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Cœur de Femme   ||   Frauenherz

von Aersling
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
Ikkaku OC (Own Character) Trafalgar Law
15.07.2021
16.09.2021
13
36.091
17
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Dieses Kapitel
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12.09.2021 3.452
 
Ikakku lehnte an der Bar und genehmigte sich ein Glas Wasser. Sie war bereits leicht angeheitert und wollte es nicht zu weit treiben. Denn um nichts um der Welt wollte sie auch nur eine Sekunde dieses Abends verpassen. Io war wie ausgewechselt. Zischte völlig übermütig durch den Saal und war mal hier mal dort.

Die Smutje hatte sich wirklich Mühe gegeben, aber sie konnte der Kleinen nicht ernsthaft böse sein. Denn selten hatte sie Io so quirlig und sprühend vor Freude gesehen. Und außerdem hatte Ikakku es dank eines listigen Winkelzugs tatsächlich noch geschafft, die Heart-Piraten vor einer drakonischer Strafe ihres Käpt’ns zu bewahren.

Es war zwar gemein, aber nicht direkt gelogen, Io darauf hinzuweisen, dass Trafalgar Law sicher sehr traurig wäre, wenn man ihm im Nachgang unter die Nase rieb, was er alles verpasst hatte. Dass er dieser speziellen Betrübnis wohl eher mit Nodachi und Room Nachdruck verleihen würde, hatte die Smutje bewusst ausgespart.

Und genau wie vermutet, war Io sofort darauf angesprungen und sie waren gemeisam zu dem äußerst rücksichtsvollen - und lebensrettenden – Schluss gekommen, dass es dann wohl besser wäre, den ach so armen Chirurg des Todes nicht mit zu vielen Details ihres Frauenausfluges zu belasten.

Manchmal war es wirklich zu leicht, den Lockenkopf zu manipulieren.

Mit einem seichten Lächeln auf den Lippen beobachtete Ikakku, wie Io durch den Saal stob. Die Darsteller hatten sich mittlerweile im ganzen Raum verteilt und sie hatte anscheinend das erklärte Ziel, mit möglicht vielen von ihnen zu reden und sie weiter auszufragen. Offenbar war es im Tulipe nicht ungewöhnlich, dass die Angestellten sich nach der Show unter die Gäste mischten, um nach getaner Arbeit ein bisschen zu feiern.

Die männlichen Heart-Piraten hatten zwar recht lange gebraucht, um sie wieder zu entspannen, aber mittlerweile feierten sie trotzen. Selbst Sarina hatte ihren spontan Horror überwunden, nachdem Shachi und Penguin der völlig verstörten Jugendlichen direkt eine Runde Beruhigungsschnaps mitbestellt und ihr erklärt hatten, dass Ios Version von Normalität jeden anderen Menschen, egal ob Pirat und Zivilist, immer wahnsinnig machte.

„Amüsiert ihr euch gut?“, fragte eine rauchige Stimme neben ihr.

„Du meinst trotz der Tatsache, dass du uns verschwiegen hast, dass das Tulipe ein Strip-Club ist?“ Ikakku prostete Mareike vermeintlich freundlich zu, während sie sie mit eisigen Blicken erdolchte.

Auf die konnte sie definitiv wütend sein!

„Burlesque ist de facto eine Spielart des Varieté und es ist nichts verwerfliches daran, Schönheit zu feiern. Bei meinen Shows geht es nur um Ästhetik und Spaß, nicht um Pornografie“, hielt die Brünette der unausgesprochenen Drohung völlig entspannt stand. „Außerdem dachten Io und ich, es könnte lehrreich sein, wenn sie einen harmlosen Anflug der Dinge, über die wir heute Mittag gesprochen haben, mal in echt zu sehen bekommt. Und da das Tulipe ein absolut sicheres Umfeld bietet, hat es sich angeboten.“

Ikakku war völlig schockiert. Io hatte es also tatsächlich gewusst?! Und es sollte lehrreich sein? In welcher Hinsicht?!

„Worüber habt ihr zwei wirklich gesprochen, als ihr alleine wart?! Und warum gibst du dir überhaupt solche Mühe, Mareike?“, verlangte die Smutje alarmiert zu wissen. „Wir kennen uns erst seit heute mittag und das, was du hier tust, geht viel zu weit über normale Dankbarkeit hinaus! Was bezweckst du tatsächlich damit? Warum hast du Jane, Io und mich eingeladen und warum gehen mittlerweile selbst die Drinks der restlichen Crew aufs Haus?!“

„Seht es als kleines Dankeschön“, erwiderte die Brünette ruhig und ließ sich entspannt auf den Barhocker neben Ikakku sinken. „Wie gesagt, ich begleiche meine Schulden immer.“

„Ich dachte eigentlich, dafür hättest du uns die Eintrittskarten angedreht?“, kommentierte die Smutje, während ihr Misstrauen ganz neue Ausmaße annahm.

„Stimmt“, schmunzelte Mareike und griff dreist über die Theke, um sich eine Flasche Sekt und zwei Gläser zu angeln. Nachdem sie den Korken knallend gezogen hatte, schenkte sie der Heart-Piratin und sich ein, bevor sie ihr elegant zuprostete. „Die Freigetränke sind auch der Dank dafür, dass ihr dem Tulipe zu einer neuen Maskenbildnerin verholfen habt.“

Ikakku schaltete schnell. „Du hast Sarina eingestellt?“, fragte sie verblüfft.

„Da Io bereits zu einer Piraten-Crew gehört, geht das bei ihr ja schlecht“, schoss Mareike mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln zurück. „Also ja, ich habe Sarina ein Angebot gemacht. Es wäre wirklich eine Schande, ihr Talent im Queens Palace zu verschwenden.“

„Mir scheint sie ein wenig zu schüchtern, um in so einem Laden zu arbeiten.“

„Sie ist Auszubildende in einem Spa, Ikakku“, schoss die Brünette zurück und verdrehte leicht genervt die Augen. „Das Mädchen sieht im Palace an einem Tag mehr nackte Menschen, als hier in einem Monat.“

„Du weißt ganz genau, was ich meine!“, zischte Ikakku gereizt.

Eigentlich ging sie Sarinas Schicksal nichts an, aber die Rothaarige war die erste Jugendliche, mit der Io sich bisher angefreundet hatte. Die beiden Mädchen schienen sich gegenseitig gut zu tun und ohne die Heart-Piraten wäre Sarina niemals im Tulipe gelandet. Außerdem war sie ein Fan von Velvet. Vermutlich hätte sie jedes Angebot völlig verblendet angenommen, nur weil sie die Frau bewunderte!

Verdammt nochmal, ja!

Ikakku fühlte sich definitiv ein bisschen für Sarina verantwortlich!

Mareike hob überrascht eine Braue, als ihr aufging, dass die Piratin es wirklich ernst meinte. Und so, wie sie die impulsive Frau heute Nachmittag kennengelernt hatte, würde sie ihren Bedenken wohl eher mit Messern Nachdruck verleihen als mit Worten.

„Was glaubst du, warum ein hübsches Mädchen wie Sarina so verschüchtert und unsicher ist, Ikakku?“, fragte die Sängerin dennoch scharf zurück. „Denkst du, es könnte daran liegen, dass man ihr seit Jahren immer wieder erklärt, dass sie nichts kann und nichts taugt? Dass man ihr regelmäßig sagt, dass sie zu hässlich und unwürdig ist, um Kunden zu betreuen? Und dass sie gefälligst dankbar dafür sein soll, dass sie überhaupt einen Job hat, egal wie unterirdisch er bezahlt wird? Io hat das Thema vorhin hinter der Bühne angeschnitten, weil sie der Meinung ist, dass die Leute im Tulipe viel netter sind als die im Palace. Ich habe ein bisschen nachgehakt und ich glaube jedes Wort, das ich Sarina aus der Nase gezogen habe. Ich kenne Marley, die Besitzerin des Queens Palace, nämlich sehr gut. Sie ist eine Tyrannin, die jeden Menschen verachtet, der nicht ihrem verqueren Weltbild entspricht. Die Hälfte der Leute, die bei mir hinter der Bühne arbeiten, waren mal bei ihr angestellt und alle sind gottfroh, von ihr weg zu sein!“

Ikakku blinzelte. Mit einem derartigen Ausbruch hatte sie nicht gerechnet. „Hasst diese Marley dich darum?“

„Auch“, schnaubte Mareike verächtlich und trommelte ungehalten mit ihren Fingern auf der Bar herum. „Aber vor allem verabscheut Marley mich, weil sie herausgefunden hat, dass ich früher eine Hure war. Ich widerspreche jedem Ideal, das sie bezüglich einer ehrbaren und erfolgreichen Frau hat. Und außerdem habe ich diesem Miststück gesagt, dass ich lieber für jeden Mann der Grand Line kostenlos die Beine breit mache, als jemals mit ihr zusammenzuarbeiten! Ich schätze der Kommentar, dass selbst Tonnen von Makeup nicht reichen, um ihren ekelhaften Charakter zu beschönigen, wird seinen Teil ebenfalls dazu beigetragen haben. Diese falsche Schlange macht ihre Angesstellten ganz gezielt von sich abhängig hält sie klein, damit sie sie besser dominieren kann. Sie arbeitet mit Mobbing und Repressalien. Das sind Zuhältermethoden und darum basiert unsere Abneigung definitiv auf Gegenseitigkeit!“

Ikakku rümpfte die Nase und ignorierte die ungebremste Wut, die ihr von Seiten Brünetten ins Gesicht schlug. „Also stellst du Sarina nur ein, um dieser Frau eins auszuwischen?“, fragte sie frostig zurück.

„Ich bin niemand, der so dreckige Spielchen spielt und außerdem kann ich es mir nicht leisten, Leute aus purem Mitleid zu bezahlen! Es geht dich zwar nichts an, aber ich habe mit Sarina vereinbart, dass sie nur im Tulipe anfangen darf, wenn ihre Eltern hierher kommen und den Arbeitsvertrag ebenfalls unterschreiben!“, schnauzte Mareike die Piratin beleidigt an, bevor sie tief durchatmete und versuchte, ihren Zorn zu bändigen. Niemals würde sie sich auf Marleys unterirdisches Niveau herablassen! Niemals! Die Brünette räusperte sich und zupfte gestresst an den Federn ihres durchsichtigen Morgenmantels herum.

„Entschuldige, Ikakku, aber sobald das Palace und Marley ins Spiel kommen, gehen die Pferde mit mir durch. Unsere Vorgeschichte ist recht hässlich“, setzte sie nach einer kleinen Pause versöhnlich dazu. „Sarina hat unfassbar großes Potenzial und ich wäre komplett bescheuert, wenn ich ihr keine Chance geben würde. Ich glaube, sie gehört ins Show-Business. Natürlich nicht ins Rampenlicht, aber im Hintergrund könnte sie eine wahre Meisterin werden. Ihr eigenes Kleid beweist, dass sie ein außergewöhnliches Stilgefühl besitzt und das Outfit, das sie völlig spontan für Io improvisiert hat, ist einfach nur ein Kunstwerk! Haben sie dir erzählt, wie sie darauf gekommen sind?“

„Nein.“ Ikakku war das im Moment auch recht gleichgültig. Viel wichtiger war die Erkenntnis, dass Mareike tatsächlich etwas an Sarinas Wohlergehen zu liegen schien.

„Sie haben einen Traum in Mode gegossen“, sinnierte die Brünette, während sie ihre Augen durch den Saal schweifen ließ. Lange musste sie nicht suchen, bis ihr Ios außergewöhnliche Gestalt ins Auge stach. „Es ist eine Vision und das ist genau das, was ich im Tulipe auf der Bühne sehen will.“

„Was soll das jetzt wieder heißen?!“, fauchte die Smutje skeptisch.

„Das heißt, dass es nicht real ist, Ikakku. Sarina und Io haben hinter der Bühne viel mit mir und den anderen geredet“, seufzte Mareike, bevor sie Ikakkus rotes Paillettenkleid einer Musterung unterzog. Was konnte sie sagen, ohne dass sie das Versprechen brach, das sie der Kleinen unter vier Augen gegeben hatte? „Frauen wie du und ich wissen ganz genau, was wir tun, wenn wir uns in Schale werfen. Wir verwenden Kleidung als Ausdruck unserer eigenen Persönlichkeit. Aber Io tut das nicht und sie ist sich der Wirkung auch nicht bewusst, die sie auf ihr Umfeld hat. Sie hat eher wie ein kleines Mädchen im Kleiderschrank ihrer Mutter herumgewühlt und sich verkleidet. Halef hat den Nagel vorhin direkt auf den Kopf getroffen, denn Ios Outfit ist einer Rüstung nachempfungen. Es ist nur ein Kostüm. Ein schöner Traum, nichts weiter.“

„Und du glaubst, du könntest das beurteilen?“, zischte Ikakku erbost zurück und ballte die Fäuste. Hatte die Frau einen akuten Todeswunsch oder warum legte sie es regelrecht darauf an, sie ständig bis aufs Blut zu reizen? Sarina war eine Sache, aber wenn Mareike sich nun auch bei Io einmischte, würde Ikakku keine Gande walten lassen. „Du kennst sie nicht und das hat dich nicht zu interessieren!“

„Wenn du tatsächlich glaubst, dass jemand wahrhaft einen Körper lieben könnte, den man den Großteil seines Lebens als Waffe gegen ihn verwendet hat, dann bist du bedeutend dümmer, als ich dich eingeschätzt habe, Ikakku!“, urteilte Mareike barsch und wischte sich ungehalten eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. „Ich habe es kaum geschafft, mein Entsetzen zu überspielen, als ich festgestellt habe, dass das viele Silber auf Ios Haut nicht nur Bodypainting ist, sondern dass sie wirklich überall diese grausamen Narben hat! In den Augen der Welt ist sie entstellt und sie wird es immer bleiben. Io weiß das und hätte sie sich nicht in eine Phantasie geflüchtet, hätte sie dieses Outfit niemals angezogen! Und es interessiert mich, weil Io... sie ist einfach nur ein Schatz. Tatsache ist, dass sie die meisten Mitarbeiter hinter der Bühne innerhalb kürzester Zeit um den Finger gewickelt hat. Ikki und die anderen sind quasi schockverliebt und ich musste heute nachmittag im Cafe schon feststellen, dass es mir ähnlich geht“, bekannte die ehemalige Prostituierte dann frei heraus.

„Warum?“

„Jeder, der im Tulipe arbeitet, sieht seinen Beruf als Kunst. Für die meisten Menschen sind wir dennoch kaum mehr als hübsches Fleisch“, erwiderte die Sängerin etwas ruhiger und betrachtete die Jugendliche, die gerade konzentriert Audrey zuhörte, die ihr irgendetwas erzählte. „Aber Io sieht uns mit anderen Augen. Sie beneidet Kalush, weil sie eine Schlange hat und sie findet sie liebenswert, weil sie das Tier halten und streicheln durfte. Sie mag Audrey, weil sie ihr erklärt hat, wie man eine Corsage bindet. Xenia, weil sie toll tanzen kann. Meredith, weil sie ihr geholfen hat, eine Perle wieder anzukleben, als sie sich gelöst hatte. Judy wegen ihren Witzen. Für jemanden wie dich hören sich solche Dinge vermutlich lächerlich an, aber für mich und die anderen ist es etwas Besonderes, Ikakku.“

Denn auch wenn das Tulipe ein hochklassiges und stilvolles Etablissement war, wusste Mareike ganz genau, was die meisten Gäste tatsächlich anzog. Sie wussten die Kunst hinter einer akribisch einstudierten Choreographie zwar zu würdigen, aber ohne den verruchten Hauch, der das Tulipe umgab, wäre der Laden nicht halb so beliebt und ihre Musik nicht halb so bekannt. Io hatte ihr und den anderen aber das Gefühl gegeben, dass es darauf überhaupt nicht ankam. Dass sie auch in einem Kartoffelsack auf der Bühne performen und trotzdem eine hervorragende Show abliefern könnten.

Die Jugendliche hatte eine ganz eigene Weltsicht.

Das war es, was sie für Mareike und die anderen so liebenswert machte. Aber dieser Umstand war auch extrem gefährlich und genau darum hatte sie ursprünglich mit Ikakku sprechen wollen.

Mareike räusperte sich. „Io scheint ihr Umfeld auf andere Weise wahrzunehmen als normale Menschen. Und auch wenn ich sie genau darum mag, denke ich, dass sie nur so ist, weil sie so eine schlimme Vergangenheit hat. Jede Form von Gewalt hinterlässt Spuren und ich rede nicht von ihrem Aussehen, wenn ich behaupte, dass Io schwere Schäden davongetragen hat.“

Ikakku konnte sich nicht helfen, sie war einfach nur völlig irritiert. Auch wütend, weil Mareike sich viel zu sehr in Dinge einmischte, die sie überhaupt nichts angingen! Aber unterm Strich wusste sie definitiv nicht mehr, wie sie die Brünette handeln sollte.

Dass jemand Ikakku aus dem Konzept brachte, kam so gut wie nie vor. Und dass es eine ehemalige Prostituierte tat, weil sie spontan Trafalgar Laws Schützling verfallen war, kam niemals vor! Dass eine Wildfremde ein intuitives Gefühl dafür zu haben schien, wie Io tickte, noch viel weniger.

Wer zur Hölle war Mareike ?!

Eine recht unscheinbare Frau am Nachmittag. Zivilistin. Opfer einer Belästigung. Sensible Gesprächspartnerin für Io. Und am Abend immer noch derselbe und plötzlich doch ein ganz anderer Mensch. Star. Sängerin. Künstlerin. Stripperin. Höchstwahrscheinlich sogar Besitzerin des Tulipe, denn sonst hätte sie Sarina keinen Arbeitsplatz anbieten können. Ikakku hatte das merkwürdige Gefühl, dass sie zu viel und gerade darum viel zu wenig über Mareike wusste.

Verdammt, die Frau war brandgefährlich!

„Und welche Schäden sind das deiner Meinung nach?“, fragte die Smutje, um Zeit zu schinden, während sie sich das Gehirn zermarterte, wie sie damit am besten umgehen sollte.

„Erinnerst du dich an die Blicke, nach denen Io mich vorhin gefragt hat?“

Die Smutje nickte langsam. „Was war damit gemeint?“

Mareike blickte sich kurz um und deutete dann lose in eine Ecke des Raumes. „Schau dir den Kerl da drüben an. Der mit dem grünen Smoking und der Fliege.“

Ikakku folgte der Anweisung skeptisch. Der Mann, vielleicht Anfang dreissig, saß gemütlich an seinem Platz und ließ seinen Kopf immer wieder suchend über die Menge schweifen. Einem silbrigen Blitz hinterher. Io. Er starrte Io an und sein Gesicht...

Da waren Anerkennung, Bewunderung und-
Die Hand der Smutje zuckte unwillkürlich zu dem unauffälligen Holster an ihrem Oberschenkel, in dem sie einen ihrer Dolche verborgen hatte.

Begierde.

Ikakku wurde schrecklich kalt. Dieser Mann begehrte Io! Weil sie wunderschön war. Weil sie auffällig war. Weil sie genau das getan hatte, was Ikakku sich gewünscht hatte.

Was hatte sie nur angerichtet?!

„Ich habe Io vor Männern gewarnt, die diesen speziellen Ausdruck im Gesicht haben“, bemerkte Mareike leise. „Ich habe ihr gesagt, sie soll sich von ihnen fernhalten.“

Die Smutje runzelte die Stirn. „Wieso solltest du ihr das extra sagen müssen?! Sie ist nicht dumm!“

„Also wisst ihr es noch nicht“, murmelte die Brünette und verzog unangenehm berührt den Mund. „Io war nicht in der Lage, es zu erkennen, als ich sie direkt danach gefragt habe. Sie wusste zwar, dass er sie ansieht, aber sie konnte sein Verhalten nicht eindeutig zuordnen“, erklärte Mareike dann bedächtig und schenkte Ikakku einen mitleidigen Blick. „Ich habe es im Café und vorhin hinter der Bühne schon vermutet. Am Tisch deiner Crew wurde es mir dann endgültig klar. Sarina war begeistert, aber ihre Wangen haben die ganze Zeit geglüht, als wäre sie eine Tomate. Ihr war voll bewusst, dass es bei der Show auch um Erotik geht. Aber Io fand es lediglich hübsch anzusehen. Außerdem hat sie auch nicht begriffen, was Audrey wirklich zu Jean gesagt hat. Im Kopf mag sie unsere Erklärungen heute Nachmittag verstanden haben, aber sie ist völlig unfähig, sexuelle Spannung oder Andeutungen in diese Richtung als das wahrzunehmen, was sie tatsächlich sind. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber in dieser Hinsicht scheint Io... verkrüppelt.“

Ikakku brauchte nicht lange, um den Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen. Und es kostete sie nur eine Sekunde, die gesamte Tragweite der Konsequenzen zu erfassen.

„Du glaubst, sie ist asexuell“, stellte sie fest.

„Nein. Ich denke, dass es weit über normale Asexualität hinaus geht“, korrigierte Mareike und nestelte unruhig an ihrem Ausschnitt herum. Menschen, die keinen nennenswerten Sexualtrieb hatten, gab es öfter als man glauben mochte. Aber jemand, der nichtmal in der Lage war, diese Triebe überhaupt zu erkennen, wenn sie ihm direkt ins Gesicht schlugen? Das war definitiv nicht normal. War das vielleicht ein unbewusster Schutzmechanismus? Immerhin konnte Sex eine extrem grausame Waffe sein. Mareike räusperte sich und ließ unwohl ihre Schultern kreisen. „Und ich denke, ihr solltet sehr gut auf Io aufpassen. Manche Männer-“

„Ich weiß genau, was du meinst.“ Ikakku presste ihre Lippen zu schmalen Strichen zusammen und knirschte mit den Zähnen. Diese Mischung aus absoluter Unschuld und aufblühender Weiblichkeit, die Io heute Abend ausstrahlte, war ebenso attraktiv wie gefährlich. Normale Menschen würden sie eher als niedlich und kindlich wahrnehmen, aber es gab auch kranke Bastarde, die genau so etwas sexuell anziehend fanden.

Die meisten Männer waren Abschaum und würden es immer bleiben!

Io mochte sie und ihre hinterhältigen Tricks nicht kennen. Mochte nicht erkennen können, was ein geifernder Fremder, der zu freundlich zu ihr war, tatsächlich im Sinn hatte. Aber Ikakku hatte mehr als genug Erfahrung mit derlei Ungeziefer. Sie würde nicht zulassen, dass man Io diesen Teil ihres Lebens auch noch verdarb! Und sie hatte keine Hemmungen, blutige Tatsachen zu schaffen, um dieses Ziel zu erreichen. Io war nur ein Mädchen, das gerade die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung Frau machte.

Und so ungern Ikakku es auch zugab, Mareike hatte Recht. Das, was der Lockenkopf heute abend ausstrahlte, war nicht echt. Io war völlig überdreht. Aufgekratzt. Schwamm einfach in dem Strudel neuer Eindrücke und ließ sich mitreißen.

„Sie hat zu mir gesagt, sie wäre gern jemand anders. Jemand, der seine Narben mit Stolz tragen kann.“

Sarinas Worte zogen leise durch den Verstand der Smutje. Nein, Io war definitiv nicht sie selbst. Das, was Io heute abend zeigte, war nur ein Aufblitzen. Ein unruhig flackerndes Flämmchen, wo das stetige Licht der Sonne stehen könnte. Für Io war es nur ein Spiel. Ein Versuch. Verkleidung. Spaß.

Aber für Ikakku nicht. Nicht mehr.

Denn zum ersten Mal seit Unzeiten regte sich etwas in ihr. Rüttelte an einem so tief vergrabenem Teil ihres Herzens, dass sie beinahe vergessen hatte, dass er überhaupt existierte. Es war etwas, was über die sichere und oberflächliche Dümpelei des Alltags hinausging, die sie sich sonst erlaubte.

Ein Traum.

Nicht Realität, aber sie wünschte er wäre es.

Io war noch längst nicht die Frau, die Ikakku in ihr sah. Aber vor einem Jahr hatte die Kleine sich vor lauter Angst nichtmal aus Laws Kajüte getraut und jetzt lachte und tanzte sie sich durch einen Club wie das Tulipe. Wer konnte schon wissen, was morgen kam? Ios Sexualität war Ikakku herzlich egal und sie war sich ziemlich sicher, dass der Rest der Mannschaft das ähnlich sehen würde.

Aber was war mit Io selbst?

Wie würde sie reagieren, wenn sie feststellen musste, dass sie auch in dieser Hinsicht anders war, als die meisten anderen Menschen? Und das, obwohl sie doch nur ganz normal sein wollte?

Es würde nicht einfach für Io werden.

Sie war zu anders.

Zu besonders.

Aber Ikakku würde sie beschützen. Ganz gleich vor was oder vor wem. Sie war stärker als früher. War nicht mehr die naive, leichtgläubige Frau von Isende. Dieses eine Mal würden sich ihre Wünsche erfüllen. Dieses mal konnte und würde sie kämpfen. Sie würde Io helfen, eine Frau zu werden, der die Welt wahrhaft zu Füßen lag. Niemals schön im klassischen Sinne, aber stark und selbstbewusst. Innerlich strahlend. Egal, ob in ausgebeulten, schlabbrigen Hoodies oder einem glänzenden Abendkleid.

Ikakku würde dafür sorgen, dass Io ihren eigenen Weg finden konnte und dass kein Mann ihr dabei in jemals die Quere kommen würde.

Das schwor sich die Smutje in diesem Moment.

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Hallo ihr Lieben,

wundert euch nicht, dass hier schon wieder was kommt, aber ich bin übernächste Woche spontan im Urlaub und darum werde ich Frauenherz am Freitag  beenden, bevor es dann am 1.10. mit CdP weiter geht. :)

Viele Grüße,
Aersling

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