte nach. „Damit meine ich übrigens nur das Auto.“
„Schon klar.“
„Wenn ich gewinne, bekomme ich deine Unterwäsche.“
„Alter.“ Cathy drehte sich um und nahm die Sonnenbrille ab. „Das ist kein Hobby von mir.“
„Mir ist nichts besseres eingefallen.“
„Du bekommst meinen BH. Mehr nicht. Und dann will ich sehen, wie du es Jessica erklärst, wenn sie dich erwischt. Und ich wünsche, dass sie dich erwischt.“ Cathy grinste. „Warum willst du ihn?“
„Sind wir nicht alle Trophäensammler, Cathy?“ Er zwinkerte ihr zu.
„Körbchengröße A, Daniel. Das ist wie n Pokal für den vierten Platz.“ Beide lachten. „Was, wenn ich gewinne?“
Wieder begann Daniel nachzudenken: „Wenn du gewinnst… .Bitte hör auf so zu gucken und dir mit den Fingern in den Haaren zu spielen.“
„Sorry. Also?“ Cathy hatte gar nicht mitbekommen, dass sie mit nervös mit ihrem Finger Locken in ihr Haar drehte.
„Wenn du gewinnst…“
„Wenn ich gewinne, findest du heraus, wer meine Unterwäsche wirklich gekauft hat. Koste es, was es wolle.“
„Wie soll ich das schaffen?“ Daniel legte den Kopf zur Seite.
„Wie soll ich dich Samstag besiegen?“ Cathy zwinkerte. „Mach dir keine Sorgen.“
Hochnäsig posierte Daniel in seinem Liegestuhl. Dann lachte er. Und Cathy lachte mit. „Dir bedeutet es etwas herauszufinden, wer es war, oder?“
Cathy wurde ernst. „Ich ekel mich so sehr davor. Ich will ruhig schlafen können. Und dafür brauche ich ein Gesicht.“
„Wenn du gewinnst, finde ich es heraus. Versprochen.“ Daniel sah sie ernst an. „Hast du dir schon überlegt, was du essen möchtest?“
„Überrasch mich.“


Cathy hatte zwar die Möglichkeit, ihr Gästezimmer abzuschließen, doch sie vertraute Daniel. Es würde sie nicht weiterbringen, wenn sie sich nun hinter allem einschließen müsste. Schweigend saß sie auf der Bettkante und betrachtete den Schlüssel im Schlüsselloch.
„Das war so ein schöner Abend, Daniel. Versau es nicht.“ Dann legte sie sich zurück und genoss den durch den Alkohol hervorgerufenen Schwindel in ihrem Kopf. Sie nahm ihr Telefon und überprüfte vor dem Einschlafen ihre Nachrichten. Erstaunlicherweise hatte Joe Ticktum bereits eine Mitteilung geschrieben.
„Q2“, las sie die einzigen beiden Buchstaben vor. Und wieder fand sie seine Erwartung für äußerst realistisch.
Müde vergewisserte sie sich, dass es Camille in Frankreich gut ging. Dann schlief sie ein.




Cathy ließ einen Mercedes an ihr vorbei fahren und wärmte ein weiteres Mal mit wilden Schlenkern ihre Reifen auf.
„Der Versuch muss sitzen, Cathy“, sagte ihr Jason über Funk. „Wir haben keine Zeit für eine zweite schnelle Runde.“
„Geht klar.“
„Aktuell Platz 16. Dan ist zwei Plätze hinter dir. Ich glaube, in Kurve 3 und in der schnellen Schikane kannst du noch etwas Zeit rausholen. Dan geht direkt hinter dir auf seine zweite schnelle Runde.“
Cathy konzentrierte sich und fuhr langsam durch die vorletzte Kurve. Dann trat sie auf Gas.
Ihr Wagen schoss mit irrer Geschwindigkeit  durch die letzte Kurve auf die Start- und Zielgerade. Die gut besuchte Zuschauertribüne flog in einem kurzen Augenblick an ihr vorbei. Dann tippte sie die Bremse an und schoss in die erste Kurvenkombination.
„Erster Sektor besser als in deiner ersten Runde“, rief Jason aufgeregt.
Cathy antwortete nicht. Wie im Tunnel flog die anderthalb Minuten lange Runde an ihr vorbei. Fast verbremste sie sich in der vorletzten Kurve, beschleunigte und schoss zurück auf die Start- und Zielgerade.
„Vierzehn, Cathy. Das reicht für Q2.“
„Yes“, jubelte sie. „Dan?“
„Platz 18. Er konnte sich nicht verbessern.“
„Shit. Und Daniel Ricciardo?“
„Moment." Jason schien von der Frage überrascht.  „Er ist auf dem elften Platz. Wenn du ihn besiegen willst, pack ihn dir in Q2.“
„Und wie ich ihn besiegen werde.“ Erleichtert fuhr Cathy die In-Lap und parkte ihren Wagen in der Box. Kaum hatte sie den Wagen zum Stehen gebracht, spürte sie lobende Klopfer einiger ihrer Mechaniker auf ihrem Helm. Die Kritik Ticktums hatte sie sich zu Herzen genommen und verbrachte einige Nachmittage der letzten Woche in Grove mit ihren Mechanikern, um den Unerfahrenen unter ihnen Tipps zu geben.
In ihrem Augenwinkel konnte sie Joe Ticktum sehen. Regungslos sah er zu ihr herüber und drehte sich schließlich zurück zu seinen Monitoren.
„Mehr hab ich auch nicht erwartet“, murmelte sie.


„Grüne Ampeln für deine zweite Runde in Q2, Cathy.“ Jason schickte sie mit seinen Worten auf die Out-Lap für ihre entscheidende Runde. „Aktuell Platz 15. Schnapp dir wenigstens noch Tsunoda vor dir.“
„Nicht nur den“, sagte sie und begann, ihre Reifen aufzuwärmen.
„Kein Verkehr vor dir. Auch Gasly, Vettel und Ricciardo sind aktuell in Reichweite. Versuch irgendwie noch einen Zehntel herauszukratzen. Die meisten fahren allerdings hinter dir gerade aus der Box.“
Cathy beschleunigte ihren Wagen und jagte ihn über die Rennstrecke. Bei jeder Beschleunigung unterdrückte sie einen Jubelschrei, auch wenn sie sich nicht mehr verbessern würde. Allein das Gefühl, in einem Rennauto zu sitzen und dem Geschwindigkeitsrausch mitzunehmen, erfüllte sie.
„Toller zweiter Sektor“, rief Jason.
Die letzten Kurven konnte Cathy schwer einschätzen. Sie traf zwar jeden Bremspunkt, konnte ihre Endzeit aber nicht erahnen.
„Sag schon, verdammt“, rief sie, während ihr Wagen über die Ziellinie schoss und sie ihn ausrollen ließ.
„Cathy. Bleib stark. Platz 9. Wir müssen warten, bis die anderen über die Ziellinie sind. Wahrscheinlich wirst du noch aus den Top 10 fallen, aber es ist jetzt schon großartig.“
Gespannt wartete sie auf die Ergebnisse, die ihr Jason mitteilen würde, sobald er sie schwarz auf weiß vor sich sah.
„Vettel ist schneller. Du bist auf Platz 10.“
„Nicht so schlimm“, dachte sie und spielte nervös mit dem Gas.
„Perez schiebt sich auf Platz 7.“
„Okay.“
Wieder vergingen endlose Sekunden. „Ricciardo auf Platz 11. Alle Fahrer sind durch. Du startest morgen von 12, Cathy. Enorme Leistung.“
Cathy verdrehte die Augen. Höflich bedankte sie sich bei Jason und dem Team und fuhr zurück in die Boxengasse. Fast enttäuscht stieg sie aus ihrem Wagen und lief in ihre Garage zu den Bildschirmen, während sie den Verschluss ihres Helmes öffnete. Immer wieder klopften Mitarbeiter des Rennstalls auf ihre Schulter.
„Drei Hundertstel auf Ricciardo. Vier auf Vettel.“ Jason stellte sich neben sie und beobachtete den Bildschirm, der die finalen Zeiten zeigte.
„Fast Q3.“ Cathy nahm die Feuerschutzhaube ab und legte ihre Haare hinter die Ohren. Sie drehte sich herum und entdeckte wieder Ticktum, der dieses Mal auf sie zu kam. Cathys Lunge schnürte sich zu. Seit der Nacht in Saudi-Arabien spürte sie Panik in ihr aufkommen, wenn er sich ihr näherte. Sie musste ein Zusammenzucken unterdrücken, als er ihren Arm berührte und ihr zunickte. Ohne ein weiteres Wort verließ er die Garage auf der Rückseite.
„Es ist alles okay, Cathy“, beruhigte sie der herangeilte Clifford. Er hatte wahrgenommen, dass sie kreidebleich im Gesicht wurde.
„Sorry.“
„Lächle einfach in die Kamera. Du bist großartig gefahren.“ Mit den Augen zeigte er hinaus in die Boxengasse.


„Suchst du jemanden?“ Ein Mechaniker des McLaren Rennstalls hatte Cathy bemerkt, die sich schüchtern vor seine Box stellte und auf Daniel wartete.
„Daniel.“ Cathy sah ihn an. „Ich muss ihm etwas geben.“
„Kann ich es ihm reinreichen? Ich weiß nicht, ob er noch Zeit dafür hat. Ziemlich straffe Taktung, da wir nachher noch ein Jubiläum feiern.“
„Lieber nicht“, sagte Cathy.
„Ich versuche ihn zu finden. Warte hier einfach.“
„Danke.“

Keine zwei Minuten später joggte Daniel aus der Garage.
„Hey.“ Er lächelte, da er ganz genau wusste, warum Cathy nun vor seiner Garage stand.
„Häng ihn einfach neben die Shorts von Max und Sergio.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und hielt ihre Faust nach vorne, in der sie ihren weißen Sport-BH versteckte.
Daniel nahm ihn entgegen und hielt ihn fest und strich mit seinem Daumen über den weichen Stoff. Cathy beobachtete ihn dabei.
„Das wars schon“, sagte sie schließlich und wollte peinlich berührt zurück ans Ende der Boxengasse laufen, wo ihr Team auf sie wartete.
„Hast du dir das Ergebnis mal angesehen, Cathy?“, fragte Daniel.
„Ich kenne es, ja.“
„Dann weißt du, dass du eine wesentlich bessere Performance geboten hast als ich in meinem McLaren. Drei Hundertstel? Ein Scherz.“ Daniel streckte seine Hand wieder aus und gab ihr das Kleidungsstück wieder zurück. „Ich helfe dir herauszufinden, wem das Postfach gehört.“
Cathy strahlte. „Danke.“
„Meine Hand werde ich heute Abend allerdings nicht mehr waschen.“ Er hielt die Hand hoch, mit der er gerade noch Cathys BH umschlossen hatte.
„Meinetwegen.“
„Und jetzt hast du unter deinem Rennanzug keinen an, gerade?“
„Glaubst du, dass ich vier an der Rennstrecke habe, weil ich sie regelmäßig ins Publikum werfe?“
„Warum ist man immer so verdammt schockverliebt, wenn man dir gegenübersteht?“ Daniel drehte sich um, ohne Cathy etwas sagen zu lassen. „Ob es allen Fahrern so geht?“ Dann joggte er zurück in die Garage und ließ Cathy alleine zurück.
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