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Drama på Parken

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Serie A
12.07.2021
22.07.2021
5
7.488
10
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
22.07.2021 1.349
 
Simon kann nicht genau sagen, ob die Viertelstunde bis zum Wiederanpfiff quälend langsam oder viel zu schnell vorübergegangen ist. Jetzt steht er auf jeden Fall wieder im Spielertunnel und verlagert das Gewicht von einem Bein auf das Andere, während ihm das Herz bis zu seinem Hals schlägt.

Sein gesamter Körper scheint im rasenden Takt seines Herzschlages zu vibrieren und auch ein tiefes Durchatmen hilft ihm nicht viel weiter. Ein leichter Klaps auf seine Schulter lässt ihn zusammenzucken und er dreht den Kopf ein Stück nach hinten. Nur so weit, dass er Kasper erkennen kann, der in Richtung Tunnelausgang nickt. Einen gequälten Ausdruck in den Augen.

Simon schluckt und seufzt leise. Jetzt ist es also so weit. Mit jedem Schritt in Richtung Ausgang scheinen seine Beine schwerer zu werden und er kämpft gegen den Drang an, einfach umzukehren und wegzulaufen. Es wäre so viel einfacher, wenn er sich all dem nicht wieder stellen müsste. Am liebsten würde er einfach zu Christian und sich mit ihm zusammen unter einer Decke verkriechen. Einfach alles vergessen, was in den letzten Stunden passiert ist. Aber das das nicht geht, weiß er selber. Er muss jetzt stark und mutig bleiben. Für das Team und für Christian.

Schritt für Schritt nähert er sich dem Tunnelausgang und als er dann den Rasen unter seinen Schuhen spürt, bleibt er so ruckartig stehen, dass Kasper gegen ihn läuft. Das Rauschen in seinen Ohren ist unfassbar laut aber trotzdem hört er die Zuschauer. Er hört, wie sie Christians Namen singen. Immer und immer wieder schallt er über die Ränge des Parken und wird vom Wind hinaus in den Abend getragen. Simons ganzer Körper verspannt sich, als er zur Seite blickt. Dorthin, wo die Sanitäter mit einer Trage stehen und er schüttelt den Kopf, während Übelkeit in ihm hochsteigt. Er kann das nicht.

„Wir schaffen das....“ Leise dringt Kaspers Stimme durch das Rauschen und Simon fühlt eine behandschuhte Hand, die sich stützend auf seinen Rücken lehnt und ihn langsam nach vorne schiebt. Simon schüttelt nochmal den Kopf, setzt aber langsam wieder einen Fuß vor den anderen. Langsam geht er auf das Spielfeld und blinzelt gegen das helle Flutlicht. Er sieht die Finnen, die schon auf ihrer Seite des Platzes stehen und nicht minder mitgenommen aussehen wie seine Jungs. Blass und mit leeren Augen schauen sie zu ihnen herüber.

Was genau tun sie eigentlich alle hier. Langsam wendet Simon seinen Blick von ihren Gegenspielern ab und schaut hinüber zur Haupttribüne. Er muss seinen Blick nicht lange gleiten lassen, bis er den VIP-Bereich findet, in dem sich mehrere Männer in Anzügen tummeln. Simon beißt sich auf die Innenseite seiner Wange. Sie sind einfach nur kleine Figuren in den Händen profitsüchtiger, inhumaner Geschäftsleute, die mit ihnen ihr Spiel des Geldes ausfechten.

Macht und Geld, um mehr geht es diesen Menschen nicht. Am Ende kommt es nur darauf an, wieviel auf dem eigenen Bankkonto in der Schweiz oder in anderen Steueroasen landet. Menschenleben aufgewogen in bunte Scheine. Und das Schlimmste ist, dass sie alle dieses Spiel mitspielen. Mit allen Konsequenzen. Und sie profitieren auch oft genug davon. Sie bekommen die Millionen, die Aufmerksamkeit, denn Jubel. Aber sie verlieren auch. Verlieren die Bodenhaftung und auch ein Stück weit ihre Menschlichkeit.

Oft genug verschließen sie ihre Augen vor den Ungerechtigkeiten der Verbände und ihrer Lenker. Sie hätten alle so viel verhindern können, wenn sie nur einmal zusammen gegen diese Leute aufgestanden wären. Doch das sind sie nie wirklich. Zu wichtig ist das überhöhte Gehalt und der gute Ruf. Und jetzt werden sie wie Figuren einfach umhergeschoben. Der Sport des kleinen Mannes ist der, des Bestbezahlenden geworden.

„Habt ihr mich verstanden?“ Simon schaut zu dem Schiedsrichter, der zwischen ihm und dem finnischen Kapitän steht. Er hat gar nicht gemerkt, dass die Beiden sich ihm genähert haben. „Wir spielen jetzt die letzten Minuten nach. Danach gibt es eine fünfminütige Pause ehe es mit der zweiten Halbzeit weitergeht.“ Langsam nickt Simon und auch der finnische Kapitän nickt. „In Ordnung.“ Damit läuft der Schiedsrichter auf seine Position und Simon schaut ihm lange nach, ehe er sich auf seine Position bewegt. Er hat keine Ahnung, wie er diese Minuten überstehen soll.

Und bei diesem Unwissen bleibt es auch. Wie im Rausch läuft das Spiel an Simon vorbei. Verzogen und verschwommen nimmt er die Spielzüge wahr, aber er selber bekommt nichts auf die Reihe. Immer wieder fällt sein Blick auf die Stelle des Rasens, auf der Christian zusammengebrochen ist, so sehr er sich auch bemüht nicht dorthin zu schauen. Aber wie magnetisch zieht sie seinen Blick immer wieder an und der Film in seinem Kopf wiederholt sich jedes Mal.

Er sieht, wie Christian fällt und liegen bleibt. Er meint beinahe zu spüren, wie die Sanitäter ihn von Christian wegschubsen. Mehr als einmal stolpert er beinahe über seine eigenen Füße oder rutscht auf dem feuchten Rasen weg.

Jedes Mal, wenn ein Spieler auf dem Boden liegt, zuckt Simon heftig zusammen und wartet beinahe panisch darauf, dass sich diese eingebrannten Szenen wiederholen. Und wenn sie es glücklicherweise nicht tun, breitet sich auch kein Gefühl der Erleichterung in ihm aus. Zittrig atmet Simon aus, als der Ball im Seitenaus landet.

Er weiß, dass er seinen Mitspielern keine große Hilfe ist. Er ist sich ja nicht einmal sicher, ob überhaupt einer seiner Pässe seit Wiederanpfiff am Ziel angekommen ist. Irgendwo in ihm wurde der Schalter des Autopiloten umgelegt. Sein Körper folgt den jahrelang einstudierten Bewegungsabläufen, während sein Kopf mehr oder minder erfolgreich versucht eine Panikattacke mitten auf dem Feld irgendwie zu verhindern.

So bekommt er auch gar nicht wirklich mit, wie die Finnen den Führungstreffer schießen. Erst, als der Stadionsprecher das Ergebnis durchsagt, sieht er, wie Kasper den Ball aus ihrem Tor herausholt. Eigentlich müsste Simon jetzt den altbekannten Trotz in sich spüren. Den Kampfgeist und das Wissen, dass sie das Spiel drehen und gewinnen werden. Aber da ist rein gar nichts. Wieder wandert sein Blick zu der bekannten Stelle auf dem Rasen und er sein Magen verwandelt sich in einen kalten Klumpen Metall. Er kann nicht mehr.

Es geht einfach nicht mehr. Er muss zu Christian. Er muss raus aus diesem Stadion. So schnell wie möglich. Auch, wenn er seine Jungs alleine lässt. Er hat es versucht, aber es geht einfach nicht. Und so wie er spielt, kann er auch niemandem helfen. Zumindest nicht spielerisch. Aber auch kopfmäßig sind seine Reserven einfach aufgebraucht. Seine Augen brennen, als er zur Coaching Zone läuft und mit dem Kopf schüttelt. Ihr Trainer fängt seinen Blick ein und nickt, während er schon mal zwei Spieler zu sich heranwinkt.

Als Simon bei ihm ankommt, schüttelt er wieder den Kopf. „Ich kann das nicht...“ Kaum hat er die Worte ausgesprochen, wird er in eine kurze aber feste Umarmung gezogen. „Es steht schon ein Wagen bereit. Henrik wird dich ins Krankenhaus fahren. Zieh dir nur bitte eine Jacke über.“ Simon nickt langsam und sieht aus dem Augenwinkel, wie die Anzeigetafel hochgehalten wird. Sanft löst er sich von Kasper und klatscht mit Jannik und Andreas ab, ehe er eilig in den Spielertunnel stolpert.

In der Kabine schnappt er sich schnell sein Handy und einen Pullover in der Hoffnung, dass Kasper nachher seine Tasche mit in das Hotel nimmt. Er wirft einen kurzen Blick in Richtung der Duschen, schüttelt dann aber den Kopf. Er möchte so schnell es irgendwie geht bei Christian sein. Duschen würde ihn nur unnötig aufhalten.

Er wirft einen letzten Blick in die Kabine und stoppt, als er an Christians Platz hängen bleibt. Dort liegt, noch sauber zusammengefaltet, dessen Teampullover und Simon zögert nicht lange, ehe er ihn ebenfalls in die Hand nimmt und dann die Kabine verlässt.

Er möchte nicht, dass Christian friert. Als er die Katakomben verlässt, sieht er schon Henrik, der neben einem Leihwagen steht und ihn zu sich heranwinkt. Schnell sprinten Christian zu ihm herüber, während er sich seinen Pullover über den Kopf zieht.

Die Fahrt zum Krankenhaus zieht sich dann unglaublich hin. Im Radio wird live von dem Spiel berichtet aber Simon hört nicht wirklich zu. Seine ganze Aufmerksamkeit ist auf das große, hellerleuchtete Gebäude gerichtet, welches immer näher kommt. Bald ist er bei Christian.


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