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Run jump and be yourself

von Yve
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
18.07.2021
21.10.2021
21
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04.08.2021 1.167
 
Wie spät ist es? Die Sonnenstrahlen schienen Nathaniel ins Gesicht und seine Muskeln schmerzten, als er umdrehte, um dem Licht auszuweichen.

Was? Schon halb neun?, stellte er bei einem kurzen Blick aufs Handydisplay fest.

In den letzten Monaten war er immer deutlich vor sechs wachgeworden und so hatte er einen Wecker für überflüssig gehalten. Der Sport hatte ihm gutgetan. Oder war es nur, weil er am Abend noch bis weit nach Mitternacht im Fenster gesessen und die Sterne beobachtet hatte?

Nathaniel setzte sich auf. Gut, dass er vergessen hatte, die Jalousien herunterzumachen. Er wollte sich mit Aiden und Jill um zehn an der Bushaltestelle am Fuß der Klippen treffen. Sie wollten ihm etwas zeigen und er sollte auf jeden Fall Badesachen mitbringen und mit dem Fahrrad kommen. Das würde er noch gut schaffen, aber vorher brauchten seine Muskeln dringend eine warme Dusche und sein Magen etwas zu essen.

Am Abend war er noch zu ausgepowert gewesen, um etwas herunterzubekommen. Er ging ins Bad. Seine Oberschenkel und Waden wehrten sich gegen die Bewegung. Erst nach ein paar Schritten wurde es besser.

So einen Muskelkater hatte ich schon lange nicht mehr. Er grinste sein Spiegelbild an, auch wenn er es nur in Schemen erkennen konnte. Dann stellte er sich unter die Dusche. Er ließ sich das Wasser über das Gesicht laufen. Seine Augen fühlten sich trocken an. Die Zeit, die sie die Linsen akzeptierten, wurde kürzer.

Seine Muskeln dankten für die Wärme und er drehte das Wasser ab. Er zog sich soweit an und suchte die Badehose aus dem Schrank. Sie lag ganz hinten und, um die Handtücher im obersten Fach zu erreichen, musste er sich strecken. Nathaniel stopfte beides in den Rucksack und nahm ihn mit auf den Flur.

Aus dem Wohnzimmer kam der Klang einer Gitarre. Er blieb stehen und lauschte. Kindheitserinnerungen überrollten ihn. Wenn seine Mutter früher gespielt hatte, hatte er auf dem Fußboden gesessen und ihr zugehört. Sie hatte ihn schon im Vorschulalter an die Musik herangeführt, viel mit ihm gesungen und er hatte auch ein paar Versuche gestartet selbst Gitarre zu spielen. Spätestens mit der Entdeckung des Parkours hatte es ein Ende gefunden.

Die Wohnzimmertür stand einen Spalt weit offen. Nathaniel schob sie noch etwas weiter auf. Seine Mutter saß noch im Pyjama im Schneidersitz auf dem Sofa und war ganz versunken in ihr Spiel. Sie lächelte. Wie lange hatte er das nicht mehr gesehen?

Sie stimmte Kids in America an. Nathaniel biss sich auf die Unterlippe. Mit vier oder fünf Jahren war es sein Lieblingslied gewesen. Jeden Tag hatte er sie gebeten es zu spielen. Er musste sich zurückhalten, um nicht mitzusingen und sie zu stören.

Damit ihn die Melodie gar nicht erst mitriss, ging er in die Küche und kochte Kaffee. Eine Tasse für sich und eine für seine Mutter, dann kehrte er zurück auf den Flur. Die letzten Töne verklangen. Sie setzte nicht zu einem neuen Lied an und so entschied er sich, zu ihr zu gehen.

«Guten Morgen.»

Sie schaute von ihrer Gitarre auf. «Oh, du bist wach.»

Er stellte die Tassen auf den niedrigen Glastisch. «Wie kommt es, dass du wieder spielst?»

Sie zuckte mit den Schultern. «Ich hatte Lust drauf.» Seine Mutter schmunzelte und machte den Anschein für einen Augenblick sehr weit weg zu sein. «Außerdem wollte ich ein bisschen in Erinnerungen schwelgen.»

«Als du mir vorgespielt hast?»

«Nein.» Sie nahm die Tasse und nippte an dem Kaffee. «Noch früher, als ich in deinem Alter gewesen war. Ich habe mal in einer Band gespielt.»

«Du?»

«Ja, ist das so abwegig?»

«Nein, eigentlich nicht.»

«Willst du Fotos aus der Zeit sehen?»

Er nickte. Seine Mutter hatte nie viel über ihre Jugend erzählt. Wenn er genau darüber nachdachte, begann alles, was sie erzählte, erst als sie mit seinem Vater zusammengekommen war.

Seine Mutter kam mit einem Fotoalbum zurück und schlug die erste Seite auf. Es zeigte eine junge Frau mit grünen Haaren. Sie gingen ihr bis zur Schulter und auf einer Seite waren sie ausrasiert.

«Das warst du?»

Sie lachte. «Ja.»

«Und das haben Oma und Opa zugelassen?»

«Na ja, begeistert waren sie nicht.»

«Glaube ich. Die haben sich schon aufgeregt, als meine Haare länger wurden.»

Sie blätterte weiter. «Das war unsere Band. Wir haben eigentlich nur für uns gespielt, alles was gerade so aktuell war.»

«Wann war das?»

«1988, kurz nach meinem 17. Geburtstag. Du weißt wie streng deine Großeltern sein können und ich wollte einfach ausbrechen.» Sie senkte die Stimme. «Es war die beste Zeit meines Lebens, auch wenn sie nur ein halbes Jahr ging. Dann haben meine Eltern einen Riegel vorgeschoben.»

Das nächste Foto zeigte seine Mutter auf den Schultern eines jungen Mannes. Alles an ihr strahlte die pure Lebensfreude aus. Ein Tattoo war auf seinem Oberarm zu sehen. Um das Motiv genau zu erkennen, war das Bild zu schlecht. Beide trugen die typische Punkmode der 80er.

«Wer ist das?»

«Jason, mein erster Freund. Er hat mich aus dem verstaubten Leben rausgeholt und mir gezeigt, was da draußen noch alles war. Wir waren ein Jahr zusammen.»

Die Bitterkeit in ihrer Stimme erinnerte ihn an seine eigene, als er seinen Vater Jill gegenüber erwähnt hatte.

«Haben Oma und Opa dafür gesorgt, dass die Beziehung auseinandergegangen ist?»

Sie schluckte, bevor sie nickte.

Scheiße, das hätte ich nicht fragen sollen. Auf dem Bild sah sie so verliebt aus.

«Ich denke heute noch oft an ihn.» Sie schlug das Album zu. «Aber es ist vorbei.»

Ein Lächeln. Ein Überspielen, so wie er es auch ständig tat. Den äußeren Schein wahren. Vor allen und in letzter Zeit besonders vor sich selbst.

Du bist nie über die Beziehung hinweggekommen, hätte er gerne gesagt, aber er beließ es bei einem Nicken. Sie kannte ihren Sohn, sie wusste, was er dachte. Da war er sich sicher. Er wollte nicht noch zusätzlich Salz in eine nie verheilte Wunde reiben.

«Hast du heute was vor?», lenkte seine Mutter das Thema in eine neue Richtung.

«Ja, ich treffe mich mit ein paar Leuten am Strand.»

«Schön, dass du Anschluss gefunden hast.»

«Ja. Wo ist eigentlich Vater?»

«Irgendwo auf einem Termin. Er hat mir geschrieben, dass sein Flug erst gegen Mitternacht in Seattle ankommt, aber ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist.»

«Dann habe ich ja Zeit.»

«Hast du. Hab Spaß.»

«Ja, bevor es hier morgen wieder brennt. Ich habe den nächsten Test verhauen.»

Seine Mutter suchte seinen Blickkontakt. «Mehr als dafür lernen kannst du nicht. Hast du das getan?»

Er nickte.

«Gut. Dann mach dir heute keine Gedanken mehr darüber. Ändern kannst du es jetzt auch nicht mehr und mach es beim nächsten Mal besser.»

Das sagte sich so leicht. Er wusste, dass er auch den Test, den er gestern geschrieben hatte, nicht bestanden haben konnte. Selbst wenn alles richtig war, was er geschrieben hatte, würde das nicht reichen.

«Ich werde es versuchen», versprach er seiner Mutter dennoch.

«Du wirst das schon machen. Entspann dich heute, es ist Wochenende und alles andere sehen wir später.»

Er stand auf. «Dann packe ich mal meine Sachen zusammen.»
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