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Run jump and be yourself

von Yve
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
18.07.2021
21.10.2021
21
30.574
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30.09.2021 1.587
 
«Du hast Glück gehabt, die Schnitte sind nicht so tief, wie es am Anfang ausgesehen hat.»

Zumindest eine gute Nachricht. Der Arzt spülte noch einmal die Wunden und überließ dann der Schwester das Verbinden.

«Wissen Sie wie es meiner Mutter geht?», fragte Nathaniel, als er schon fast aus dem Raum war.

Der Arzt blieb stehen und behielt seine Hand auf der Klinke. «Tut mir leid, da wirst du an der Information fragen müssen. Ich weiß nicht, wer sie behandelt hat.»

«Gut, danke.»

Er verließ den Raum.

«Ich beeile mich, damit du schnell zu ihr kannst», sagte die Schwester und lächelte ihn aufmunternd an.

Sie träufelte Jod auf einen Schwamm und rieb damit über seinen Unterarm. «Du wirst dich in den nächsten Tagen etwas schonen müssen.»

«Mache ich.» Er hatte auch nicht vorgehabt in den nächsten Tagen wieder so exzessiv mit Parkour anzufangen. Bald wieder. So hoffte er. Die kommende Zeit würde anstrengend genug werden. Auch wenn sein Vater der Polizei ein sehr eindeutiges Bild gezeigt hatte, Nathaniel kannte ihn nur zu gut. Wer wusste, was er denen auf der Wache noch erzählen würde, wieder alles drehte. Und er kannte sicher auch Anwälte, die ihm aus seinem selbstverzapften Mist wieder herausbringen konnten.

Der Gedanke daran reichte schon aus, um die Schmerzen am Arm zu vergessen und ihm dafür Magenschmerzen zu machen. Auch wenn Nathaniel für diesen Moment aufatmete.

«So.» Die Schwester klebte den Verband fest. «Du kannst dann gehen.»

«Danke.» Er stand auf. Kurz drehte sich alles, sodass er die Augen schloss. Sofort öffnete er sie wieder, als das Bild seines Vaters vor ihm erschien, wie er versuchte ihn auf den Boden liegend zu treten.

Das wird noch ein verdammt langer Weg. Sicher, 17 Jahre verschwinden nicht durch einen einzigen Tag.

«Ist alles in Ordnung?»

«Ja, geht schon wieder.» Sein Körper hatte in den letzten Wochen eindeutig zu viel mitgemacht und zu wenig Energie dafür bekommen. Das musste sich ändern.

Nathaniel kehrte in den Wartebereich zurück. Steve saß auf einer der Bänke und den Blick aufs Handy gerichtet. Er hatte den Rucksack dabei, den Nathaniel immer in der Schule gehabt hatte.

Er entschied sich, erst zu ihm zu gehen, bevor er an der Information nach seiner Mutter fragte. Schließlich hatte sein Freund schon genug für ihn an dem Tag getan und sollte wieder nach Hause können.

«Ich bin dann soweit fertig.»

Steve sah auf. «Und?»

«Es sah schlimmer aus, als es war.» Nathaniel zeigte seine verbundenen Arme.

«Gut. Hier sind ein paar Sachen für deine Mutter und für dich drin. Wenn du heute Nacht einen Platz zum Schlafen brauchst, dann melde dich. Ich habe meine Eltern schon gefragt, das geht in Ordnung.»

Das Angebot klang nicht schlecht. In dem Haus wollte er nur ungern noch eine Nacht verbringen. Wer wusste schon, ob sein Vater nicht doch zurückkam, und nach dem heutigen Tag würde er ihm alles zutrauen.

Wieder dieses Krampfen seines Magens.

«Ich habe auch dein Handy mitgenommen. Es lag bei deinen Eltern im Schlafzimmer.» Steve holte das Gerät aus der Hosentasche. «Das ist doch deins, oder?»

«Ja ist es.» Der kleine Riss im oberen Eck des Displays war unverkennbar.

«Warum lag es bei …» Steve unterbrach sich selbst, «Vergiss es, ich kann es mir schon denken.»

«Mein Vater hatte eine Tracking App darauf installiert und ist mir gefolgt. Danach hat er es mir weggenommen, damit ich keinen Kontakt zu meinen verkommenen Freunden aufnehmen kann.»

Steve verzog das Gesicht. «Na danke auch. Hätte ich das gewusst, hätte ich ihm noch mal extra eine reingehauen.»

«Ich hoffe, dass du nicht noch eine Quittung dafür bekommst.»

«Was soll er tun? Mich wegen Körperverletzung anzeigen?»

Nathaniel zuckte mit den Schultern. «Zutrauen würde ich es ihm.»

«Soll er nur machen. Damit kommt er nicht durch.»

«Du scheinst dir sehr sicher zu sein.»

«Auch der beste Anwalt, muss sich ans Gesetzt halten.»

Seine Worte in Gottes Ohr. War Steve nun ein absoluter Optimist oder hatte Nathaniel in den Jahren zu viel gesehen, was über Einfluss doch verzerrt und verschoben werden konnte? Nathaniel ging zur Anmeldung, wo er die Zimmernummer von seiner Mutter bekam. Dass sie auf der Normalstation war, war für ihn schon mal ein gutes Zeichen.

Er klopfte an die Tür des Zimmers und öffnete sie einen Spalt weit. Seine Mutter lag allein in dem Raum am Fenster. Das zweite Bett war leer, aber benutzt. Auf dem Nachttisch standen ein paar Kekse und Blumen. Aus dem zweiten Schrank hing der Gurt einer Tasche. Gut. Dann war sie zumindest nicht allein. Er mochte sich nicht ausmalen, was in ihrem Kopf vor sich ging, wenn in seinem eigenen schon so viel herumflog.

«Mama?»

Sie drehte ihren Kopf zu ihm. «Nathaniel, wir geht es dir?»

Er schloss die Tür hinter sich. «Es geht. Und bei dir?»

«Eine Gehirnerschütterung, mir ist noch schlecht und ich habe Kopfschmerzen.» Sie versuchte optimistisch zu klingen, aber das Kratzen in ihrer Stimme sagte mehr aus als jedes ihrer Worte.

Nathaniel zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. «Das wird wieder.»

War seine Mutter schon länger so blass und ihre Finger so dünn? Es musste so sein. Das passierte nicht über Nacht und wieso hatte er das alles nicht bemerkt?

«Sicher und alles andere auch. Wäre das heute nicht passiert, dann hätte ich ihn verlassen, sobald ich die Wohnung fertig gehabt hätte.»

«Was für eine Wohnung?»

Seine Mutter lächelte. «Kurz nachdem wir hierhergezogen sind, habe ich jemanden wiedergetroffen.»

«Deinen ersten Freund?»

Erschrocken weitete sie die Augen. «Ja, woher weißt du das?»

«Du hast mir vor zwei Wochen das erste Mal von ihm erzählt.»

«Er saß bei uns in der Notaufnahme.» Sie schmunzelte kurz. «Er hatte sich am Backofen verbrannt. Beim Kochen war er schon immer nicht ganz so geschickt. Ich habe in behandelt, wir haben uns wiedererkannt und es war sofort alles wieder wie früher. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, es hat sich richtig angefühlt. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie sehr du leidest. Jason hat mir Mut gemacht, mir versprochen das gemeinsam mit mir durchzustehen, und ich habe angefangen nach einer Wohnung zu suchen. Dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Der Arzt, in dessen Praxis ich gearbeitet habe, wollte aufhören und hat mich gefragt, ob ich in drei Jahren seine Nachfolge antreten möchte. Dein Vater war dagegen. Schließlich wusste er nicht, wie lange wir hier sind, es könnte sich ja jederzeit etwas Neues für ihn ergeben.»

«Klar, du sollst verzichten für ihn. Wir alle. Sicher.»

«Ich habe meinen Chef in alle Pläne eingeweiht. Er sagte mir, dass es über der Praxis eine Wohnung gibt, ich dachte bis dahin, es sei nur ein Dachboden für Gerümpel.» Sie richtete sich auf und blieb kurz bewegungslos sitzen. Dann zog sie die Schublade des Nachttisches auf. «Hier.» Seine Mutter hielt ihm einen Schlüssel hin. «Damit kommst du rein. Es ist zwar noch viel zu tun, aber ich denke, wir werden damit schon klarkommen. Die Küche kam Freitag, zwei Wochen früher als geplant. Das muss ein Wink des Schicksals gewesen sein.“

«Deswegen warst du so wenig zuhause.»

«Ja, ich wollte die Wohnung so schnell wie möglich fertigbekommen und musste das alles machen, ohne dass Baron etwas davon mitbekommt.»

Nathaniel hatte erst fragen wollen, warum sie ihn nicht auch in alles eingeweiht hatte, aber mit dem Gedanken an die Tracking App beließ er es auch dabei. Er hätte ihr gerne geholfen und sie irgendwie unterstützt. Hoffentlich konnte er es jetzt. Eine eigene Praxis war der Traum seiner Mutter gewesen, solange er sich zurückerinnern konnte. Er freute sich auf der einen Seite, dass es für sie zum Greifen nah war. Auf der anderen Seite schwelte die Angst, dass sein Vater doch noch einmal alles zerstören konnte.

Es klopfte an der Tür. Seine Mutter zuckte zusammen und hielte sich die Hand auf das Pflaster an der Stirn.

«Miranda, darf ich reinkommen?», fragte eine sanfte, etwas verrauchte Stimme durch die Tür.

Sofort entspannt sich seine Mutter. «Ja, natürlich.»

Ein Mann, Nathaniel schätze ihn auf Mitte 50, mit den ersten ergrauten Haaren an den Schläfen trat ein. Er hatte einen Rucksack dabei, trug eine abgewetzte Lederjacke und Jeans.

Das aufkommende Strahlen in den Augen seiner Mutter verriet ihm, dass es sich um Jason handeln musste. Seinem Vater gegenüber hatte sie sich nie so gezeigt.

«Schön, dass du da bist.»

Als er Nathaniel entdeckte, blieb er mit Abstand zu den beiden stehen. Unsicher sah er zu ihr, dann zu ihm. Nathaniel stand auf und reichte ihm die Hand. «Ich bin Mirandas Sohn, freut mich.»

Etwas verwundert schüttelte Jason ihm die Hand. «Nathaniel richtig?»

«Ja.»

«Du kannst deine Sorge ablegen. Das zwischen uns ist in Ordnung für ihn», versuchte seine Mutter ihrem Freund Sicherheit zu geben. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf Nathaniel. «Jason hatte Angst, dass du ihm Vorwürfe machen könntest, seine Familie zu zerstören.»

«Wo nichts ist, kann man nichts kaputt machen. Seit heute weiß ich, dass ich nur einen Erzeuger, aber keinen Vater habe.»

«Und er wird für das, was er euch angetan hat, nicht so einfach davonkommen.» Jason ging zu Miranda und nahm ihre Hand. «Ich werde euch helfen, soweit es mir möglich ist.»

«Ich lass euch dann mal allein, ihr habt genug Zeit verloren. Steve wartet unten auf mich.»

«Aber, ich wollte dich nicht verscheuchen», sagte Jason schnell.

«Tust du nicht. Mama, du meldest dich, wenn was ist?»

«Natürlich. Und wenn du mein Auto brauchst, dann hol es dir.»

Er würde noch Zeit haben, um Jason kennenzulernen. Dass seine Mutter mit ihm glücklich war und er ihr in den Monaten geholfen hatte, reichte ihm erst einmal. Der Rest würde sich zeigen
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