Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Mystery / Die Frau

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Die Frau

von Iralenya
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
10.07.2021
10.07.2021
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Vorwort

Diese Geschichte ist ausnahmsweise Mal keine acht Jahre alt, sondern wurde am 30. April 2020 als Hausaufgabe für Deutsch geschrieben. Aufgabe war eine Personenbeschreibung über Barbara Dürer nach einem Bild ihres Sohnes, dem berühmten Maler Albrecht Dürer, in eine Geschichte einzubetten. Und irgendwie habe ich unbewusst schon das Zitat verwendet …

Ich habe die Geschichte nur minimal geändert (ein paar Wörter ausgetauscht), sonst ist alles genauso geblieben, wie einst geschrieben und später beim Projekt eingereicht. Leider ist es mir nicht gelungen, sie am 18. Mai hochzuladen, aber besser spät als nie.

Das dazugehörige Zitat: "Warum denn so ernst?" [The Dark Knight]

Außerdem findet ihr hier die zuvorgehende und die nachfolgende Geschichten

17. Mai 2020 – Zeitungsenten von LockXOn aus dem Fandom Final Fantasy VII

19. Mai 2020 – Nichts ist unfehlbar von Lady Duchess aus dem Fandom Criminal Minds

Ira




Geschrieben: 30. April 2020


Es ist ein warmer Tag, als ich in den Park gehe. Die Sonne scheint von einem klaren Himmel hinunter und wärmt die Erde auf. Um mich herum höre ich Kinder lachen und sehe sie spielen. Wie kleine Gespenster jagen sie einander. Es tut gut, das zu hören. Lange ist es her, dass ich diese Ausgelassenheit erlebt habe. Ich setze mich auf die Bank am Brunnen. Das leise Plätschern tut mir gut. Es beruhigt mich. Ich versinke in meinen Gedanken, träume mich hinfort aus der Realität. Meine Augen werden schwer und ich schließe sie. Die Dunkelheit tut mir gut. Sie erinnert mich an die Kindheit, als ich mit meinen Geschwistern in unserem Elternhaus Höhlen aus Decken gebastelt habe. Wärme flutet meine Seele. Ich beginne zu lächeln und öffne die Augen wieder. Mein Blick streift die Umgebung. Alles blüht und gedeiht. Vögel fliegen und erfüllen die Luft mit einem wunderschönen Gesang. Mein Blick folgt einer Amsel. Als der Vogel aus meinem Blickwinkel verschwindet und mich mit neuem Fernweh erfüllt zurücklässt, sehe ich mich im Park um. Und da sehe ich sie. Zuerst ist sie nur ein entfernter Fleck, kaum auszumachen zwischen den anderen Besuchern. Doch etwas an ihr fasziniert mich. Was ist es? Ich kann es nicht wirklich greifen und so lehne ich mich zurück und hoffe, dass sie näherkommt, damit ich mehr erkennen kann. Aufzustehen und ihr entgegenzugehen, erscheint mir unhöflich, auch wenn ich nicht genau weiß, warum. Doch das muss ich nicht. Sie kommt in meine Richtung. Ihr Gang ist ein wenig gebeugt, was wohl ihrem Alter zu verdanken ist. Sie trägt ein langes, gelbes Kleid. Es ist farbenfroh und passt zu diesem schönen Tag. Ein Kopftuch bedeckt ihren Kopf. Auch es ist gelb. Nur noch wenige Schritte ist sie von meiner Bank entfernt und mein Herz beginn aufgeregt zu klopfen. Gleich werde ich mehr erkennen können. Wer sie wohl ist? Vielleicht wird sie auch neben mir Platz nehmen und wir werden ins Gespräch kommen. Sie scheint viel erlebt zu haben. Das haben sie alle. Alte Menschen. Alle haben sie eine Geschichte und ich liebe es, ihnen zuzuhören. Von ihnen können wir lernen. Sie sind ein Quell der Weisheit. Die Frau kommt näher. Ja, ihr Gang ist gebeugt und leicht zittrig. Sie setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, stützt sich auf ihren Gehstock, der ihr Halt verspricht und gibt. Und doch scheint sie unsicher zu sein, als laufe sie nicht auf ebenen Grund, sondern auf einem wogenden Boden, bei dem jeder Schritt in den Abgrund führen kann.

»Ist hier noch frei?« Ihre Stimme ist klar. Lebhaft. So ganz anders als ihr Gang. Ich nicke und rutsche ein Stück zur Seite. Lächelnd nimmt die Frau Platz, lehnt den Stock gegen den Rand der Bank und fährt sich mit ihrer Hand übers Gesicht. Ihre Hände sind faltig und von der Arbeit gezeichnet. Ich frage mich, was sie alles erlebt haben. Nicht nur eine Stimme kann eine Geschichte erzählen. Auch ein Körper kann es. Hände können es. Ihre Hände würden vermutlich von jahrelanger, schwerer Arbeit berichten. Vielleicht auf dem Feld oder in der Fabrik. Ich weiß es nicht und es erscheint mir nicht richtig nachzufragen. Doch ihr entgeht mein Blick nicht.

»Wieso denn so ernst?«, fragt sie mich. Wieder stelle ich fest, wie hell und klar ihre Stimme klingt, doch dieses Mal höre ich auch Amüsement heraus. Ich erröte leicht.
»Naja …«, beginne ich und atmete tief durch.
»Ich … frage mich, was Ihr alles erlebt haben mögt …«
»Eine ganze Menge, mein Kind. Was hat mich verraten? Meine Hände? Mein Sohn, der gute Albrecht, sagt immer, dass Hände genauso ein Spiegel zur Seele sind wie die Augen.« Ich nicke erstaunt und sehe in ihre klaren Augen. Sie sind so blau wie der Himmel, wenn es zu Abend dämmert. Um ihre Augen erkenne ich Lachfältchen und es erfüllt mich mit Wärme, als mir klar wird, dass diese Frau das Lachen nicht verlernt hat. Ich versuche sie nicht allzu sehr anzustarren. Doch ich kann nicht. Diese Frau scheint mich anzuziehen wie das Licht eine Motte. Beschämt wende ich den Blick ab.
»Entschuldigen Sie …«, murmele ich, doch statt einer Predigt ernte ich nur ein helles Lachen.
»Alles in Ordnung. Schauen Sie ruhig, wenn es Ihnen guttut. Ich habe viel erlebt und bin auf jede Falte, jede Narbe stolz. Sie sind ein Zeichen des Lebens und Sie werden es eines Tages verstehen!“ Sie greift nach meiner Hand. Ihre Haut ist warm. Es erinnert mich an meine Großmutter und das Vermissen wird in diesem Moment unerträglich. Eine Träne läuft meine Wange hinunter und die Fremde streicht sie sanft weg. Ich fühle mich seltsam wohl und geborgen. Wie bei meiner Oma damals.
»Gräme dich nicht, mein Kind … eines Tages wirst du deine Lieben wiedersehen und mit ihnen vereint sein …«“, spricht sie und jedes Wort scheint wie ein Sonnenstrahl in meine Seele zu gleiten und die Dunkelheit der Trauer zu vertreiben. Wie ein Dementor von einem Patronus vertrieben wird.

»Wie heißt Ihr?«, möchte ich schließlich leise wissen.
»Barbara Dürer«, antwortet sie mir und ich kann nicht anders, als sie überrascht anzusehen. War sie wirklich Barbara Dürrer, die Mutter des berühmten Malers Albrecht Dürer? Ich liebe seine Bilder und habe es oft bedauert, ihn nie persönlich kennengelernt zu haben. Was für wunderbare Gespräche mir doch entgangen sind und das nur, weil wir zu unterschiedlichen Zeiten leben mussten …

Aber wenn das hier, wenn diese Frau tatsächlich die Mutter eines meiner Vorbilder ist … Wie ist das überhaupt möglich? Sie ist 1514 gestorben … Als ich das damals herausgefunden habe, habe ich ähnliches Bedauern verspürt wie bei dem Gedanken an ihren Sohn. Barbara Dürer ist ebenso ein Vorbild für mich. Eine starke Frau, die genau wusste, worauf es im Leben ankommt.

»Wie ist das möglich?«, will ich wissen und kann nichts gegen die Verwunderung und die Trauer in meiner Stimme tun.
»Das Leben ist geheimnisvoll …«, flüstert sie und umarmt mich. Ich lasse mich fallen und fühle mich sonderbar leicht. Als würde ich schweben.

Als ich die Augen wieder öffne, ist die Frau verschwunden. Kinderlachen weht an mein Ohr. Habe ich nur geträumt? Ich sehe mich um, doch ich bin alleine. Leise seufze ich auf und erhebe mich. Dieses Mal verlasse ich den Park mit einem melancholischen Gefühl im Herzen und doch fühle ich mich so frei wie schon lange nicht mehr. Es fühlt sich so an, als hätte Barbara Dürer einen Teil der Last wie eine sanfte Windbrise davongetragen und ich weiß, ich werde diesen Tag niemals vergessen.

Das Leben ist unergründlich …
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