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The First Kiss

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Romance / P16 / Het
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
15.07.2021
15.07.2021
1
3.793
11
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15.07.2021 3.793
 
Waaaahhh Leuteeee,

durch Netflix und "Shadow and Bone" bin ich zum Grishaverse gekommen und will hier nie wieder weg! So viele tolle Figuren und Ships! *_____*

Vor allem bin ich ein Fan von der Beziehung zwischen Kaz und Inej! Man hat ja schon in der Serie gesehen, dass sie beiden eigentlich unsterblich verliebt ineinander sind, es aber einfach nicht hinkriegen und in den Büchern - omg! Wie oft hätte ich Kaz in den Ar*** treten können, diesem Idioten! Ich habe so viele Ideen zu diesem Pairing und hier kommt die Erste!

So, erstmal Spoileralarm! Ich erwähne doch so einiges aus Crooked Kingdom, man sollte den Band also gelesen haben. Kleiner Disclaimer: die Charaktere stammen nicht aus meiner Feder, sondern sind geliehen von Leigh Bardugo!
Kurze Anmerkung: ich finde Kaz so schwer zu treffen... Kann sein, dass er etwas OOC ist. Freue mich auf eure Meinungen dazu xD Er ist wirklich schwer! Beim Schreiben hätte ich ihm beinahe wieder in den Allerwertesten getreten xD

_________________________

Es gab nichts, was Kaz Brekker nicht verstand. Niemanden, den er nicht analysieren und vor allem nicht manipulieren konnte. Seine genialen Pläne hatten vor zwei Jahren die Krähen in das Eistribunal und wieder hinaus geführt und den reichen Krämer Van Eck für seinen Betrug bezahlen lassen. Nichts sollte ihn mehr überraschen.
Und doch war da diese eine bestimmte Person, die ihn immer wieder vor ein Rätsel stellte, die ihn allmählich in den Wahnsinn zu treiben schien. Ihm sollte nie wieder etwas anderes wichtig sein als die Kontrolle über den Barrel, als das Melken der Täubchen, doch SIE brachte seine Prinzipien immer wieder durcheinander.
Nachdem Van Eck und auch sein Erzfeind Pekka Rollins sich hoffentlich für immer aus Ketterdam verzogen hatten (wäre besser für sie), hatten Kaz und Inej angefangen, Gerechtigkeit zu üben, nur noch die bösen Männer auszunehmen und sie zu bestrafen, in dem sie ihnen ihr Hab und Gut entweder stahlen oder ihnen brutal und erbarmungslos ihr erbärmliches Leben nahmen. Inej ging dafür manchmal über Wochen auf See, mit dem Schiff, das er ihr geschenkt hatte und er selbst tat es in seinem eigenen Territorium.
Kaz hätte nie gedacht, dass ihn dieses Vorgehen mit so viel Genugtuung erfüllen würde. Er war immer noch König des Barrel und kontrollierte dort alle Abläufe, aber er erwischte sich manchmal dabei, wie er seinen engsten Kollegen Anika und Specht die Arbeit überließ, um Inej dabei zu beobachten, wie sie ihren nächsten Coup plante. Sie war gut. Wirklich gut, aber das wunderte ihn kaum, hatte sie doch beim Meister gelernt. Selten warf er die eine oder andere Ergänzung mit ein, aber Hilfe brauchte sie definitiv keine. Es machte ihn stolz und gleichzeitig beunruhigte es ihn. Wann würde die Zeit kommen, dass sie endgültig Ketterdam verlassen würde? Ihn endlich hinter sich lassen würde?
Seit zwei Jahren führten sie eine eigenartige Form von Beziehung. Sie beide hatten sich Zeit genommen. Sehr viel davon. Es gab eine Berührung am Arm hier, hungrige Blicke dort, nette Worte ihrerseits, der klägliche Versuch eines Kompliments seinerseits, kleine beiläufige Gesten, für Außenstehende wahrscheinlich kaum von Bedeutung, doch Kaz bedeuteten sie die Welt.
Inej lenkte ihn ab. Davon ab Kaz, der Dämon von Ketterdam, zu sein. Ja, das war nicht zu leugnen. Vor ihr war er nur Kaz, der gebrochene Junge vom Lande. Doch so langsam nahm er diese Ablenkung nicht mehr als Schwäche wahr, sondern als Stärke. Denn diese Gefühle zuzulassen, dazu hatte eine ordentliche Portion Mut gehört. Jedenfalls für ihn. Mittlerweile konnte er in ihrer Gegenwart die ganze Zeit über seine Handschuhe ausziehen, ohne dass ihm schlecht wurde. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis Kaz Inej seine ganze Armlänge auf und ab hat streichen lassen und umgekehrt, ohne dass das Wasser des Schnitterkahns sie getrennt hatte - dieses Leuchten in ihren warmen braunen Augen würde er wohl nie vergessen - heute konnte er ihr übers Gesicht streichen, ohne dass er gleich im steigenden Wasser ertrank oder Jordies leblose Augen vor sich sah. Zehn Minuten lang konnte er so vor ihr stehen und sie genießen. Das war ein großer Fortschritt.
Und doch würde er am liebsten immer, wenn die Vergangenheit ihn wieder in den Abgrund zog und ihm seine Grenzen so jedes Mal aufs Neue aufzeigte, schreien und toben, weil ihn diese Schwäche vor Inej so verwundbar machte und sie gleichzeitig von ihm wegtrieb, obwohl er eigentlich das Gegenteil erreichen wollte. Und hier begann dieses Rätsel, das er nicht lösen konnte: wie konnte dieses wunderbare Mädchen immer noch bei ihm bleiben? Wieso hatte sie ihn immer noch nicht aufgegeben? War es ihr unbeirrbarer Glaube? War es die Hoffnung darauf, dass sie sich doch irgendwann gegenseitig heilten? Sie waren beide zerbrochen und falsch zusammen geflickt worden. Inej half ihm die Nähte nach und nach einzeln zu öffnen und an die richtige Stelle zu setzen, jedenfalls dort, wie es ging. Manche Naht war einfach zu verkümmert. Und wie konnte er ihr helfen? Konnte er ihr die Angst vor Männern nehmen? Er war sich sicher, dass es da bessere Alternativen als ihn gab und doch hatte sie ihn gewählt. Wieder ein Rätsel. Und doch liebte er sie umso mehr dafür. Natürlich brauchte auch sie Zeit, es war auch für sie nicht leicht, doch sie war schon so viel weiter, dessen war er sich sicher. Sie war einfach so viel stärker, so viel besser als er. Ihr machten Berührungen kaum noch etwas aus und sie lechzte förmlich danach, endlich richtig von ihm liebkost zu werden - in jeder Form - und sei es nur eine Umarmung oder das Kraulen ihres Kopfes. Das konnte er in ihren schwarzen Augen sehen.
Wie konnte sie so lange auf ihn warten? Er war ein Krüppel - und das galt eben nicht nur für sein Bein, das hatte er einsehen müssen. Sein Geist war vergiftet, er würde niemals normal sein.
Inej wollte nicht einmal wissen, was ihm passiert war, hatte nicht einmal nachgefragt, sie ließ Kaz jegliche Freiheiten, drängte ihn zu nichts.
Inej wollte ihn ohne seine Rüstung und daran arbeitete er nun Tag für Tag, weil er sie nicht verlieren wollte. Alles, aber nicht sie. Wenn sie fort war, führte er seine Experimente von früher fort, aber in abgeschwächter Form. Teilte Karten in fremden Casinos ohne Handschuhe aus, berührte manchmal Schultern von Spielern. Seine eigenen Leute sollten sich weiterhin ihre Mäuler über die mysteriösen Handschuhe zerreißen, das war nur gut so.
Die Fortschritte waren immer nur minimal, an schlechten Tagen gab es Rückschläge, an guten Tagen wurde er ungeduldig, wollte mehr.

Mittlerweile verbrachten sie die Nächte zusammen im Verhau - in einem Raum, in unterschiedlichen Betten. Sie ertrugen im Dunkeln die Alpträume des jeweils anderen. Ihr süßer Duft wehte zu ihm herüber, während er einschlief. Sein Schlaf war in den letzten Jahren noch nie so gut gewesen. Er schlief anstatt nur ein, zwei Stunden die Nacht bis zu sechs Stunden durch, sein Kopf blieb dabei stumm.

Doch einmal hatte der Mond durch das kleine Fenster des Speichers im Verhau geschienen und Inej in silbernes Licht getaucht. Er wachte auf und sah sich ihrer Silhouette gegenüber, sie hatte sich in seine Richtung gedreht, er konnte sie aus der Ferne betrachten. Die Decke bedeckte nur den unteren Teil ihres Körpers. Kaz hatte nichts anderes tun können als schamlos zu starren und hart zu schlucken.

Diese endlos langen, dichten Wimpern, ihre makellose, karamellfarbene Haut, die im Mondlicht hell schimmerte, seidene, ebenholzfarbene Haare. Sie war so zierlich und schlank wie eine Porzellanpuppe und doch war sie alles andere als das. Das Phantom, die Spinne und doch so viel mehr als das. Geschickt, stark, sanft, flink und dabei gefährlich wie eine Wildkatze.
Sie atmete ruhig und gleichmäßig, an ihrem schmalen Hals schlug die Pulsader und Kaz konnte nicht anders als seine Augen weiter abwärts gleiten zu lassen.
In diesem Moment war die Lust beinahe übermächtig geworden, der Leichengeruch aus dem Hafen war in den Hintergrund getreten, als er daran dachte, seinen Trieben nachzugeben, sie zu wecken und endlich all die Dinge zu tun, die sich sein Verstand für sie ausgedacht hatte. Aber das wäre für sie beide keine gute Idee gewesen. Er wollte Inej nicht überrumpeln, das hätte sie nur an ihre traumatische Zeit in der Menagerie erinnert und Kaz hätte wahrscheinlich, noch bevor er sie überhaupt geküsst hätte, das Bett vollgekotzt.
Also hatte er nur da gelegen und irgendwie versucht, wieder einzuschlafen.

Er wollte sie.
Wollte sie so sehr.
Sie war so nah und doch so unerreichbar fern.
Sie zu berühren und ihr nah zu sein, fühlte sich an, als bestiege er jedes Mal einen hohen Berg bis zur Spitze.
Aber das war es wert.

Heute war wieder so ein Abend, auf den er gern verzichtet hätte. Sein schlimmes Bein schmerzte bei jedem Schritt, im Krähenclub gab es nur Ärger und Inej war schon wieder seit Tagen nicht aufzufinden, das Schiff lag aber noch im Hafen. Er hatte ihr keinen Auftrag gegeben. Wo steckte sie nur?

Er sah aus dem Fenster. Ketterdam versank im rosarot der Abendsonne. Resigniert seufzend begab er sich an seinen Schreibtisch. Der Papierkram stapelte sich, es gab sehr viel zu tun. Er zückte seine Feder und stürzte sich in die Arbeit, versuchte dabei vergeblich das Phantom aus seinen Gedanken zu verbannen. Sollte sie doch ihre Zeit woanders verbringen, Kaz Brekker hatte es nicht nötig, ihr hinterher zu rennen. Das tat er für Niemanden, nicht einmal für sie.

Irgendwann spürte er einen kühlen Lufthauch im Nacken. Ein wissendes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Das konnte er nicht verhindern, es war wie ein Fluch.
Auch wenn er sie nicht sehen konnte, war ihre Anwesenheit unmittelbar. Mal abgesehen von dem offenen Fenster. Noch immer hielt sie nichts davon, zur Tür hereinzukommen.
„Inej“, sagte er ohne aufzublicken. Seine raue Stimme erfüllte den Raum. „Wo warst du so lange?“
„Ich hab ein paar Krämer aus Ravka verfolgt, die vorige Woche in Ketterdam angekommen sind.“ Kaz horchte überrascht auf, aber nicht wegen dem, was sie sagte.
„Die haben in ihrer Heimat sehr viele gute Leute um ihr Geld gebracht, sie bedroht und erpresst. Nina hat mir den Tipp gegeben.“
Kaz hob den Kopf, drehte sich in die Richtung, in der er sie vermutete. Inej stand hinter ihm, gleich neben dem Fenster, wunderschön wie immer. Ihre Augen wirkten noch dunkler im Licht der untergehenden Sonne und ihre langen Haare glänzten und umrahmten ihr Gesicht wie eine schwarze Löwenmähne. Sie trug es offen, was ungewöhnlich war, da sie es sonst zu einem Zopf geflochten hatte.
„Hast du getrunken?“
Wenn ihre veränderte Stimme sie nicht verraten hätte, dann ihr alkoholgeschwängerter Atem. Das tat sie doch sonst nicht. Jedenfalls nicht so viel, dass es sie wirklich beeinflusste. Was war passiert?
„Nur ein bisschen.“ Sie senkte den Blick. „War Teil meines Plans.“
Ein Teil von ihm wollte jetzt wirklich gern wissen, wie dieser ausgesehen hatte, der andere sie rügen, weil sie ihm solche Sorgen bereitete. Doch er blieb stumm. Der Anblick ihres perlmuttfarbenen Kleides hatte ihm die Sprache verschlagen. Es hatte oben ein Korsett, der Rock bauschte um ihre schmale Gestalt, der untere Saum war voller Blutspritzer. Ob dieser Aufzug auch Teil des Plans gewesen war?
Bevor er weiter starren und darüber nachdenken konnte, überbrückte sie den Abstand zwischen ihnen, nahm ihn bei der Hand und dirigierte ihn vom Stuhl. Die plötzliche Berührung sandte so rasante Blitze in seinen Verstand, dass er fast zurückgezuckt wäre, doch er hielt stand. Sie tiefe See blieb stumm.
Sie zerrte ihn aus dem Raum, hinüber ins Badezimmer, ohne ein Wort. Kaz hob fragend einen Augenbraue, aber Inej lächelte nur. Als sie dort angekommen waren, ließ sie ihn los und schloss die Tür. Ihre Hand fand den Lichtschalter. Kaz musste ein paar mal blinzeln, um sich im blendenden Weiß des Zimmers zurechtzufinden. Graue Fliesen an Wänden und Boden, weißes Porzellan und ein großer Spiegel über dem Waschbecken. Es war schlauchig und winzig, eigentlich zu klein für zwei. Die Luft wurde mit jeder Sekunde dicker. Kaz bekam schwitzige Hände und vermisste seine Lederhandschuhe. Augenblicklich fühlte er sich zurück versetzt in ein anderes Bad, vor über zwei Jahren, als sie sich zum ersten Mal wirklich nahe gekommen waren.
„Ich möchte etwas ausprobieren“, wisperte Inej nun leise. Ihr Blick fand seinen, er war wie Feuer, das Kaz von innen zu verbrennen schien. Was auch immer sie tun wollte, Kaz war sich sicher, dass es ihn in beide Richtungen schicken könnte - zurück zum Schnitterkahn oder einen Schritt nach vorne in ihrer Beziehung. Er würde kämpfen, das wusste er. Wenn sie ihn so ansah, dann würde er beinahe alles dafür tun, dass er sie haben könnte.

Er hielt die Luft an, als Inej auf ihn zukam. Instinktiv trat er einen Schritt zurück, knallte mit dem unteren Rücken gegen das weiße Waschbecken. Sie sah ihn immer noch mit diesem feurigen Blick an. Was hatte sie vor? Sein Verstand malte sich die versautesten Dinge aus, aber als Inej ganz dicht vor ihm stand und ihn ganz direkt anblickte, klinkte er sich einfach aus. Mit einem leeren Kopf konnte er nichts anderes tun als so langsam wie möglich ein- und auszuatmen.
Inej hob ihre Hand, streckte einen Finger aus, der sich vorsichtig auf seiner Haut niederließ. Sie malte feine Kreise auf seine kantigen Wangenknochen, ganz zart, wie ein Flügelschlag, aber seine Haut brannte förmlich unter ihren Berührungen. Übelkeit und Lust spülten im Wechsel über ihn hinweg, ihm war heiß und kalt. Er wollte sie wegstoßen und an sich ziehen. Wegstoßen und an sich ziehen. Immer wieder. Der gewohnte Krieg in seinem Kopf. Von fern kam das Wasser, es stieg ihm bis zur Hüfte. Welcher Drang würde die Oberhand gewinnen?
Er zwang sich, ruhig weiter zu atmen und ihrem Blick standzuhalten. Als er das Gefühl hatte, nicht sofort umzukippen, legte er seine Finger um ihre Hand, nahm sie und hauchte einen Kuss darauf. Inej erschauderte.
„Was möchtest du tun?“ Er klang noch rauer und dunkler als sonst, aber es schien ihr zu gefallen. Ihr zittriger Atemzug verriet sie. Das Phantom atmete nie zittrig. Sie schien wirklich nicht sie selbst zu sein. Oder einfach betrunken.
Sie schloss die Augen, atmete tief durch.
„Ich möchte so vieles, Kaz“, sagte sie und grinste keck. „Aber fürs Erste ist es das hier.“
Er hätte es nicht für möglich gehalten, doch sie kam noch näher. Ihr Duft mischte sich mit dem Leichengestank des Schnitterkahns. Er musste sich darauf konzentrieren, was er wirklich wollte, atmete weiterhin so gleichmäßig wie möglich. Sie legte ihren Kopf an seine Brust, in der sein Herz wie wild hämmerte.
Das Wasser stieg.
Inej legte ihre Arme um seinen Nacken.
Das Wasser stieg noch ein Stück. Kaz’ Ohren rauschten. Trotzdem konzentrierte er sich auf ihren Körper, auf ihre Wärme. Das Wasser war nicht warm, Jordies Leiche war eiskalt gewesen, lebendige Körper waren warm. Wie das wunderschöne Mädchen in seinen Armen.
Er konnte es ertragen. Zögerlich, als wüsste er noch nicht, ob er seinem Körper trauen konnte, schlang er seine Arme um sie und drückte sie an sich, fest und bestimmt. Und plötzlich wusste er, dass es so richtig war, dass sie genau hierher gehörte, zu ihm gehörte.

Inej schien zu spüren, wie Kaz sich entspannte, denn sie rutschte ein Stück nach hinten, um ihn wieder ansehen zu können und lächelte.
Ihr Gesicht war so nah an seinem, er hätte nur den Kopf etwas senken müssen und dann… Ihm brach der Schweiß aus.
Zum zweiten Mal in diesem Badezimmer verabschiedete sich sein Verstand, denn Inej beugte sich vor, als hätte sie seine Gedanken gelesen, und legte ihre Lippen auf seine. Ganz behutsam, als wollte sie abwarten, wie Kaz reagierte.
Auf einmal geschah etwas total Unerwartetes. Für Kaz schien es, als löste sich ein Knoten.
Er ließ los.
Einfach los.
Die Begierde gewann den Kampf. Und auf einmal war es einfach. So einfach wie atmen.
In dem Moment als sich ihre Lippen berührten, sprengte Kaz seine Ketten, die ihn ins tiefe Wasser ziehen wollten. Ihn überkam eine Leidenschaft, die er nicht kannte, die ihn in seine Einzelteile auflöste und wieder neu zusammensetzte. Seine Hände krallten sich in ihrer seidigen Haarmähne fest, während er nach Inejs Lippen schnappte, sie stürmisch liebkoste, an ihnen zupfte und saugte, sodass das Mädchen in seinen Armen dahinschmolz. Er fing sie auf, drückte sie noch fester an sich. Er schmeckte den Alkohol auf ihren Lippen, der sich mit ihrem eigenen Geschmack vermischte. Es war berauschend und beängstigend zugleich.
Inej leistete keinerlei Widerstand, was Kaz stutzen ließ. Auf keinen Fall wollte er sie unter Druck setzen. Er war keiner der Männer, die sie damals für Geld besitzen wollten. Das sollte sie doch wissen. Und doch war er sich bewusst, dass er gerade alles andere als vorsichtig mit ihr umgegangen war.
Mit glühenden Augen löste er sich ein Stück von ihr. Sie war wie erstarrt, sah ihn schockiert an, die Augen noch schwärzer als sonst. Ihr Atem ging in Stößen. Er wollte gerade fragen, ob alles in Ordnung war, da stürzte sie sich wieder auf seinen Mund, nahm ihn komplett gefangen, wie eine ausgehungerte Wölfin.
Unbeholfen bewegten sich ihre Lippen aufeinander, bis sie einen Rhythmus fanden, wie bei einem Tanz. Ja, ein Tanz. Es war ein Tanz. Kaz hätte ewig so weiter machen können - im Takt ihrer Herzen bewegte sich sein Mund, in Harmonie mit Inej. Ihre Hände verschränkten sich miteinander. Dann wurden sie fordernder, der Kuss vertiefte sich, wurde intensiver. Ein Tanz Hand in Hand, doch wer führte hier wen?
In Kaz tobte ein Sturm. Das hier war völlig neu für ihn, die leichenschwere See war verblasst, nur das Verlangen blieb. Plötzlich fragte er sich, wie er so lange ohne zu küssen hatte leben können. Inej seufzte erregt in den Kuss, eine angenehme Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus.
Es war so einfach.
So befreiend.
So wunderschön.

Eine Hand nestelte plötzlich an seinem Hemd herum, öffnete den ersten Knopf und fuhr unter den Stoff. In diesem Augenblick entglitt Kaz der Zauber. Er erschauderte, die Kälte kroch mit reißenden Klauen zurück in seine Eingeweide, legte ihm die Ketten wieder an. Inej küsste ihn weiter, doch er versteifte sich, fing an zu beben. Auf einmal war alles zu viel. Der Schnitterkahn rief ihn, Jordies lebloser Körper schlang sich um ihn, schien ihn zu verhöhnen.
Das schöne Mädchen hielt inne, in ihrem Blick spiegelten sich Verlangen, Sorge und Enttäuschung. Kaz suchte Halt am Waschbecken, schluckte, versuchte die Übelkeit wieder zu verdrängen, doch es gelang ihm nicht. Er löste sich abrupt von ihr, stieß ihre Hände grob von sich und gab einen heulenden Laut von sich, wie ein getretener Hund. Irgendwie war er das auch. Getreten von seinen inneren Dämonen, die ihm wohl gerade einen Streich gespielt hatten. Er schnappte panisch nach Luft, versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen.
Kaz war wütend. Wütend auf sich selbst. Wie hatte er denken können, dass er seine Vergangenheit so einfach hätte besiegen können? Dafür saß der Schmerz und die Erinnerung zu tief.
Ihm war schlecht, schwindelig und er schämte sich so vor ihr. Inej sah ihn schon wieder in diesem jämmerlichen Zustand.
Doch wieder einmal überraschte sie ihn. Nur sie konnte das.
Inej lächelte ihn schmunzelnd an. Die Enttäuschung war aus ihren Augen verschwunden. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, öffnete sie die Tür hinter sich und trat einen Schritt zurück, vergrößerte den Abstand zwischen ihnen.
„Wow“, raunte sie und leckte sich über die Lippen. „Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Ich auch nicht“, murmelte er benommen. Sie lächelte immer noch. Ihre Wangen waren gerötet. Sie war noch hübscher als sonst und das war sein Verdienst.
„Ich habe gelogen“, gab sie kleinlaut zu. Kaz sah sie fragend an „Der Alkohol gehörte nicht zum Plan, ich hab mir Mut angetrunken, für das hier.“
Kaz hätte beinahe gelacht, wenn ihm nicht so elend zumute gewesen wäre. Das Phantom und sich Mut antrinken… Aber einen neun Stockwerke hohen Schornstein hinaufklettern, na klar! Er zuckte er mit den Achseln.
„Einer musste ja mal den ersten Schritt machen.“
„Du warst großartig, Kaz.“
Er grummelte unzufrieden. Das war er ganz sicher, aber nicht in diesem Moment. Er wollte zum Waschbecken, doch sein schlimmes Bein versagte den Dienst und er stolperte, krachte einfach auf die viel zu hellen Fliesen. Schwindel erfasste ihn erneut und schwappte über ihn wie eine dunkle Welle.
„Kaz!“
Inej stürzte auf den Knien zu ihm.
„Nicht anfassen!“, presste er hervor, aber es war bereits zu spät. Ihre Hände berührten seine Schultern. Jordies tote Augen starrten ihn an. Sein erschöpfter Körper sank wie ein Sack in die Tiefen des Meeres. Alles wurde schwarz. Dann verlor er das Bewusstsein.

Als Kaz erwachte, lehnte Inej sitzend am Türrahmen und döste. Er fand sich flach auf dem Boden ausgesteckt wieder. Sie hatte ihm wohl ein Kissen unter den Kopf gelegt und eine Decke über ihn ausgebreitet.

„Wie lang war ich weg?“
„Etwa eine halbe Stunde.“

Kaz legte resigniert einen Arm über die Augen. Hoffentlich machte sie sich keine Vorwürfe, die machte er sich selbst zu genüge.
Er fühlte sich ausgelaugt, komplett im Eimer. Die Kleidung klebte feucht an seiner Haut und sein Kopf dröhnte. Dabei hatte er nichts getan, außer seinen ersten Kuss erlebt.

„Ich sollte schlafen gehen“, sagte er.
Inej erwiderte nichts. War vielleicht besser so.
Er rappelte sich auf. Wo war bloß sein Stock, wenn er ihn wirklich brauchte? Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass er krank aussah. So blass, dass jede Ader durch seine Haut schien, sein Haar stand in feuchten Strähnen zu allen Seiten ab, die geschorenen Seiten trieften vor kaltem Schweiß und seine dunkelbraunen Augen lagen tief in schwarzen Höhlen. Erbärmlich.
Inej seufzte. Er konnte sie nicht ansehen.
„Bitte tu das nicht“, flüsterte sie ängstlich. Der Klang ließ ihn zusammenfahren. Es war so falsch, dass sie sich so anhörte, und auch noch seinetwegen. „Sprich mit mir, schließ‘ mich nicht aus.“
Sollte er das? Tat er das sonst immer? Wahrscheinlich.
„Inej, ich“- Ja, was eigentlich?
Das Suli-Mädchen stand auf, gab den Durchgang zum Dachzimmer frei.
Noch ein Seufzen seinerseits. Er schuldete ihr etwas.
„Setz‘ dich nochmal hin.“
Fragendes Schweigen. Kaz konnte nicht länger warten. Er musste es ihr erzählen.
Er wiederholte sich nicht, Inej ließ sich wieder auf dem Boden nieder. Ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen glitzerten erwartungsvoll.
„Pekka Rollins hat meinen Bruder und mich nicht nur um unser Geld gebracht, aber das hast du dir bestimmt schon gedacht“, fing er an. „Er hat auch meinen Bruder auf dem Gewissen. Ich habe seinen Tod nie so richtig überwunden, nicht die Art seines Todes und vor allem nicht, was kurz danach geschehen ist. Alles begann als Jordie und ich nach Ketterdam kamen nachdem unser Vater gestorben war…“

Er erzählte ihr alles. Sie hatte das Recht, es zu erfahren. Inej würde dieses Wissen niemals gegen ihn einsetzen. Ihr konnte Kaz vertrauen. Ihr und niemandem sonst. Sie war wirklich viel zu gut für ihn. Denn vor ihr musste er nicht der Dämon, nicht Dirtyhands sein, sondern nur Kaz. Kaz Rietveld, der unsterblich verliebt in sie war.
 
 
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