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Dass du stark genug bist

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Romance / P18 / MaleSlash
15.07.2021
18.07.2021
2
10.914
10
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15.07.2021 5.859
 
Jan konnte die Musik schon hören, als er noch nach dem richtigen Namen an der Klingel suchte, und sah sich innerlich schon um 3 Uhr nachts mit dem Ordnungsamt konfrontiert.

Oder, mit Blick auf das erstaunlich gepflegte Wohngebiet, vielleicht auch schon um 23 Uhr.

Vielleicht auch schon um 22 Uhr und eine Minute. Das gab ihnen immerhin noch ungefähr eine Stunde, um die Nachbarn so richtig auf die Palme zu bringen, bevor der erste Nachbar im Flausche-Bademantel wutentbrannt an der Tür klingeln durfte. Rein rechtlich.

Ah, hier, Heufer-Umlauf. Klingel gefunden. War auch gar nicht so schwer gewesen, abgesehen davon, dass Jan den zweiten Namen auf der Klingel nicht kannte und dass das provisorisch mit Billig-Tesa angeklebte Schild sowieso schon langsam das Zeitliche segnete. Gut, man war auch schon vor – Jan sah kurz auf die Uhr – 12 Stunden eingezogen, welcher handelsübliche Tesa hielt solchen Belastungen heutzutage noch dauerhaft stand.

Wenigstens hatten sie ein Klingelschild, dachte Jan, während er erneut klingelte und ihn das Gefühl beschlich, dass die Klingel eventuell von Bravo Hits 1998 übertönt wurde. Jan hatte nach seinem letzten Umzug zwei, drei Wochen lang damit leben müssen, dass all seine Post zurückgeschickt wurde, da die Hausverwaltung sich nicht um ein Klingelschild hatte kümmern wollen und—

Jemand öffnete von innen die Tür und lief geradewegs an Jan vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ach ja, Mehrfamilienhäuser.

Wenigstens war die Tür nun offen.

Die Musik wurde auf dem Weg nach oben nicht leiser. Ihm war nicht bewusst gewesen, auf was für Menschen er sich hier würde einlassen müssen, die um 21 Uhr abends, vermutlich noch nicht dem Vollrausch verfallen, auf maximaler Lautstärke dieses leicht psychedelische Cher-Lied hörten. Wenigstens war das Treppenhaus einigermaßen sauber, wenn es auch mit einem ganz typisch unaufregenden 90er-Jahre-Baustil aufwartete, der Jan in seiner Unaufgeregtheit einigermaßen überraschte.

Klar, Klaas und er kannten sich nur von der Arbeit, aber irgendwie hatte Jan sich Klaas eher in einer hippen Altbauwohnung vorgestellt.

Nicht, dass man sich das heutzutage noch so aussuchen konnte, wenn man nur ein gewisses Budget hatte.

Die Wohnungstür hatte noch kein Klingelschild, aber Cher und einige Mitgröler jenseits der Tür ließen Jan voll Zuversicht auf die Klingel drücken.

„I really don’t think you’re strong enough”, sangen Cher und die Partygäste.

Das einzige, was hier not strong enough ist, ist die Lautstärke eurer Klingel, dachte Jan.

Drückte auf die Klingel.

„Do you”

Klingel.

„Believe in”

Klingel.

„Life after”

Klingel.

„Love after”

Klingel. Klingel. Klingel.

Bevor Jan und die Klingel sich richtig auf den Beat eingrooven konnten (Ha!, dachte Jan), wurde die Tür aufgerissen.

Es war ein Typ, den Jan nicht kannte, von dem er aber annehmen musste, dass er wahnsinnig gutes Gehör hatte.

Oder alle anderen einfach wahnsinnig schlechtes.

Jan war hauptsächlich davon abgelenkt, dass der Typ sogar noch ein Stück größer war als er selbst, was selten vorkam und womit Jan auch nicht gerechnet hatte. Warum auch immer. Vielleicht, weil er Klaas an der Tür erwartet hatte. Oder, weil der Typ zu seiner überraschenden Körpergröße ein Hemd trug, während Jan seinen ranzigsten Kapuzenpulli als gut genug erachtet hatte. Ein Hemd mit Kragen und allem. Drei—nein, vier Knöpfe offen.

Jan musste sich mit Nachdruck daran erinnern, den Leuten ins Gesicht zu sehen, und wurde dafür mit so einem Ausdruck belohnt. Ein Ausdruck, der sagte: Mir ist aufgefallen, dass du mich gemustert hast.

„Aha, je früher der Abend, desto schöner die Gäste“, sagte der Typ mit einer ironischen Selbstsicherheit, die Jan sofort als haltlose, generalisierte Flirterei abtat, die ihn aber gleichzeitig in Kombination mit seiner Hemd-verursachten Ertapptheit so überrannte, dass er keine schlagfertige Antwort fand.

Na ja.

Cher intonierte nun jedenfalls ihre Lebensweisheiten aus der offenen Tür heraus ins Treppenhaus und Jan konnte nicht an sich halten, vorsichtshalber links und rechts zu den Türen der Nachbarn zu schauen und sich unangenehm durch den Türspion beobachtet vorzukommen.

„Die Musik is‘ bisschen laut, ne“, stellte der Typ in dem überspitzten Tonfall eines Menschen fest, der sich ebenfalls durch den Türspion beobachtet vorkam und es die neugierigen Nachbarn wissen lassen wollte.

„Bisschen“, antwortete Jan. „Die Lautstärke wär‘ halb so wild, aber eure Musikauswahl ist echt nicht so, weißte.“

Er machte eine wegwerfende Handgeste, von der er hoffte, dass sie universalverständlich sein würde.

Der Typ lachte.

„Wenn wir die Musik leiser machen, kommste dann rein und trinkst ein Bier mit mir?“

Der Typ sah ihn erwartungsvoll an und öffnete die Tür ein Stück weiter, was eine beachtliche Leistung war in Anbetracht der Masse an Umzugskisten, die sich im Flur stapelten.

Das Lied endete.

„Nur unter einer Bedingung“, sagte Jan. Der Typ hob die Augenbrauen.

„Cher ist vorerst von der Playliste gestrichen.“

Der Typ lachte, sagte „Deal!“ und schon war die Haustür hinter Jan geschlossen und er stand in einem Wohnzimmer, von dem er – auf einer rein intellektuellen Ebene – nicht ausschließen konnte, dass es wildfremden Menschen gehörte.

Zum einen hatte er den Typ an der Tür nicht gekannt. Zum anderen wollte er nicht weiter mit einem Menschen zusammenarbeiten, der eine derart scheußliche Couchgarnitur besaß, von der Jan inständig hoffte, dass Klaas sie behelfsweise vom Sperrmüll geklaut hatte, sofern es sich hier wirklich um Klaas‘ Wohnung handelte.

Zum dritten wegen der vollkommen selbstverständlich um einen Esstisch stehenden Campingstühle.
Der Typ drückte ihm ein Bier in die Hand, an dessen Hals sich Kondenswasser sammelte, und prostete ihm zwanglos zu.

War wohl zu spät, um zu sagen, dass er eigentlich nicht so sehr gerne Bier trank.

Auf der (wirklich, wirklich hässlichen) Couchgarnitur saßen ein paar andere Leute, die Jan nicht kannte. Für einen kurzen Moment lebte er in der schrecklichen Vorstellung, auf die falsche Party geraten zu sein und sich elegant aus der Affäre ziehen zu müssen, aber dann sah er durch die halboffene Balkontür Klaas, halb abgewandt und ins Gespräch vertieft, rauchend, und war beruhigt.

„Das ist, äh“, begann der Typ neben ihm, die Stimme bestmöglich über die Musik erhoben.

Es dauerte eine Sekunde, bis Jan auffiel, dass der Typ ihn vorstellen wollte.

„Jan”, sagte Jan.

„Jan“, wiederholte der Typ. „Ich bin Olli, hi.“

Bevor Jan etwas erwidern konnte, wandte Olli seine Aufmerksamkeit wieder der breiten Masse auf der wirklich, wirklich hässlichen Couch zu und fuhr fort: „Hab ihn an der Haustür gefunden. Er ist extra vorbeigekommen, um uns zu sagen, dass er die Musik scheiße findet.“

Ein anderer Typ auf der Couch lachte so unangenehm laut und anstrengend, dass es die Musik bei weitem übertönte. Vielleicht würde der wütende Nachbarsmob ihnen auch schon Punkt 22 Uhr mit Fackeln und Mistgabeln die Tür eintreten.

„Ich musste ihm versprechen, dass wir nicht mehr Cher hören.“

Olli sah gespielt tadelnd in die Runde und schob Jan dann beinahe grob einen Campingstuhl (einen Campingstuhl. Im Wohnzimmer) unter den Hintern.
„Fühl‘ dich wie zu Hause.“

Aus den Lautsprechern tönten die Backstreet Boys, so dass Jan sich veranlasst sah, anzunehmen, dass er mit seiner Bravo Hits-Annahme ins Schwarze getroffen hatte.

Er nippte an seinem Bier und bildete sich ein, Nick Carter würde schon seine Sinne vernebeln. In Wirklichkeit war es wohl nur Zeit, mal die CD zu wechseln.

„Du bist also ein Kumpel von Klaas, nehm‘ ich an“, stellte der Typ – Olli – fest, der sich auf einem bescheuerten Campingstuhl niedergelassen hatte, als sei es nicht nur das gemütlichste, sondern auch das lässigste der Welt, obwohl ganz offensichtlich niemand bei der Konzeption eines handelsüblichen Billig-Campingstuhls mit Menschen jenseits von 1,90m gerechnet hatte. Der Typ schaffte es trotzdem. Hemd offen, Beine breit, Arm über die Rückenlehne.

Textbuch-Körperhaltung, die Interesse am Gesprächspartner suggerierte. Und noch einiges mehr.
Jan entkreuzte die Beine als Zugeständnis an ein Grundinteresse an der Fortführung der Unterhaltung.

„Ja“, antworte er und startete den Versuch, sich weitere private Fragen zu ersparen, indem er einen großen Schluck aus der Bierflasche nahm.

Nein, schmeckte ihm immer noch nicht.

Klappte außerdem nicht, Olli von Kennenlern-Small-Talk abzuhalten. Dabei hatten sie im Flur so gut angefangen, mit der Tür ins Haus, sozusagen. Er sah Jan einfach nur an und wartete geduldig, bis Jan mit seinem Alibi-Schluck fertig war und einmal peinlich berührt gehüstelt hatte.

„Wir arbeiten zusammen“, fügte er schließlich hinzu, in der Hoffnung, dass das genug Information sein würde.

Der Typ lehnte sich in seinem eigenen Campingstuhl zurück und streckte die langen Beine aus, als sei er hier wirklich auf dem Campingplatz und nicht in jemandes Wohnzimmer.

„Ach, der Jan bist du. Der Jan, der keine Zeit hatte, beim Umzug zu helfen, weil er mit dem Corporate Social Responsibility Report fertig werden musste.“

Der Typ sprach ‚Social Responsibility‘ ziemlich umständlich aus, aber Jan wusste von sich selbst, dass er klang wie der deutscheste Deutsche, wenn er Englisch sprach, und überhaupt – auch egal. Jan störte sich auch nur an der abschätzigen Art, die darauf schließen ließ, was Olli genau von Bürojobs und der Wichtigkeit solcher Aufgaben hielt.

„Mhm“, machte Jan zur Antwort, und da ihm das wieder nicht ausreichend vorkam, setzte er noch hinzu: „Klaas hatte ja offensichtlich andere große, starke Unterstützung.“

Etwa eine halbe Sekunde zu spät fiel ihm auf, wie es geklungen haben musste, was er da gerade gesagt hatte. Der Typ sah ihn erst einen Moment so durchdringend an, dass es Jan kalt den Rücken herunterlief. Setzte sich dann auf in seinem blöden Campingstuhl. Musterte Jan so ausgiebig von oben bis unten (und von unten bis oben), dass es ihm postwendend heiß den Rücken heraufstieg.

Jan fragte sich, ob er selbst wohl den ‚Mir ist aufgefallen, dass du mich gemustert hast‘-Blick genauso gut drauf hatte wie Olli, zweifelte aber in Anbetracht seiner brüchigen Contenance stark daran.

Er nahm vorsichtshalber nochmal einen großen Schluck.

Das Bier wurde nicht besser.

„Kommst du ursprünglich aus Berlin?“, fragte Olli, konversationssicher und mit der Manier eines wirklich guten Kellners, der immer den ungünstigsten Moment abwartete, um sich nach dem werten Befinden zu erkundigen; den Moment, wenn man sich gerade ein riesiges Stück Schnitzel in den Mund geschoben hatte, oder mit einem zu groß geratenen Salatblatt kämpfte, oder sich die größte Mühe gab, in einem Zug eine Flasche Bier zu exen, um eine unangenehme Situation zu überspielen.

Jan schluckte umständlich und erzählte dann in groben Zügen von seinen Umzügen der letzten Jahre, von Bremen, von Köln, von Berlin.

Er hätte Olli unter anderen Umständen nicht als guten Gesprächspartner bezeichnet. Schon nach drei Sätzen machte Olli Anstalten, ihm ins Wort zu fallen, schien sich dann aber nochmal beherrschen zu können, bevor er, kaum, dass Jan die Geschichte seiner Umzugsodyssee beendet hatte, in eine lange, ausschweifende Erzählung über diverse Umzüge innerhalb derselben Stadt verfiel, über wilde Nachbarn mit noch wilderen Spitznamen und über sehr viel Musik und ein Hausboot.

Jan machte eine mentale Notiz, da nochmal genauer nachzufragen, aber Olli war schon beim nächsten Thema angekommen, und als jemand beim Aufstehen von der Couch eine Flasche auf den Boden warf, die in tausend Teile zersprang, musste Jan noch eine Anekdote loswerden über die letzte Einweihungsparty in der Wohnung neben seiner, während der ihm ein Bild von der Wand gefallen war und ihm fast einen Herzinfarkt verursacht hätte.

Olli hatte im Gegenzug eine absurde Geschichte über jemandes Kronleuchter, eine Katze und einen Besenstiel, die Jan für erfunden hielt, aber die ihn so sehr zum Lachen brachte, dass er beinahe keine Luft mehr bekam.

Nein, unter normalen Umständen hätte er Olli nicht als guten Gesprächspartner bezeichnet, aber irgendetwas an der Atmosphäre, oder an dem Grundton, den ihre erste Unterhaltung an der Tür schon angegeben hatte, oder an der allgemeinen Campingplatzstimmung in diesem Wohnzimmer sorgte dafür, dass die Umstände nicht normal waren.

Vielleicht lag es auch nur daran, dass Olli Jan mit absoluter Treffsicherheit zum Lachen brachte, indem er sich fürchterlich in seine Geschichten hereinsteigerte, und dann doch aus jeder Geschichte mit einem Augenzwinkern und einer ordentlichen Portion Selbstironie – vielleicht die erste Eigenheit, die Jan an ihm aufgefallen war, direkt nach den vier, vier geöffneten Hemdknöpfen – wieder herausschlitterte.

Vielleicht lag es auch daran, dass Olli bei allen Unterbrechungen, Aus- und Abschweifungen trotzdem wirkte, als würde er sich ehrlich für Jans Geschichten interessieren, auch, wenn er sie häufig mit keinem Wort kommentierte, weil ein einziges Stichwort genügte, um ihn wieder über ein neues Thema in Fahrt zu bringen.

Oder vielleicht lag es daran, dass es sehr, sehr leicht war, Olli zum Lachen zu bringen, und dass er es sehr, sehr mochte, wenn Olli lachte, und es sogar noch sehr, sehr viel mehr mochte—

„Na, ihr habt euch ja schon richtig gut angefreundet.“

Jan hatte Klaas nicht bemerkt, war wohl zu sehr in seine Unterhaltung vertieft gewesen, und war auch entsprechend peinlich berührt, weil er schon seit (ein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet es ihm) über einer Stunde hier war und es noch nicht geschafft hatte, seinen Gastgeber zu begrüßen.

Bemerkenswert auch, dass er schon seit über einer Stunde hier war, niemand die Musik leiser gedreht hatte und noch kein Nachbar wild Sturm geklingelt hatte.

Oder vielleicht hatten sie das auch nur nicht gehört, weil niemand die Musik leider gedreht hatte.

„Irgendjemand muss ja eure Gäste für euch entertainen“, sagte Olli und lehnte sich wieder in seinem Campingstuhl zurück, der Jan mittlerweile gar nicht mehr so deplatziert vorkam, aber dafür durchfuhr ihn eine plötzliche Unzufriedenheit damit, dass Olli mit dieser einen Bewegung eine solche Distanz zwischen sie gebracht hatte.

Klaas sah mit einem Blick zwischen ihnen hin und her, den Jan zwar hätte deuten können, sich aber dafür entschied, ihn nicht deuten zu wollen.

Olli hob herausfordernd die Augenbrauen; Jan wusste, dass er selbst mit einer einzigen pointiert erhobenen Augenbraue die größtmögliche Wirkung erzielte. Eine kleine Sache, die ihn aber mit einem wohligen Gefühl von Verbundenheit erfüllte, auf eine fast schon kindische Weise. Verbündet irgendwie, gegen Klaas und seine Andeutungen.

Jan musste schließlich noch mit dem Kerl zusammenarbeiten.

Klaas hob schließlich beschwichtigend die Hände. „Ist ja schon gut.“

Der schelmische Blick blieb bestehen. Was auch immer.

„Du, äh“, fing Jan an in dem festen Vorhaben, aus rein gesellschaftlich konventionellen Gründen und zur Ablenkung die Inneneinrichtung zu loben, bevor ihm auffiel, dass es zwischen der Couch und den Campingstühlen keine einzige Sache gab, die er hätte loben können.

„Du hast dich ja schon häuslich eingerichtet“, schloss er schließlich.

Betreten sahen sie gemeinsam zu den waghalsig im Flur gestapelten Umzugskisten.

„Joah“, machte Klaas. „Is‘ wohl Ansichtssache.“

Olli machte ein belustigtes Geräusch, das Jans Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte. Olli sah ihn immer noch so an, so konspirativ. Leckte sich über den Mundwinkel in einer Geste, die Jan schon als Angewohnheit erkannt hatte, die ihm in diesem Moment aber auch irgendwie gewollt vorkam.

Oh je.

Die Musik schien ihm plötzlich überlaut, obwohl sich niemand am Lautstärkeregler zu schaffen gemacht hatte.

Es liefen schon wieder die Backstreet Boys.

„Es laufen schon wieder die Backstreet Boys“, stellte Jan fest, sachlich. Olli löste den Blick von ihm, nickte bedächtig. Sie hörten einige Takte lang der Musik zu, so gut es eben ging, während der Typ mit dem anstrengenden Lachen von der Couch her aus voller Kehle und, wie es schien, tiefster Seele mitsang.

‚Sang‘.

„Winterscheidt, du bist der Grund, wenn gleich ‘ne Anzeige kommt wegen Ruhestörung“, rief Klaas über die Musik hinweg, was den Typ in all seinem gloriosen Gesang nur noch mehr zum Lachen brachte. Ah, Mr. Anstrengende-Lache war also der zweite Name auf dem Klingelschild. Hatte Klaas gar nicht erzählt. Hatte Jan auch nicht gefragt.

Klaas stolperte zur Couch und versuchte, dem Typ den Mund zuzuhalten, was ihm aber nicht gelang.

Zwischen Klaas und dem Typ entwickelte sich eine Rangelei, die einigermaßen absurd aussah, da der Typ entschieden größer war als Klaas, sich aber offenbar auch entschieden weniger gut wehren konnte.

Erst, als Olli ihm eine Hand auf den Arm legte und ihn wieder zu sich selbst zurückholte, merkte Jan, wie arg er in die Situation vertieft gewesen war, wie breit er die ganze Zeit gegrinst hatte.
Wie viel Spaß es machte.

„Die sind doch hier alle komplett irre“, stellte er fest, während Klaas dem Typen damit drohte, die erste Nacht auf dem Balkon schlafen zu müssen. (Hm.)

Olli lachte auf eine Art und Weise, die Zustimmung vermittelte. Verlagerte seine Hand von Jans Arm zu seiner Schulter.

Wie warm ihm war.

„Ich würd‘ eine qualmen, kommste mit auf den Balkon?“

Er sah Olli an, der immer noch amüsiert dreinschaute, und von einer auf die nächste Sekunde war alles anders. Vielleicht lag es an Ollis Hand, groß und warm und sanft, aber bestimmt, auf seinem Arm, oder vielleicht lag es daran, dass Jan nach Klaas‘ Rangelei auf der Couch plötzlich über diese gesamte Wohnsituation etwas verstanden hatte, was ihm vorher nicht klar gewesen war und was seine Perspektive ein wenig zur Seite rückte.

Klar.

Klar kam Jan mit auf den Balkon.

Er spürte auf einmal sein Herz seltsam deutlich schlagen, war auf einmal seltsam aufgeregt. Da schien frische Luft wie die beste Idee überhaupt.

Olli stand aus dem tapferen Campingstuhl auf und streckte sich mühsam, bis er mit den Fingern die Decke berührte. Noch ein Punkt, der für Altbau gesprochen hätte. Klaas Mitbewohner(?) schien immerhin auch ziemlich groß zu sein.

„Hätte ich gewusst, dass die hier ohne Möbel eingezogen sind, hätte ich ihnen zum Einzug wenigstens einen Stuhl geschenkt.“

Olli drehte sich demonstrativ so in seinen unteren Rücken, dass es besorgniserregend krachte.

„‘Hallo, alles Gute zum Einzug, hier ist ein Stuhl, auf dem ich erst mal selbst den ganzen Abend sitzen werde‘?“

Olli lachte. (Oh je.)

„Klar, man muss bei solchen Geschenken auch mal an sich selbst denken!“

Ollis Hand war zurück auf seinem Arm, hielt ihn nicht wirklich fest, aber vermittelte Jan schon wieder dieses konspirative Gefühl, das ihn bestimmt noch um den Verstand bringen würde.

„Vielleicht hätte ich dir den Stuhl ja mal ausgeliehen, bin ja ein netter Kerl.“

„Noch eine Stunde hier bei Campinglaune und ich hätte mich auf deinen bequemen Geschenkstuhl gesetzt, egal, ob du noch dringesessen hättest oder nicht.“

Noch während er sprach, merkte er, wie sein Nacken heiß wurde, dabei war das ein echt zahmer Spruch, der ihm da rausgerutscht war. Olli musterte ihn schon wieder so, stand auch sowieso viel zu nah, und überhaupt war es ziemlich warm in dieser Wohnung.

„Ich glaub, frische Luft tut uns gut“, bemerkte Olli schließlich mit einem selbstironischen Lachen in der Stimme, während Jans Welt noch ein kleines bisschen mehr aus der Bahn glitt, weil er dieses kleine, aber unerwartete Stück zu Olli aufschauen musste, und—

Oh je.

Die frische Luft auf dem Balkon empfing ihn wie ein ausnüchternder Schwall Eiswasser mitten ins Gesicht, dabei war es Frühsommer und damit angenehm lau draußen und Jan war außerdem von den zwei, drei Bier der letzten Stunde nicht einmal annähernd betrunken. Zum Glück.

„Jan, ich sags dir, das ist bisher die harmloseste Einweihungsparty von den beiden, auf der ich jemals war. Beim letzten Mal haben wir jedes Mal so ‘ne Rauchwolke mit rausgebracht, da hat bestimmt von Anfang an jeder Nachbar gedacht, bei denen wird nur gekifft.“ Er unterbrach sich kurz. „Naja, hatten sie wohl recht.“

Olli zündete sich eine Zigarette an, eine ganz normale, altmodisch, mit einem Streichholz, und Jan musste plötzlich an sich halten, nicht laut loszulachen.

„Was?“, fragte Olli mit demselben belustigten Unterton, den Jan an diesem Abend schon öfter kennen gelernt hatte, als würde Olli zu jedem Zeitpunkt erwarten, in einen Witz einsteigen zu können, wenn man ihn nur ließe.

„Ich stell mir das nur so blöd vor. Du—du gehst vor die Tür zum Rauchen, während drin einfach ein Qualm ist, wie, keine Ahnung, 1980 im Kanzleramt.“

Olli atmete wie zur Antwort lachend eine Wolke Rauch aus, lehnte sich neben Jan ans Geländer. Schien sich plötzlich an seine gute Kinderstube zu erinnern und kramte die zerknüllte Zigarettenschachtel wieder aus der Hosentasche, nur, um Jan eine anzubieten. Allein bei dem Gedanken kratzte es ihm schon im Hals.

Oder vielleicht lag das auch nur daran, dass er nun einmal ganz dicht neben Olli stand, der nun einmal eben am Rauchen war.

„Passivrauchen reicht mir schon, danke.“

Meinte er gar nicht so böse, wie es vielleicht klang, aber Olli schien ihn misszuverstehen.

„Oh, scheiße, sorry.“

In einer unerwarteten Zurschaustellung von Verlegenheit wandte Olli sich ab, um die nächste Rauchwolke auszublasen, gestikulierte wortlos mit der Zigarette und machte dann ein paar lange Schritte zu einem provisorisch befestigten Aschenbecher ans andere Ende des Geländers.

Jan hasste es jetzt schon. Es gab immer irgendeinen Moment, an dem eine einfache Situation wieder kompliziert wurde.

Er lehnte die Arme aufs Geländer, atmete ein, zwei, dreimal tief ein, bis er das Gefühl hatte, die laue spätabendliche Luft habe vielleicht auch ein bisschen die verzwickte Situation in seinem Kopf aufgelöst, in die er sich auf einmal selbst manövriert hatte. Ein paar wattige Wolken zur Seite gefegt oder so.

Jan hätte gerne so getan, als wäre der späte Abend um sie herum so still gewesen, dass er das Knistern des herunterbrennenden Papiers von Ollis Zigaretten hätte hören können, aber drüben an der Straße fuhren Autos, irgendeine Anlage brummte, jemand schaute bei offenem Fenster fern, zwei Balkone weiter unterhielten sich Leute angeregt, aber mit gedämpften Stimmen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal nachts auf seinem Balkon gestanden hatte, auch, wenn es noch nicht wirklich Nacht war. Auch abseits der Lichtverschmutzung war sogar der Himmel hinter den Nachbarhäusern noch ein bisschen hell.

War außerdem auch jetzt nicht sein Balkon.

Wann hatte er überhaupt jemals auf jemandes Balkon gestanden mit einem Kerl, mit dem es auf Anhieb Spaß machte? Jan war sich bloß noch nicht ganz sicher, was genau es war, das Spaß machte. Er war sich bloß ziemlich sicher, dass er normalerweise nicht mit solchen Männern in der Abenddämmerung auf fremden Balkonen stand wie in irgendeiner Rosamunde-Pilcher-Schmonzette.

Gerne hätte er so getan, als wäre er in irgendeiner Weise nonchalant, als würde er nur verstohlen zu Olli herüberschauen, der ja gar nichts mehr sagte, so, dass Olli gar nicht mitkriegen würde, dass Jan ihn angeschaut hatte.

Stattdessen trafen sich ihre Blicke, und trafen sich, und trafen sich, bis die Watte und mit ihr die verzwickte Situation Jans Kopf wieder komplett ausgefüllt hatte.

Oder so.

Drin lief ein Lied, das weder von Cher, noch von den Backstreet Boys war. Ein wahres Wunder.
Außerdem konnte Jan ausnahmsweise mal niemanden mitsingen hören. Der eine Typ war vielleicht aufs Klo. Klaas‘—was eigentlich? Mitbewohner? Freund?

Und Ollis durchdringendem Blick konnte er auch irgendwie gerade nicht standhalten. Einfach mal mit der Unterhaltung irgendwohin preschen, Hauptsache aus diesem Schweigen hinaus.

„Was ist das hier jetzt eigentlich?“

Olli hob die Augenbrauen, und Jan hätte ich ganz gerne geohrfeigt, weil er launischer klang, als er beabsichtigt hatte, und Olli auch außerdem sicherlich nicht seinem stillen Gedankengang gefolgt war.

„Ich meine, ist das hier ‘ne WG oder sind die zusammen, oder was?“

Olli macht das schon wieder, das mit dem lachend-rauchend-ausatmen. Schaute auf den Boden, dann beinahe verschmitzt wieder zu Jan zurück. Drückte die Zigarette aus, machte wieder ein paar Schritte auf Jan zu, bis sie nebeneinander am Geländer lehnten.

„Hat er dir nicht erzählt, hm? Lädt dich auf die Party ein und stellt dir nicht mal die Leute vor, was ist nur los?“

Jan wollte mit den Schultern zucken, mit irgendeinem blöden Spruch klar machen, dass ihm das auch völlig egal war, aber Olli sah ihn an wie jemand, der aus Erfahrung innerlich schon auf Konfrontation vorbereitet war und nur auf ein falsches Wort wartete. Oder vielleicht projizierte Jan auch nur.

„Ja, die sind zusammen“, sagte er schließlich. „Schon echt lange, keine Ahnung, wissen sie glaub ich selbst nicht so genau. Ich nehm‘ mal an, dass du ein okayer Typ bist, sonst hätte Klaas dich bestimmt nicht eingeladen, aber—“

„Echt, ich hab‘—“

Es war wirklich unmöglich, ein einziges Wort dazwischen zu kriegen, wenn Olli sich in Rage redete. Irre. Jan bemühte sich, die Stimme weiter zu heben, ohne bei den netten Leuten vom anderen Balkon den Eindruck zu erwecken, als hätten sie Streit, während Olli sich in eine Verteidigung ihres gemeinsamen Freundes reinsteigerte.

„Ich hab‘ ehrlich kein Problem damit. Ehrlich. Wirklich.“

Mein Gott, er hatte es geschafft, Olli zu unterbrechen. Was für eine Unterhaltung. Ein Bier wär jetzt nicht schlecht, egal ob es ihm schmeckte oder nicht.

„Ok“, sagte Olli schließlich und zündete sich die nächste Zigarette an. Auf den Schock erst mal eine rauchen, dachte Jan, sagte es aber nicht. War überhaupt schon wieder ein, zwei Sekunden lang abgelenkt von was auch immer es war, das Olli an sich hatte. Nee, echt ehrlich wirklich wahrlich hatte er kein Problem mit irgendwas. Außer vielleicht mit sich selbst.

„Hätt‘ ich scheiße gefunden, sag ich dir ehrlich.“

Olli blies demonstrativ eine Lunge voll Rauch von Jan weg, blieb aber diesmal neben ihm stehen.
„Ist mir aufgefallen“, antwortete Jan. Dann: „Hätts auch scheiße gefunden.“

Olli legte ihm wieder eine Hand auf den Arm – dass er eher ein taktiler Typ war, war Jan auch schon aufgefallen, vielen Dank –, wollte ihn damit aber wohl nur auf den anderen belebten Balkon hinweisen, der aus dem angrenzenden Wohnzimmer heraus ähnlich spärlich beschienen wurde wie ihr eigener.

Die Leute auf dem anderen Balkon hatten geschafft, was Jan mit aller Kraft vermieden hatte, nämlich einen Streit anzufangen. Er konnte nicht genau verstehen, worum es ging, aber es gab ihm und Olli die günstige Gelegenheit, sich kurz mit den Problemen anderer Leute zu befassen.

Sie beobachteten die Situation einige Zeit schweigend. Ollis Hand lag immer noch auf Jans Arm; ein Kristallisationspunkt.

„Bisschen wie im Kino immer in der Siedlung“, bemerkte Olli, als eine Person wutentbrannt den Balkon verließ und die andere Person verzweifelt versuchte, sich mit einem vermutlich leeren Feuerzeug eine Zigarette anzustecken.

„Lifestyle-Ratgeber: einfach mal auf den Balkon gehen, einfach mal das echte Leben genießen, einfach mal andere Leute teilhaben lassen an deinen Sorgen und Streitereien, ist ja auch irgendwo kathartisch.“

Er hatte es wieder geschafft, Olli zum Lachen zu bringen, so authentisch, dass er gleich mitschmunzeln musste und einfach nicht von ihm wegschauen konnte. Auch nicht während der gesamten anschließenden Nonsens-Unterhaltung, die Olli anzettelte – Erziehungs-Ratgeber: Schicken Sie doch einfach mal die Kinder auf den Balkon, die lernen was fürs Leben! – und die schließlich darin mündete, dass sie sich gegenseitig so lange hochschaukelten, so laut lachten, so sehr die ganze Nachbarschaft unterhielten, dass es irgendwann von irgendwo tönte: „Ruhe da draußen!“

„Echt mal, Ruhe jetzt!“, rief Olli zurück.

„Hier wollen Leute schlafen!“, rief Jan, Hirn auf Durchzug, vor lauter Lachen schon ganz außer Atem.

„Pisser!“, schallte es zurück, und schon riss es sie wieder beide vor Lachen von den Beinen, bis sie, sich Tränen wegwischend, auf dem Betonboden des Balkons saßen.

Kathartisch, in der Tat. Jan war komplett erschöpft, musste erst mal eine Runde durchatmen, aber fing gleichzeitig auch jedes Mal, wenn er zu Olli sah, erneut an zu kichern – kichern, ach du Gott, aber anders hätte man es auch nicht bezeichnen können.

Bis sie sich wieder beruhigt hatten, war eine derart lange Zeit vergangen, dass der aufgebrachte Nachbar vermutlich schon lange wieder schlief.

Ihr Grinsen konnten sie sich nicht verkneifen, waren aber immerhin bemüht, nicht mehr unvermittelt loszuprusten.

Olli steckte sich schon die nächste Zigarette an, womit wohl besiegelt war, dass sie wenigstens noch ein paar Minuten auf dem Balkonboden sitzen bleiben würden. Jan konnte von seinem Platz aus nur schwer ins Wohnzimmer sehen, aus dem nach wie vor Musik dröhnte, die er die letzten – wie lange eigentlich? – gekonnt ausgeblendet hatte.

Warum war eigentlich in der ganzen Zeit noch niemand sonst mal zum Rauchen nach draußen gekommen?

Während er noch einen langen Hals machte, um ins Wohnzimmer spähen zu können, spürte er mit einem Mal eine federleichte Berührung auf dem Knie, die seine Aufmerksamkeit mit Wucht wieder zurücklenkte.

Olli sah ihn nicht an, sondern beschäftigte sich vielmehr eindringlich mit der Innennaht am Knie von Jans (mindestens dritt- oder viertbester) Jeans, so, als hätte er bloß aus einem Impuls heraus hin gefasst und wüsste nun nicht mehr, was er mit der Situation anstellen sollte.

Oder vielleicht projizierte Jan schon wieder.

Indes kam ihm das Atmen ungewöhnlich schwer vor. Sicherlich hätte es tausend Dinge gegeben, die er hätte tun können, aber ihm fiel kein einziges davon ein. Wie aus einer Übersprunghandlung heraus schob er schließlich das Bein näher zu Olli, so nah, dass sich ihre Knie berührten, während Olli noch immer zaghaft (viel zu zaghaft) an der Naht zupfte und dabei Jan viel zu sehr nicht ansah.

Olli nahm einen letzten Zug aus der nahezu abgebrannten (und dabei halb vergessenen) Zigarette und drückte sie neben sich am Boden aus.

Sah Jan dabei immer noch nicht an.

Verlagerte aber dabei sein eigenes Bein so, dass sie sich noch ein Stück näherkamen, noch ein Stück enger. Noch ein Stück schwieriger, die Sache mit dem Atmen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Jan, dass Olli ihn (endlich) wieder ansah, dabei mit dem Daumen (viel zu zaghaft!) über Jans Knie streichelte.

Sah wieder weg, machte Jan mit seiner plötzlichen Nervosität selbst ganz nervös, bevor er Jan wieder ansah, auf einmal ganz entschieden.

Da war es wieder, das kalt-den-Rücken-herunterlaufen-heiß-den-Rücken-heraufsteigen-Gefühl.

„Jan, ich würd‘ dich echt gerne mal küssen, wenn du nix dagegen hast.“

Realistisch, gegenwärtig, intellektuell war das nicht sonderlich überraschend. In einem breiteren gesellschaftlichen Kontext hätte es Jan, rückblickend, eventuell überraschen sollen, aber er war sich auch ziemlich sicher, dass er hier nicht im heteronormativsten Kreis gelandet war, sie hatten die ganze Unterhaltung darüber, wer hier mit wem zusammen war und wer hier was ziemlich scheiße gefunden hätte schließlich schon geführt, und auch wenn Olli ihm im Laufe des Abends (der Nacht) von einigen (Ex-)Freundinnen erzählt hatte, was hieß das schon; bei ihm selbst hieß es ja auch nichts.

Olli sah ihn immer noch an, mit derselben Entschlossenheit.

Seine Hand auf Jans Bein trieb ihn in den Wahnsinn, und das Wissen, das pure Wissen darum, was Olli da gerade gesagt hatte, was es bedeutete, was Olli da grade gesagt hatte, das war noch nicht einmal endgültig in seinem Kopf angekommen.

„Ich—“ Er räusperte sich, kam sich auf einmal blöd vor, wie 16, maximal, was tat er hier überhaupt. Neu an der Situation war: auf kaltem Beton von nackten Glühbirnen durch eine schlecht geputzte Fensterscheibe angestrahlt unter dem lichtverseuchten Nachthimmel sitzen. Nicht neu an der Situation war: alles andere.

Er setzte noch einmal an. Bemühte sich, diesmal so nonchalant zu wirken, wie er schon die ganze Zeit gerne gewesen wäre, wohlwissend, dass er scheiterte. Was, was war schon dabei? Sie kannten sich nicht, aber sie verstanden sich gut. Olli hatte offensichtlich Interesse an ihm. (Oh Scheiße, Olli hatte Interesse an ihm.) Jan hatte definitiv, definitiv, definitiv Interesse an Olli, wenn das bescheuerte postpubertäre Kribbeln ein Indikator für irgendetwas war. Also. Bitte.

„Ich hab‘ nichts dagegen“, brachte er schließlich heraus.

Olli beantwortete das mit einem Nicken, das offensichtlich mehr ihm selbst galt als Jan. Leckte sich über den Mundwinkel – aus Angewohnheit, was Jan in dieser Erkenntnis eines vertrauten Moments derart überforderte, dass er nicht bewusst wahrnahm, wie nah Olli ihm schon war.

Er war kein Freund von übertrieben Schnulzigem, aber er musste sich eingestehen, dass ihm definitiv sehr deutlich das Blut in den Ohren rauschte.

Und dann war Ollis Hand plötzlich an seinem Hals, streichelte so sanft über die Haare an Jans Wange, dass es ihm eine Gänsehaut verursachte, zog ihn ein Stück, nur ein ganz kleines Stück näher an sich heran, bis Jan Ollis Atem auf dem Gesicht fühlen konnte, den Geruch von Rauch einatmete, der an Olli hängen geblieben war.

Definitiv keine Spur von Nonchalance. Wie war es überhaupt möglich, in seinem Alter (auf einem blöden Balkonfußboden) noch so nervös zu sein, nur, weil ein Mann die Absicht geäußert hatte, ihn küssen zu wollen und dann auch noch postwendend Anstalten machte, das in die Tat umzusetzen und—

Fuck it, hörte Jan sich denken, ehe er die kurze (kurze, kurze) Distanz zwischen ihnen schloss. Olli machte ein kleines, ein winzigkleines Geräusch, das sich exakt so überrascht anhörte, wie Jan sich selbst fühlte. Und das ihm gleichzeitig bis in die Fingerspitzen, bis in die Zehenspitzen schoss.

Olli war weitaus zurückhaltender, als Jan erwartet hatte. Aber was erwartet man? Küssen. Abstraktes Konzept für sehr, sehr reale Umstände: Ollis Lippen auf seinen, vorsichtig (unerwartet), auf Anhieb erstaunlich normal, auf Anhieb erstaunlich aufregend. Ollis Hand auf seiner Wange, an seinem Hals, mal immer noch streichelnd, mal sanft gegen die Wuchsrichtung seines Barts kratzend. Ollis Beine immer noch gegen seine stoßend, warm warm warm im Gegensatz zum uneinladenden Betonboden.

Ein bisschen Gänsehaut, ein bisschen wohlige Wärme, die den Körper durchströmt, ein bisschen Kribbeln, ein bisschen das Bedürfnis, sich an etwas gewöhnen wollen, von dem man vor fünf Minuten noch nicht genau wusste, dass man es überhaupt wollte.

Jan seufzte unbewusst in den Kuss hinein—einen Moment lang peinlich, und dann auf einmal gar nicht mehr, denn da war Ollis andere Hand an seinem Nacken, seinem Hals, seiner Wange, zog ihn unvermittelt (unmöglich) noch näher an sich, bis Jan sich abfangen musste, weil er für einen Sekundenbruchteil dachte, das Gleichgewicht zu verlieren.

(Als hätte er das nicht schon lange verloren.)

Seine Hände landeten an Ollis Brust—Schultern—und vergruben sich schließlich in den Haaren in Ollis Nacken und Jan hatte das dringende, schlimme, überwältigende Verlangen, Olli einfach nur anzufassen, einfach einfach einfach.

Er hörte wie von ferne, dass jemand die Balkontür öffnete, irgendetwas sagte und mit übertriebener Wucht die Balkontür wieder schloss.

War ihm aber auch egal.

Olli schmeckte nach Zigaretten, klar, hauptsächlich, und nach Bier und schaltete irgendwas in Jan aus—irgendwas, das ihn sonst zum Spießer werden ließ, irgendwas, das anfing mit ‚ich hab‘ heute schon genug passivgeraucht‘ und aufhörte mit ‚aber spül‘ dir den Mund aus, eh‘ du mich küsst‘.

Die Haare in Ollis Nacken waren warm und weich zwischen seinen Fingern, aber es fiel ihm schwer, sich lange darauf zu konzentrieren. Alles, alles war warm.

Viel zu früh unterbrach Olli den Kuss, hinterließ nur ein Kribbeln auf Jans Lippen. Schaute ihn an mit einem Ausdruck, der Jan kurz das Atmen vergessen ließ. Vielleicht war es ihm im Gesicht abzulesen, oder vielleicht fand Olli irgendetwas anderes, wonach er gesucht hatte; er drückte Jan jedenfalls (zum Glück, zum Glück) noch einen Kuss auf die Lippen, auf den Mundwinkel, auf die Wange—eine Spur von Küssen über Jans Gesicht.

Olli nahm eine Hand von seiner Wange, streichelte ihm über den Hals, die Schulter, die gesamte Körperseite, und hinterließ damit nichts als Rauschen ins Jans Kopf und eine Gänsehaut auf seinem Körper.

„Nimmst du mich mit nach Hause?“, fragte er schließlich, die Lippen unter Jans Ohr, sodass sein Atmen ganz sachte über seinen Nacken strich; halblaut, als wäre ausgerechnet das jetzt die Sache, die ihm in der Halböffentlichkeit, in der sie sich hier befanden, peinlich werden würde. Dann, leiser, und definitiv nur für Jans Ohren bestimmt: „Ich hab‘ so Bock auf dich.“

Oh Scheiße. Oh Scheiße, ja, das traf es ganz gut. Wie oft ihm wohl noch so ein wohliger Schauer über den Rücken laufen würde, bis er sich daran gewöhnt hatte, dass Olli offenbar jemand war, der wie selbstverständlich solche Sachen sagte?

„I really don’t think you‘re strong enough”, dröhnte Cher von drin, irgendwo wurde ein Fenster aufgerissen – macht mal die scheiß Musik aus! – und Jan drehte den Kopf, bis er noch einen (viel zu kurzen, viel, viel zu kurzen) Kuss auf Ollis Lippen drücken konnte.
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