Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Erste Drachenpriesterin

von Ceelia
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
10.07.2021
05.12.2021
78
194.539
5
Alle Kapitel
88 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.11.2021 2.086
 
Kapitel 73 – Investitionen

Sie trafen sich am späteren Nachmittag auf dem unteren Deck der Wellenbrecher. Ein nächtliches Treffen hätte in einer Stadt wie Windhelm für weit mehr Aufmerksamkeit gesorgt, da dies immer den Eindruck erweckte, jemand würde etwas Verbotenes tun. Und anders als Felarion war Eilana nicht besonders gut darin, sich unauffällig fortzubewegen. Den Chamäleon-Zauber hatte er ihr leider nie beigebracht und im Hafen war dann doch Tag und Nacht ein wenig mehr los als in der riesigen, verlassenen Schwarzweite. Außerdem ging es ihr gar nicht darum, dass niemand sie entdeckte, sondern eher darum, dass keiner sie erkannte. Deshalb hatte sie ihr blondes Haar sorgfältig unter der Kapuze ihres Umhangs verborgen und sich ein Tuch vor das Gesicht gezogen, damit man sie nicht sofort als Frau identifizierte.
Tatsächlich erwartete Rodgar sie allein unter Deck. Seine restliche Mannschaft hatte er wie versprochen nach Hause geschickt. Es war nicht sonderlich schwer gewesen, ihn davon zu überzeugen. Eilana wirkte nach wie vor viel zu unschuldig, als dass ein kräftiger Seemann dachte, irgendetwas vor der schlanken Frau, die offensichtlich weder Rüstung noch Waffen trug, befürchten zu müssen. Vermutlich hielt er sie sogar für mutig, dass sie sich auf ein so privates Treffen eingelassen hatte. Aber Eilana hatte absolut keinen Grund, Angst zu haben. Mit einem einzelnen Mann wurde sie längst ohne Probleme fertig, falls dieser sich als Gefahr herausstellte.

Eilana legte Schal und Kapuze ab, als sie das untere Deck erreichte, welches schwach von einigen Öllaternen erhellt wurde. Der Seemann erwartete sie bereits.
„Nun? Dann legt mal auf den Tisch, was Ihr für die Überfahrt anbieten wollt“, forderte er sie auf.
„Tatsächlich sind meine Wünsche ein wenig komplizierter“, offenbarte sie da allerdings. „Für Euch sollte es jedoch ein Leichtes sein, sie zu erfüllen.“
„Ach ja?“, fragte er skeptisch. „Dann fangt mal an zu reden.“
„Tatsächlich möchte ich keine Überfahrt für mich selbst bezahlen, sondern für jemand anderen“, begann sie. „Er wird vermutlich im Laufe der Woche hier eintreffen. Ich werde Euch für die Wartezeit im Hafen entlohnen, so dass Ihr andere Aufträge problemlos ablehnen könnt, ohne finanzielle Nachteile zu haben. Darüber hinaus werde ich Euch für Euer Schweigen bezahlen. Ihr werdet niemandem sagen, dass wir diese Übereinkunft getroffen haben, vor allem nicht der Person, die Euch als nächstes fragen wird, ob Ihr nach Veloth segelt.“
Der Seemann schwieg eine Weile. „Ihr seid ganz schön vertrauensselig, Mädchen“, kam es dann von ihm. „Ihr kommt ganz alleine hierher, auf ein fremdes Schiff, und bietet mir einfach so eine größere Menge Gold an. Habt Ihr gar keine Angst, dass ich Euch einfach die Kehle durchschneide und mir Euer Gold einfach so nehme?“
„Ich habe die Hoffnung, dass man vernünftig mit Euch reden kann, Rodgar“, erwiderte Eilana. „Ansonsten seid gewarnt: Ich bin weniger harmlos, als ich aussehe. Wäre ich sonst einfach so hergekommen?“, fragte sie ihn mit hochgezogener Augenbraue.
Der andere lachte schnaubend. „In Ordnung. Ich gehe mal davon aus, dass Ihr nicht ganz so naiv seid, wie es bisher aussah. Es ist auch eine sehr außergewöhnliche Anfrage, die Ihr da stellt. Dahinter scheint ein größerer Plan zu stecken“, vermutete er.
„Richtig“, bestätigte Eilana. „Doch davon braucht Ihr nichts zu wissen. Nur dass im Laufe der Woche ein Mann zu Euch kommen wird, der die gleiche Fragen wie ich stellen wird. Lasst Euch von ihm ganz normal bezahlen, so wie Ihr es auch von mir verlangt hättet, und dann bringt ihn nach Baan Malur. Leicht verdientes Gold also. Das Einzige, was ich von Euch verlange, ist, dass Ihr über unsere Übereinkunft absolutes Stillschweigen bewahrt und mich ihm gegenüber mit keinem Wort erwähnt. Was sagt Ihr?“
„Nicht das schlechteste Angebot“, gab er zu. „Ich frage mich nur, wo der Haken an der Sache ist.“
„Es gibt keinen, wenn Ihr Euch an unsere Abmachung haltet“, behauptete Eilana. „Der Mann, welcher Euch aufsuchen wird, möchte keine Aufmerksamkeit erregen. Also benehmt Euch natürlich und macht keinerlei Andeutungen, dass Ihr bereits bezahlt wurdet.“
Rodgar lachte auf. „Sicher nicht. Ich habe kein Problem damit, nach Veloth zu segeln, wenn der Preis stimmt. Ich werde ihm sicher keinen Nachlass gewähren, nur weil ich zuvor schon etwas Profit aus der Sache schlagen konnte.“
Eilana nickte. „Gut so. Lasst ihn keinen Verdacht schöpfen.“
„Nun gut, nachdem wir das geklärt hätten, wie viel wollt Ihr mir bezahlen?“, ging der Seemann nun zum für ihn interessanteren Teil über.
„Nennt mir einen Betrag, was Ihr pro Tag an Liegekosten veranschlagt und wie viel Euer Schweigen kostet“, schlug Eilana vor.
„Hundert Goldstücke pro Tag im Hafen“, forderte Rodgar direkt. „Dreihundert Goldstücke, damit ich nicht rede.“
„Ich gebe Euch die hundert Goldstücke pro Liegetag“, stimmte Eilana zu. „Ich werde Euch für sieben Tage im Voraus bezahlen. Falls die Zielperson früher hier ist und Ihr früher aufbrecht, gehört das restliche Gold Euch. Für Euer Schweigen gebe ich Euch fünfhundert Goldstücke“, überraschte sie ihn dann.
Seine Augen wurden groß. „Ihr scheint ein reiches Mädchen zu sein, Linnea“, kommentierte er. „Ich frage besser nicht, woher Ihr so viel Gold besitzt, oder?“
„Besser nicht“, gab sie zurück, bevor sie ihm die 1200 Goldstücke, die sich abgezählt in kleineren Beuteln befanden, auf den Tisch legte.
„Nur eine kleine Warnung noch“, fügte sie dann beiläufig hinzu. „Solltet Ihr mich hintergehen, werdet Ihr sterben und Euer Schiff auf dem Grund des Weißflusses landen. Ich habe mächtige Kontakte, welche Verrat absolut nicht tolerieren. Ich sage Euch das nur der Vollständigkeit halber, damit Ihr nicht sagen könnt, dass Ihr das nicht wusstet.“
„Schon gut“, beruhigte sie Rodgar. „Ich werde mich nicht mit Leuten anlegen, die aus dem Stand so viel Gold auf den Tisch legen können. Mir ist schon klar, dass Ihr keine gewöhnliche Frau sein könnt – und das bedeutet meistens, dass da ein größeres Netzwerk dahinter steckt, mit dem man keinen Ärger haben will. Ich werde mich an unsere Abmachung halten.“
Eilana lächelte. „Genau das wollte ich hören. Dann genießt Euren Aufenthalt in Windhelm – aber gebt nicht alles auf einmal aus, das würde unerwünschte Aufmerksamkeit erregen“, warnte sie ihn dann.
„Keine Sorge, Mädchen. Ich bin kein Idiot“, gab er zurück, bevor er sie ungeduldig hinaus winkte. Klar, auch er selbst würde schnell ein Opfer von Dieben werden, falls er überall damit herum prahlte, wie viel Gold er wirklich besaß.

Eilana war jedoch noch nicht fertig. Im Laufe des Nachmittags waren ihr ein paar Straßenkinder aufgefallen, welche es leider immer wieder in größeren Städten gab. Niemand kümmerte sich um sie, da es sich in der Stadt kaum jemand leisten konnte, noch ein zusätzliches, fremdes Kind mit durchzufüttern und man ohnehin sehr misstrauisch war, ob ein solches Kind nicht einfach den Silberschmuck aus der Schublade stehlen und am nächsten Tag direkt wieder fort sein würde. Leider war es keine vollkommen unberechtigte Sorge. Doch die Kinder waren aus der Not heraus immer an Gold interessiert und würden dafür fast jede Aufgabe übernehmen, und das kam Eilana sehr gelegen – vor allem, da niemand die Straßenkinder beachtete.
In einer Gasse im Hafenviertel trat Eilana auf einen etwa zehnjährigen Jungen zu, der aus großen Augen zu ihr aufblickte. Auch hierbei kam ihr ihr harmloses Aussehen zugute. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte der Junge vermutlich bereits die Flucht ergriffen.
„Habt Ihr vielleicht eine Münze für mich, Lady?“, fragte das Kind stattdessen, als sie vor ihm stehen blieb.
Eilana ging vor ihm in die Hocke und legte die Münze in seine ausgestreckte Hand. Doch sie hielt seine Hand fest, bevor sich seine Finger um sie schließen konnten. „Ich gebe dir diese Münze ohne Bedingungen. Du kannst sie auf jeden Fall behalten“, versprach sie. „Aber wenn du einen kleinen Auftrag für mich erledigen möchtest, werde ich dich dafür bezahlen.“
Sie ließ die Hand des Jungen los und dieser griff schnell nach dem Goldstück und ließ es unter seiner Kleidung verschwinden. Doch anstatt sofort die Flucht zu ergreifen, blieb er abwartend stehen. Offenbar wollte er ihr Angebot hören.
„Kennst du das Segelschiff namens Wellenbrecher, welches seit kurzem wieder im Hafen liegt?“, fragte sie ihn.
Der Junge nickte eifrig. „Die Wellenbrecher ist gestern Nacht wieder eingelaufen“, berichtete er, um sein Wissen zu beweisen.
„Richtig“, bestätigte Eilana, auch wenn sie selbst es so genau nicht hätte terminieren können. „Ich möchte, dass du die Wellenbrecher beobachtest. Ich möchte wissen, wer sie betritt, vor allem diejenigen, welche nicht zur Besatzung gehören. Und wenn sie ablegt, will ich, dass du zu mir in die Herberge 'Herdfeuer' kommst, und mir davon berichtest. Bekommst du das hin?“
„Ja, Herrin“, stimmte der Junge zu und blickte sie erwartungsvoll an.
„Gut. Ich werde die nächste Zeit nicht mehr zum Hafen kommen“, erklärte sie dann. „Komm jeden Tag zur Mittagsstunde auf den Marktplatz und berichte mir, ob jemand Fremdes Interesse an der Wellenbrecher hatte. Ich werde dir jeden Tag zehn Goldstücke dafür geben. Lass dir von ein paar anderen Kindern helfen und teile das Gold mit ihnen, ja?“
Der Junge nickte. Bevor er verschwinden konnte, hielt Eilana ihn noch einmal zurück. „Und denk dran, sollte die Wellenbrecher den Hafen verlassen, komm sofort zu mir in die Herberge. Frag nach einer Frau namens Linnea, verstanden?“
„Ja, Herrin“, erwiderte der Junge erneut, bevor er davon lief. Eilana war einigermaßen zuversichtlich, dass er kooperieren würde. Die Straßenkinder hatten ohnehin wenig zu tun und die Aussicht auf ein kleines, regelmäßiges Einkommen würde sie schon dazu bringen, diese recht einfache Arbeit anzunehmen. Es war tragisch, dass sie auf diese Weise einen Nutzen aus der prekären Situation der Straßenkinder zog, aber Eilana konnte ansonsten ohnehin nichts für sie tun. Erst wenn Windhelm erobert wurde, würde man die heimatlosen Kinder genau wie in Bromjunaar zum Eigentum des Tempels erklären und sie dort zur nächsten Generation an Akolythen ausbilden. Zuhause in Bromjunaar gab es derzeit zwei Mädchen und einen Jungen, die auf diese Weise zum Drachenkult gefunden hatten. Die Kinder wurden nicht gezwungen, Diener der Drachen zu werden, aber die drei hatten schnell gemerkt, dass es ihre beste Alternative war. In der Stadt kümmerte sich sonst niemand um sie und im Tempel hatten sie ein warmes Zuhause und bekamen regelmäßige Mahlzeiten. Und die Perspektive, einmal zu angesehenen Erwachsenen heranzuwachsen, mit der zwar recht geringen, aber vorhandenen Chance, irgendwann zu einem Priester ernannt zu werden. Keine andere Institution konnte ihnen einen solchen gesellschaftlichen Aufstieg versprechen. Und selbst wenn sie nur Akolythen blieben, war dies immer noch einem Leben in Armut vorzuziehen, zumal heimatlose Kinder in der Regel nicht lange überlebten. Nicht in einem so harschen Klima wie dem nördlichen Mereth.

Jetzt, wo Eilana erst einmal alles an Vorbereitungen erledigt hatte, blieb Ihr nicht mehr viel anderes übrig, als abzuwarten. Sie würde sich von nun an jeden Mittag mit dem Jungen am Markt treffen, hören, ob es etwas Neues gab und ihm die versprochenen zehn Goldstücke geben, damit er am nächsten Tag wieder kam. Ansonsten war es das Beste, wenn sie sich einfach unauffällig verhielt und sich vor allem vom Hafen fernhielt. Es wäre zu gefährlich für sie, zu riskieren, dort Ahzidal zu begegnen, da dies ihren gesamten Plan sprengen würde. Der ehemalige Priester durfte absolut keinen Verdacht schöpfen, dass sie ihm nicht nur auf den Fersen, sondern sogar mehrere Schritte voraus war. Sobald der Junge ihr berichtete, dass er die Wellenbrecher betreten hatte und diese in See stach, konnte sie zu Paarthurnax zurückkehren. Anschließend könnten sie ein Stück weiter südlich nach Veloth fliegen, damit man sie von der Küste aus nicht sehen würde und erst nach exakt drei Tagen nach Baan Malur kommen.
Sie überlegte. Ahzidal würde wohl kaum in der Chimer-Stadt bleiben. Am besten wäre es wohl, wenn sie ihm erst ein Stück aus der Stadt hinaus folgte und erst dann Paarthurnax herbei rief, damit sie keine Probleme mit den ansässigen Elfen bekommen würden. Genau wie sie hatte vermeiden wollen, dass der Drache einfach direkt nach Windhelm runter kam, sobald Ahzidal die Stadt erreichte, wollte sie eigentlich ebenso wenig, dass es zu einem solchen Konflikt innerhalb einer anderen Stadt kam. Vor allem, da sie nichts über sie wusste, weder wie groß sie war, noch wie gut sie bewacht war oder wie die Chimer wohl auf die Anwesenheit eines Drachen reagieren würden. Auf der einen Seite wollte sie wenn möglich Kollateralschäden verhindern, andererseits hatte Ahzidal innerhalb einer Stadt viel zu viele Versteckmöglichkeiten. Sie würde Paarthurnax also abermals überzeugen müssen, sich noch etwas mehr zu gedulden und erst dann zuzuschlagen, wenn sie Ahzidal auf freiem Feld erwischen konnten. Es war auf jeden Fall deutlich komplizierter, als der Drache sich das am Anfang womöglich vorgestellt hatte.


---------------
Kleiner Service-Hinweis an meine Leser: Die Skyrim Special Edition ist zurzeit bei manchen online-Händlern deutlich reduziert. Falls ihr sie euch holen möchtet.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast