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Cœur de Femme   ||   Frauenherz

von Aersling
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
Ikkaku OC (Own Character) Trafalgar Law
15.07.2021
16.09.2021
13
36.091
17
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Dieses Kapitel
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19.08.2021 2.145
 
Ikakku wusste nicht genau, was passiert war.

Aber irgendetwas war völlig aus dem Ruder gelaufen!

Denn nachdem sie auch ein passendes Kleid für Sarina gefunden hatten, hatten die beiden Jugendlichen klammheimlich die Kontrolle übernommen. Irgendwo zwischen Madame Levitas Atelier und dem Schuhladen hatten Io und ihre neueste Freundin das Zepter einfach an sich gerissen und Jane und sie waren zu ihren Anhängseln – quasi zu laufenden Geldbeuteln – degradiert worden.

Die beiden Teenagerinnen waren im Schuhladen kurz auf Highheels herumgewackelt, hatten gelacht und den Kopf geschüttelt, weil sie darin nicht laufen konnten und dann hatten sie begonnen ernsthaft zu suchen.

Die rotbraunen Ballerinas von Sarina mochten ja noch irgendwie angehen, aber Ios Wahl war... speziell. Es waren eher klobige, schwarze Lederstiefeletten mit einem leichten Absatz und stahlbeschlagenen Plateausohlen. Io fand sie hübsch und sehr bequem. Laut Sarina waren sie genau das Richtige.

Ikakku konnte sich aber an kein einziges Kleid erinnern, das zu diesen Tretern auch nur halbwegs gepasst hätte! Sie hatte zwar durch geschicktes Nachfragen versucht, irgendeine winzige Info zu Ios Outfit in Erfahrung zu bringen, das war aber nicht von Erfolg gekrönt gewesen.

Und statt ihr irgendwie zu helfen, lachte Jane sie die ganze Zeit aus. Die Mechanikerin fand es einfach nur witzig, die neugierige Smutje an dem völlig unerwarteten Tornado aus jugendlichem Enthusiasmus scheitern zu sehen.

Das hatte sich auch im Schmuckladen fortgesetzt. Io hatte zwar einige glitzernde Halsketten, Ringe und Armbänder anprobiert, aber zunächst nicht ein Stück haben wollen. Dann hatte Sarina ihr ein paar schlichte silberne Ohrklemmen gebracht. Die fanden wiederum beide perfekt.

Und vermutlich würde Trafalgar Law sich morgen früh mit dem Wunsch konfrontiert sehen, dass er Io Ohrlöcher stechen sollte.

Es war wenigstens ein Hauch von weiblichem Glamour, aber die Ohrringe passten auf Anhieb gar nicht richtig nicht zu den Schuhen! Ikakku war noch viel skeptischer geworden, aber auch in diesem Laden hatte man alle ihre Fragen ignoriert.

Sie wusste immer noch nichts über Ios Kleid!

Aber Jane hatte ihr nur gönnerhaft auf den Rücken gepatscht und schadenfroh gegrinst, als sie der bulligen Blondine ihr Leid hatte klagen wollen. Dann hatte sich die Mechanikerin spontan in einen nahtlos gearbeiteten, auf Hochglanz polierten Stahlhalsreif samt passendem Armschmuck verliebt und war überhaupt nicht mehr ansprechbar gewesen.

Und jetzt saß Ikakku auf einem Stuhl des Friseursalons und schmollte.

Sarina hatte sie hierher geführt und wenigstens war es praktisch, dass man sich in diesem Salon auch direkt schminken lassen konnte. Und ja, es war eine gute Idee gewesen, Levita anzurufen und sie zu bitten, die abgeänderten Kleider direkt hierher zu liefern. Ja, es war auch ganz nett, dass der Friseur ihnen dank der Bekanntschaft mit Sarina angeboten hatte, sich hier umzuziehen und dass er ihre normalen Klamotten bis zu ihrer Rückkehr verwahren würde.

Das war aber auch schon alles!

Mürrisch warf die Smutje einen Blick zu Io hinüber. Sarina und sie hatten vorhin mit dem Friseur getuschelt und er hatte geradezu extatisch genickt und angefangen zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd, während er wild gestikulierend irgendetwas vorgeschlagen hatte. Selbstverständlich so leise, dass Ikakku nicht ein Wort verstanden hatte. Der Kerl, ein kugelrunder, kleiner Mann mit grünem Lidschatten, Mascara und Glitzersteinchen um die Augen, wühlte sich gerade andächtig durch Ios wilde Locken.

„Magnifique!“, schwärmte er immer wieder mit schwerem Akzent, während er Strähne für Strähne hingebungsvoll bürstete und akribisch in Form brachte. „So gesund! Und so lang! Ich darf viel zu selten so schöne Haare frisieren!“

Io wirkte ob seiner hemmungslosen Begeisterung ein bisschen verstört. „Sind alle Friseure so komisch?“, flüsterte sie Sarina verlegen zu.

„Nouel ist etwas eigenwillig, aber er ist ein echter Künstler. Er hat vor einem Jahr im Queens Palace angefangen, dann aber ganz schnell wieder gekündigt, weil es ihm dort nicht gefallen hat“, gab die Rothaarige leise zurück. „Daher kenne ich ihn.“

„Ich kann dich hören, Cherie!“, tadelte Nouel die Jugendliche breit grinsend. „Das Palace war ein furchtbarer Laden. Da gab es nur alte Frauen, die jung sein und junge Frauen, die alle gleich aussehen wollten. Dort war es schrecklich langweilig, aber hier“, er zupfte spielerisch an Sarinas kurzem Zopf, bevor er sich wieder Ios Mähne zuwandte, „hier kann ich Wunder erschaffen.“

„Wirst du uns auch schminken?“, fragte Sarina fröhlich zurück. Sie schien den Mann nicht nur zu kennen, sondern ihn auch sehr zu mögen.

„Oh, No, no, no. Bei dir und deiner Freundin macht das meine Frau, Cherie.“

Ikakku schnaubte nur und trommelte ungeduldig auf der Armlehne ihres Stuhles herum. Das einzige Wunder, das sie im Moment erwartete, war, dass Nouels Frau kein Yeti war. Noch nie hatte die Smutje jemanden gesehen, der so eine krankhafte Leidenschaft für Haare hatte!

„Warum nicht auch Ikakku und Jane?“, klinkte Io sich vorsichtig in das Gespräch ein.

„Weil meine Frau ein besseres Händchen dafür hat, junge Blüten wie dich und Sarina zum Blühen zu bringen, Cherie. Dezente Farben sind schöner für euch“, lächelte Nouel freundlich und deutete dann beiläufig auf Ikakku und Jane. „Aber um deine Freundinnen werde ich mich kümmern. Sie sind wie reife Äpfel und ich liebe es, starkes Makeup aufzutragen.“

„Ach so.“ Io zuckte nur mit den Schultern, aber die Smutje schoss empört zu Jane herum.

„Hat er uns gerade alt genannt?!“

„Vermutlich hält er dich tatsächlich für Fallobst“, grinste die Mechanikerin mit hochgezogenen Brauen zurück. „Zumindest verhälst du dich gerade so alt und knatschig, als wärst du welches, Ikakku.“

„Oh, no, no. Das war nicht böse gemeint!“ Nouels Kopf fuhr entschuldigend zu den beiden erwachsenen Heart-Piratinnen herum, während seine Finger weiter über Ios Haare tänzelten. „Ich liebe Äpfel“, fuhr er treuherzig blinzelnd fort. „Sie sind süß, prall und saftig, versteht ihr? Voll ausgewachsen, stark und bieten darum auch mehr Möglichkeit für starken Ausdruck und viel Makeup. Ihr werdet traumhaft aussehen, wenn ich mit euch fertig bin!“

Jane prustete los. Nouels Ausdrucksweise war einfach nur herrlich schräg. „Da hörst du es, Ikakku. Du bist noch prall und saftig“, gackerte die Mechanikerin und schlug sich amüsiert auf die Schenkel. „Aber vielleicht ein bisschen arg sauer.“

„Halt die Klappe, Jane!“, fauchte die Smutje beleidigt und schoss einen Todesblick in Richtung der Mechanikerin, die sich gar nicht mehr einbekam, während ihr Haupt unter einer Trockenhaube steckte. Hoffentlich fielen ihr die Haare aus! Dann wandte die Smutje sich wieder dem unverschämten Friseur und seinem Treiben zu.

Ikakkus Brauen zogen sich unmerklich zusammen, als Io nach einer Weile wieder aufstand. Nouel hatte ihre ewig verworrenen Locken so in Form gebracht, dass sie in perfekten und völlig gleichförmigen Wellen bis zu ihrem Po hinab hingen. Er hatte ein paar Strähnen zu schmalen Zöpfen geflochten und sie mit kleinen, unsichtbaren Spangen so zusammengesteckt, dass sie eine Art Netz bildeten, das Ios Mähne in Form hielt. Es war hübsch. Ziemlich elegant und dennoch schlicht.

„Hör auf, vor dich hinzugären und sag Nouel lieber mal, welche Frisur du haben willst, du alter Apfelmost“, grinste Jane biestig. „Er ist nämlich gleich mit Sarina fertig und dann bist du dran.“

Sie würde in ihrem Leben nie wieder einen beschissenen Apfel anfassen! Außer vielleicht, um ihn in das Gesicht der weißblonden Verräterin zu klatschen.

Ikakku kam allerdings nicht umhin, die rasende Geschwindigkeit anzuerkennen, mit der Nouel die platten roten Haare von Sarina in eine voluminöse, nur halb hochgesteckte Pracht verwandelt hatte, die das rundliche Gesicht schmeichelnd umrahmte.

Auch diese Frisur war eher schlicht. Aber wenn Ikakku ihn nicht komplett falsch verstanden hatte – und Nouel hatte sie definitiv alt genannt! - dann fand er ein zurückhaltendes Styling für jüngere Frauen grundsätzlich angemessener. Eigentlich war das gar nicht so falsch. Man sah allzu schnell aus wie eine Vogelscheuche, wenn man einen Stil wählte, dem man noch nicht gewachsen war. Für Kleidung galt dasselbe, aber Sarinas Kleid war todschick und das Mädchen war kaum älter als Io!

Vielleicht war sie wirklich zu knatschig, aber Ikakku konnte es nicht leiden, wenn man ihr Dinge verheimlichte und Io hatte immer noch absolut nichts über ihr Kleid gesagt!

Als sich die beiden Jugendlichen dann jedoch gemeinsam aufmachten, um zu zweit in einem Hinterzimmer zu verschwinden, richtete sich die Smutje alarmiert auf. „Was haben sie jetzt schon wieder vor?!“, fragte sie schärfer als beabsichtigt.

„Hör ihnen doch mal zu, Ikakku. Sie gehen sich umziehen und sich schminken lassen.“ Jane verdrehte leicht genervt die Augen. „Du kannst dich wieder abregen. In ein paar Minuten siehst du ja dann, was Io sich ausgesucht hat. Und jetzt sag Nouel endlich, was du haben willst!“

Tatsächlich hatte sich die Smutje eine halbe Stunde später wieder halbwegs mit ihrem Schicksal versöhnt, als sie sich komplett hergerichtet im Spiegel bewunderte. Nouel mochte ein verdammt schräger Vogel sein, aber er war definitiv ein begnadeter Stylist. Ihre Hochsteckfrisur war streng und so hoch an ihrem Hinterkopf angesetzt, dass es einfach nur majestätisch aussah. Die blutroten Lippen, die er ihr gezaubert hatte, wirkten noch voller als sonst. Und obwohl er ihre Augen nur mit einem dicken Lidstrich und einem Hauch von Highlighter betont hatte, war das Gesamtbild einfach nur eine Wucht.

Jane ging es ähnlich. Ihre eisblauen Iriden gleißten regelrecht aus den extremen Smokey Eyes hervor, die Nouel der Mechanikerin verpasst hatte.

„Scheiße, wir sehen einfach viel zu gut aus!“, kicherte die bullige Blondine mädchenhaft und drehte sich in ihrem langen Kleid so schnell um sich selbst, dass sich ihr die kurze Schleppe um die Beine wickelte. Die schlichten, breiten Stahlreifen hätten an jeder anderen Frau zu schwer und klobig gewirkt, aber um Janes ausgeprägten Nacken und ihre muskulösen Oberarme mutete der Schmuck einfach nur elegant an. Und er passte perfekt zu ihr und der schwarzen Samtrobe, die sie letztendlich gewählt hatte.

„Wir sollten diese Klamotten demnächst auch mal auf der Polar Tang anziehen. Die Männer würden völlig durchdrehen“, grinste Ikakku verschmitzt zurück und setzte sich auf einen der Sessel, die in Nouels Laden für wartende Kunden bereit standen, um ein bisschen aus dem Ladenfenster zu spähen und sich die Zeit zu vertreiben. Jane gesellte sich dazu, während sie auf die beiden Jugendlichen warteten.

Und erneut war es die Mechanikerin, die ungeduldig wurde. „Sie brauchen ziemlich lange“, bemerkte sie und ließ undamenhaft ihre Knöchel knacken. „Wenn wir um 18 Uhr dort sein wollen, dann wird es langsam knapp.“

Noch bevor Ikakku etwas antworten konnte, hörte sie das leise Quietschen einer Tür. Eilig schossen sie und Jane hoch und fuhren gespannt herum.

Aber es war nur Sarina.

„Io kommt auch gleich“, erklärte sie mit einem schüchternen Lächeln auf den Lippen, als die Mechanikerin anerkennend den Daumen hob.

Die Rothaarige hatte sich mit Ios äußerst unfachmännischer, aber sehr ambitionierter Hilfe letztendlich für ein ziemlich eigenwilliges Kleid entschieden. Mit kleinen Ärmeln und einem runden, züchtigen Ausschnitt an dem figurbetonten Oberteil. Der weite Rock ging ihr gerade bis zum Knie und weitete sich dank einem rötlichen Petticoat etwas. Das tatsächliche Highlight waren aber die Farben. Feine rotbraune Sprenkel zogen sich von oben bis unten über den matten hautfarbenen Stoff. Man musste schon recht genau hinschauen, um festzustellen, wo das Kleid aufhörte und Sarinas sommersprossige Haut begann.

„Oh, ihr seht wundervoll aus!“ Io goldene Augen wurden kugelrund als sie hinter Sarina in dem Raum trat und sofort damit begann, die anderen Heart-Piratinnen zu bewundern.

Ikakku warf Jane einen kurzen Seitenblick zu, bevor sie sich blitzschnell ein Lächeln ins Gesicht zwang. Io hatte die Ohrringe, die die gewollt hatte und die Schuhe, die sie bequem fand. Ihre wilde, ewig verwuschelte Mähne war gezähmt und floss wie glänzende Seide über ihren Rücken. Geschminkt war sie nur dezent. Kein Lippenstift, nur ein dünner Lidstrich und ein bisschen blauer Lidschatten, der einen schönen Kontrast zu ihren goldenen Iriden bildete.

Aber ihr Kleid...

Ikakku schluckte hart. Schlicht und dunkelblau. Ein Rock, der bis zum Boden ging. Ein hoher Kragen, der die wulstige Narbe an ihrer Kehle komplett verdeckte. Ärmel, die bis über ihre Handgelenke fielen. Die einzige Verzierung, die das Teil hatte, waren die dezent bestickten Säume und eine breite, silberne Borte, die vorne vom Kragen bis zum Saum führte. Alles, was es von Ios sonstigem Stil unterschied, war dass es recht enganliegend war und ihre zierliche Figur besser zur Geltung brachte, als die schlabbrigen Klamotten.

„Danke, du auch“, erwiderte die Smutje gepresst.

Zwischen ihr, Jane und Sarina wirkte Io wie ein blasses Mäuschen. War regelrecht unsichtbar. Sie versteckte sich. Verhüllte sich so vollständig, dass niemand auf die Idee kommen würde, dass sie anders sein könnte, als alle anderen. Sie ging kein Risiko ein. Hatte zu viel Angst, dass man sie abartig finden könnte, wenn sie sich so zeigte, wie sie wirklich war.

Io fand sich selbst immer noch zu hässlich.

Aber die Jugendliche strahlte sie gleichzeitig so zufrieden mit sich und der Welt an, dass das Herz der Smutje einfach nur leise brach. Das war genau das, was Io wollte. Sie war so weit gegangen, wie sie konnte.

Ikakku sollte glücklich damit sein, denn Io war es offensichtlich auch.

Sollte sie wirklich.

Dennoch spürte sie tief in sich nur abgrundtiefe Trauer, als Io aufgeregt nach ihrer Hand griff und sie hinter sich aus dem Friseursalon zog.
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