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Short Shorts

Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Jan Böhmermann Olli Schulz
15.07.2021
15.07.2021
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Es gab diese Momente, da setzte Jans Hirn einfach aus. Dagegen konnte man dann auch nichts machen – da konnte man noch so schlagfertig sein, sich für noch so klug halten, sich von noch so vielen Leuten attestieren lassen, dass man immer einen Deut schlauer war als die anderen. Es gab diese Momente, rein menschlich, und dann war das eben so.

99 Prozent dieser Momente hatten bei Jan mit einer einzigen Person zu tun.

Na gut, 80 Prozent.

Man will doch nicht so kleinlich sein. 73.

Der überwiegende Teil dieser Momente hatte jedenfalls mit einer einzigen Person zu tun.

Das waren solche Momente, in denen sein (ach so schlaues, ach so schlagfertiges) Hirn sich so etwas dachte wie: „Och, schick Olli doch dieses lustige Bild von heute. Ist doch eh Promo-Material, wird doch eh irgendwann öffentlich durchs Internet fliegen.“

Oder es dachte sich – zusätzlich – dann auch noch: „Und wenn du schon dabei bist, schick es ihm doch privat, statt in einem der tausend Gruppenchats, in denen ihr gemeinsam seid.“

Und dann schoss es vielleicht auch noch hinterher: „Und schreib vielleicht noch einen blöden Spruch dabei. Ist doch ganz witzig, wenn er mal so ein bisschen peinlich berührt ist.“

Nun gut, meistens war es ein schöner Schlamassel, der dabei rumkam. Da kam Jan sich so schlau, so schlagfertig, vielleicht sogar ein bisschen witzig vor, aber am Ende vom Tag war es doch ein klarer Fall von Gruben graben, selbst hereinfallen, dieser ganzen Chose.

Dann wurde man von Olli angerufen, manchmal mitten in einer absolut sinnentleerten WhatsApp-Konversation, manchmal mitten in der Nacht, weil man sich einen Lebensstil des ungesunden Schlafrhythmus angewöhnt hatte. In einer WhatsApp-Konversation, in der man sich gegenseitig so lange hochgeschaukelt hatte, bis man froh war, dass Olli den ersten (oder fünften, oder zehnten, oder dreißigsten) Schritt ging und ganz zuverlässig anrief, bevor es zu viel wurde. Und dann war es auch egal, ob man die nächste halbe Stunde damit verbrachte, über sich selbst zu lachen und von der Familie zu erzählen, von der vergangenen Woche, von Irren, die man auf der Straße getroffen hatte, oder ob man die nächste halbe Stunde mit etwas ganz, ganz, ganz anderem verbrachte. Bloß nicht zu intensiv darüber nachdenken.

Man hatte nun also dieses bescheuerte Foto geschickt, sich für schlau, schlagfertig, und so weiter, und so weiter, gehalten. So weit, so gut. Man hatte ein bisschen in sich hineingekichert, weil es wirklich ein blödes Foto war, weil man darauf wirklich ein bescheuertes Outfit trug: bisschen zu pastellig, um ernst gemeint zu sein, Short Shorts ein bisschen zu short-short, aber das Team hatte da Vorstellungen gehabt, Schirmkappe überragend 90er, ein echter Sommerstyle eben.

„Triff mich in Cala Ratjada, wie ich Mister Gay Pride Mallorca werde!“ hatte zumindest in seinem (ausgesetzten) Hirn auch wirklich lustig geklungen.

Nun.

Nicht nur war Olli im Alleingang für 99 80 73 Prozent von Jans Aussetzern verantwortlich, er war auch nicht in der Lage, wie ein normaler Mensch auf Short-Shorts-Sommerfotos mit halb unangebrachten Witzen drunter zu antworten.

In dieser Hinsicht waren sie schon ein herausragendes Team.

Was Olli also hätte antworten können (Edition: „Normaler Mensch“):

•     „Der Pandemie-Sommer ist gerettet!“
•     Die Flagge von Honduras, von der er später steif und fest hätte behaupten können, dass er sie für eine Pride-Fahne gehalten hatte.
•     Daumen-hoch-Emoji.
•     Lachend-weinendes Emoji.
•     Lachend-weinendes Emoji und Daumen-hoch-Emoji.

Kurzum: Die Liste war schier endlos.

Offenbar jedoch nicht ganz so endlos wie die Anzahl an möglichen Emoji-Kombinationen, die Jan in unangemessene Verlegenheit bringen konnten. Hauptsächlich deshalb, weil er nicht mit ihnen gerechnet hatte.

Zur Debatte stehend: „Feuer-Emoji, Augen-Emoji.“

So weit, so harmlos.

Zwei Minuten später: „Würde Dich wählen.“

(Als was jetzt, als FDP-Kanzlerkandidat?)

(Ach so, als Mister Gay Pride Mallorca, na klar.)

Ganz fünf Minuten lang war das Thema für Jan abgehakt. Lustiges Foto geschickt, Reaktion drauf erhalten, die nicht nochmal kommentiert werden muss, Ende der Interaktion. Vielleicht hatte Olli sogar ein bisschen, wie man sagte, „im echten Leben“ darüber gelacht, das wäre doch schön, das wäre doch gelungen. Jan mochte es, wenn Olli über seine Witze lachte, das war meistens ansteckend und manchmal witziger als der eigentliche Spruch.

Dann jedenfalls, fünf Minuten später: „Ganz schön kurzes Höschen.“ Und: „Steht Dir gut! Lächelndes-Gesicht-Emoji. Daumen-hoch-Emoji.“

(A-ha! Da war immerhin der Daumen hoch. Immerhin.)

Das war nun unabwendbar der Punkt, an den sie sich abwechselnd mit wachsender Genugtuung manövrierten, an dem es langsam unangenehm wurde, aber an dem auch keiner von ihnen aufhören konnte.

Was galt es nun zu antworten?

„Danke“, tippte Jan geflissentlich, fügte noch ein lächelndes Gesicht dahinter ein. Das mit Augenbrauen. Augenbrauen verliehen einem Gesicht ja Ausdruck, wusste man ja. Gab es nicht auch ein Emoji mit Sonnenhut? Da gabs einen Cowboyhut. Nicht ganz der Eindruck, den er hier erwecken wollte. Mensch, das war aber auch verzwickt. Mit anderen Leuten schrieb man sich noch SMS, gute alte Zeit, damals hatte man nur dreihundert Abkürzungen auswendig können müssen, heute musste man ordentlich aufpassen, dass man seinen Gesprächspartner – seine Gesprächspartnerin – nicht aus Versehen zu einem Handjob ins Love Hotel einlud. Hier, eine kleine Sonne für das Sommerfeeling. Perfekt.

Zehn Sekunden, online, gelesen, keine Antwort. Blöd.

„Du magst wohl fluoreszierende Beine?“, setzte er nach, hauptsächlich wegen der 73 Prozent.

„Ich mag vor allem Deine fluoreszierenden Beine. Lächelndes-Gesicht-Emoji.“

Ja. Nee. Klar.

In einer echten Konversation von Angesicht zu Angesicht wäre das alles einfacher gewesen. Olli hätte dieselbe dumme Bemerkung gemacht, Jan hätte mit einer dümmeren Bemerkung geantwortet, Olli hätte einmal laut und dreckig gelacht, die ganze unangenehme Situation wäre gelöst worden. Fertig.

Stattdessen starrte Jan seinen schwarzen Handybildschirm an, als sei er keinen Tag über 14, mit dem schmachvollen Drang, das Gesicht in den Händen verstecken zu wollen, weil es manchmal doch arg, arg schlimm wurde, auch wenn einen gerade niemand dabei beobachtete, und zum Glück auch keine 50 Grad heißen Studiolichter auf vier erwartungsvolle Kameras herabbrutzelten.

Es zeigte sich im Grunde einfach nur: Wenn man nicht damit klarkam, dass jemand zurückflirtete, sollte man am besten gar nicht erst damit anfangen.

Mal ganz abgesehen davon, dass Jan sich nicht sicher war, ob man das Wort „flirten“ heutzutage überhaupt noch verwandte. Das wäre mal eine eingehende Google-Suche wert. Oder man könnte seine 2,3 Millionen Twitter-Follower fragen, da erhielt man doch relativ schnell relativ glaubwürdige Antworten, wenn man Glaubwürdigkeit im Allgemeinen sehr lose definierte.

Egal. „Flirten“ hin oder her. Olli mochte also insbesondere seine fluoreszierenden Beine. Witzig.

„Na da kannst du ja froh sein, dass so viel davon hier zu sehen ist“, schrieb er zurück. Klarer Fall von: hätte man schlagfertiger antworten können, aber eine Antwort war auch nicht mehr schlagfertig, wenn man zu lang über sie hatte nachdenken müssen. Es war eine Situation, die nach Kompromissen verlangte.

Außerdem 73 Prozent, daher: Zwinkerndes Emoji. War ja klar.

„Würd ich mir auch in echt angucken“, schrieb Olli. Einfach mal eben.

Oh Gott, es drohte also doch noch eine solche Situation zu werden. Jan zwang sich, das Handy ordentlich in die Hand zu nehmen, als sei das eine ernste Unterhaltung, die es mit größtmöglicher Beherrschtheit zu führen galt.

Beidhändig.

Auf dem Tisch.

Bevor er an einer Antwort tippen konnte, schrieb Olli: „In echt gibt’s ja auch sonst noch mehr zu sehen.“

Wahnsinnig unangenehm, aber dann wiederum auch nicht.

„Mehr Bein, meinst du?“, fragte er. Blödsinnig.

„Auch“, antwortete Olli sofort, dann: „Mehr Mister Mallorca Gay irgendwas.“ Umarmendes Emoji. Jazz-Hands-Emoji. Was auch immer dieses Teil bedeutete.

Es war vollkommen übertrieben, was eine derart harmlose, witzelnde Unterhaltung gelegentlich mit seinem Adrenalinpegel anstellte. Vollkommen übertrieben auch, dass man stundenlang die unangebrachtesten Witze über- und miteinander machen konnte, aber so, hier, nachts am Tisch, schwarze Schrift auf hellgrünem Untergrund, war es dann doch auf einmal eine ganze Menge an – wie soll man sagen – Input.

Jan hatte zu lange nicht geantwortet. „Online“ stand da immer noch klein unter Ollis Namen und seinem nichtssagenden Profilbild. Auch das war ein Problem davon, wenn man sich selbst für so schlagfertig, für so klug hielt, wenn einem die Leute attestierten, dass man immer schlauer war als die anderen: Man hatte nun auch eine Messlatte für sich selbst, die es zu übertrumpfen galt.

Er schickte sich an, den Handybildschirm einfach abzuschalten und das Handy auf Seite zu legen, oder vielleicht doch einfach den Browser zu öffnen und mal eben schnell ein, zwei Stunden lang in der Frage zu versumpfen, ob das Wort „flirten“ im 21. Jahrhundert noch im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch zu finden war.

Das Handy vibrierte in seiner Hand. Fast schon reflexartig nahm er den eingehenden Anruf entgegen – Pavlov wäre stolz, zweifelsohne.

„Gibt’s noch mehr von diesen Fotos?“, fragte Olli am anderen Ende der Leitung, ein bisschen zu laut für die dröhnende nächtliche Stille um Jan herum.

„Bestimmt“, antwortete er. „Und die shorten Shorts kann ich bestimmt auch nochmal organisieren.“

Olli lachte, aber nicht so laut und dreckig, dass es irgendwas an der Situation aufgelöst hätte.
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