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Cœur de Femme   ||   Frauenherz

von Aersling
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
Ikkaku OC (Own Character) Trafalgar Law
15.07.2021
16.09.2021
13
36.091
17
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08.09.2021 3.037
 
„Gottverdammt, was tut ihr hier?!“ Jean Bart schoss so schnell von seinem Stuhl hoch, dass das Möbelstück klappernd umfiel, als er die beiden Frauen an Shachis und Penguins Seite sah.

„Wir wurden eingeladen“, flötete Ikakku süßlich zurück. Oh, ja. Sie begann definitiv, diesen Abend zu genießen. „Und was tut ihr hier?“

Clione rutsche aufgrund des bedrohlich freundlichen Tonfalls unruhig auf seinem Platz herum. Die Smutje war im Normalfall schon ein Kaliber für sich, aber in diesem Outfit wirkte sie irgendwie noch furchterregender als sie ohnehin war. Jemand, der so blutrünstig sein konnte, sollte nicht dermaßen sexy aussehen dürfen!

Und Jane war seine direkte Vorgesetzte. Eine begnadete Technikerin und Konstrukteurin. Die bullige Blondine, die sich einen Dreck darum scherte, wenn sie bei Reparaturen in Öl und Schmutz duschte, plötzlich als derart elegante Lady zu sehen, war einfach nur verstörend. Vor allem, weil er sich spontan fragte, ob sie in der kleinen, schwarzen Handtasche einen der Schraubenzieher versteckte, die sie Leuten so gerne an den Schädel warf, wenn sie sich aufregte.

„Das war allein Baileys Idee!“, rechtfertigte sich der Elektriker automatisch.

„Die haben hier eine hervorragende Whiskey-Auswahl.“ Der Angeklagte schob sich lediglich gleichmütig die Brille zurecht.

„Und die zusätzliche Unterhaltung in Form halbnackter Frauen hat dabei selbsrtverständlich keine Rolle gespielt?“, trietzte Jane zweideutig grinsend.

„Genau so ist es“, schoss Bailey kühl zurück und bleckte genervt die Zähne, bevor er sich demonstrativ hinter der Whiskey-Karte verschanzte.

Ikakku schüttelte nur belustigt den Kopf. Manchmal war der eigensinnige Humor des ehemaligen Zahlmeisters einfach nur zum Schießen. Es war zwar ziemlich witzig gewesen, Shachi und Penguin zu schocken, aber nun galt es die restlichen Männer möglichst sanft darauf vorzubereiten, dass-

„Ikakku! Jane!“

Wie ein silberner Blitz schoss Io durch den Raum und stoppte schlitternd vor den beiden Frauen. „Das war genial!“, redete sie mit herrlich geröteten Wangen und strahlenden Augen los. Offensichtlich war sie völlig begeistert. So sehr, dass sie den Rest der Bande noch nicht einmal bemerkt hatte. „Ich durfte sogar Nuggets halten! So heißt Kalushs Schlange und ihre Schuppen fühlen sich total weich an! Und glaubst du, dass ich auch lernen kann, mal so toll zu tanzen, Ikakku? Und...“

Die Smutje musste sich die Faust in den Mund rammen, um nicht laut loszulachen, als sie die maßlos überforderten Minen der restlichen Heart-Piraten sah. Das war schlimmer als bei Shachi und Penguin. Viel, viel schlimmer. Es gab kein Wort für die Tiefe der Erschütterung, die von den Männern ausging.

Jane Piston entschied kurzerhand, das Problem auf ganz eigene Weise zu lösen und packte Io, deren endloser Wortschall immer noch nicht abgeebbt war, an den Schultern, um sie in Richtung des Tisches zu drehen.

Die goldenen Iriden explodierten regelrecht vor Freude.

„Ihr seid ja auch da!“, platze es entusiastisch aus der Jugendlichen heraus, bevor sie sich suchend am Tisch umblickte. „Aber wo ist Law?“

Clione keuchte erstickt. Unis Kinnlade hing irgendwo im Keller. Shachi und Penguin erschauderten. Jean Bart sah einfach nur aus, als hätte er einen Schlaganfall erlitten. Baileys genaue Reaktion war hinter der Karte nicht auszumachen, aber seine Hände zuckten krampfig und in Halefs rosa Iriden war ein merkwürdig fiebriges Glänzen getreten.

„Er hatte vermutlich keine Lust, du kennst ihn ja“, quetsche Ikakku mühsam beherrscht hervor. Nicht Trafalgar Law würde sie töten, sie würde gleich einfach vor Lachen sterben.

„Schade.“ Io wirkte kurz verstimmt, bevor ihr aufgeregtes Strahlen wieder überhand nahm. „Aber vielleicht kommt er ja dann beim nächsten Mal mit!“

Das Lachen der Smutje verwandelte sich in ein ersticktes Husten.

Beim nächsten Mal?!

Io wollte nochmal in so einen Laden?!

Mit dem Käpt’n zusammen?!

Natürlich wollte sie das.

Weil sie total begeistert war. So fasziniert, wie sie alles bestaunte, würde sie dem Chirurg des Todes spätestens beim Frühstück stecken, was sie heute wirklich getrieben hatte.

Die Heart-Piraten waren alle tot.

Sowas von absolut tot! Aber das hatte Ikakku auch schon vorher gewusst. Je öfter man diese Erkenntnis an einem Tag hatte, desto weniger schlimm wurde sie, stellte sie milde fasziniert fest.

Aber die Männer hatten im Gegensatz zu den beiden Heart-Piratinnen noch keine Zeit gehabt, um sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Dumpfes, drückendes Schweigen baute sich über dem Tisch auf.

„Hab ich was falsch gemacht?“, fragte Io nach ein paar Minuten vorsichtig und ihre gute Laune trübte sich immer weiter, als sie die zu Eis erstarrten Gesichter der Heart-Piraten und ihre völlig verkrampfte Haltung registrierte.

„Das Schweigen ist des Mannes höchste Zier“, rezitierte da plötzlich eine rauchige Stimme hinter der Jugendlichen. „Keine Sorge, Io. Wenn sie komplett sprachlos sind, hat man definitiv alles richtig gemacht. Das ist nämlich das größte Lob, das Männer einer Lady machen können.“

„Und was bedeutet es?“

„Dass du absolut überwältigend bist.“ Velvets dunkel geschminkte Lippen zogen sich amüsiert nach oben, während sie freundschaftlich Ios Schulter tätschelte. Dann stöckelte sie näher an den Tisch und ließ ihre braunen Augen neugierig über die Sitzenden schweifen.

Die Köpfe der männlichen Heart-Piraten flogen völlig überfahren zwischen dem Star des Abends und Io hin und her. Velvet trug mittlerweile wenigstens wieder eine Art durchsichtigen Morgenmantel, der mit schwarzen Federn gesäumt war, über ihrem knappen Kleid. Es raschelte leise, als sie sich frech auf die Tischkante setzte und elegant die Beine überschlug.

„Sind das die Blicke, von denen du vorhin gesprochen hast, Mareike?“, fragte Io neugierig weiter.

Die Schönheit lachte dunkel auf und schüttelte nachsichtig den Kopf. „Nein, sind sie nicht und das ist auch besser so. Aber deine Freunde bewundern dich definitiv.“

Clione war einfach nur furchtbar verwirrt. „Wer ist Mareike?“

Io deutete hilfsbereit auf die halb nackte Frau auf dem Tisch. „Sie heißt Mareike.“

„Velvet ist nur mein Künstlername“, schmunzelte diese und nippte vergnügt an ihrem Sektglas.

„Ah.“

Jean Bart fühlte sich irgendwie merkwürdig. Als hätte er eine Mischung aus Watte und Sargnägeln im Schädel. Er versuchte das furchtbare Chaos in seinem Kopf irgendwie zu bändigen, aber sobald er Io und Mareike ansah, verpuffte jeder vernünftige Gedankengang sofort wieder und er meinte, jemand würde mit einem Hammer auf sein Gehirn eindreschen. Ios Aussehen war einfach nur schockierend! Und woher kannte sie die Hauptattraktion des heutigen Abends überhaupt?

Was sollten sie jetzt bloß machen?!

Keiner wusste es. Hilflos-entsetztes Schweigen legte sich wie ein Leichentuch über den Tisch.

„Du siehst ja aus wie eine kleine Walküre, Io!“, dröhnte Halef plötzlich völlig hingerissen in die bleierne Stille hinein. „Komm her und lass mich das genauer ansehen.“

„Was ist eine Walküre?“, fragte Io prompt, während sie zu ihm hinüber huschte. Sie schien extrem erleichtert, dass überhaupt einer der Heart-Piraten seine Stimme wieder gefunden hatte.

„Es sind Kriegerinnen aus den Legenden meiner Heimat“, begann Halef zu erklären, während er fasziniert über eine der kleinen, aufgeklebten Perlen strich, die die Narben an ihrem Handgelenk bedeckten, als wären sie ein breites Armband. Aber nicht nur Ios Arme waren mit den perlmuttenen Halbkugeln geschmückt, sondern auch ihr Hals und der untere Teil ihrer Waden. „Sie tragen silberne Harnische, die genauso schimmern wie deine Perlen.“

„War Stiorra auch eine Walküre?“

„Nein“, der Albino schüttelte den Kopf und fuhr bedächtig die silbrigen Linien auf Ios Unterarm nach, die Nouels Frau zusätzlich zwischen einigen Narben gezeichnet und so zu einem kunstvollen Muster verwoben hatte. Als Ganzes betrachtet, wirkte ihre entstellte Haut wie ein filigran geschmiedetes Kettenhemd.

„Stiorra war nur ein Mensch, aber die Walkyriun sind direkte Abkömmlinge der Götter, Io. Sie sind schrecklich und schön zugleich. Sie sind auch stärker als jeder Mann, denn ihre Aufgabe ist es über die Schlachtfelder zu reiten und die gefallenen Helden zu den Göttern zu bringen. Aber manchmal, wenn sie einen Krieger mögen, dann küssen sie ihn und erwecken ihn so wieder zum Leben, damit er weiter den Kampf genießen kann“, fuhr er träumerisch fort und seine blassrosa Augen blieben versonnen an der eng taillierten, knielangen Weste hängen, die Io zu einer kurzen, schwarzen Hose trug.

Das Teil hatte keine Ärmel, einen kleinen Stehkragen und der v-förmige, schmale Ausschnitt war so tief, dass er mittig zwischen Ios Brüsten endete. Dezent eingestickte, silberne Sterne übersähten den nachtblauen Samt. Auch zwischen ihnen verliefen Linien. Es waren Sternzeichen. Ein paar davon kannte der Jäger sogar.

„Wenn eine Walküre auf ihrem geflügelten Pferd über den Nachthimmel prescht, dann blendet ihre Schönheit jeden, der sie ansieht. Wir Menschen nehmen sie darum nur als Sternschnuppen wahr.“

„Und ich sehe wirklich so aus wie eine von ihren?“ Io war völlig gebannt und starrte ihn mit riesig geweiteten Augen an.

Halef nickte zustimmend und wurde fast vom Stuhl geschmissen, als der Lockenkopf sich einfach auf ihn warf und ihm einen überschwänglichen Schmatzer auf die Wange gab.

„Awwwwww~ Danke!“

„Hoppla, immer langsam, Io!“ Der Albino lachte schallend auf und stellte die kleine Sternschnuppe kurzerhand wieder auf ihre eigenen Füße. „Dank dir bin ich der einzige lebende Mann, der je von einer Walküre geküsst wurde“, grinste er verschmitzt. „Ich war nicht tot und darum fühle ich mich jetzt doppelt so lebendig. Das ist eine ganz besondere Ehre!“

„Gesprochen wie ein wahrer Poet“, kommentierte Mareike anerkennend und fasste den Jäger genauer ins Auge. „Wie heißt du?“

„Halef.“

„Freut mich, deine Bekannschaft zu machen, Halef. Du scheinst mir in mehrfacher Hinsicht ein äußerst außergewöhnlicher Mann zu sein“, entschied der Star des Abends und schenkte dem Albino ein schmelzendes Lächeln.

Halef kam nicht umhin, es einfach zu erwidern und Mareike dabei völlig unverhohlen anzustarren. Diese Frau war wie ein Hermelin. Seidig glänzend und biegsam. Wundervoll anzusehen, aber nichts für eine ernsthafte Jagd. Oder doch eher wie eine Drossel? Ihr rauchiger Gesang und- er ächzte, als ihn ein spitzer Ellbogen hart in die Rippen traf.

„Hör auf damit, das ist unverschämt!“, zischte Bailey indigniert.

„Aber du hast den Laden doch extra ausgesucht, damit wir ihre Schönheit bewundern können, mein Freund“, gab Halef treuherzig zurück und rieb sich verstohlen die schmerzende Seite.

Der Zahlmeister grummelte nur etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, das sich verdächtig nach einem „Ich bin nicht dein Freund!“ anhörte, und stand abrupt auf, um sich einen neuen Drink an der Bar zu organisieren.

Ios Mundwinkel hatten derweil angefangen, verräterisch zu zucken. „Du, Halef?“, fragte sie den Albino lauernd. „Wenn ich wirklich eine Walküre bin und ein geflügeltes Pferd finde, darf ich es dann behalten?“

„Soll ich dir eins jagen gehen?“ Halef zwinkerte ihr schelmisch zu.

Io lachte glockenhell auf und nickte wild. Allein der Gedanke an ein eigenes Haustier schien sie noch fröhlicher zu stimmen, falls das überhaupt möglich war.

„Und wer ist das?“, brummte der Jäger dann und deutete lose in Richtung der Rothaarigen, die sich bisher nahezu unsichtbar im Hintergrund gehalten hatte. Aber seine scharfen Augen hatten sie genauso erfasst, wie alles andere in seinem Umfeld. Sie war mit Io und Mareike zu ihnen gekommen und gehörte wohl irgendwie dazu, auch wenn sie bisher nichts gesagt hatte.

„Das ist meine Freundin Sarina. Wir haben sie heute morgen kennengelernt“, stellte Io sie schnell vor. „Sarina, das ist Halef.“

„Hallo.“ Die Jugendliche näherte sich zaghaft. Io hatte ihr zwar von ihm erzählt, aber sie hatte noch nie einen Menschen wie ihn gesehen. Er war wirklich ungewöhnlich blass und groß und breit. Alles, was sie von seiner Haut ausmachen konnte, war von blauen Tätowierungen überzogen. Er wirkte sehr wild und gefährlich. Genauso wie der Riese mit dem buschigen Backenbart, der direkt neben ihm saß. Sarina wusste, dass sie sofort weggerannt wäre, wenn sie derart bedrohlichen Männern auf der Straße begegnet wäre. Aber Io schien diese Leute zu mögen und Halef lächelte sie nur freundlich an.

„Du siehst allerdings so aus, wie ich mir Stiorra immer vorgestellt habe.“

Sarina runzelte verständnislos die Stirn, traute sich aber nicht, den Mund aufzumachen.

„Oh, stimmt ja! Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Stiorra war nicht nur eine Prinzessin, sie war mal die Königin seiner Heimatinsel und sie hatte auch rote Haare“, erklärte Io ihr auf die unausgesprochene Frage hin. „Und wusstest du, was Walküren sind?“, fragte der Lockenkopf unbekümmert weiter. „Halef kennt sehr viele Geschichten und er kann dir alles erzählen. Ich bin mir sicher, du wirst es mögen.“

Und prompt fand sich Sarina neben dem Jäger sitzend wieder, der ihr in den schillerndsten Farben die Legende der Schildmaid von Reota Fuil beschrieb.

Ikakku konnte darüber nur noch den Kopf schütteln.

Kein normaler Mensch würde je darauf kommen, eine Märchenstunde nach einer Strip-Show abzuhalten. Halef war und blieb ein Vollidiot. Allerdings auch einer, der damit spielend leicht die Gunst eines Vollweibs wie Mareike errungen hatte. Ausgerechnet der durchgeknallte Gletscher-Eremit?! Der schräge Einsiedler, bei dem sie darauf gewettet hatte, dass er noch nie eine Frau im Bett gehabt hatte?!

Was zur Hölle passierte hier gerade?!

Gab es überhaupt irgendetwas, was an diesem Abend noch halbwegs normal war?!

Io wandte ihre Aufmerksamkeit währenddessen wieder den restlichen Männern zu, die immer noch völlig paralysiert dasaßen. „Was ist denn los mit euch? Warum seid ihr so still?“

Sie bekam keine Antwort.

„Seid ihr etwa betrunken?“, vermutete der Lockenkopf plötzlich kritisch und runzelte missbilligend die Stirn.

„Wir sind nicht betrunken“, murmelte Shachi mit belegter Stimme und starrte krampfhaft die weiße Tischdecke an.

„Und was habt ihr den ganzen Tag gemacht? Ikakku hat gesagt, dass ihr euch betrinken würdet und dass wir darum zu dritt einen Ausflug machen.“

Wenn Blicke töten könnten, wäre die Smutje sofort tot umgefallen. Das war eigentlich genauso geplant gewesen! Io, Ikakku und Jane, die irgendwo irgendetwas unternahmen. Egal was, aber Hauptsache, ganz weit weg von den Männern der Mannschaft!

„Ach, Io“, stöhnte Penguin und raufte sich verzweifelt die Haare. Sie verstand es einfach nicht. Allein, dass sie hier war, war eine absolute Katastrophe! Trafalgar Law würde völlig ausrasten, wenn er davon erfuhr. Und sobald er die schillernde Gestalt seines Schützlings erblickte, würde der Chirurg des Todes vermutlich vor lauter Schock einen Herzstillstand erleiden. Oh, sie sah absolut wundervoll aus, aber darum ging es nicht.

Io sah nämlich plötzlich aus wie eine Frau!

Nicht wie der kleine Wildfang, den sie alle kannten und mochten, sondern wie eine richtige Erwachsene. Und erwachsene Frauen taten Dinge, die Io definitiv noch nicht tun sollte! Vor allem nicht so etwas, wie sich in einem verruchten Club wie dem Tulipe herumzutreiben! Und erst recht nicht in einem derart extravaganten Outfit, dass sie sich direkt mit auf die Bühne stellen könnte!

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, hatte Io auch noch den Star des Abends an den Tisch gebracht. Eine rassige Schönheit, über die die männlichen Heart-Piraten heute schon extrem unanständige Dinge gesagt und noch viel unanständigere Dinge gedacht hatten. Und diese Frau hockte immer noch verführerisch lächelnd auf dem Tisch, aber man konnte sie nicht einfach ansprechen, weil Io direkt daneben stand und-

„Hey, Io! Sind das Freunde von dir?“

„Hallo, Ikki. Ja, das sind sie, aber ich wusste nicht, dass sie auch hier sind.“

„Willst du uns nicht vorstellen?“

„Okay. Das sind Shachi, Penguin, Uni, Chione, Halef, Jean Bart und Bailey steht da hinten an der Bar. Und das sind Tamara, Ikki, Kalush, Audrey, Alexis, Xenia, Judy und Meredith. Ich habe sie hinter der Bühne kennengelernt und sie sind ganz wundervolle Künstlerinnen, findet ihr nicht auch?“, fragte Io völlig unbefangen in die Runde hinein.

Cliones Augen nahmen die Ausmaße von Untertellen an, als sich ein paar der leichtbekleideten Artistinnen und Tänzerinnen fröhlich schnatternd um den Tisch der Heart-Piraten verteilten.

„Du hast uns ja gar nicht gesagt, was deine Freunde für Leckerbissen sind!“, beklagte sich Audrey, eine vollschlanke Brünette mit erstaunlich violetten Iriden, und bedachte Jean Bart mit einem lasziven Augenaufschlag.

Io wirkte reichlich verstört. „Das sind Menschen, die kann man nicht essen“, stellte sie dann kategorisch fest.

Unter den Frauen brandete ein regelrechter Heiterkeitssturm auf. Mareike ließ sich rücklings auf dem Tisch fallen und lachte so laut auf, dass ihr Busen beinahe ihr tiefes Dekolletee sprengte.

„Was ist so lustig?“, fragte der Lockenkopf und runzelte verständnislos die Stirn.

„Vielleicht bist du nicht zum Essen, aber zum Vernaschen auf jeden Fall“, schnurrte Audrey dem stocksteif dasitzenden Hünen währenddessen zu. „Ich mag große Männer.“

„Warum sagt mir niemand, weshalb ihr alle lacht?!“ Io schürzte schmollend die Lippen.

„Ach, Io. Du bist so unfassbar süß!“, kicherte Mareike und setzte sich wieder aufrecht hin. „Audrey wollte damit nur sagen, dass sie Jean attraktiv findet, nichts weiter.“

„Ach so, na dann...“ Io zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Jean ist aber auch sehr lieb.“

„Ich könnte auch sehr lieb zu dir sein“, hauchte Audreys Stimme verführerisch in das Ohr des ehemaligen Piratenkapitäns. Jean Bart erschauderte nur und schloss gequält die Augen.

Shachi konnte die Leiden des Hünen sehr gut nachvollziehen.

Er wollte einfach nur noch weinen und sich unter einem Stein verkriechen. Und als Xenia, die Blondine mit der Wespentaille, die ihre Beine während der Akrobatiknummer auf eine Weise verknotet hatte, die seine Phantasie auf ganz andere Reisen geschickt hatte, sich einen Stuhl packte und neben ihn an den Tisch drückte, war es endgültig vorbei. Sie waren alle so unfassbar sexy. Hätte ihm jemals jemand erzählt, dass er mal in so einem exklusiven Laden sitzen würde, während der Star des Abends sich vor ihm auf dem Tisch räkelte, und ihn währenddessen lauter freizügigen Schönheiten umschwärmten, hätte Shachi sich direkt im Himmel gewähnt.

Aber sie waren alle absolut tabu. Direkt vor Ios unschuldigen Augen eine dieser Frauen anzugraben... Nein, das ging auf gar keinen Fall!

Vor allem nicht, weil er nach dem Eklat mit Ikakku sowieso kein weibliches Wesen in diesem Laden mehr anfassen würde. Ein Trauma pro Abend reichte definitiv.

Es war alles so grausam!

„Ich hätte nicht gedacht, dass Piraten so schüchtern sind.“

Piraten?!“, kreischte Sarina völlig schockiert dazwischen. Sie sah aus, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen, während ihr Kopf panisch zwischen Halef und den anderen Anwesenden hin und her schoss. „A-a-aber...Io, d-d-du kannst doch keine P-piratin sein!!!“

„Natürlich bin ich Piratin. Was dachtest du denn, als ich dir erzählt habe, dass ich auf einem Schiff lebe, Sarina?“ Io zuckte nur mit den Schultern, bevor sie sich zu einer der Tänzerinnen umwandte. „Und sonst verhalten sie sich nicht so komisch, Meredith. Ich glaube, sie sind wirklich betrunken.“

„Wir sind nicht betrunken, Io!“, schnappte Shachi völlig entnervt zurück und vergrub wimmernd sein Gesicht in den Händen.

Noch nicht“, korrigierte Penguin düster und winkte wild entschlossen nach einem Kellner. „Aber wir werden es sehr bald sein.“

Nüchtern würde er dieses Chaos keine Sekunde länger ertragen!
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