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Circle (2) - the bitter truth

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Hermine Granger Lucius Malfoy
15.07.2021
21.10.2021
11
43.902
24
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Dieses Kapitel
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30.09.2021 6.265
 
„Was ist Snape passiert, dass er so ist? Vielleicht wäre es gut zu wissen, bevor ich ihm ein weiteres Mal begegne?“ Lucius seufzte, hatte auf dieses Nachfragen schon längst gewartet und versuchte sich in einer Kurzfassung.

„Severus Snape kommt nicht gerade aus dem besten Elternhaus. Seine Mutter war eine Hexe, eine ziemlich gute, soweit ich weiß, sein Vater war ein Muggle, der der Zauberei nichts abgewinnen konnte und Frau und Sohn haben das zu spüren bekommen. Das tragische Schicksal vieler Halbblüter. Als er nach Hogwarts kam, war er der Einzige, der dort schon jemand kannte. Lily Evans, ein Nachbarskind, eine Hexe. Ich glaube, all diese Sachen weißt du über ihn. Lily wandte sich von ihm ab, fand neue Freunde, er beschäftigte sich daraufhin wie besessen mit den Dunklen Künsten und hatte einen Ärger nach dem nächsten. Lilys Freunde bedrängten ihn, stellten ihm nach, trieben ihn in die Enge. Manchmal wehrte er sich und bekam noch mehr Ärger. Selbst Lily wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben, war mit diesem Potter zusammen. Nach Hogwarts änderte sich alles schnell, weil Voldemort an die Macht kam. Es kam zum Krieg und eine Menge Hexen und Zauberer starben dabei. Lily und James Potter waren auch Opfer.“

„Severus gab sich die Schuld an Lilys Tod, oder?“ brachte sie atemlos hervor. Lucius tauchte nur schwer aus seinen angewiderten Erinnerungen auf.

„Das … ich denke nicht. Aber Lily starb und er ist seither wie ein Panzer, der alles niederwalzt, was sich ihm oder Voldemort in den Weg stellt. Gnadenlos, hart und brutal.“

„Du weißt also nichts Genaueres?“ Sie klang regelrecht enttäuscht.

„Nein, weil er nie darüber gesprochen hat, ich ihn nie danach fragte und alles, was geschehen ist, nur sehr wenigen Personen bekannt ist. Die einzigen Personen, die es ganz genau wissen, sind Snape und Voldemort.“

„Hmmm, das ist nicht gerade viel.“

„Geh davon aus, dass Snape selbst schuld hat, oder es nicht verhindern konnte, oder der Lord weiß was … Tatsache ist, er ist wie er ist. Bösartig und sehr gefährlich. Hermione, wir können …“

„Nein, ich werde das tun, was ich sagte. Ich weiß, dass ich es kann, Lucius.“

Er resignierte und sie begaben sich zusammen in die Kerker.





„Du weißt, was du wie tun musst?“, fragte er kraftlos, als er sich ihr gegenüber auf die Bank setzte. Hermione war blass, ihre dunklen Augen glitzerten ungeduldig und sie musterte ihn innig.

„Wirst du … etwas vor mir verstecken?“, flüsterte sie. Ein schmerzhaftes Lächeln kroch auf seine Lippen.

„Nein, nicht, bis du es kannst. Diese Stufe kommt anschließend.“ Sie blinzelte, errötete leicht und dann war sie durch seine Augen in seinen Kopf gekrochen, wie ihre Süße in sein Herz und ihre Glut in seinen Schoss gekrochen waren, unaufhaltsam. Lucius würde lügen, wenn er behaupten würde, es wäre furchtbar. Ihre geistige Berührung war köstlich. Mental lehnte er sich zurück, ließ sie sehen, was sie sehen wollte. Hermione beschränkte sich auf seinen Tagesablauf. Dabei verlor sie ihn mehrmals kurz, fand ihn aber immer wieder. Er, bei einem langen Spaziergang durch den Park, in der Hoffnung, seine Sorgen und seine Unruhe zu besiegen. Er voller Zweifel in der Bibliothek, ein aufgeschlagenes Buch vor ihm, was er nicht las. Er wartend, hoffend, dass es ihr gut ging. Er voller Selbsthass in der Nacht zuvor.

Hermione ließ ihn los, betrachtete ihn aus weiten, sehr dunklen Augen.

„Das war gut“, murmelte er lobend und schloss kurz die Augen, um die Schatten seines Verlangens zurückzudrängen.

„Zu einfach. So einfach wird Snape es mir nicht machen. Sein Eindringen, war wie kalter Stahl in heißes Fleisch.“

„Ich weiß“, sagte er nur trüb. Er erinnerte sich zu gut daran. Narcissa war anschließend aufgelöst und fahrig gewesen, nervlich ein Wrack.

„Versuche dich eher nur auf eine Sache zu konzentrieren und dich von da aus tiefer zu hangeln“, erklärte er ihr leise. Fügsam nickte sie, rutschte näher, bis ihre Beine sich berührten und griff nach seiner Hand.

Hermione befolgte seinen Rat. Er sah sich und Draco, erlebte Narcissas Tod erneut, doch darüber ging sie schnell hinweg, bewegte sich tiefer. Lucius traf sich und Narcissa in guten Zeiten. Gemeinsam erfreuten sie sich ihres Reichtums, ihres Standes, ihres Heims und ihres kleinen Sohnes, der damals etwa drei Jahre alt war. Draco war ein süßes Ding, der immer irgendwie frech aussah. Hermione hob die Decke ihres Bettes an, betrachtete die Liebe zu seiner Frau. Mehr als einmal war er davor sie abzublocken, sie rauszuwerfen, doch es musste sein. Sie musste es lernen, sie musste alles sehen. Hermione gelangte nach Hogwarts und dort blieb sie vor verschlossener Tür.

„Lucius …“, keuchte sie angestrengt und verließ seinen Geist. Ihm war sofort eisig kalt. Er zitterte so, dass seine Zähne aufeinander schlugen.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie erschrocken und rieb seine Schultern.

„Ja, sind nur Nebenwirkungen. Ich bin die Anstrengung nicht gewohnt. Das war schon sehr gut. Die Tür, hast du sie gemerkt?“

„Natürlich! Warst du das?“

„Ja, ich habe sie von innen zugehalten. Jetzt stell dir eine fünfmal so große und dreimal so dicke Tür in Snapes Kopf vor.“

„Demotiviere mich nicht!“

„Entschuldige. Probiere es nochmal, Hermione.“

Schnell war sie wieder bei der Tür, versuchte es mit allen Mitteln, doch er hielt sie ab. Ihr fehlte die Skrupellosigkeit, sie hatte Angst, was sie zu sehen bekam, denn er hielt sie ja ab, was ihr vermittelte, die Erinnerungen wären sicherlich unschön. Als sie ging, war ihm nach weinen. Mühsam schärfte er den Blick, sah die Anstrengung und die Enttäuschung über sich selbst in ihrem Gesicht.

„Nicht so schnell aufgeben, Hermione. Du hast recht, jeder ist zu knacken, du musst nur den richtigen Weg nach unten finden. Suche nach indirekten Wegen, nimm abseitige, blass wirkende Erinnerungen oder kaum merkliche Gefühle. Umgehe die Barrieren. Ich weiß, es ist schwer, weil man ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit aufbringen muss. Man darf sich nicht scheuen die Gefühle des anderen zu fühlen. Sonst bekommt man Angst und geht nicht weiter.“ Sie nickte, er betrachtete das Rot auf ihren Wangen, wollte sie küssen, ließ sich sattdessen jedoch erneut von ihrem Geist in Besitz nehmen.

Wieder stand sie vor dem Hogwartstor, ohne, dass es sich öffnete. Aber schon bald sah sich Lucius allerdings überraschenderweise seinem eigenen Vater gegenüber.

„Wenn du versagst, Lucius, enterbe ich dich und verbanne dich nach Afrika! Ich erwartet, dass du mindestens Vertrauensschüler, Jahrgangsbester und wenn möglich Schülersprecher wirst, verstanden?“ So viel Druck in jungen Jahren. So wenig Aufmüpfigkeit. Zwar sagte er Draco immer, dass sie sich ähnelten, die Wahrheit war, er hatte nicht mal die Hälfte von Dracos rebellischem Mut gehabt. Er war weder ehrgeizig, noch besonders begabt. Das einzige, was er hatte und die allermeisten anderen nicht, war großen Reichtum. Um der Forderung seines Vaters nachzukommen, kaufte er sich alles. Andere Kinder schrieben für ihn Hausarbeiten, machten seine Prüfungen, verteilten auf sein Geheiß hin Prügel, er kaufte sich Freunde und er kaufte sich später die Mädchen, die er wollte und glaubte haben zu müssen. Nur ein Mädchen ließ sich nie kaufen. Narcissa, die einzige Frau, der er später ohne Beschämung ins Gesicht sehen konnte. Er war erbärmlich gewesen. Draco war ein Großmaul, aber er war ein banaler Betrüger, einer, der ohne das Geld, das Ansehen seiner Familie gar nichts gewesen wäre. Es zu sehen und zu erleben, war beschämend. Hermione hatte den Weg gefunden, was ihm Respekt abforderte.

Als sie ihn verließ, war ihm ganz elend zumute. Und doch hatte ihre Berührung wie eine Art Katharsis funktioniert. Niemals hatte er sich seiner Schuld und der Scham über seinen miesen Charakter so erleichtert gefühlt. Schwer atmend schauten sie sich an. Ihre Hände streichelten nun physisch über sein Gesicht.



„Komm, ich bringe dich nach oben“, flüsterte sie belegt. Er widersprach nicht. Seine Zunge klebte am Gaumen, seine Beine waren wacklig und er hatte Mühe keine Stufe zu verfehlen. Erst, als er die Tür seines Schlafzimmers öffnete, ging es ihm besser. Kurzfristig. Hermione kam mit rein, er hatte keine Kraft sie aufzuhalten. Schlimmer waren ihre Worte:

„Draco weiß das von uns. Er hat uns letzte Nacht wohl beobachtet und ist sehr … aufgebracht deshalb. Würdest du mit ihm sprechen, ehe er … Dummheiten begeht?“

Schwer fiel er aufs Bett, rieb sich übers Gesicht und nahm mit zitternder Hand das Glas aus ihrer Hand, was sie ihm hinhielt. Es war bis zum Rand gefüllt mit Whiskey.

„Ich rede mit Draco. Morgen. Heute kann ich das nicht mehr.“ Hermione half ihm sich auszuziehen. Dabei fühlte er weniger Erotik, kam sich eher wie ein alter Mann vor, der Hilfe brauchte. Wusste Hermione, wie mächtig ihr Geist war? Wusste sie von dieser unvorstellbaren Kraft in ihrem Inneren? Jetzt und hier, glaubte er an Dumbledores todesnahe orakeln. Hermione war eine strahlende Göttin, die es brauchte um den finsteren Dämon Voldemort und seine Brut zu vernichten. Auf dass es wieder hell wurde.

„Geh noch nicht“, bat er sie, als er im Bett lag, sie ihn zugedeckt hatte und sich schon wegdrehte.

„Aber Draco …“

„Jetzt weiß er es doch sowieso schon. Nur … ein paar Minuten, ja?“ Sie legte sich angezogen neben ihn ins Bett. Eine Weile betrachteten sie sich, als würden sie sich gerade erst entdecken.

„Manchmal weiß ich nicht, welche Welt echt ist. Die in meinem Kopf, in der ich mit Harry Potter befreundet gewesen war und in der ich mich von dir habe durch den Wald jagen lassen, zu dem alleinigen Zweck mich lebendig zu fühlen. Oder diese Welt, in der ich die Geheimwaffe bin, protegiert und geliebt von dem Mann, der mich in der anderen Welt am liebsten tot sehen wollte.“ Lange hatte Lucius keine Antwort. Aber sie wollte eine, er sah es ihr an.

„Es gibt eine Gemeinsamkeit, Hermione.“

Sie selbst gab die Antwort.

„Wir haben uns in beiden Welten geliebt, was eigenartig ist, denn wir waren Feinde. Und soweit ich weiß, hast du nie Einsicht gezeigt und hier musste deine Frau sterben, damit du zur Besinnung kommst.“

„Aber wir sind in Liebe verbunden.“

„Wie seltsam, Lucius“, murmelte sie und küsste seine Wange. Er schloss die Augen, bewegte sich nicht, wollte sterben, nur damit sie niemals aufhörte ihn zu lieben, wie in diesem Augenblick. Ihre zärtlichen Berührungen spendeten ihm Kraft und Energie, sodass er sich bald wieder besser fühlte. Narcissa, dachte er ihren Namen, fühlte aber nichts außer Melancholie und Wehmut.

Einmal angefangen, konnten sie nicht mehr voneinander lassen. Lucius, ansonsten kein großer Freund von Gesprächen beim Sex, konnte es nicht lassen, ihr immer wieder zuzuflüstern, wie sehr er sie liebte und wie überwältigend das alles war. Hungrig und wie von Sinnen, drückten sie sich schon bald aneinander. Kein Blatt hätte zwischen sie gepasst. Lucius fühlte ihre innere Glut, es machte ihn schier verrückt. Jede Bewegung war nur ein träger Vorstoß. Nicht zu fieberhaft, nicht zu intensiv, es durfte nicht zu schnell vorbei sein. Hermione hatte ihre Hände in seinen Haaren vergraben, presste sich ihm entgegen und erbebte mit ihm zusammen, bei jeder noch so kleinsten Bewegung. Von sich selbst würde Lucius sagen, dass er ein guter Liebhaber war und auch eine Menge an Erfahrung mitbrachte. Doch das, was er hier erlebte, hatte er noch niemals so gefühlt. Nur ganz wenig bewegte er sein Becken nach vorn und musste sich ihrem und seinem lustvollen Schauern ergeben. Nie war sein Kopf beim Sex so leer und sein Herz so voller Emotionen. Immer wieder suchten sich ihre Augen und Lippen, verschmolzen, mussten sich atemlos kurz trennen, nur um sich später wieder zu finden.

Wie in Trance vereinigten sie sich, atmeten mit einem Mund, hatten nur einen Leib und explodierten in einem einzigen Universum. Die Explosion war so heftig, dass Hermione ihre Zähne in seine Schulter grub und einen gedämpften Schrei ausstieß. Lucius implodierte eher sanft keuchend, das aber heftig. Sein Samen ergoss sich in ihr. Alles in ihm zog sich zusammen, wurde klein und unbedeutend. Bis auf die Liebe für sie. Sie strahlte heller als jeder Stern. Sie ließ ihn erschöpft, und liebend zurück.

„Du sollest schlafen, Lucius.“ Heute ging sie. Aufhalten konnte er sie nicht, nicht mal denken. Nur schweben und träumen. Von ihr.

Sie lächelte und schlich sich aus dem Raum, als wäre er schon eingeschlafen. Oder tot.



Die folgenden Tage lebten von Anspannung. Draco ging seinem Vater und Hermione aus dem Weg, wollte mit keinem der beiden sprechen. Es gab selbstredend kein Picknick. Zuerst ritt Hermione auch nicht aus, tat es am vierten Tag aber doch. Allein. Es gefiel ihr und so ritt sie auch am fünften und sechsten Tag aus. Sie lernte wie besessen, übte mit Lucius die Okklumentik und die Legilimentik und überholte ihn schließlich, was seine Fähigkeiten betraf. Nie fühlte sich Hermione besser gegen Snape gewappnet. Snape, der sich nie blicken ließ.

Am sechsten Tag merkte Hermione vorsichtig an, ob Snapes es vielleicht doch nicht so wichtig gefunden hatte und sie damit vom Haken seiner Aufmerksamkeit war? Gern hätte Lucius ihr zugestimmt, nickte aber nur vage. Nein, jemand wie Snape holte sich, was er wollte. Lily hatte er nicht erobert, diesen Fehler würde er kein zweites Mal begehen. Er würde kommen. Draco trieb sich häufig außer Haus herum und teilte nicht mit, was er tat und mit wem. Von Remus Lupin kam eine Nachfrage, wie es laufen würde, die Lucius ihm euphorisch und akribisch beantwortete. Am Ende fügte er an:

„Wenn die Sache mit Snape überstanden ist (wie auch immer), treffen wir uns. Wir alle! Bleib bis dahin wachsam, mein wertvoller Freund!“





Und dann, als sich Severus Snape schon am Rand der Aufmerksamkeit befand, sich Lucius und Hermione fast jede Nacht liebten und jedes Mal schockiert darüber waren, wie intensiv und verschlingend es war, kam er.

Der Tag war grau und nass gewesen. Hermione war nicht ausgeritten, Draco kam schlecht gelaunt von irgendwoher und schenkte ihr nur einen finsteren Blick, als er an ihr vorbei lief.

„Draco, lass uns miteinander reden, bitte!“, rief sie ihm nach. Er zeigte ihr nur den Mittelfinger. Es tat ihr leid. Sie vermisste seine Freundschaft, seine Gesellschaft und auch seine Einfühlsamkeit. Draco war ihr Freund, ihr einziger in dieser Welt, abgesehen von Lucius, der eher weitab von allem war, was man benennen konnte.

Auch Lucius tat es leid, dass Draco Hermione so eiskalt ignorierte. Er selbst kannte den Dickkopf seines Sohnes leider nur zu gut. Nach Narcissas Tod hat er wochenlang nicht mit ihm gesprochen, weil er ihm die Schuld gab. Heute würde er mit ihm reden, ob Draco wollte oder nicht. Deshalb ging er nach dem Abendessen nach oben. Dabei übernahm er Dobbys Job, der Draco sonst sein Essen brachte. Er klopfte gegen die Tür, Draco ließ sie mit Magie aufschwingen, weil er glaubte, es wäre Dobby.

Als er ihn sah, verzog er das Gesicht.

„Stell das Essen dort ab und verschwinde. Ich habe keine Lust mit dir zu reden!“

„Du redest mit mir, ob du willst oder nicht. Oder ich … mit dir.“ Abweisend musterten ihn seine eigenen Augen.

„Es tut mir leid, dass du dich verletzt fühlst, durch das, was zwischen Hermione und mir … ist.“

„Ich hätte eine Chance bei ihr gehabt, Dad! Wie egoistisch muss man sein, um seinem eigenen Sohn die Freundin zu stehlen? Was würde Mum dazu sagen? Sie würde sich für dich zu Tode schämen!“, schrie Draco ihn an. Der Junge hatte sofort Tränen in den Augen.

„Du  hast recht, mit allem, Draco! Aber …“

„Natürlich habe ich das! Spielst ihr erst den väterlichen Freund vor, und hinten rum machst du dich an sie ran, hm? Wie hast du es angestellt? Ach nein, ich muss wohl fragen, wie viel hast du ihr bezahlt?“ Mühsam beherrschte Lucius sich und war heilfroh, dass er ganz mit Absicht seinen Zauberstab nicht mitgenommen hatte. Die Versuchung Draco zu bestrafen, wäre zu groß gewesen. Draco hatte ein loses Mundwerk, war gemein und verletzend, weil er so gut die Schwächen seiner Gegner sah. So gut, wie kaum ein anderer.

„Da gibt es etwas, was du nicht verstehen kannst, Draco.“

„DANN ERKLÄRE ES MIR!“, schrie er ihn weinend an.

„Oder bin ich es dir nicht wert?“

„Ich versuche es zu erklären, setz dich bitte und schrei mich nicht noch einmal an, verstanden?!“, knurrte er dunkel. Draco wirkte aufgebracht, setzte sich jedoch wirklich und nickte wortlos. Auch er setzte sich, holte mehrmals tief Luft und begann mit kraftloser Stimme zu sprechen.



„Als ich die Information bekam, dass es ein Mädchen in dieser Anstalt gibt, was ständig meinen Namen sagt, bin ich nicht davon ausgegangen, dass es SIE wäre. So viele Spuren haben wir schon verfolgt, alle ohne Ergebnis. Du weißt es selbst. Aber ich wollte keine Chance ungenutzt lassen, war es auch Lupin irgendwie schuldig und habe mich deshalb in die grässliche Mugglewelt begeben. Aber so, wie ich Hermione vorfand, war sie unbrauchbar. Ihr Geist war sonst wo, nur nicht in der Realität. Ich musste also etwas finden, um sie zu wecken. Deshalb habe ich mich in ihrem Kopf umgesehen, ihre Gedanken, Gefühle, Fantasien durchwühlt, um etwas zu finden, mit dem ich sie wecken kann. Ich weiß nicht, inwiefern sie dir je davon erzählt hatte, aber sie hatte sich da eine komplexe, riesige und sehr durchdachte Welt erschaffen, die unserer Welt gar nicht so unähnlich war. Nur verlief da die Sache mit Voldemort anders. Sie und Potter haben ihn am Ende besiegt, 1998. Dabei starb übrigens auch Snape. Aber wir, du, deine Mutter und ich, überlebten. Nach dem Ende des Krieges …“

„Sprich weiter, Vater!“ forderte Draco mit besorgter Stimme und musterte ihn skeptisch.

„Hermione und ich trafen uns nach Kriegsende wieder. Auf eine sehr unübliche Art und Weise, voller Wut und Hass, voller Abscheu füreinander und doch … passierte etwas, was uns einander näher brachte. Ich …“

„Was? Was war es, Dad?“ Hitze stieg in seine Wangen.

„Die Jagd.“

„Ihr habt … getötet?“

„Ja, gewissermaßen. Tiere selbstverständlich nur. Aber es war … mehr. Sie hat mich irgendwie lebendig gemacht und ich habe ihr geholfen, ohne, dass ich es wusste oder es meine Absicht war. Wir haben uns verliebt, auf eine ganz neue, dunkle, erregende Weise. In ihrem Kopf, ihrer Fantasiewelt, vergiss das nicht!“ Draco wirkte kurz verwirrt, nickte dann aber.

„All das habe ich in ihrem Verstand, ihren Erinnerungen, gesehen, konnte sie dadurch mit meinem eigenen Namen wecken und konnte doch nicht mehr aufhören daran zu denken, was ich entdeckt und auch irgendwie durchlebt habe, mit ihr zusammen. Leider hast du die Legilimentik ja nie richtig gemeistert, aber du weißt, dass man schon auch fühlt, was man sieht. Wieder habe ich mich in sie verliebt, diesmal in der realen Welt und sie … hat nie aufgehört mich zu lieben. Das zwischen uns ist …“

„Nicht real!“, sagte sein Sohn schneidend.

„Doch, es ist sehr …“

„Es ist ihr Hirngespinst, Vater! Sie ist eine Irre, eine Psychopathin! Kein Wunder, dass Snape scharf auf sie ist. Ich finde, die beiden passen perfekt zusammen. Du hingegen, machst dich nur zum Idioten, indem du ihr nachläufst. Sie ist krank im Kopf!“

„Du mochtest sie, Draco!“, erwiderte er böse, verletzt durch seine Äußerungen.

„Ja, da wusste ich aber dieses verrückte Zeug noch nicht. Ich dachte, sie wäre süß, unschuldig, endlich mal ein normales Mädchen. Ich habe dir und ihr diese angebliche Wichtigkeit nie abgenommen. Wie soll sie bitte Voldemort besiegen? Sie kommt doch nicht mal an Snape vorbei und da kennt sie Tante Bella ja noch gar nicht. Es ist lächerlich und ich frage mich wirklich, wie naiv du und Lupin seid, um an so einen Unsinn zu glauben. Als ob ein einziges Mädchen, keine Zwanzig, den Dunklen Lord besiegen kann!“

„Draco, hör mir bitte …“

„Nein, Vater! Ich höre dir nicht mehr zu. Das habe ich schon zu lange getan. Damit hast du deine ganze Familie ins Verderben gestürzt. Meine Mutter ist deswegen tot, ich bin Sklave des Dunklen Lords, muss in einer beschissenen Welt existieren und leben in ständiger Angst, dass jemand herausfindet, was wir tun. Dass du nun Hermione da mit reinziehst, ist abscheulich. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass sie nur ein unschuldiges, geistig labiles, dummes Kind ist, was man aus guten Gründen weggesperrt hat?“

„Sie hat große magische Macht!“, fauchte er Draco an. Die Wut zitterte in ihm wie nie zuvor. Wie unter Strom sprang er auf, Draco tat es ihm augenblicklich gleich, um nicht unterlegen zu sein.

„Ja, meinetwegen, hat sie magisches Talent. Aber trotzdem ist sie nichts. Nichts, außer deiner Geliebten, an der du dich festkrallst, weil du ohne sie in Schuldgefühlen ertrinken würdest. Du bist erbärmlich, Vater!“ Selten war sein Sohn zu so deutlichen Worten in der Lage. Heute sprühte er geradezu vor Enthusiasmus, sie endlich mal aussprechen zu können. Sicherlich hatte der Junge an vielen Stellen recht, aber er fühlte auch nicht, was er fühlte, verstand nicht, dass da viel mehr war, was sich Worten und Gedanken entzog und trotzdem existierte. Hermione war die Erlöserin, das wusste er ganz genau, tief in sich drin.

„Du bist nur eifersüchtig“, murmelte er finster und starrte Draco an. Sein Gesicht war nass, seine Wangen rot und seine Augen funkelten hasserfüllt.

„Ja, das bin ich. Darüber hinaus, bin ich enttäuscht. Von dir, als Vater, davon, dass du mir vorgemacht hast, ein anderer Mensch zu sein. Jemand, der sich endlich mal richtig um seinen Sohn kümmert und ihn nicht nur als Werkzeug sieht, das man manipulieren muss, damit es funktioniert. Stattdessen nimmst du mir das Einzige, was ich wollte. Ich hasse dich!“ Sein Schlag war so heftig, dass Draco nach hinten stolperte und auf den Hintern fiel. Seine Hand an der Wange starrte er ihn so zornig an, dass Lucius sich umdrehte und wortlos ging. Seine Hand brannte, sein Herz noch viel mehr.

Draco, er hatte es wirklich versucht.





Hermione war unruhig. Nach dem Abendessen war Lucius zu Draco gegangen, um mit ihm zu sprechen. Vermutlich würde es nicht besonders gut laufen. Obwohl sie beide es abgestritten hätten, waren sich Vater und Sohn doch in manchen Dingen sehr ähnlich. Sie hatte sich an ihren Lieblingsort im Haus zurückgezogen, die Bibliothek. Noch immer gab es viele Bücher, die sie nicht gelesen hatte. Inzwischen beschäftigte sie sich mit den Dunklen Künsten. Anfangs war ihr unwohl dabei, doch schon bald packte sie die Neugier. Da sie ja nicht praktisch übte, ging das in Ordnung. Wissen war Macht, das wusste sie ganz genau. So war es immer schon gewesen und so würde es auch immer sein.

Erst, als sie über einem Buch einnickte und mit dem Kopf halb vom Tisch rutschte, beschloss sie ins Bett zu gehen. Lucius wäre zu ihr gekommen, wenn er gute Neuigkeiten gehabt hätte. Vielleicht war es besser, sie würden heute die Nacht jeder für sich verbringen. Erschrocken sah sie, dass es schon fast ein Uhr war, als sie auf dem Weg zu ihrem Zimmer war.

Gähnend entzündete sie eine magische Kerze auf ihrer Kommode. Als sie sich umdrehte, erstarrte sie. Im Sessel, am Fenster, saß Severus Snape. Die Spitze seines Zauberstabes zielte auf sie und auf seinen Lippen lag ein Finger, um ihr zu bedeuten zu schweigen. Seine dunklen Augen wirkten schwarz und abgründig. Hermione versuchte zu schlucken, sich zu bewegen, aussichtlos. In ihr war es plötzlich sehr leer.

„Du kannst dich bewegen, ich habe keinen Zauber gewirkt“, sagte er. Snape flüsterte nicht, sprach aber trotzdem leise und langsam betont, was ihr paradoxerweise ein wenig die Furcht nahm. Mit ein paar Schritten taumelte sie zum Bett, um sich zu setzen.

„Du wusstest, ich würde kommen, hm?“ Sie konnte nur nicken. Noch suchte sie die richtigen Worte. Ihr Verstand kehrte langsam zurück. Sollte sie schreien, würde sie nur Lucius und Draco in Gefahr bringen. Sie würden ihr vermutlich sowieso nicht helfen können. Und am Ende wollte sie selbst die Konfrontation mit Snape, wenn sie nun auch sehr überraschend kam.

„Sehr gut. Dann weißt du auch, was nun kommt. Du hattest die Unverschämtheit mich aufzuhalten und das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich will wissen, wer du bist und ich werde zurückgehen, bis zu dem Moment deiner Geburt. Du wirst mich nicht aufhalten können und wenn dir mein Rat etwas wert ist: versuche es nicht mal, es wird dich nur … zersplittern lassen, unheilbar. Frag Malfoy, er gibt mir die Schuld am Zustand seiner Frau, kurz bevor sie starb.“

„Ich weiß davon“, flüsterte sie und entdeckte ein vages Lächeln auf seinen Lippen.

„Erstaunlich, inwieweit sich der arrogante Malfoy herablässt eine unbedeutende Verwandte an seinem Seelenleid zu beteiligen. Fändest du das nicht auch … suspekt?“

„Vermutlich. Aber ich habe keine Ahnung, wovon … wir wirklich sprechen.“ Snapes Lächeln wurde sichtbarer und war falsch.

„Schon klar. Das sagen alle, bevor ich nachsehe. Aber ich will dir eine Chance geben. Erzähle mir einfach alles, von dem du glaubst, dass es mich interessieren könnte und mindere damit die Chance, dass ich nachsehe und deinen Verstand nachhaltig beschädigen werde. Es wäre schade drum, wenn du bei deiner … Schönheit ein sabberndes Etwas werden würdest.“ Er klang keineswegs zynisch und so könnte sie ihn für diese Aussage noch nicht mal hassen.

„Mein … Leben ist mehr als uninteressant und war bisher sehr langweilig.“ Langsam fand sie ihren Mut wieder. Snape blieb im Sessel sitzen, zielte aber auch weiterhin auf sie und entließ sie keine Sekunde aus dem Blick.

„Das entscheide ich gern selbst. Also los, erzähle …!“, befahl er unmissverständlich. Ohne jeden Enthusiasmus bete Hermione ihren falschen Lebenslauf runter. Snape seufzte, hörbar enttäuscht.

„Malfoy ist so durchschaubar, ehrlich. Er hatte noch nie besonders viel Fantasie. Auch wenn er sich für schlau hält, ist er nur stinkreich. Reich, arrogant und ein Idiot, der nichts Gutes aus seinen Voraussetzungen gemacht hat. Kurz gesagt: du lügst mich an. Ich wusste es von Anfang an, war nur ein wenig … abgelenkt von deiner … wie sagt man? Ausstrahlung? Deinem unschuldigen Charme, so was in der Art.“

„Ist das ein Kompliment?“, fragte sie bissig. Es ärgerte sie inzwischen wie schlecht Snape von Lucius sprach, obwohl sie mal befreundet waren und zumindest Lucius diese Freundschaft als wertvoll empfunden hatte. Severus schnaubte amüsiert.

„Wenn du es so sehen willst, bitte. Macht Malfoy dir nicht oft Komplimente? Garantiert nicht, denn dafür müsste er ja jemand anderes als sich selbst bewundern. Undenkbar.“

„So ist er nicht!“

„Oh, gut. Reden wir von Malfoy. Du scheinst deinen … Onkel gut zu kennen, hm?“, fragte er äußerst süffisant nach. Hermione errötete und konnte es nicht verstecken. Auch Snape sah es, sein Blick wurde finster, seine Augenbrauen schoben sich zusammen und er stand auf.

„Wirklich? So ist die Sache? Er hat dich in sein Bett geholt.“ Hermione war heiß. Gut war, dass Snape sie nur verdächtigte eine Geliebte zu sein, nicht etwa die Geheimwaffe der Gegenseite. Das sollte auch unbedingt so bleiben.

„Selbst wenn, wo ist das Problem?“

„Dass Narcissa, seine Frau, die er angeblich über alles geliebt hat, noch kein Jahr tot ist, vielleicht? Oder die Sache, dass er jeglicher Frauen deines Formats unwürdig ist. Oder nehmen wir die Sache, dass er absolut rücksichtslos ist und sich im Beisein seines Sohnes an dessen Angebetete ranmacht? Du weißt, dass Draco in dich verliebt ist? War im Drei Besen leider nicht zu übersehen!“

Oh, Snape war gut. So abscheulich seine Worte waren, so wahr waren sie. Er hatte einen verdammt guten Blick, eine großartige Gabe Puzzleteile richtig zusammenzusetzen und sie zu interpretieren. Wieder kam der Gedanke in ihr hoch, ob Snape es schaffen könnte, ihr zu sagen, wer sie war. Gab es da mehr? Gab es in ihr einen tiefen Brunnen, in dem ihr wahres Ich verborgen war? Wie sie Lucius gesagt hatte, war sie in manchen Augenblicken wirklich unsicher, ob die Welt, in der sie lebte, real, bzw. ihre eigene war.

„Und wenn es so wäre, würde es dich nichts angehen!“, zischte sie. Drohend trat er näher, legte ihr die Spitze seines Zauberstabs gegen die Stirn und starrte sie an, ohne in sie einzudringen.

„Richtig. Es geht mich nichts an, es sei denn, das alles ist eine Scharade, um etwas anderes darunter zu verbergen. Ist es so?“ Hermione begriff. Severus hatte tatsächlich Skrupel ein weiteres Mal in ihren Geist vorzudringen. Ob aus Angst, oder aus Respekt, oder aus anderen Gründen, konnte sie gerade nicht beurteilen.

„Nein, ist es nicht“, entgegnete sie starrsinnig. Ihr Herz klopfte bis zum Anschlag, ihr war schwindlig und übel. Würde er …? Ja, sie hatte Angst vor ihm. Nicht mal unbedingt davor, dass er in ihren Kopf eindrang und da alles gehörig durcheinander brachte. Etwas war an ihm, was einerseits mehr als menschlich war und was sie auf emotionale Weise berührte; was ihr andererseits so fremdartig erschien, dass sie es eher als Furcht vor dem Unbekannten bezeichnen müsste. Es war wild, ungestüm und unfassbar traurig.

„Ich glaube dir nicht!“

„Ist mir egal“, sagte sie trotzig und dann war er drin. Eisig kalt stach sein Geist in ihren. Hermione schnappte entsetzt nach Luft, fühlte Übelkeit in sich hochsteigen und wollte kraftlos nach hinten sinken. Aber da hielt er sie schon fest. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern, verhinderten, dass sie sich hinlegte und zwangen sie ihn anzusehen.



Hermione sah sich in der Bibliothek, über den Büchern, betrachtete sich beim Essen und beim Ausreiten. Sie sah sich und Lucius im Bett, ineinander verschlungen wie Ranken, keuchend und leidenschaftlich, brennend. Ihre, von Lucius konstruierte, falsche Herkunft flimmerte an ihr vorbei. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben, doch es war nur ein schwacher Versuch gewesen. Snape demontierte ihn ohne Mühe. Hilflos musste sie zusehen, wie Snape immer tiefer ging. Vielleicht war es Instinkt, dass sie ihn agieren ließ, vielleicht war sie auch einfach nur wie gelähmt von seinem brutalen Eingriff. Diesmal hatte er nicht gezögert, deckte grausam ihr Leben auf, jede Seite, bis zu dem Tag, an dem Lucius sie aus dem Saint Patricks geholt hatte. Aber auch da hörte Severus Snape nicht auf. Noch immer grub er weiter, tiefer, erbarmungslos und holte Erstaunliches nach oben. Hermione war keineswegs seit ihrem zwölften Lebensjahr in dieser Anstalt gewesen. Sie war sogar in Hogwarts gewesen. Ihre Eltern hatten sie hingehen lassen, waren total begeistert, dass ihre Tochter eine Hexe ist und haben sie in allem unterstützt. Dort war sie in der Tat auf Harry Potter und Ron Weasley getroffen, hatte aber keine Zeit gehabt sich mit anzufreunden. Nur wenige Tage nach ihrem ersten Schultag, sah sie sich in Dumbledores Büro sitzen.

„Es tut mir leid, Hermione. Es war ein Fehler gewesen dich einzuladen Hogwarts zu besuchen.“ Sie heulte, schon seit sie in Dumbledores Büro war. Er schob ihr Drops hin, die sie ignorierte. Jetzt sah sie, wie unangenehm es dem alten Zauberer war ihr sagen zu müssen, was er sagte. Schmerz war in seinem Gesicht, aber auch noch etwas anderes. Eine eisige Notwendigkeit, der er nur nachkam, weil er das musste.

„Aber ich … kann doch zaubern und ich … bin richtig gut. Ich habe schon alle Bücher des ersten Jahres gelesen und …“

„Darum geht es nicht, Mädchen. Es geht darum, dass es ein großer Fehler meinerseits war und ich zutiefst betrübt bin, dass ich dich wieder nach Hause schicken muss. So leid es mir tut.“

„Aber … warum?“, greinte sie.

„Es war … ein dummer, unverzeihlicher Fehler meinerseits, den ich leider nicht genauer erklären kann. Ich bitte dich, das nicht persönlich zu nehmen. Geh bitte deine Sachen packen. Hagrid wird dich zurückbringen.“ Das Gespräch war beendet. Sie sah sich untröstlich ihre Sachen packen und verstand nichts. Weder warum der Schulleiter sie wieder aussortierte, noch wieso er sie erst eingeladen hatte. Zu Hause begann das Drama. Hermione war völlig verzweifelt wegen ihres unverständlichen Ausschlusses aus Hogwarts, dass sie wütete und völlig durchdrehte. Bis es so schlimm wurde, dass ihre Eltern sie ins Saint Patricks einwiesen ließen.

Aber auch mit dieser Erinnerung war Snape noch nicht zufrieden. Er grub so tief, dass es weh tat. Aus weiter Ferne hörte sich Hermione schluchzen, merkte sogar, wie Snape ihr seine Hand auf den Mund legte, um sie still zu halten und musste ertragen, was er ihr zeigte und sich dabei selbst ansah. Hermione in der Anstalt, noch im Alter von Zwölf. Gerade frisch eingeliefert, bleich und mit struppigen Haar. Sie saß auf dem Bett, starrte mit leerem Blick gegen die kahle Wand und zuckte nicht mal zusammen, als die Tür sich öffnete. Herein kam Albus Dumbledore. Er wirkte einen Zauber, damit niemand in den Raum kam, solange er hier war, setzte sich zu ihr aufs Bett und sprach sie an.

„Es tut mir unheimlich leid, mein Kind. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich muss dich verstecken, so gut es geht, dich sicher wissen, bis du stark genug bist. In Hogwarts wäre es zu gefährlich für dich. Wirst du dich eines Tages erinnern, gib mir ruhig die Schuld. Aber du bist zu wertvoll. Du bist …“

Ich bin deine geheime und allerletzte Waffe!

Diesen Gedanken dachte Hermione nicht, um ihn Snape nicht zu  verraten, wusste ihn jedoch. Und das, dieser Moment, in dem Snape etwas ungeheuer Wichtiges erfahren hätte, brachte sie endlich dazu sich zu wehren. Snape war unaufmerksam geworden, vermutlich selbst von dem fasziniert, was er zu sehen bekommen hatte. Sie packte sich seinen Geist, drängte ihn in rasanter Geschwindigkeit zurück, überrumpelte ihn derart, dass er die Deckung fallen lassen musste und Hermione zögerte keine Sekunde. Sie sah wieder scharf, blickte in seine Augen, die schwarz wirkten, aber doch nur ein dunkles Braun hatten, und drang in ihn vor. Viele grausame Dinge sah sie, die sie links liegen ließ. Allein einer Sache folgte sie nach unten. Es war Snapes Verbindung zu den Malfoys, die Lucius als eine sonderbare, trotzdem aufrichtige Freundschaft beschrieben hatte. Tatsächlich fühlte sie Snapes Beschämung und Bedauern, dass er so mit Lucius umging. Sie waren wirklich Freunde gewesen, Aber Narcissas Tod, die ausufernde Todessersache hatte viel zwischen ihnen verändert. Aber auch das war nur ein Punkt.

Hermione fühlte genau, wie er versuchte sie abzuhalten eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Sie ließ ihn glauben, dass es funktionierte. Sah seine Schulzeit, in der er nicht viel zu lachen hatte, fühlte seine unermesslichen Zorn und auch seinen Selbsthass. Alle machten ihn ständig schlecht, so dass er irgendwann selbst dran glaubte und sich für einen schlechten Menschen hielt. Seine Liebe zu Lily hingegen, war ungebrochen und es war das Einzige, was ihn menschlich bleiben ließ. Hermione hatte den Fuß in der Tür, packte sich das Bild von Lily und James Potter, Hand in Hand spazierend über das Hogwarts Gelände. Sie waren in etwa sechzehn Jahre alt. Von da aus ging sie weiter, fühlte so viel Kummer, Unzulänglichkeit und Wut auf sich selbst und andere, dass es sie nicht wunderte, dass es ihn bis zu den Todessern brachte. Und dann stand sie vor einer geschlossenen Tür, zusammen mit Snape.

Vor einem Haus, oben grüne Blitze im Zimmer, Schreie, ein Kampf. Severus mit dem Willen einzuschreiten, doch gelähmt an Körper und Geist. Unfähigkeit, Versagen im wichtigen Moment, so viel Selbstverachtung. Tränen, das Wissen, dass das letzte Gute in ihm gerade starb. Dann tödliche Stille.

Ich hätte sie retten können. Ich hätte Lily beschützen können! Ich habe versagt!

Das waren seine ständigen Gedanken, immerzu. Severus fiel nach vorn, auf die Knie, wie erlöst vom Bannzauber, unter dem er doch gar nicht gestanden hatte. Aufrappeln, seine Schritte nach oben, die Hoffnung, sie wäre noch zu retten, der Tod. Sein Schock ging so tief, bis an den Grund seiner Seele, wo sich alles unverzüglich in Eis verwandelte. Mit Lily starb ein Teil seines gutartigen Wesens.

Hilflosigkeit, Kummer, Schmerz, Einsamkeit und so unendlich viel Wut.

Allerdings war Hermione so verwundert darüber gegen wen sich die Wut richtete, dass er ihren Geist packen konnte und nach draußen schleuderte. Severus Snape gab nicht etwa Voldemort oder sich selbst, auch nicht Malfoy die Schuld am Tod seiner geliebten Lily, sondern Dumbledore und allen, die auf seiner Seite standen. Er wusste, er hätte Lily retten können, wenn er nicht versagt hätte. Schuld an seinem Versagen gab Snape dem System, in dem sie ihn zu dem gemacht hatten, der er nun war. Jemand, der seine Liebe sterben ließ, um ein einziges Mal Anerkennung zu erfahren, um so angenommen zu werden, wie er war. Er hatte sich verbogen, um gemocht zu werden, hatte sich verachtet, um beachtet und respektiert zu werden, hatte sich selbst verloren, um jemand zu sein, der er nie sein sollte. Funktioniert hatte es nie. Zurückgelassen hatte es nur Ruinen und ein leeres Herz.



Hermione rutschte kraftlos vom Bett, schlug auf dem Boden auf. Ihr gegenüber fiel Severus Snape zu Boden. Seine Augen waren offen, feucht und er atmete schwer.

„Wer … bist …du?“, flüsterte er. Sie hörte Ehrfurcht, Faszination und … Argwohn heraus. Antworten konnte sie nicht, dazu war sie zu schwach. Es war Snape, der sich letztlich ächzend aufrappelte. Er hielt ihr hilfsbereit seine Hand hin und sie nahm sie. Behutsam zog er sie hoch, bis sie sich gegenüber standen. Wieder sahen seine dunklen Augen sie an, nicht mehr sezierend, eher … innig, bewundernd und nachgiebig.

„Beeindruckend. Daraus lässt sich etwas machen. Ich denke, wir beide haben nun eine ganze Menge, über das wir nachdenken müssen. Wir sehen uns bald wieder, ich verspreche es dir, Hermione.“ Und damit war auch ihr Deckname hinüber. Nicht nur Hermione hörte sich aus seinem Munde ausgefallen und besonders an, auch der Rest seiner Worte suggerierten ihr Respekt und eine Nachdenklichkeit, die nicht unter allen Umständen übel war. Seine Hand strich sanft über ihre tränennasse Wange, ein leises, sehnsüchtiges Seufzen kam aus seinem Mund.

„Denke nicht, ich bin ein Monster. Nicht mehr als … Lucius Malfoy eines ist.“ Hermione konnte noch längst nicht sprechen. Auch nicht, als er schon länger weg war. Sie war aufs Bett gefallen und weinte eine Weile vor lauter Anspannung. Als sie sich beruhigt hatte, duschte sie. Anschließend ging sie zu Lucius. Sie würde heute Nacht nicht allein sein wollen.

Lucius wachte nicht richtig auf, als sie zu ihm unter die Decke kroch. Aber gleich drückte er sich an sie, legte einen Arm um ihren Körper, sein Gesicht in ihren Nacken und flüsterte:

„Ich hatte gehofft, du kommst …“

„Gute Nacht, Lucius.“

„Hm …“ Schon beim Kuss auf ihren Nacken, schlief er wieder ein, während sie noch lange wach lag und grübelte.
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