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Deus ex Machina

von Mhairi
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Thranduil
11.07.2021
25.08.2021
4
6.513
6
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11.07.2021 1.756
 
"Der Weg ist versperrt. Er wurde angelegt von jenen, die tot sind und die Toten halten ihn. Der Weg ist versperrt."
- Die Rückkehr des Königs


Lasst mich ihn für euch öffnen, den versperrten Weg.
Auf dass ihr eintreten und einer Geschichte lauschen könnt, die längst aus den Chroniken dieser Welt verschwunden ist. Sie wurde über viele Jahrtausende hinweg verfälscht und selbst das rote Buch der Westmark erzählt heute nichts mehr von den Schrecken der Vergangenheit.
Dies ist die letzte bekannte Quelle einer Erzählung, die weitaus wichtiger für das Schicksal Mittelerdes war, als unseren Geschichtsschreibern bewusst ist.
Und solltet ihr es wagen, diese Zeilen zu lesen, werdet auch ihr zu den Wenigen gehören, die die Wahrheit kennen.

Doch seid gewarnt: Diese Erzählung beinhaltet dunkle Themen und grausige Vorfälle.
Der Tod wird euer ständiger Begleiter auf diesen Pfaden sein.

"Euch, die ihr mit ihm geht, wird kein Eid und keine Verpflichtung auferlegt, weiter zu gehen, als ihr wollt. Lebt wohl. Haltet fest an eurem Ziel. Möge der Segen der Elben und Menschen und aller freier Völker euch begleiten."
- Die Gefährten






Memento mori.

[Bedenke, dass du sterben wirst.]




Das Blätterdach des südlichen Düsterwalds war so dicht, dass kaum ein Sonnenstrahl den Boden berührte.
Die Sommerluft schmeckte nach süßlicher Verwesung und dem stummen Todesschrei jener Wesen, die einst hier ihr Leben ließen.
Von der ehemals lebensfrohen Pracht des Eryn Galen blieb kaum etwas übrig.
Statt von satter Lebendigkeit wurden unglückliche Wanderer von einem Skelett aus knorrigen Bäumen begrüßt. Keine Vögel sangen in ihren Ästen und alle Tiere, die in diesen Gefilden verblieben, waren schreckhaft und kränklich.

Was nicht von hier floh, wurde herab gerissen.
In einen Zustand des langsamen Verfalls in völliger Vergessenheit.

Inmitten des Massensterbens stand ein Mann.
Zumindest hätte ein unaufmerksamer Beobachter ihn für einen halten können.
In Wahrheit war Radagast der Braune weitaus mehr, als der schmuddelige Waldkauz, der er vorgab zu sein. Auch wenn er diese Rolle schon so lange spielte, dass er manchmal vergaß, mit welcher Aufgabe er nach Mittelerde geschickt worden war.
Heute war keiner dieser Tage.
Heute war ihm mehr als bewusst, warum er einst die unsterblichen Lande verlassen hatte.

Beunruhigt betrachtete er seine Umgebung und hastete durch das Unterholz.

"Nicht gut. Gar nicht gut", murmelte er mit grimmer Stimme, als er verfaulte Blätter und Zweige begutachtete, Pilze und Baumharz sammelte und die vielen Tiere sah, welche reglos am Boden lagen.

Doch zwischen all dem Sterben des Sterblichen, war es ein Anblick, der nicht hierher gehören durfte, welcher Radagast den Atem raubte.
Nein, nicht nur raubte. Davon schleppte, auf dass er sich fühlte, als sei er bloß ein Geist seines einstigen Selbst.

"O-oh nein", wimmerte der braune Zauberer.
Was dort im Gesträuch lag, war kein verendeter Hase und auch keine Elster.

Es war eine Elbin.

Kein Fetzen Kleidung am Leib, und tot wie Grabesstaub.

Radagast umfasste seinen Stab mit zitternden Fingern und trat näher an die Verblichene heran.
Wie es Gewohnheit bei den Elben war, konnte er ihr Alter nicht mit bloßem Auge bestimmen. Doch sie war eine Noldor, dies war sicher.
Eine Hochelbin des Westens. Das schwarze Haar, welches nass und klumpig um ihrem Kopf ruhte, sowie die stumpfen grauen Augen ließen keinen Zweifel zu.
Ihr Gesicht war zu einer seelenlosen Grimasse verzogen.

"Was sucht eine Hochelbin im Düsterwald?", tropften die tristen Worte von den Lippen des Zauberers. Tränen rannen seine wettergegerbten Wangen herab, als er sich neben sie kniete und eine ihrer zerquetschten Hände in seine nahm.
Zahlreiche Wunden jeglicher Art zierten ihren Körper auf brutalste Weise. Blätter und Schmutz klebten an ihrer feuchten Haut. Ihre gesamte Gestalt schien in Himmelswasser getränkt zu sein, welches das viele Blut hinfort gewaschen hatte, welches sie unweigerlich hatte verloren haben müssen.
"Aber es hat seit Wochen nicht geregnet...", Radagast schloss sanft die glanzlosen Augen der Noldor und fischte einen Käfer aus ihrem grotesk aufgerissenen Mund.

Hämatome, Abschürfungen, Schnitte und Prellungen waren über die Haut der Unbekannten verteilt.
Es schien als habe sie ein starkes Gewicht an der linken Körperhälfte getroffen und ihren Brustkorb zertrümmert. Eine ihrer Rippen stach wie ein bleicher Nagel aus der gräulichen Haut.

Was an ihr von Wunden verschont worden war, wurde von seltsamen Symbolen bedeckt.
Symbole, die den braunen Zauberer zutiefst beunruhigten.

Auf den Außenseiten ihrer Fußgelenke waren tanzende Skelette abgebildet.
An ihrem rechten Oberschenkel jonglierte ein weiterer Knochenmann mit zahlreichen Totenköpfen. Ihren linken Unterarm zierte eine von Wildblumen umschlungene Sense.
Die Zeichen ähnelten den Kriegstätowierungen der Zwerge, waren jedoch sehr viel feiner gearbeitet und teilweise mit Farbe versehen.

"Wer wart Ihr, híril nín?", nuschelte Radagast in seinen Bart, in welchem die Tränen glitzerten, die noch immer nicht versiegt waren.

Über ihr lag ein Schleier des Unbekannten. Etwas wie er es noch nie zuvor gespürt hatte. Als gehöre sie nicht nur nicht in den Düsterwald, sondern war eine Fremde in Mittelerde selbst.

"Hiro le hîdh ab 'wanath" (Möget Ihr Frieden im Tod finden)
Mit diesen Worten klemmte sich der Zauberer seinen Stab an den Gürtel, hüllte den Körper der Toten in seinen Mantel und hob sie in seine Arme.

Er würde sie vorerst mit in seine Hütte nehmen und dann einen Boten an König Thranduil senden.
Dies war eine Angelegenheit, von der der Herrscher des nördlichen Düsterwalds erfahren musste.





————————






Windschief und marode ragte sein Heim vor ihm auf, als Radagast samt seines Funds auf die Lichtung trat.
Er war stundenlang gelaufen, doch die Bürde der Elbin lastete mehr auf seinem Herzen als auf seinem Körper.
Er verstand einfach nicht, woher sie gekommen war. Wer war sie? Was hatte sie in diesem gefährlichen Teil des Waldes verschlagen?
Beinahe noch rätselhafter war ihm, wer oder was sie in einen solchen Zustand versetzt hatte. Ihr Körper war von Verletzungen übersät, doch diese wurden ihr ohne Sinn und Verstand zugefügt.
In den grausamen Malen lag weder die Mordlust der dunklen Kreaturen Mordors noch der Hunger einer wilden Bestie. Stattdessen erzählte ihr Leichnam eine Geschichte freudloser Brutalität.
Es ergab keinen Sinn.

Nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, legte er die Verblichene auf der langen Holztheke ab, welche er sonst für die Zubereitung von allerhand Tränken und Salben nutzte.
Dann wandte er sich um, um ein Blatt Pergament aus einer überquellenden Kiste zu kramen und winkte einen seiner Botenvögel heran, die durch den Lärm aufgeschreckt in den Dachbalken mit den Flügeln schlugen.

Der braune Zauberer wollte gerade den Federkiel auf das Pergament setzen, als ein absolut unmögliches Geräusch die relative Stille durchbrach.

Ein Keuchen.

Er wirbelte herum und erfasste gerade noch so, wie sich die Tote aufbäumte und röchelnd nach Luft schnappte. Dunkelrotes Blut lief schaumig ihre Mundwinkel herab, bevor sich ihre weit aufgerissenen Augen nach hinten rollten und sie zusammenbrach.

Die Elbin war ohnmächtig, schwach, aber am Leben.
Gerade so. Und nicht mehr sehr lange, wenn er nicht schleunigst etwas tat.

Hecktisch warf Radagast das Schreibwerkzeug von sich und legte seine Hände auf die sich in besorgniserregend flachen Atemzügen bewegenden Rippen der ehemals Verstorbenen.
Die Unmöglichkeit dieser spontanen Wiederbelebung beiseite schiebend, machte er sich daran, die Blutung der Wunden zu stoppen, während er die Elbin in einen tiefen Heilschlaf versetzte.

Es würde eine ganze Weile dauern, bis sie wieder erwachte.

Sobald die Noldor sich halbwegs entschlossen an ihrem Lebensfaden festhielt, kochte Radagast einen Topf mit Wasser und Knoblauchzehen ab und richtete die Knochen, welche gebrochen aus ihrem Körper ragten, bevor er sich daran machte, die gröbsten Wunden zu nähen.

Er würde sich Mühe geben, dass der Elbin keine Narben verblieben, jedoch war es ihm in diesem Moment am wichtigsten, dass sie überhaupt überlebte.
Es kostete ihm all seine Fähigkeiten, die Unbekannte nicht wieder in einen vorzeitigen Tod gleiten zu lassen.

"Meine Güte, geht weg! Sie kann ja gar nicht atmen", verscheuchte er die neugierigen Igel und Mäuse, welche sich der um ihr Leben ringenden Elleth näherten.

Der braune Zauberer schaffte es zwar, dass die Elbin am Leben festhielt, doch ihre Wunden wollten sich nicht schließen, egal, was er auch versuchte.
Jeder Trank, jede Salbe und jeder heilende Rauch prallte wirkungslos an ihr ab.

"Ich begreife nicht, warum es nicht wirkt...", sprach er, während er ein reinigendes Wasser auf den frisch genähten Schnitten auftrug, "Das ist schließlich keine Hexerei!"

Radagast erstarrte. Ein sowohl verstehender als auch düsterer Ausdruck legte sich auf sein Gesicht.

"Hexerei...", ein tiefes Flüstern entfuhr seiner Kehle, "Oh, aber ja. Ein alter und mächtiger....Zauber."

Sein Blick glitt herüber zum Fenster, an dem ein Schatten sich die Wand seines Heims empor bewegte.
Dunkle Umrisse riesiger Spinnen ratterten an der Tür und an den Balken.

Der Zauberer verbarrikadierte die Pforte seines Zuhauses und sah mit neuen Augen auf die Gestalt der Elbin:
"Ihr seid nicht ohne Grund hierher geschickt worden, nicht wahr? Das Böse in diesem Wald fürchtet Euch.
...was auch immer das bedeuten mag."

Er nahm den blauen Stein aus seinem Stab und setzte ihn an ihre Lippen. Murmelnd zog er den dunklen Einfluss der bösen Kreaturen aus ihrem Körper, während er mit wachsender Sorge die panischen Tiere beobachtete, die ihn umgaben.
Die Gestalt der Elbin zitterte und zuckte unter seiner Magie. Blut lief aus ihrer Nase, die Adern unter ihrer blassen Haut traten dunkel zum Vorschein.

Die Spinnen rissen Löcher in das Dach seines Hauses, als sich der Kristall in Radagasts Händen in ein tiefes Schwarz färbte. Die Wände ächzten und knackten unter dem Gewicht der Eindringlinge.

Endlich setzte die natürliche Heilkraft der Eldar ein. Die Wunden der Elbin schlossen sich. Ihr Atem wurde tiefer und gleichmäßiger. Das verzerrte Gesicht entspannte sich.

Mit einem erleichterten Seufzen strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder den dunklen Kreaturen, die seine Hütte umzingelten.
Doch als der Maiar den Körper der Elleth auf das Bett gelegt, sie sachte zugedeckt und sich selbst vor die Haustür gewagt hatte, waren die Schatten verschwunden und strahlender Sonnenschein schien ihm ins Gesicht.

Nur die Netze blieben zurück.
Und das ferne Geräusch von dutzenden Beinen auf dem weichen Waldboden.

"Von wo auf dieser guten Erde kommen diese widerlichen Kreaturen?", fragte er tief in Gedanken versunken.

Doch dieses Problem musste warten.
Er hatte eine Patientin, die er nicht einfach hier zurücklassen konnte.
Und er hatte so einige Fragen an sie.






Hallo Zusammen!
und herzlich Willkommen zu dieser Geschichte.
Sie war schon lange ein kleiner Traum von mir und ich hoffe, dass ich euch mit
dieser etwas düstereren Version Mittelerdes gut unterhalten kann^^

Vielen Dank fürs Lesen und liebe Grüße
Eure Mhairi
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