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Faded

von Caragor
GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Draco Malfoy Fenrir Greyback OC (Own Character) Theodore Nott
13.07.2021
21.10.2021
30
81.839
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14.10.2021 4.461
 
„… spricht von einer Reihe von Terroranschlägen“, sagte soeben der Radiosprecher. Wir saßen im schummrigen Wohnzimmer und hörten die Muggelnachrichten. „Das ist schrecklich“, hörten wir eine Frauenstimme sagen. „Wie ist die Lage vor Ort?“ „Katastrophal“, sagte der Mann. „Den aktuellen Berichten zufolge ist diese blinde Zerstörungswut überall in London verstreut. Es gab dabei etliche tausend Tote, ob Mann, Frau oder Kind. Viele hundert wurden verletzt und in die nahegelegenen Krankenhäuser transportiert.“ „Dann beziehen sich diese Anschläge also lediglich auf Privatgebäude und Wohnungen?“, wollte die Frau wissen. „Ja“, sagte der Radiosprecher. „Ich sprach soeben mit der Polizei und diese versicherte mir, dass die öffentlichen Gebäude vollkommen verschont geblieben sind. Laut ihren Aussagen handele es sich entweder um mehrere zufällig explodierte Öfen, oder aber um einen gezielten Angriff.“ „Ein Angriff, sagst du?“, wiederholte die Frauenstimme. „Gab es denn irgendwelche Hinweise, die auf einen Angriff hindeuten?“ „Ja, in der Tat“, sagte der Mann. „Augenzeugen berichten, dass sie vor wenigen Stunden mehrere hundert Objekte über den Himmel hatten fliegen sehen – ich zitiere, dass es aussah ‚wie eine Wolke an fliegenden Besen, ein Schwarm fliegender, berittener Besen!‘ Die Zeugen sagten ebenfalls aus, dass farbige Lichtblitze von oben kamen, die diese große Zerstörung überall angerichtet haben sollen. Die Polizei geht von einem mutmaßlichen Luftangriff terroristischer Zellen aus, die wohl per Drohnen Angst und Schrecken unter der Bevölkerung säen wollen. Wie der Polizeichief bereits schon sagte, wird bis Mittag die Sicherheit in ganz London drastisch erhöht werden; die Stadt befindet sich in einem noch nie dagewesenen Ausnahmezustand. Es herrscht Ausreiseverbot und die Passkontrollen werden verschärft werden. Außerdem gilt ab einundzwanzig Uhr abends Sperrstunde.“ „Ich hoffe wirklich, dass diese hereinbrandende Angstwelle schnellstmöglich unter Kontrolle gebracht werden wird, Ted“, meinte die Frauenstimme besorgt. „Und da wir soeben von hereinbrandenden Wellen sprechen: Heute Abend wird eine Tiefwelle hereinbranden, die viele Regenschauer mit sich bringen wird …“ George schaltete das Radio ab und lehnte sich auf das Sofa zurück. „Verdammt!“, murmelte er. „Ich hätte nie gedacht, dass die so weit gehen würden …“ George blickte missmutig auf das stumme Radio und meinte: „Das war also unser Morgenwecker gewesen. Scheiße!“ Wir waren heute Morgen von einer donnernden Kakophonie an Explosionsreihen geweckt worden, und als wir hinausgeschaut hatten, waren mehrere Rauchsäulen überall zu sehen gewesen, die sich schwarz gegen den bewölkten Himmel abzeichneten. Wie es schien, hatten die Muggel davon ebenfalls Wind bekommen. „Die haben sie gesehen“, sagte Malfoy. „Wieso haben die sich denen so offen gezeigt? Ich meine … Das ergibt keinen Sinn!“ Todesser, die am helllichten Tag auf Besen London hochjagten … so gesehen ergab es wirklich keinen Sinn, aber was mich mehr interessierte, war der Grund … „Wieso?“, wollte ich wissen. „Wieso haben die das getan? Die Muggel haben mit der ganzen Scheiße nichts zu tun!“ „Die suchen nach uns“, murmelte Malfoy. „Die haben es spitzgekriegt, dass wir ihren Hinterhalt zweimal überlebt haben, wahrscheinlich durch diese restliche Division. Und jetzt suchen die uns mit allen Mitteln. Dabei scheuen die auch vor so etwas nicht zurück; die wollen uns aus der Deckung locken. Und was wäre dafür wohl besser geeignet, als ein paar tausend abgeschlachtete Muggel? Die wissen, dass wir auf solche Sachen anspringen werden.“ Ich sah zur Seite. Niemals hätte ich mir denken lassen, dass Voldemort so auf uns fixiert war. Die Riskierung der Offenbarung der Zaubererwelt war ihm anscheinend nicht so wichtig, wie unsere totale Vernichtung. „Wir müssen etwas dagegen unternehmen“, sagte ich. „Oder London wird vollends zerstört werden.“ „Aber was denn?“, wollte Malfoy wissen. „Wir sind nur noch zu dritt, Lilly.“ Es war jetzt genau einen Tag her, dass uns dieser Verräter Nott verlassen hatte, mitsamt Leony, Peter und Jerry. Unser einst so großer Widerstand war auf ein kleines, nutzloses Trio zusammengeschrumpft. Ich wollte ihn am liebsten immer noch töten, ihn endlos quälen … „Wir bräuchten eine Armee, wenn wir sie frontal angreifen wollen“, sagte George. „Abgesehen von der Tatsache, dass wir keine haben, wüssten wir nicht mal ihren Standort. Ich meine, das Neue Ministerium haben wir in Schutt und Asche gelegt und so viele werden die hier in London nicht gehabt haben, oder?“ „Ich glaube nicht, dass die auf diese Aktion vorbereitet gewesen waren“, stimmte Malfoy ihm zu. „Aber sie müssen einen zentralen Stützpunkt haben, wo sich auch der Dunkle Lord aufhält. Irgendwoher müssen die ranghöchsten Todesser ihre Befehle erhalten.“ „Als ich in Scabiors Gedankenwelt eingedrungen bin“, meinte ich, „sah ich einen großen, dunklen Raum. Hilft euch das weiter?“ „Du hast was getan?“, hakte Malfoy überrascht nach. „Du hast Scabior verhört? Darum also …“ „Darum wurde er umgebracht, ja“, sagte ich. „Also: Könnt ihr damit etwas anfangen?“ „Nein“, meinte Malfoy. „Das würde auf viele Räume hier zutreffen.“ „Vor allem müssen wir erst die Muggel beschützen“, sagte George entschieden. „Das hat Priorität!“ „Das werden wir auch tun“, sagte ich. „Aber im Moment sind wir noch zu wenige, als dass wir effektiv Schaden anrichten könnten.“ Du brauchst sie nicht, wisperten die Stimmen zischend. Werde sie einfach los … Du kannst ihnen nicht vertrauen … Vertrau unsss … Ich ignorierte die Stimmen und verwandelte sie wieder in das weiße Hintergrundrauschen. „Wir haben niemanden, an den wir uns wenden können“, sagte Malfoy leise. „Nott und die anderen haben uns verlassen; ich weiß nicht, wo sie sind. Die Bevölkerung hat spätestens jetzt zu viel Angst, als dass sie uns gegen den Dunklen Lord helfen würde. Die haben genau gewusst, was zu tun war, um unsere Aktion im Ministerium gründlich zunichte zu machen!“ Er sah im Halbdunkel zu mir. „Wir haben niemanden“, betonte er noch einmal ausdrücklich. „An wen willst du dich dann wenden?“ „Wir brauchen jemanden, der eine kleine Armee hat, die schlagkräftig genug ist, den Dunklen Lord und seine Todesser herauszufordern“, sagte ich. „Außerdem muss dieser Jemand unabhängig sein – am besten jemand, den er nicht erwartet.“ „Das Problem ist nur, dass es so jemanden vermutlich auf der ganzen Welt nicht gibt“, sagte George. „Vergiss es, Lilly – was haben wir noch für Chancen?“ „Einige sogar“, widersprach ich heftig. „Wir können immer noch versuchen, die Todesser zu schlagen, indem wir sie in Hinterhalte locken, wie Hermine es um Shell Cottage herum gemacht hat. Wir können immer noch einen von ihnen fangen und ihn per Legilimentik zwingen, alles herauszugeben, was er weiß. Dann wären wir ihm vielleicht sogar einen Schritt voraus!“ „Und wie hast du das geplant?“, wollte Malfoy wissen. „Ich meine, ohne uns alle umzubringen?“ Ich funkelte ihn böse an; Notts verletzende Worte gingen mir immer noch extrem nahe, und das wussten beide. „Tut mir leid“, murmelte er. „Es … war mir so herausgerutscht.“ „Fällt dir wirklich keiner ein, der auch nur annähernd für unsere Sache bereit wäre?“, wandte ich mich an George, doch dieser schüttelte nur den Kopf. „Ich kannte mal jemanden, der für diese Sache gestorben wäre“, sagte er, „und das ist er auch.“ „Wer war es denn?“, fragte ich vorsichtig; ich wusste, wie unsere Mitglieder teilweise auf die traumatischen Umstände reagierten, die sie hierhergetrieben hatten. „Alec“, sagte er. „Er war Lets Bruder, wisst ihr?“ Das hatte ich nicht gewusst. Mir war nie aufgefallen, wie sehr sich Alec und Let nahegestanden hatten – und noch weniger, dass sie Brüder gewesen waren. Doch das würde viele Ähnlichkeiten in ihren Charakteren erklären; ich hatte Let oft unwillkürlich als eine Art zweiten Alec gesehen, in seiner unbeugsamen Weise, wie er immer fest entschlossen war, kämpfend statt in Gefangenschaft zu sterben. Viele unserer Mitglieder waren sich ähnlicher gewesen, als wir oder sie es sich hatten eingestehen wollen. Nicht nur die gemeinsame Sache, die uns alle verband, sondern auch ihre Charakterzüge zeigte Gemeinsamkeiten auf. Sabrina und Andrea waren sich ähnlich gewesen; beide waren fürsorglich um die Kinder gewesen und beide waren Kämpferinnen gewesen. Alec und Let, die beiden Brüder. Peter und George, zwei Extremisten, die für unsere Erhaltung alles zu tun bereit waren. Leony und Jerry, die jüngsten Mitglieder unseres Widerstands, doch gleichzeitig auch die draufgängerischsten. Hermine und ich, die Anführerinnen und Militantinnen. Hermine … Mir fiel plötzlich Greybacks Bemerkung über mich und sie ein, als wir in der ehemaligen Nokturngasse gegen ihn und sein Rudel gekämpft hatten: „Bist wohl doch nicht ganz so anders, heh …? Erinnerst mich sehr an sie … genauso wild, genauso kalt …“ Mein Kopf ruckte hoch, als mir eine Erkenntnis dämmerte. Vielleicht … Ich wandte mich um und sah beide Männer an. „Ich glaube, ich wüsste jemanden“, begann ich, „aber es wird euch vermutlich nicht gefallen.“ „Wen meinst du?“, wollte Malfoy wissen, bevor ihm ebenfalls ein Licht aufging. „Nein!“, sagte er laut. „Nicht er, Lilly! Das … das ist doch wohl nicht wahr …“, sagte er, als ich keine Gegenantwort gab. „Du kannst doch nicht ihn meinen …?“ „Doch“, sagte ich schlicht. „Wir müssen wieder in die ehemalige Nokturngasse zurück und ihn finden – und das schnell!“
„Lilly, das ist Selbstmord!“, wehrte George sofort ab. „Du hast gesehen, wie die gegen uns vorgegangen sind; die werden keine Skrupel haben, alles dort hochzujagen, wenn die uns damit töten können!“ „Dann müssen wir eben den Kopf unten halten“, beschloss ich. „Aber wir müssen da rein, oder wir werden nie wieder eine Chance haben! Wir waren dem Sieg noch nie so nahe“, fuhr ich fort, „wir haben zwei seiner Machtsäulen zerstört, und das gründlich!“ „Aber wir waren auch der Niederlage noch nie so nahe“, entgegnete Malfoy leise. „Wir sind gespalten wie noch nie und wenn die Schutzzauber wirklich nicht halten …“ „Wir werden nicht verlieren!“, wiederholte ich und funkelte Malfoy zornig an. Er wagt es, dir offen zu widersprechen! Er zweifelt deinen Machtanspruch an! Dafür muss er bestraft werden! Lass ihn bluten, bis er schreit! Tu es jetzt! Lass ihn um den Tod betteln … Vertrau unsss … Ich schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Jetzt war es keine gute Idee, den Forderungen der Stimmen nachzugeben; noch brauchte ich sie im Kampf gegen Voldemort, denn unsere Situation war schon dunkel genug. Doch wenn das alles vorbei war, wenn Voldemort tot und seine Anhänger vernichtet waren … Wenn die Zaubererwelt wieder frei war, dann würde ich sie für ihre ganzen kleinen und größeren Verrate bestrafen, die sie hinter Hermines und meinem Rücken ausgeheckt hatten … Dann würde ich sie bluten lassen, bis sie um den Tod bettelten – und Nott würde zuerst die Folgen seiner Entscheidung zu spüren bekommen … „Wir gehen da jetzt rein!“, verlangte ich nachdrücklich. „Und wir werden uns Greyback als Verbündeten holen, das schwöre ich euch!“ George zog ein Stück den Kopf ein, als er meine wutgetränkte Stimme hörte. Malfoy nickte ergeben. „Und ich sage, wir gehen jetzt los!“, fuhr ich fort. Wieder nickte Malfoy und George erhob sich. „Dann gehen wir“, murmelte er matt. Ich sah ihn an und nickte. Wir gingen aus dem diffusen Wohnzimmer, durch den habdunklen Flur und verließen die schummrige Wohnung durch die Tür. Als wir aus dem Haus traten, hatten sich die stahlgrauen Wolken noch weiter zusammengezogen und die dunklen Schatten hatten sich noch mehr vertieft. „Passt auf den Himmel auf“, sagte ich. „Die haben sich jetzt anscheinend den Luftraum als neuen Spielplatz ausgesucht …“ Ich war mir sogar sehr sicher, dass wir während unserer ungeschützten Wanderung mehr als einmal angegriffen werden würden; dieser Weg bot den Todessern die ideale Gelegenheit, auf uns todbringende Stürzflüge zu machen oder uns im Schutz der Wolken per Fluch zu töten. Ich warf kurz einen Blick nach hinten und sah, dass Malfoy und George nervöse Blicke nach oben warfen. „Wir gehen jetzt zum Ende der Toten Stadt, von wo aus wir in den Tropfenden Kessel apparieren werden“, sagte ich. „Und die Muggel werden uns nicht sehen?“, fragte Malfoy. „Die Geheimhaltung der Zaubererwelt ist in diesem Krieg nicht mehr wichtig, Malfoy!“, gab ich zurück. „Hast du die Nachrichten nicht mitangehört? Die Todesser haben sich den Muggeln offen auf Besen gezeigt; die haben sie öffentlich angegriffen! Ich würde sagen, dass es dem Dunklen Lord mittlerweile egal ist, ob die Muggel von uns erfahren, oder nicht! Aber zufällig haben die auch ein Haus hier in der Nähe attackiert, sodass die Leute von dort geflohen sind; ich habe die Position der Rauchsäule gesehen. Uns wird dort niemand beobachten.“ „Meinst du, er wird seine Macht auch in die Muggelwelt expandieren?“, wollte George nach einem längeren Moment der Stille wissen. „Nein“, sagte Malfoy sofort. „Dafür ist seine Regimemacht nicht bereit; die anderen Länder würden sofort eine militärische Besetzung Englands einleiten, oder das Land von der Weltkarte tilgen.“ „Was macht dich da so sicher?“, fragte George. „Weil ich das so machen würde“, antwortete Malfoy, und George versank wieder in Stille. Je näher wir dem Ende der Toten Stadt kamen, desto rauchiger wurde die Luft. Die Feuerwehrleute hatten das Feuer bereits schon heute Morgen gelöscht, aber ein paar Punkte an der schwarzen Ruine qualmten noch immer. Das Dach war eingestürzt, die Türen und Fenster nicht mehr existent. Das Haus selbst war von oben bis unten vom verheerenden Feuer geschwärzt worden und ich konnte in der fahlen Dunkelheit ein paar Tapetenreste sehen, die sich abschälten. Doch die Möglichkeit, dass sich dort Todesser verstecken konnten, die uns in einen Hinterhalt locken würden, war nicht der Grund für meine Besorgnis. Viel mehr war es die Tatsache, dass diese sich überhaupt nicht hatten blicken lassen. Auf dem ganzen Weg hatten sie mehr als fünf verschiedene Möglichkeiten gehabt, uns allesamt aus dem Weg zu räumen. Stattdessen erreichten wir die Hausruine vollkommen unbehelligt. „Kommt euch das nicht auch seltsam vor?“, meinte ich, als wir unseren Apparier-Punkt erreichten. „Bisher hat sich noch kein einziger Todesser gezeigt.“ „Stimmt“, meinte George. „Dabei könnte man doch meinen, dass die jetzt auf dem Vormarsch gegen uns wären, nachdem die so viel Chaos und Zerstörung in der Muggelwelt angerichtet haben …“ „Oder die sind vorsichtig geworden“, warf Malfoy ein. „Immerhin sind wir nun zwei Widerstände geworden – und sich mit uns beiden gleichzeitig anzulegen, könnte für den Dunklen Lord gerade jetzt fatal werden.“ „Ich finde es trotzdem seltsam“, meinte ich leise. „Gehen wir in die Nokturngasse.“ Wir fassten uns an den Händen und drehten uns in die Dunkelheit hinein, in der wir fast erstickten, bevor unsere Füße auf Asphalt aufschlugen und meine sich dankbar ausdehnenden Lungen die Londoner Stadtluft einatmeten. Ich öffnete die Augen und erkannte die dunklen Schemen der Gasse wieder, die sich direkt gegenüber vom Tropfenden Kessel befand. In der Ferne waren Sirenen zu hören, und ich vermutete, dass dies ein Feuerwehrauto war, welches zu einem noch schwelenden Haus raste. „Da drüben ist er“, meinte Malfoy. „Gehen wir rein?“ Ich nickte und wir traten aus der dunklen Gasse. Die stahlgrauen Wolken verdichteten die tiefen Schatten in der Gasse, sodass wir buchstäblich aus purer Dunkelheit in das fahle Zwielicht des Tages traten. Ich sah nach rechts, als ich die Straße erreichte – und zuckte zurück. Das Haus direkt rechts neben der Gasse war ebenfalls eine verkohlte Ruine. Noch immer lagen leichte Schutt- und Trümmerteile auf dem Gehsteig und der Straße herum, zusammen mit schwarzen Brandflecken und Holzresten. Vor der lose in den Angeln hängende Tür waren Kerzen und Blumen hingestellt worden, und ich registrierte, dass hier Menschen umgekommen waren, vermutlich Angehörige der Überlebenden. Eilig und ohne den Blick zu heben, überquerten wir die autoleere Straße und erreichten die andere Seite. Die Tür des Tropfenden Kessels ragte vor uns auf, in den tiefen Schatten und in der Dunkelheit fast nicht zu sehen. „Macht euch auf einen Hinterhalt gefasst“, sagte ich an die anderen, die nickten und in ihren Taschen ihre Zauberstäbe fester umklammerten. Auch ich umklammerte meine Waffe fester. Ich streckte die Hand aus und öffnete die Tür. Dann traten wir ein. Sobald wir im Innern des Pubs waren und sich unsere Augen an das vorherrschende Dämmerlicht gewöhnt hatten, blieben wir verdutzt stehen. Der Pub war brechend voll. Überall saßen auf den Bänken und sogar auf dem Tresen Zauberer und Hexen, die aufgeregt miteinander tuschelten. Als die Tür aufgegangen war, hatten sie uns erwartungsvolle Blicke zugeworfen, sich dann aber wieder ihrer Unterhaltung zugewandt. Zwei Dinge fielen mir vor allem auf: Es war kein neuer Barkeeper zu sehen. Vor allen Dingen war kein einziger Todesser zu sehen. Es standen überhaupt keine Wachen herum. Ich ließ mich auf ein leeres Stück Bank gleiten und sprach den Zauberer mir gegenüber an: „Was ist denn hier los?“ Dieser warf mir einen seltsamen Blick zu und es dauerte eine Weile, bis ich den Blick als Hoffnung identifizierte. „Ist dir schon mal etwas aufgefallen, Mädchen?“, fragte er zurück. „Hier ist kein einziger Todesser mehr! Die sind heute Morgen hier gewesen, direkt nach diesen furchtbaren Angriffen. Dann sind die einfach gegangen. Durch die Tür und haben sich nicht mehr blicken lassen!“ Er warf kurz einen Blick zum Ausgang in die Muggelwelt, bevor er verschwörerisch die Stimme senkte und flüsterte: „Seither hab ich keinen einzigen mehr gesehen … Vielleicht ist ja wirklich … Vielleicht …?“ „Vielleicht“, sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln, obwohl in mir wieder sämtliche Alarmglocken schrillten. Dass sich scheinbar nirgendwo Todesser blicken ließen, verhieß normalerweise nichts Gutes. Ich stand auf und wandte mich an Malfoy und George. „Der Mann hier sagt, dass nirgendwo Todesser mehr wären“, berichtete ich. „In der gesamten Zaubererwelt nicht mehr.“ „Ist das wahr?“, murmelte Malfoy. „Das könnte eine Falle sein.“ „Das denke ich auch“, meinte ich. „Wir sollten so schnell wie möglich mit Greyback reden.“ George nickte und wir strebten so schnell wie in diesem überfüllten Pub überhaupt möglich, auf die Tür in den Hinterhof zu. Dann öffneten wir diese und traten in den unscheinbaren Hinterhof hinaus. Ich zückte meinen Zauberstab und während auch Malfoy und George diese bereithielten, tippte ich die Steine auf der Backsteinmauer in der richtigen Reihenfolge an, sodass diese den Torbogen in die Neue Winkelgasse freigaben. Und wieder traute ich meinen Augen nicht: Obwohl die Todesser hier ebenfalls nicht schonend vorgegangen waren, standen trotzdem überall Menschengruppen herum und redeten durcheinander, ob Mann oder Frau, Prostituierte oder Ladenbesitzer. Und wieder war kein einziger Todesser mehr zu sehen. Einer von den zauberstablosen Frauen kam auf mich
zu und flüsterte mir ins Ohr: „Ich kenn dich von den Plakaten her … Habt ihr es geschafft?“ „Was geschafft?“, fragte ich nach. „Die Todesser endgültig zu vertreiben“, antwortete sie leise mit rauer Stimme vor Glückseligkeit. „Hier ist keiner mehr! Lang lebe der Widerstand!“ Und sie wuselte wieder von dannen, um sich den Menschenmengen anzuschließen. „Da stimmt irgendetwas nicht …“, murmelte ich, an George gewandt. „Irgendetwas wird noch passieren, das fühle ich …“ Dass mir das die Stimmen nonstop einzischten, behielt ich erstmal für mich. Wir gingen zügig durch die ungewohnt Todesser-freie Neue Winkelgasse und hielten dabei auf den düsteren Durchgang rechts zu, der die Treppe nach unten in die ehemalige Nokturngasse vor den Augen der Besucher in tiefem Schatten verbarg. Als wir nach unten gingen, war noch immer alles neblig und die grünlichen Leuchten erhellten die Gassen nur ungenügend, doch mir fiel eine entscheidende Änderung auf: Die Kälte war weg. Ich sah mich um und konnte keinen einzigen Dementor mehr erkennen. „Das gefällt mir überhaupt nicht“, zischte Malfoy. „Lilly, das ist …“ „… extrem ungewöhnlich, ja“, beendete ich seinen Satz. „Konzentrieren wir uns jetzt erst einmal auf Greyback; vielleicht weiß er mehr.“ Wir schlugen ungefähr den Weg ein, den wir damals zum zerstörten Laden genommen hatten. Als wir an der Gasse vorbeikamen, warf ich unwillkürlich einen Blick hinein. Sie war leer; was auch immer dort das letzte Mal gewesen war, war verschwunden. In der Ferne konnte ich ein Kratzen von Krallen über Pflaster hören, was mir eine Gänsehaut bescherte. „Seid vorsichtig“, sagte ich, „ich denke nicht, dass Greybacks Rudel uns nach dem letzten Besuch sonderlich freundlich gesinnt ist.“ „Verstanden“, meinte Malfoy leise und ich spürte mehr, als dass ich hörte, wie er seinen Zauberstab zückte. Auch Georges Zauberstabspitze tauchte kurz neben mir auf. Ich zog meine Waffe ebenfalls und hielt sie jederzeit anschlagsbereit. Wir kamen an dem Laden vorbei, wo das letzte Mal ein Zauberer auf grausige Weise ums Leben gekommen war. Jetzt war nichts mehr zu sehen, außer das braune, getrocknete dunkle Blut, das noch immer an den Fensterscheiben klebte. Als wir weitergingen, kamen wir an eine Kreuzung, bei der eine von zwei Lampen nicht mehr funktionierte und alles in tiefe Schatten hüllte. „Das gefällt mir nicht“, wisperte Malfoy. „Wir gehen immer weiter ins Herz der Nokturngasse; sollten hier nicht langsam mal Leute von Greybacks Rudel sein?“ „Die sind genau hier“, kam es von hinter uns. Wir wirbelten herum und zielten mit unseren Zauberstäben auf zwei unterschiedlich große, schwarze Silhouetten. „Lumos“, flüsterte ich, sodass die Spitze meines Zauberstabs aufleuchtete. Im fahlen Lichtschein wurden mehr Details sichtbar. Ein ungepflegter Mann, der allerdings wohlgenährt aussah, lehnte gegen die Mauer eines Gebäudes und ließ immer wieder etwas Silbernes aufblitzen. Es dauerte einen Moment, bis ich es als Messer identifizierte. Neben der Mauer war ein hoher, vollkommen dunkler Durchgang, aus dem ein seltsam scharfer, stinkender Geruch kam. Dem Mann schien dieser Gestank nichts auszumachen, denn er grinste und entblößte scharfe, spitze Zähne, die tödlicher als sein silbernes Messer waren. „Was macht’n ihr hier unten?“, wollte er wissen. „So ganz allein?“ Seine Stimme war unangenehm und er ließ seinen tiefen, dunklen Blick auf eine Art über mich gleiten, die mir in Unbehagen versetzte. „Hälst dich wohl für mutig, was?“, hielt Malfoy dagegen. „Warum bist du hier, so ganz allein?“ „Oh, ich bin nicht allein …“, murmelte der Mann. „Aber was macht ihr hier?“ „Greyback aufsuchen“, sagte ich schnell. „Die Gründe gehen dich nichts an.“ Der Mann grinste wieder. „Und ihr meint, dass ihr ihn hier findet?“, höhnte er. „Ihr habt doch keine Ahnung, oder?“ „Hast du denn welche?“, schoss George zurück. „Weißt du die neuesten Nachrichten?“ „Allerdings“, meinte der Mann. „Da oben soll sich ja ganz schön was getan haben …“ Er pulte mit seinen langen Fingernägeln an seinen Zähnen herum. „Kennst du den Weg zu Greyback?“, fragte ich. „Wenn ja, dann führ uns dorthin!“ „Schau sich das einer an, Mary“, murmelte der Mann. „Das kleine Gör da erteilt uns Befehle … Dass ich das noch erleben muss …“ Für einen Moment war ich mir nicht sicher, wen er meinte, oder ob er nicht einfach genauso durchgeknallt war wie ich. „Wer ist Mary?“, fragte Malfoy ruhig. „Das ist Mary“, sagte der Mann und deutete auf den finsteren Torbogen. Ein tiefes, kehliges Knurren ertönte und eine Schnauze schob sich aus der pechschwarzen Dunkelheit ins fahle Licht hervor. Der Schnauze folgte ein geiferndes Maul mit ebenso tödlichen schmutziggelben Zähnen, silberngraues, dichtes Fell, und wild dreinblickende, gelbe Augen. Dann glitt Mary überraschend leichtfüßig aus dem Torbogen und unsere erleuchteten Zauberstabspitzen ließen ihre ganze Werwolfpracht zum Vorschein kommen. Die Werwölfin hatte einige Narben aufzuweisen und überragte uns um mehrere Meter. Sie legte die Ohren an, den Kopf in den Nacken und heulte; ein schauriges, unheilvoll todbringendes Heulen, bei dem mir ganz anders wurde. „Gefällt sie euch?“, fragte der Mann grinsend. „Hübsch, nicht?“ Mary knurrte nur tief und kehlig, bevor sie ihren Kopf senkte und mich mit ihrem wilden, stumpfen Blick durchbohrte. „Was macht ihr hier?“, fragte der Mann erneut. „Und antwortet gefälligst richtig …“ Marys lange, scharfe Krallen blitzten gräulich im fahlen Licht auf. „Wir haben alles gesagt, was dich etwas angeht“, versetzte George. „Jetzt bist du am Zug. Bring uns zu Greyback und beantworte unsere Frage!“ Der Mann grinste nicht mehr. „Hab gehört, dass die Todesser oben alle abgezogen sein sollen“, meinte er. „Die sollen oben nochmal so richtig die Sau rausgelassen haben, bevor die abgehauen sind.“ „Aber das glaubt Greyback nicht, oder?“, fragte ich. „Nee“, sagte der Mann, „aber wüsste nicht, was euch das angeht …“ „Bring uns zu ihm!“, verlangte Malfoy nachdrücklich. Der Mann sah uns kurz an, dann pfiff er einmal und Mary wandte ihren pelzigen Kopf ihm zu. „Komm, wir gehen“, knurrte er. „Pass auf die da auf.“ Sie hechelte kurz und sah dann wieder zu uns. Wir setzten uns in Bewegung, die Zauberstäbe gesenkt, aber anschlagsbereit. Mary bildete das Schlusslicht, als sie lautlos hinter uns hertrottete. Wir schlugen in seiner Begleitung einen anderen Weg ein, sodass wir tiefer in die ehemalige Nokturngasse gingen. Je weiter wir hineingingen, desto dunkler wurde es. Es schien, als würden die Lichter systematisch weniger werden, je mehr es auf die Mitte zuging. Bald schon waren die Lampen so spärlich verteilt, dass überall große Feuer in Blechtonnen herumstanden, um die Bereiche zu erhellen. Wir begegneten auf unserem stummen Weg zu Greybacks Lager einer anderen Gruppe, die ebenfalls aus einem Mann und einem Verwandelten bestand. „Irgendwas Neues, Fred?“, wollte unser Führer wissen. „Nö“, meinte Fred, der andere Mann. Dann erblickte er uns. „Wo hast’n die aufgegabelt, Al?“ „Die wollen mit’m Boss reden“, knurrte der Mann. Mary schnupperte neugierig am anderen Werwolf, der daraufhin auch an ihr schnupperte und hechelte. Sie rieben ihre Köpfe aneinander und umarmten sich kurz, bevor Al sie wieder zurückpfiff. „Du hast später noch genug Zeit, an Colins Eiern rumzufummeln!“ Malfoy verzog angewidert das Gesicht und ich konnte es ihm nicht übelnehmen. Mary setzte sich knurrend wieder in Bewegung und Al führte uns stumm weiter in die Mitte. Schließlich erreichten wir den zentralen Platz, von wo sich die Nokturngasse her ausgebreitet hatte. Zwei verwandelte Werwölfe lungerten in den Schatten der Gassen, die zwischen den Häusern waren, aber ich sah viele Unverwandelte, die drohend ihre Waffen aufblitzen ließen, als sie uns bemerkten. Das Ganze hatte etwas von einer Bereitschaftsverteidigung, die sich Greyback anscheinend aufbaut hatte. „Da vorne rein“, befahl Al und deutete auf ein schummrig beleuchtetes Haus, das eher einer verfallenen Bruchbude glich. „Die erste Tür links, die Treppe runter, klar?“ Ich nickte und unser wortkarger Führer stoppte vor dem Haus. Ich ging durch den türlosen Rahmen und wandte mich nach links. Die erste Tür stand offen und zeigte uns eine steile Treppe, deren Ende sich in totaler Finsternis verlor. Wortlos stieg ich hinab und tastete mich Stufe für Stufe nach unten. Ich hörte, wie George und Malfoy es mir nachmachten. Plötzlich war unten ein fahler Lichtschein zu sehen, der größer wurde, je näher wir darauf zugingen. Schließlich erreichten wir das Ende der Treppe und standen in einer Art lampenlosem Kellergang. „Weiter vorne, glaube ich“, flüsterte ich und deutete in Richtung des Lichtstrahls. Wir gingen darauf zu und er offenbarte den schattigen Umriss einer Tür, die aufschwang, als ich sie berührte. Was auch immer ich dahinter erwartet hatte, das war es nicht: Eine Art Mischung aus Wohnzimmer, Schlafbereich und Esszimmer war im ehemaligen Keller des Hauses eingerichtet worden. Wo Wände gestanden hatten, waren diese für mehr Platz wohl herausgerissen worden. Mehrere Unverwandelte starrten uns an, halb in den Schatten verbogen, manche auch im diffusen Licht der drei brennenden Blechtonnen zu sehen. Doch es waren auch etliche verwandelte Werwölfe dabei; ich zählte mindestens ein Dutzend von ihnen. Und dort, in der Mitte des Raums, über einem Tisch aus dunklem Holz gebeugt, stand er. Anscheinend studierte er eine Karte der Nokturngasse, denn er deutete auf einen Punkt und sagte halblaut: „Ed, Alfred, auf Position.“ Zwei Unverwandelte nickten und gingen in Richtung Ausgang. Als sie uns sahen, rümpften sie ihre Nasen und
drängten sich an uns vorbei. Auch Greyback schnüffelte jetzt und murmelte: „Was stinkt hier so nach Mensch? Und wer hat diesen Radau auf der Treppe gemacht? Al, hast du wieder Beute …?“ Er sah auf, traf meinen Blick und grinste. Dann meinte er leise: „Wen haben wir denn da?“
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